07.04.2007

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTEDon Camillo ist Peppone

Warum ein Priester gegen Glockengeläut klagte
Clessé zu finden ist nicht schwer, das Weinbauerndorf liegt ziemlich genau da, wo die Welt noch in Ordnung scheint, zwischen Lyon und Dijon, im Süden des Burgund. Auf weichen Hügeln ringsum wächst weißer Wein auf kalkigen Böden, Chardonnay der Lage Viré-Clessé, die alten Männer hier trinken ihn zum Frühstück, er schmeckt, sagen sie, "nach Rosen" und "weißen Blüten", und noch vor dem Mittagsläuten lässt er ihre Nasen und Wangen leuchten in sattem Rot.
Clessé zählt 800 Seelen in 300 Haushalten, es gibt zwei Kneipen, eine Bushaltestelle, einen Krämerladen und eine romanische Kirche aus dem Jahr 1090, von deren Turm die Glocken zum Angelus um Punkt 11.30 Uhr 160-mal läuten, dann mittags 24-mal und zweimal noch zu jeder vollen Stunde, rund um die Uhr, Tag und Nacht. Die Glocken machen aus Clessé eine Postkarte mit Musik. Aber nicht jeder kann sie mit Wohlgefallen betrachten.
Der Unfrieden kam nach Clessé vor vielen Jahren schon, erst unbemerkt, dann unübersehbar, er kam aus Paris, wie so oft, aus der fernen Hauptstadt, die sich in Frankreichs Provinz häufig anfühlt wie das Moskau der Zaren, eine anonyme Macht. Er kam in Gestalt eines alten Mannes mit wasserklaren Augen, an seiner Seite Maria, nicht die Heilige, nur eine Gefährtin, vielleicht seine Konkubine, wer weiß.
Der alte Mann, Alain Ponsar, betrat die Bühne seines Lebensabends um die Jahrtausendwende, das schöne Pfarrhaus mit Garten in Clessé hatte er vorausschauend schon 20 Jahre zuvor erworben, einen verwitterten Steinbau im Schatten der Kirche, im Schatten ihres sehr aktiven Glockenturms. Hier wollte Ponsar den Lebenskreis eines Christenmenschen vollenden, fern von Paris, fern vom Lärm seines Quartier Latin, von Saint Séverin, wo Ponsar zeitlebens als Priester gedient hatte.
Ihm in Clessé zu begegnen, heutzutage, ist nicht einfach. Sein Haus steht hinter Mauern, am Tor findet sich keine Klingel, im Telefonbuch steht er nicht. Der Zufall will es, dass er neulich, an einem Werktag, in seinem Garten arbeitete, wo er erst alle Rufe ignorierte, bis er schließlich doch aufmerkte.
Er kam zum Tor, er öffnete nicht, er schaute nur durch das Gitter, als stünde er unter Hausarrest, ein schöner, misstrauischer Greis mit Schiebermütze. Er sagte: "Es tut mir leid um Ihre Anreise, Monsieur, aber ich werde nicht mit Ihnen sprechen." Aber nur ein paar Fragen? "Ich habe keine Zeit für ein paar Fragen, ich bin 90." Die Glocken? "Ach, die Glocken. Leben Sie wohl!" An einem Fenster der Pfarrei stand Maria, die Gefährtin, um vieles jünger als der Alte, sie rief, der Presse sei nicht zu trauen, dann schloss sie die Läden.
Im Dorf munkeln die Leute, dass sie, Maria, hinter allem stecke, hinter dem Krieg um die Glocken von Clessé. Denn sei es, dass der greise Gottesmann in der Provinz vom Glauben abfiel, sei es, dass er anderweitig die innere Ruhe verlor, sei es, dass wirklich Maria ihn antrieb, er schickte im September 2003 einen ersten Anti-Glocken-Brief an die Herren im Rathaus, ein Don Camillo als Peppone, eine Kriegserklärung. Der Rat wolle, schrieb er, dafür Sorge tragen, dass künftig das Angelus- und das stündliche Doppelläuten, auf jeden Fall aber jeder Schlag in der Zeit zwischen 22 und 7 Uhr unterbunden werde. Er fühle sich, und mit ihm Maria, peinlich gestört durch das Geläut, eine Gefährdung der Gesundheit sei nicht mehr auszuschließen.
Der Brief machte nicht geringes Aufsehen in einem Ort, der keine Ampel braucht, um den Verkehr zu regeln. Der Linienbus, der einmal morgens und einmal abends an der Kirche haltmacht, schreckt bei An- und Abfahrt auf der Landstraße am Ortsrand Raben und Bussarde auf. Der Brandbrief Ponsars zerriss die Idylle, er machte, sozusagen, den ersten Lärm seit tausend Jahren.
Seit jenem Mittelalter läuten die Glocken von Clessé, unbeanstandet. Sie gehören zur Tonspur des Dorfs wie das Knistern der Feuer im Herbst. Der Bürgermeister, Gilbert Mornand, ein Weinbauer, im Amt seit 1971, organisierte also im Rat eine einstimmige Mehrheit gegen Ponsars Petition und meinte schon, das Dossier wieder schließen zu können. Aber aus dem Pfarrhaus kamen immer neue Einschreiben, an den Rat, an die Kantonsverwaltung, an die Regierung des Departements, an den Präfekten, Absender: Alain Ponsar, Betreff: Stopp der Glocken von Clessé.
Bald rührte sich die Zivilgesellschaft gegen den Störer aus Paris. Von 300 Haushalten unterschrieben 200 eine Resolution "für den Erhalt des Glockenspiels, für Demokratie und Toleranz". Um die Kirche, am Pfarrhaus vorbei, zogen Schweigemärsche und Demonstrationen, einmal kamen 200 Leute, es war die größte Kundgebung in der Geschichte Clessés, Menschen trugen Spruchbänder, auf denen stand: "Fass meine Glocken nicht an!"
Im Verborgenen arbeiteten die Gerichte. Ponsar hatte Klage erhoben in Dijon, im Dezember 2004, gewürzt mit einer Forderung nach Schadensersatz, 30 000 Euro für sich und 30 000 für Maria. Der Bürgermeister lachte ihn aus bei einer Ratssitzung, das sei die Hälfte der jährlichen Steuereinnahmen, in Dijon stritten die Anwälte.
Als das Urteil fiel, Ponsar verlor seine Klage in allen Punkten, hätte man gern ein Freudengeläut vom Turm schallen lassen, 160 Schläge wie zum Angelus. Aber dieser Plan scheiterte. Die Glocken werden, seit 1980, elektronisch gesteuert. Es fand sich, auf die Schnelle, niemand, ihren Rhythmus zu verändern. ULLRICH FICHTNER
Von Ullrich Fichtner

DER SPIEGEL 15/2007
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