07.04.2007

PRESSEFREIHEIT„Muslime, keine Monster“

Unabhängige Blogger und Medienleute aus arabischen und islamischen Ländern fühlen sich als Teil einer schweigenden Mehrheit, die ihre eigene Öffentlichkeit sucht. Die kritischen Journalisten arbeiten unter zuweilen lebensgefährlichen Bedingungen.
Der erste "Ehrenmord", über den Rana Husseini schrieb, war der Fall eines 16-jährigen Mädchens, das von einem seiner Brüder umgebracht wurde, nachdem es von einem anderen Bruder vergewaltigt worden war.
"Die Familie gab ihr die Schuld, sie sagten, sie habe den Bruder 'verführt'." Das war 1994, Rana war erst ein paar Wochen Reporterin bei der "Jordan Times" und wollte eigentlich über "schöne Dinge" schreiben, über Kunst, Literatur, Musik.
1967 als Tochter von Palästinensern geboren, die ein Jahr vorher aus Jerusalem nach Amman gezogen waren, hatte sie an der Oklahoma City University Journalismus und Kunst studiert. Zurück in Jordanien, musste sie erst mal lernen, dass "das Leben einer Frau nicht viel wert" war und dass bei Sexualdelikten das Opfer "immer zweimal bestraft" wurde.
"Das fand ich unerträglich", erinnert sie sich heute. Und so wurde sie Expertin für "Ehrenmorde" und andere Familienverbrechen, über die sie seit 13 Jahren schreibt. "Jedes Jahr passieren etwa 25 Fälle", und fast immer neigen Polizei und Justiz dazu, "die Ehre der Familie höher zu bewerten als das Leben des Opfers".
Die Behörden, sagt Rana, seien "Teil der Gesellschaft", und weil man in Jordanien die Justiz nicht offen kritisieren und die Richter nicht direkt angreifen darf, versucht sie jedes Mal, den Fall aus der Perspektive der misshandelten Frau oder des missbrauchten Mädchens zu beschreiben. Sie besucht die Angehörigen, spricht mit den Tätern, recherchiert die Vorgeschichte. "Die Familien glauben, dass sie mit der Tat einen Schlussstrich ziehen können, in Wirklichkeit fangen sie ein neues Kapitel in einem Drama an."
Und nur langsam, ganz langsam setzt sich die Einsicht durch, dass Familienverbrechen keine Frage der Ehre sind, die innerhalb und im Zwielicht der Familie geklärt werden kann, sondern etwas, "womit sich die ganze Gesellschaft beschäftigen muss". Das klarzumachen sei ihre Aufgabe. "Deswegen schreibe ich, deswegen stehe ich hier", sagt Husseini auch auf einer Konferenz, die kürzlich von der Rand Corporation in Doha, der Hauptstadt von Katar, veranstaltet wurde.
Rand ist eine "nonprofit research organization" mit Sitz im kalifornischen Santa Monica, eine Ideenschmiede mit mehr als 600 Forschern, die sich mit allem beschäftigen, was politisch, sozial und wirtschaftlich relevant ist, von "civil justice" über "population and aging" bis zu "terrorism and homeland security" - und eben auch dem schwierigen Thema Pressefreiheit in arabischen Ländern.
Seit den Anschlägen vom September 2001 suchen die Rand-Leute auch nach Partnern in der islamischen Welt, um einer säkularen und demokratischen Gegenbewegung zum religiösen Fundamentalismus auf die Beine zu helfen.
Dass die Konferenz in Doha stattfand, war kein Zufall, denn das kleine und extrem wohlhabende Emirat versteht sich als Schrittmacher des Fortschritts am Persischen Golf. Katar, seit 1971 unabhängig, ist zwar alles andere als eine Bilderbuchdemokratie im westlichen Sinn, aber doch bereits viel weiter als seine Nachbarn.
Die Verfassung aus dem Jahr 2003 garantiert das Recht auf Meinungs-, Religions- und Versammlungsfreiheit, eine unabhängige Justiz und Gleichheit vor dem Gesetz.
Zwar gibt es keine Parteien und bisher kein Parlament, nur eine "Beratende Versammlung" mit 35 Mitgliedern, die vom Emir ernannt werden. Doch seit den Gemeindewahlen von 1999 haben Frauen das aktive und passive Wahlrecht, ein Privileg, von dem ihre Schwestern in Saudi-Arabien nicht einmal träumen dürfen.
Die Frau des Emirs zeigt ihr Gesicht unverhüllt und nimmt an jeder Konferenz teil, bei der es um die Verbesserung von Bildung und Erziehung oder den Kampf gegen den Analphabetismus geht.
Trotz aller Fortschritte und Bemühungen um mehr Pressefreiheit - im Al-Maha-Raum des Sheraton Doha blieben die Repräsentanten des zivilen demokratischen Islam unter sich. Zwei Dutzend Frauen und Männer, die wie Rana Husseini die Lebensbedingungen in ihren Ländern durch Aufklärung der Bevölkerung, Kritik an der Regierung und Kommunikation untereinander verbessern wollen.
Gleich neben Rana Husseini saß Mahmud al-Jussif, Geschäftsmann und Blogger aus Bahrein. Tagsüber verkauft er in seiner Firma Hightech-Geräte, nachts sitzt er an seinem Computer und legt sich mit der Regierung des kleinen Inselreichs im Persischen Golf an.
Vor kurzem musste er umgerechnet tausend Euro Kaution hinterlegen, um nicht verhaftet zu werden, nachdem er in seinem Blog "Mahmood's Den" den neuen bahreinischen Minister für Landwirtschaft und kommunale Angelegenheiten wegen Unfähigkeit angegriffen hatte: "Man sollte immer loyal zu seinem Land sein, aber zur Regierung nur dann, wenn sie es verdient."
Mahmud, 1962 geboren, hat zuerst eine katholische, dann eine protestantische Schule in Bahrein besucht, danach in Schottland studiert und im amerikanischen Fort Worth als Pilot gearbeitet. Schon 1986 fing er an, Nachrichten und Kommentare im Bulletin Board System, einer Art Vorläufer des Internet, zu posten.
2003 "ging es richtig los", heute hat er über 1,8 Millionen Seitenabrufe pro Monat und zählt zu den bekanntesten Bloggern in der arabischen Welt. Da er auf Englisch schreibt, wird seine Seite auch jenseits der eigenen Hemisphäre viel gelesen. "Das Internet demokratisiert die Welt. Es ist die größte Gefahr für autoritäre und ignorante Regime. Und wir wollen an dieser Entwicklung teilnehmen. Ihr müsst keine Angst vor uns haben. Wir sind Araber. Wir sind Muslime, keine Monster", sagt er.
Mahmud spricht vom "organisierten Chaos" in der arabischen Welt, deren Herrscher nicht begreifen wollen, dass "der Geist aus der Flasche raus" ist und nicht wieder eingefangen werden kann, dass Information und Wissen die Schlüssel zur Macht sind.
Vor kurzem ist er der Frage nachgegangen, weshalb fast die Hälfte Bahreins für die Einwohner verbotenes Terrain ist. "Die Regierung hatte den Südteil zum militärischen Sperrgebiet erklärt." Mit Hilfe von Google Earth fand er dann heraus, dass es sich bei den angeblich militärischen Objekten, die nicht besichtigt werden dürfen, um Paläste der Königsfamilie handelt, deren Angehörige in Ruhe ihren Hobbys nachgehen möchten. Mahmud behielt die Entdeckung nicht für sich.
Mit solchen Aktionen baut er eine Fangemeinde hinter sich auf, die von Tag zu Tag größer wird. "Ich bin der Sprecher einer schweigenden Mehrheit, die es langsam lernt, sich zu artikulieren." Für weltliche Muslime wie Mahmud ist "persönliche Freiheit" der wichtigste aller Werte. Glaube und Religion sind Dinge, "die jeder persönlich mit Gott ausmachen muss, ohne Makler, die ihm sagen, was er tun sollte".
Mahmuds Moschee ist das World Wide Web, eine Erfindung, "die uns helfen wird, Dinge wiederzufinden, die wir verloren haben" - Freiheit, Würde und die Hoffnung auf ein besseres Leben im Diesseits.
Lauter Begriffe, die Buschra Dschamil schon lange aus ihrem Vokabular verbannt hatte. Die Tochter eines Polizeibeamten und Freizeitschauspielers, 1955 geboren, unterrichtete Biologie in Bagdad. Nach der Machtergreifung durch Saddam Hussein 1979 veränderte sich auch ihr Leben.
"Man hat uns gezwungen, den Kindern Lügen zu erzählen." Mehr als zehn Jahre lang passte sie sich an, dann beschlossen Buschra und ihr Mann Chalil, den Irak zu verlassen. "Es war die einzige Möglichkeit,
unsere Würde zu retten." Als Reiseziel gaben sie Libyen an; 1994, nach einem Jahr in Khartum, der Hauptstadt des Sudan, bekamen sie die Einwanderungspapiere für Kanada. Im Mai 2003 hielt es Buschra dort nicht mehr aus. Sie entstaubte ihren irakischen Pass und machte sich auf den Weg nach Bagdad. Ihr Mann und die beiden inzwischen erwachsenen Kinder blieben in Kanada.
Sie landete im Chaos, bis sie von einem Uno-Fonds für Frauenprojekte das Startkapital für einen Radiosender bekam. Am 1. April 2005 ging al-Mahabba ("Liebe") auf Sendung, im Oktober wurde die Station durch eine Bombe lahmgelegt und nahm erst nach einem halben Jahr den Betrieb wieder auf. Heute beschäftigt al-Mahabba 15 Mitarbeiter, die froh sind, für ein Taschengeld arbeiten zu können, sendet jeden Tag acht Stunden und richtet sich "vor allem, aber nicht nur an Frauen", denn Frauen, sagt Buschra, "tragen die Last des Alltags auf ihren Schultern".
Sie gehen einkaufen, obwohl jeder Gang zum Marktplatz lebensgefährlich ist. Sie besorgen Medikamente auf dem Schwarzmarkt, und sie holen die Toten in den Leichenhäusern ab. "Der Tod ist Teil ihres Lebens geworden, sie denken nicht darüber nach, sie arrangieren sich." Es gibt kein soziales Leben mehr in Bagdad, ein Anruf beim Radio, eine Unterhaltung mit dem Moderator einer Sendung ist oft die einzige intakte Verbindung zur Außenwelt. "Ihr habt keine Ahnung, unter welchen Bedingungen wir leben und arbeiten."
Besonders grausam ist die Situation der Witwen und Waisen. Deswegen werden immer mehr "Ehen auf Zeit" geschlossen, "von einer Stunde aufwärts, solange der Mann es will". Die Zeit-Ehen sind ein Ersatz für Prostitution. "Für viele arme Frauen ist es die einzige Möglichkeit, sich und ihre Kinder zu ernähren."
Um die Hoffnung auf bessere Zeiten nicht zu verlieren, führt Buschra immer ein Foto ihrer Mutter Asisa mit sich, das 1948 aufgenommen wurde: eine junge Frau mit Sonnenbrille, die selbstbewusst posiert. Das Foto ist alt und vergilbt, aber es zeigt, "dass es einmal ein normales Leben bei uns gab, und so soll es wieder werden".
Buschra flog nach der Konferenz von Doha über Amman nach Bagdad zurück. Es hat ihr gutgetan, eben noch Unbekannte zu treffen, die unter ähnlichen Bedingungen arbeiten an Orten, wo die Freiheit kein Geschenk ist, das einem frei Haus geliefert wird. Sobald sie in Bagdad gelandet war, schaltete sie als Erstes ihr Transistorradio ein, "um zu sehen, ob Radio al-Mahabba noch immer sendet". HENRYK M. BRODER
Von Henryk M. Broder

DER SPIEGEL 15/2007
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