07.04.2007

GEISELNAHMENiederlage der Fanatiker

Es war der große Auftritt, den Mahmud Ahmadinedschad so liebt - ein perfider Auftritt: Im Namen des "großen iranischen Volkes", sagte der iranische Präsident am Mittwoch salbungsvoll vor dem eilig einberufenen Journalisten-Corps von Teheran, habe er den 15 inhaftierten Briten vergeben, als ein "Geschenk" an London werde er sie freilassen. Das überraschend schnelle Ende des zwölf Tage währenden Nervenkriegs zwischen Iran und Großbritannien ist ein Erfolg stiller Diplomatie, auf die nach zwischenzeitlich scharfen Tönen auch Premier Tony Blair eingeschwenkt war. Es ist aber auch ein Sieg der gemäßigten Kräfte im Gottesstaat, die seit langem schon mit den Fanatikern ringen, die sich um den Präsidenten scharen.
Nach Einschätzungen aus Teheran soll es vor allem der mäßigende Einfluss des religiösen Führers Ajatollah Ali Chamenei gewesen sein, der die Krise zum vergleichsweise guten Ende führte. Sicher ist zumindest: Erst als Ali Laridschani, der Generalsekretär des Sicherheitsrats und ein enger Vertrauter Chameneis, das Management der Geiselkrise übernommen hatte, sandte Teheran verstärkt diplomatische Signale nach London.
Die Eiferer um Ahmadinedschad hätten die Briten wohl nur zu gern weiterhin als Faustpfand behalten. Gerade die dem Präsidenten nahestehenden Revolutionswächter, die Pasdaran, hatten offenbar gehofft, die Marinesoldaten gegen fünf Kameraden austauschen zu können, die US-Soldaten im Januar im nordirakischen Arbil verhaftet hatten. Washington wirft Teheran vor, schiitische Milizen durch Waffenlieferungen und Militärberater im Machtkampf mit sunnitischen Extremisten zu stützen. Seit der Freilassung der Briten gilt es denn auch nur als eine Frage der Zeit, bis Washington seinerseits seine "Geiseln", so die iranische Lesart, freilässt. Bislang lehnte US-Präsident George W. Bush jegliche Gegengeschäfte ab, erlaubte jetzt aber, dass iranische Konsularbeamte die Festgenommenen sprechen konnten. In einer Art Prolog vor der Freilassung der Briten durfte ein im Irak verhafteter iranischer Diplomat, der zu den Pasdaran zählen soll, ausreisen. Experten in den westlichen Lagezentren sahen darin einen ersten Hinweis auf ein Ende der Krise - vorausgesetzt, die Revolutionswächter würden mitspielen.
Offiziell unterstehen die Pasdaran dem Kommando Chameneis. Nach dem Sturz des Schahs wurden sie als Hausmacht des Revolutionsführers Ajatollah Ruhollah Chomeini begründet, der den Militärs und der Polizei nicht traute. Doch im Machtgefüge des Gottesstaats sollen die Pasdaran inzwischen dem Präsidenten und dessen Clique ergebener sein als dem religiösen Führer, der in den Augen der Ultras ein zu schwacher und zögerlicher Mann ist.
Für London kam das Ende der Geiselnahme überraschend. Premier Tony Blair hatte kurz zuvor angekündigt, eine Delegation werde nach Teheran reisen und grundsätzlich über Operationen im nördlichen Golf mit der iranischen Regierung sprechen. Die 15 wurden Donnerstag in London erwartet.

DER SPIEGEL 15/2007
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