07.04.2007

FRANKREICHAbteilung Attacke

Nicolas Sarkozy hat gute Chancen, Präsident zu werden. Der Einwanderersohn predigt den Bruch mit der bleiernen Ära Chirac und verspricht ein Feuerwerk der Reformen. Sein größter Feind ist - sein Eifer. Von Ullrich Fichtner
Nicolas Sarkozy absolviert seine Tour de France wie ein gehetztes Rennen gegen die Uhr, binnen sechs Wochen bereist er Verdun und Straßburg, Perpignan, Sancerre, Chamonix und Bordeaux. Er tritt in Avignon auf und in Besançon, in Nantes, in Caen und in Toulouse. Er hält Reden im Süden von Paris, in Essonne und im Norden der Stadt, in Cormeilles-en-Parisis, er fliegt nach Marseille, nach Madrid, nach Berlin und auf die überseeischen Antillen, er ist im Endspurt, er sieht jetzt das Ziel.
In Sancerre, einem prächtigen Dorf über der Loire, gebaut aus uralten Steinen, 200 Kilometer von Paris, hat er es lange vor der Zeit einmal schon so gut wie geschafft. Er ist gekommen im Tross, in der Kette aus dunklen Renaults und Citroëns, verfolgt von drei Bussen, bepackt mit Journalisten, es ist ein regnerischer, dann sonniger, windiger Tag. Sarkozy steht auf der Terrasse der "Maison des Sancerre", dem Hauptquartier der Weinbauern.
Ihr Vorsitzender heißt den Staats- und Innenminister willkommen, er spricht ungelenk über lokale Probleme und die Geldnot der Branche, dann überlässt er, geblendet von der Prominenz des Gastes, Sarkozy das Mikrofon mit den Worten: "Darüber würden wir gern mehr von Ihnen hören, Monsieur le Président."
Monsieur le Président. Es ist ein Versprecher, aber niemand lacht, kaum jemand scheint ihn überhaupt zu bemerken. Monsieur le Président - Sarkozy spielt diese Rolle so natürlich, dass man für Momente vergessen könnte, dass auch er weiterhin nur Kandidat ist, einer von zwölf Bewerbern, einer von zwei, drei Favoriten in diesem Rennen, das am 22. April in die erste Runde geht. Monsieur le Président: Diesem Titel gilt die Jagd, die lebenslange Tour de France des Nicolas Sarkozy.
In Sancerre, auf der Terrasse, übergeht er die falsche Anrede, dann führt er die Methode vor, die ihn zum Champion der Umfragen gemacht hat. Er weiß, dass ihn Frankreichs Weinbauern mit Argwohn betrachten, ihn, der sich dazu bekennt, keinen Alkohol zu trinken, ihn, der rigide Kontrollen gegen den Suff am Steuer verordnet hat, sehr zu ihrem Nachteil. Sarkozy hat, in Sancerre, wo sie saftigen Weißwein auf schlanke Flaschen ziehen, kein Heimspiel. Er weiß es zu nutzen.
Er sagt: "Vielen Dank für Ihre Worte, aber ich höre daraus eine Frage, die Sie zwar nicht gestellt, aber gedacht haben: Was wird nur mit den Verkehrskontrollen?" Die Winzer lachen, sie puffen einander in die Rippen, sie kommentieren Sarkozys Auftakt mit Blicken. "Ich werde Ihnen die Wahrheit sagen", sagt Sarkozy, "nehmen Sie das als meine Form, Ihnen Respekt zu erweisen: Es wird bei den Kontrollen keine Abstriche geben. Das hören Sie nicht gern, ich weiß, aber wir haben Tausende Tote weniger auf den Straßen, dagegen gibt es keine Argumente."
Sarkozy redet noch weiter, zehn, zwölf Minuten lang, er gibt eine Kurzfassung der Hauptmotive seines Wahlkampfs, aber dieser Eindruck vom Beginn, die ersten Sätze, die Brutalität, mit der er Widersprüche benennt, die Klarheit, mit der er Erwartungen enttäuscht, sie sind es, die die Winzer am Ende frenetisch applaudieren lassen. Da steht einer, der sie ernst nimmt, der sie behandelt wie mündige Menschen, keiner, der sie zu Kindern macht, die geschont werden müssten. Da steht er, Sarkozy. Er genießt seine Wirkung.
Szenen wie die in Sancerre wiederholen sich in diesen Tagen überall, wo Sarkozy aufkreuzt. Er stellt, in Fabriken, Gewerkschafter zur Rede, er widerspricht Unternehmern, die nach Subventionen rufen. Er fragt nach, wenn sich Arbeitslose über ihre Lage beschweren, er schlägt verbal zurück, wenn ihn Zwischenrufer zum Diktator, zum umgeschminkten Extremisten stempeln. Wahlkampf mit Sarkozy, das ist ein scharfer Ritt in der Abteilung Attacke.
Seine Redenschreiber und er haben eine neue Form der Publikumsbeschimpfung
erfunden. Nicht erst seit der Kandidatur fürs Präsidentenamt pflegt Sarkozy eine Offenheit, die deutsche Politiker erschüttern würde. Er hofft nicht darauf, dass Streitthemen ausbleiben - er wirft sie selbst auf. Er übergeht nicht Kritik - er fordert sie ein. Er bemäntelt nicht Probleme - er stellt sie grell heraus. Er sagt: "Ich werde Sie nicht belügen. Ich werde Sie nicht betrügen. Das hatten wir lange genug." Es ist eine sehr wirksame Strategie.
Nach dem Treffen von Sancerre steht der Winzerpräsident im Getümmel der Journalisten aus Paris. Er lässt Weintulpen füllen, wieder und wieder, er sagt, es sei ihm ja nur darum gegangen, dass man Wein und Verkehrstote nicht einfach in einen Topf werfe, bei aller Liebe, "aber jetzt sag ich Ihnen noch etwas: Mir ist einer wie Sarkozy lieber, der mir sagt, dass Weiß Weiß ist und Schwarz Schwarz. Alles andere kann mir gestohlen bleiben".
Sarkozy ist ein begnadeter Schwarzweißmaler. Dass er in diesem Wahlkampf oft auf verwirrende Grautöne setzt, dass er Schwarz und Weiß, links und rechts durcheinanderwirbelt, treibt seine Gegner in die Verzweiflung. Seine Kandidatenrede von Mitte Januar, die "Krönungsmesse", gelesen vor Zehntausenden Anhängern in den Hallen an der Pariser Porte de Versailles, gab den Ton für alles Weitere vor.
Sarkozy malte ein üppiges Tableau vom "Frankreich, das ich meine" und berief sich dabei wie wahllos auf Ideale und Idole der Rechten wie der Linken, eingeschlossen die historischen Arbeiterführer Jean Jaurès und Léon Blum. Es war eine aufregende Rede, die noch viele Seminare beschäftigen wird, und im Wissen dessen trug Sarkozy sie vor, präsidial, souverän.
Laurent Joffrin, Chefredakteur der linken "Libération", bescheinigte ihm am Tag danach eine rhetorische Meisterleistung, er schrieb: "Ja, dieser Mann ist gefährlich. Vor allem für die Linke." Frankreichs Sozialisten legten böse Pressemitteilungen auf die Faxgeräte, ohne zu wissen, wogegen sie protestieren sollten. Konnten sie sich darüber beschweren, dass Sarkozy ihre Traditionen hochleben ließ? Dass er die Arbeiterbewegung zu den Sternstunden der französischen Geschichte zählte?
Sarkozy. Man könnte ihn einen Spieler nennen, aber das trifft es nicht. Wenn er Jaurès zitiert, hat er ihn wirklich gelesen. Wenn er sich auf Léon Blum oder die Résistance, auf Albert Camus oder Emile Zola, auf Clemenceau und de Gaulle, auf Ludwig XIV. oder die Revolutionäre von 1789 beruft, dann kann man sich ausreichend sicher sein, dass der Akten- und Bücherfresser Sarkozy deren Geschichte, Leben und Werke nicht nur vom Hörensagen kennt. Zugleich, das ist sein Problem, fühlt er sich schon als Teil der gloriosen Geschichte, als einer jener
Großen, als Berufener, der Epoche machen wird.
Wenn sich in Umfragen immer wieder Mehrheiten finden, die Sarkozy als Person alles in allem beunruhigend, wo nicht beängstigend finden, ist hier ein Grund dafür zu suchen. Sarkozy, der kleine Mann, wird von vielen als ein Gernegroß gesehen, ein Aufsteiger, trunken von der eigenen Ambition, bereit, für seine Karriere über Leichen zu gehen.
Er war Stadtrat in Neuilly-sur-Seine mit 22, Bürgermeister der Stadt mit 28, Parlamentsabgeordneter mit 33, Haushaltsminister und Sprecher der Regierung Balladur mit 38, Kommunikationsminister, Innenminister, Finanzminister, er sammelte Partei- und regionale Ämter im Dutzend, war Spitzenkandidat bei den Europawahlen, seit Juli steht er als Wachsfigur im Musée Grévin, dem Madame Tussauds von Paris, und dabei ist er ein Mann von gerade 52 Jahren.
Seine Gegner bekämpfen in der Regel nicht ihn, sondern die Karikatur, die sie sich von ihm gemacht haben. Sie widerlegen nicht seine Argumente, sondern mokieren sich über seine Körpersprache, die pickenden Bewegungen des Kopfes, wenn er spricht, das unruhige Spiel der Schultern, das er sich vergeblich abzutrainieren versucht. Tatsächlich wirkt er, in seinen schlechten Momenten, wie eine Figur aus einem Mafia-Film, er gäbe einen guten Anwalt eines alten Paten ab, ein manchmal zwielichtiger, immer föhnfrisierter Geck, gern mit Ray-Ban-Sonnenbrille und zu großen Krawattenknoten.
In seinen guten Momenten, und sie sind häufiger in diesem Wahlkampf, geht Sarkozy leutselig im Wahlvolk um, sein Kontakt zu den Menschen ist direkt und echt, es ist, als fühlte er sich ihnen von Gleich zu Gleich verbunden, und das gilt selbst für den Umgang mit Einwanderern, obwohl er an dieser Stelle am schärfsten attackiert wird. Aber bei Licht betrachtet ist kein Vorwurf absurder als der, dass Sarkozy im Herzen ein Rassist sei. Er kann es allein wegen seiner Herkunft nur schwerlich sein.
Sein Vater ist Ungar, seine Mutter aus jüdischer Familie, er sagt von sich selbst, er sei "ein kleiner Franzose mit gemischtem Blut", ein Einwandererkind der ersten Generation, geboren in Paris sieben Jahre nach der Ankunft des Vaters in Frankreich, katholisch getauft und nach der Trennung der Eltern von früher Kindheit an im Haus des jüdischen Großvaters aufgewachsen.
Dass er ein Rassist sei, ein Mann immerhin, der im Jahr 2003 den Preis des Simon Wiesenthal Center für sein Engagement gegen den Rassismus erhalten hat, diese Behauptung fußt auf den "nationalen" Passagen seiner Reden, den Passagen zur Einwanderungspolitik. Er will den Familienzuzug beschränken, er will Ausländer ohne Papiere abschieben, er verlangt von Ankömmlingen, dass sie Frankreich und seine Werte respektieren, dass sie des Französischen mächtig sind, dass sie das Land lieben und seine Kultur kennen.
So hingeschrieben klingt das nach dem Mainstream heutiger Politik in Europa, aber es kommt hier sehr auf die Wahl der Worte an. Sarkozy kann nicht nüchtern referieren, immer haben seine Sätze Druck, immer sucht er die Pointe, die griffige Formel. Er sagt deshalb: "Wer meint, dass Frauen keine Rechte haben, wer meint, es gehöre zu seiner Kultur, Schafe in der Badewanne zu schlachten, der ist in unserem Land nicht willkommen."
Wer ihm entgegnet, dass solche Sprüche auch von Jean-Marie Le Pen stammen könnten, dem Patron der Rechtsextremisten, dem antwortet Sarkozy, dass er nicht richtige Sätze streichen werde, nur weil sie von falschen Leuten benutzt werden. Und Journalisten, die ihm vorwerfen, er gehe Wähler angeln am rechten Rand, stellt Sarkozy im Gegenzug seine gefürchteten rhetorischen Fragen: "Und Sie? Senden Sie nicht für Rechtsradikale? Oder dürfen die Ihre Zeitung nicht kaufen?"
Es war im Juni 2005, als er oft die Pariser Banlieue besuchte, einmal war tags zuvor in La Courneuve ein Kind zwischen den Fronten rivalisierender Drogengangs erschossen worden. Sarkozy sagte zu Umstehenden: "Wir werden das Viertel hier mit dem Kärcher reinigen, verlassen Sie sich drauf." Bei einem Besuch in Argenteuil rief eine Frau ihm zu: "Wann werden Sie uns endlich von diesem Gesindel befreien?" Und Sarkozy antwortete: "Sie haben genug von diesem Gesindel? Dann wollen wir sehen, wie wir es loswerden!"
Gesindel, Kärcher, solche Worte ziemen sich nicht für einen Mann des Staates, des feinen französischen zumal, der Aufruhr war groß damals, Sarkozy wurde die Schuld gegeben an den späteren Unruhen, nur entging dem Pariser Medienbetrieb, dass in Umfragen fast zwei Drittel der Franzosen Sarkozy recht gaben und dass sie auch seiner Wortwahl zustimmten. Es klafft, in Frankreich, zwischen Leitartikeln und Lebenswelt eine große Lücke.
Im Wahlkampf scheut Sarkozy das Wort "racaille", Gesindel, noch immer nicht. Er reitet nicht mehr darauf herum, wie er es lange tat, aber er versteckt sich nicht, nie. "Wie nennt man Menschen, die einen Bus anzünden, in dem Leute zur Arbeit fahren? Wie soll man sagen zu Leuten, die Kindern Drogen verkaufen? Ich sage: Das ist Gesindel, und ich bleibe dabei", und dafür bekommt er, in den Sälen der Provinz, den lautesten, begeistertsten Beifall.
Aufs Ganze gesehen ist der Streit um die Wörter und die Immigration nur ein Nebenschauplatz. Frankreich hat größere Probleme, die Struktur der Wirtschaft ist veraltet, die Organisation des Sozialstaats verrottet, die Abgabenlast gewaltig. Sarkozy will dem Land eine Epoche des Aufbruchs verordnen, er will den Bruch, die "rupture", das Ende des Stillstands nach den bleiernen letzten Amtsjahren seines einstigen Mentors Jacques Chirac.
Egal, ob es in Straßburg um Europa geht, in Réunion um Entwicklungspolitik, in der Pariser Banlieue um Einwanderung, immer zieht Sarkozy neue Stangen in die Debatte, immer lässt er die Ideen sprudeln, wie sich Frankreich modernisieren ließe. Er muss dabei der konservativen Strömung eine breitere Basis geben, muss die Rechte modernisieren, und er will der Linken nicht länger die gesellschaftliche Meinungsführerschaft überlassen. Er besetzt, wie man sagt, ihre Themen, das heißt, er spricht über Dinge, über die ein Konservativer nach allgemeiner Meinung bislang nicht sprechen durfte.
Sarkozy tut es mit Lust. Wie kaum ein anderer Politiker thematisiert er die Schieflage in den Siedlungsringen um die Großstädte. Gnadenlos benennt er die Schwierigkeiten, die sich mit der Immigration verbinden. Er ist es, nicht die sozialistische Kandidatin Ségolène Royal, der am klarsten und verständlichsten über den Verfall der Kaufkraft spricht, über die Probleme der arbeitenden Armen, über den Niedergang der alten Industrien, die Notlagen kleiner Betriebe, die Blockaden des Arbeitsmarkts. Alles "linke" Themen, eigentlich. Sarkozy bedient sich frei.
Arbeit ist der Schlüsselbegriff seines Wahlkampfs, er spricht zu dem Frankreich, "das frühmorgens aufsteht und hart arbeitet", er agitiert gegen die 35-Stunden-Woche, gegen die Rente mit 60, er will Studentenjobs ausnehmen vom Mindestlohngebot, er will Überstunden von Steuern befreien, den Beamtenapparat verkleinern, den Kündigungsschutz lockern, die Erbschaftsteuer abschaffen, die Arbeitsvermittlung umkrempeln, er macht in Blut, Schweiß und Tränen.
Von Deutschland aus betrachtet sieht sein Programm in vielen Punkten ziemlich sozial-liberal aus, mit Anleihen beim "dritten Weg" der Briten und bei den Reformen der deutschen rot-grünen Koalition. Aber Frankreich ist ein eigentümliches Land, das muss man verstehen, um erklären zu können, warum Sarkozy von seinen Gegnern als amerikanischer "Neoliberaler mit französischem Pass" attackiert werden kann. Das gesamte politische Spektrum des Landes liegt, verglichen mit dem Rest Europas, deutlich nach links verschoben.
Was in Paris rechts heißt, ginge in Berlin leicht als die Mitte durch. Viele der linken Splitterparteien, die zu den Präsidentschaftswahlen antreten, fänden sich in Deutschland zweifellos in Verfassungsschutzberichten wieder. Ähnliches gilt für die meisten Gewerkschaften: In Frankreich diskutieren sie die Weltprobleme noch so, als wäre weiter östlich die Mauer nie gefallen und als führte in China noch Mao die Geschäfte, man wälzt kommunistische Gesellschaftsentwürfe und denkt sich die Geschichte noch als Klassenkampf.
Aus diesem Milieu ragt Sarkozy wie ein Solitär, deshalb muss er sich als Erlöser verkaufen, als Führer in eine neue Zeit. Er setzt darauf, dass die meisten Franzosen der alten Schlachten überdrüssig sind, dass ideologische Kämpfe passé sind, dass der Bruch von vielen gewünscht wird. Aber er muss sie erreichen, jetzt, er muss sie mitnehmen, deshalb münden seine dunklen Analysen des Ist-Zustands immer in ein Liebeslied an die Nation und ihre Zukunft, dessen Refrain der Slogan seiner Kampagne ist: "Gemeinsam wird alles möglich".
Er selbst steht mit seinem Leben dafür ein. Von Beginn seiner politischen Karriere an versammelte er Mitstreiter um sich, begründete Zellen, knüpfte Netzwerke, sein Adressbuch gilt als eines der dicksten in ganz Frankreich. Über persönliche Kontakte stieg er Stufe um Stufe auf zur Macht. Er machte, als junger Mann, den später berüchtigten Innenminister Charles Pasqua zum Trauzeugen seiner ersten Ehe. Der reichste Mann Frankreichs, Bernard Arnault, Herr über den Luxuskonzern LVMH, bezeugte seine zweite, und er selbst war Trauzeuge nicht nur von Claude Chirac, der Tochter und engsten Vertrauten des Präsidenten.
Solche Verbindungen zahlen sich aus, die Macht in Frankreich ist auf ihnen erbaut wie ein Hofstaat. Sarkozy ist gut Freund mit den Chefs der großen Medienkonzerne und Fernsehanstalten, er zieht Strippen bis in die Redaktionen hinein. Als im August 2005 Sarkozys Frau Cécilia, auch sie ein Liebling der Medien, auf der Titelseite von "Paris Match" mit einem Liebhaber ausgestellt wurde, musste der Chefredakteur seinen Stuhl räumen. Solche Geschichten lassen es, gelinde gesagt, wenig glaubhaft erscheinen, wenn Sarkozy jetzt ständig verkündet, mit ihm im Amt werde es keine Cliquenwirtschaft mehr geben, keine Seilschaften, keine Kumpanei. Er selbst, seine ganze Karriere, ist völlig undenkbar ohne sie.
Jeder seiner Schritte wirkt in der Rückschau wie meisterhaft geplant, als hätte
Sarkozy schon mit Mitte zwanzig gewusst, wohin ihn seine Wege führen würden. Aber es kam, im weiteren Streckenverlauf, immer noch das Unvorhersehbare hinzu, das Entscheidende, wenn Sarkozy zeigen konnte, instinktiv, roh, welches politische Tier wirklich in ihm steckt.
Das Muster für diese Qualität findet sich in einem Drama, das im Mai 1993 ganz Frankreich bewegte. Sarkozy war damals seit sechs Wochen erstmals im Amt als Minister, als in einem Kindergarten seiner Stadt Neuilly ein verwirrter Informatiker 21 Kinder und eine Erzieherin als Geiseln nahm und 100 Millionen Francs Lösegeld forderte. Er drohte damit, glaubhaft, den ganzen Laden in die Luft zu sprengen, die Polizei wollte stürmen, aber Sarkozy, am Tatort, übernahm die Verhandlungen.
Er ging damals, mit schweißnassem Hemd, binnen 46 Stunden siebenmal zu Verhandlungen mit dem Erpresser in den Kindergarten hinein. Er redete mit dem Mann, beruhigte ihn, er versprach das Geld, er handelte ihm nach und nach fast alle Geiseln ab, er bot sich selbst als Geisel an. Am Ende wurden alle Kinder und die Erzieherin gerettet, ein Sonderkommando erschoss den Täter, damals lernten die Franzosen Sarkozy kennen. Einen jungen, mutigen Bürgermeister und Minister, zum Äußersten entschlossen.
Szenen wie diese wiederholten sich während der Unruhen in und um die Großstädte, während des großen Aufstands in der Banlieue im Herbst 2005. Sarkozy galt nicht mehr als Held damals, das nicht, aber er war doch vor Ort, war greifbar, er verbrachte seine Nächte auf Polizeistationen, zeigte sich als Herr der Lage, er war einfach da, während die anderen Führer der Rechten wie der Linken in ihren Büros saßen und das Geschehen aus sicherer Ferne kommentierten. Es ist, als hätte er sich seit Jahren, oder immer schon, im Wahlkampf befunden, als hätte er immer für das Ziel gearbeitet, eines Tages als Hausherr in den Elysée-Palast einzuziehen.
Er muss sich dafür jetzt noch einmal, konzentriert, auf knüppelharte Wahlkampftour begeben, es ist nicht die erste. Es ist die 12., die 13. Kampagne, mit Premierministern hat er das Land bereist, mit Kandidaten, mit Präsidenten, mit Verlierern, er ist, mit 52, ein verdienter Veteran der Politik.
Er kennt das Land, kennt alle Regionen und Departements, alle Städte, er hat alle Probleme gehört. Manchmal jetzt, bei seinen Auftritten, wirkt es, als glaubte er sich auch im Besitz aller Lösungen. Genau in diesen Momenten kann er einem unheimlich werden, er, der sich so sicher ist, die Lebenswelt der Wähler zu kennen und die Sprache des Volkes zu sprechen.
Seine Botschaft lautet: Ich bin bereit. Aber es geht nun darum, ob Frankreich bereit ist für ihn. Es geht, für Nicolas Sarkozy, um Sieg oder Niederlage nach einer lebenslangen Tour de France.
Von Ullrich Fichtner

DER SPIEGEL 15/2007
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FRANKREICH:
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