07.04.2007

TV-JOURNALISTEN„Ich habe Riesenrespekt“

Die künftige „Tagesthemen“-Moderatorin Caren Miosga, 37, über Parallelen zwischen Politik und Kultur und ihre Augenbrauen
SPIEGEL: Frau Miosga, bisher waren Sie Kulturjournalistin, nun sollen Sie ab Juli die Moderation der "Tagesthemen" mit übernehmen. Haben Sie Ihre Zeitungslektüre schon umgestellt, vom Feuilleton auf den Politikteil?
Miosga: Ehrlich gesagt: Ich habe vorher schon genauso viel im Politikteil gestöbert wie im Feuilleton. Ich bin eher überrascht über die Fragen, die jetzt kommen: Was will eigentlich eine Kulturfrau in der Politik? Da gibt es doch viele Parallelen.
SPIEGEL: Welche?
Miosga: Im Theater, im Film und in der Literatur geht es ja eigentlich immer um menschliche Dramen, um Katastrophen und Abgründe. Das kann man ganz gut auf den politischen Alltag übertragen.
SPIEGEL: In kleinen Kultursendungen haben Sie mehr Freiheit, Ihre Meinung zu sagen als auf der Brücke eines öffentlichrechtlichen Flaggschiffs wie den "Tagesthemen".
Miosga: Um meine Meinung geht es dabei nicht. Dafür gibt es einen Kommentar. Und der Moderator einer Nachrichtensendung ist nicht dazu da, Meinung kundzutun - zumindest nicht seine eigene.
SPIEGEL: Sie haben mal gesagt, das Allerletzte, was Sie vom Fernsehen wollten, sei, belehrt zu werden. Da müsste Ihnen der Ton der meisten "Tagesthemen"-Kommentare schwer auf die Nerven gehen.
Miosga: Natürlich gibt es Kommentatoren, die nicht meine Meinung haben. Oder einen Ton, der nicht der meine ist. Oder einen Ton, den ich sympathisch finde. Aber dafür ist der Kommentar ja da. Die Zuschauer sollen sich daran reiben.
SPIEGEL: Ihr Vorgänger Ulrich Wickert hat mal gewagt zu zeigen, dass er anderer Meinung war als der Kommentator. Prompt bekam er Ärger. Sie sind braver?
Miosga: Solche Hinweise sehe ich jedenfalls nicht als meine Aufgabe an. Kommentare gibt es übrigens auch in jeder Zeitung.
SPIEGEL: Sie könnten mit der Augenbraue zucken, was Sie ja ähnlich machen wie Ihre Vorgängerin Anne Will.
Miosga: Diese Art von Ironie ist bei den "Tagesthemen" neuerdings ein Einstellungskriterium. Im Ernst: Mir fällt das gar nicht auf. Ich mache das unbewusst. Mir wird dann schnell mal Süffisanz unterstellt, aber das ist nicht beabsichtigt.
SPIEGEL: Sie haben sich in einem Casting gegen vier Kandidatinnen durchgesetzt. Müssen wir uns das wie bei "Deutschland sucht den Superstar" vorstellen?
Miosga: So ähnlich. Ich habe eine normale "Tagesthemen"-Sendung komplett moderiert, inklusive Interviewgast. Gesangseinlagen wurden allerdings nicht verlangt. Ansonsten ist das Auswahlverfahren geheim.
SPIEGEL: Und wie fanden Sie sich?
Miosga: Ich fand mich ganz normal.
SPIEGEL: Welchen Politiker hätten Sie denn gern als Interviewpartner?
Miosga: Mich interessieren die besonderen Eigenschaften von Politikern. Es wäre spannend mit Außenminister Steinmeier über Disziplin zu reden oder mit Familienministerin von der Leyen über Durchsetzungsfähigkeit. Aber als Erstes bin ich sehr darauf gespannt zu erfahren, wie diese Damen und Herren eigentlich sind im "Tagesthemen"-Interview. Sind die freundlich, sind die herablassend?
SPIEGEL: Vor allem aber sind sie auf ein Ritual abonniert: Der Politiker beantwortet Fragen, die der Journalist gar nicht gestellt hat.
Miosga: Natürlich. Wir haben auch wenig Zeit, dieses Ritual zu brechen, und es ist vermessen, zu glauben, man könnte in dieser Zeit nur wahrhaftige Sätze herauskriegen. Aber man muss es immer wieder probieren.
SPIEGEL: Was werden Sie anders machen?
Miosga: Ich habe nicht vor, auf dem Tisch zu tanzen. Die "Tagesthemen" sind das renommierteste Nachrichtenmagazin im deutschen Fernsehen überhaupt. Zu glauben, das müsste ich jetzt revolutionieren, wäre vermessen. Ich muss meine Arbeit gut machen.
SPIEGEL: Tom Buhrow macht auch nur seine Arbeit gut. Bisher glänzt er jedoch nur wenig.
Miosga: Einspruch: Er ist aber ein erstklassiger Journalist.
SPIEGEL: An Buhrow sieht man jedenfalls, wie schwer der "Tagesthemen"-Job sein kann. Macht Ihnen das Angst?
Miosga: Ich habe einen Riesenrespekt. Aber es macht auch Spaß, in große Schuhe zu steigen.
SPIEGEL: Wie ist es, Nachfolgerin von Anne Will zu sein?
Miosga: Was ich an ihr besonders schätze, ist ihre unprätentiöse Art zu moderieren. Es wäre schön, wenn mir das auch gelänge. Aber ansonsten ist Anne Will eben Anne Will. Und ich bin ich.
SPIEGEL: Sie haben drei Jahre lang das Medienmagazin "Zapp" moderiert. Da haben Sie ja selbst viele Leute aus der Branche interviewt. Wie fielen in diese Zeit Ihre Erfahrungen mit den eigenen Kollegen aus?
Miosga: Da ist man schon überrascht, mit was für dicker Hose einzelne Kollegen da auftreten. Hoffentlich werde ich nie so.
SPIEGEL: Sie hadern demnach mit Ihrer Zunft?
Miosga: Nein. Aber manche Wichtigtuerei nervt schon. Ein großer Teil des Publikums will einfach verstehen und nicht den Journalisten dabei zugucken, wie sie sich im Kreis der Mächtigen bewegen.
INTERVIEW: MARKUS BRAUCK, ISABELL HÜLSEN
* NDR-Intendant Jobst Plog, Moderatoren Ulrich Wickert, Tom Buhrow, Anne Will und der damalige WDR-Chef Fritz Pleitgen bei Wickerts Abschied am 29. August 2006 in Hamburg.
Von Markus Brauck und Isabell Hülsen

DER SPIEGEL 15/2007
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