07.04.2007

SIEMENS IISpur in den Kreml

In der Affäre um die schwarzen Kassen bei Siemens nehmen Münchner Fahnder nun die Russland-Geschäfte der Kommunikationssparte (Com) des Konzerns ins Visier. Dabei stießen sie auf eine heiße Spur, die bis in den Kreml reicht. Geprüft wird, ob von den bis zu zehn Millionen Euro, die laut Zeugenaussagen jährlich an Entscheider in den ehemaligen GUS-Staaten geflossen sein sollen, auch Gelder in den Taschen des russischen Telekom-Ministers Leonid Reiman gelandet sind. Ein mögliches Indiz für eine Verwicklung Reimans: eine E-Mail, die der damalige Chef der russischen Siemens-Landesgesellschaft am 17. Juni 2005 über sein Treffen mit dem Minister an den damaligen Com-Bereichsvorstand Lothar Pauly geschickt hatte. Reiman sei "sehr besorgt über die Fortschritte mit Siemens bezüglich Wimax", einer Funktechnologie, die in dünnbesiedelten Gegenden verwendet wird. Bei einer bevorstehenden Ausschreibung wolle Reiman "Siemens in der Führungsrolle wissen", heißt es in der Mail. Es folgte die Bitte des russischen Siemens-Managers an Pauly, dieser möge "die damit beauftragten Kollegen" noch einmal motivieren, damit das Projekt "eine weitere Erfolgsstory wird". Noch am selben Tag leitete Pauly die Mail an die zuständigen Manager weiter. Mit folgendem Zusatz: "Was müssen wir tun? Wo kann ich helfen?" Siemens-Insider, die mit dem System der schwarzen Kassen im Com-Bereich vertraut waren, werten das Papier als Hinweis für eine Schmiergeldabsprache. Tatsächlich zog Siemens im Oktober 2005 einen Wimax-Auftrag an Land. Die Vorwürfe seien haltlos, die Mail zeige nur, dass sich der Minister persönlich um die Hochtechnologie im Land kümmere, heißt es aus Reimans Behörde. Auch Paulys Anwalt Kurt Kiethe weist jeden Verdacht, es habe sich um eine Schmiergeldabsprache gehandelt, vehement zurück. Vielmehr sei es "um die normale Förderung eines Projektes durch konkrete preisliche und technische Maßnahmen gegangen". Sein Mandant habe "keine Kenntnis von Schmiergeldzahlungen gleich welcher Art". Immerhin hat die verdächtige Mail nicht nur die Staatsanwaltschaft in München aufhorchen lassen. Auch ihre Kollegen in Frankfurt interessieren sich für die Verbindung zwischen Siemens und Reiman - und haben um Mithilfe gebeten. Die Frankfurter Staatsanwaltschaft und das Bundeskriminalamt ermitteln seit 2005 im Zusammenhang mit einem auf den Bermudas beheimateten Fonds gegen eine Gruppe von Geschäftsleuten wegen des Verdachts der Geldwäsche. Reiman steht seit Jahren im Verdacht, verdeckt über diesen Fonds milliardenschwere Anteile an russischen Telekommunikationsunternehmen zu halten. Reiman bestreitet dies bis heute.

DER SPIEGEL 15/2007
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