07.04.2007

AFGHANISTANLetzte Anweisungen

Abdul Saif, einst Sprecher der Taliban, macht nach seiner Rückkehr aus Guantanamo wieder von sich reden - er ruft zur Einheit auf.
Im Gesicht des schwarzbärtigen Mullahs spiegeln sich Abscheu und Zorn. "Das Volk will die Regierung Karzai nicht, und es will auch nicht die Fremden hier in Afghanistan", sagt Abdul Salam Saif.
Saif sitzt auf einem grauen Plüschsofa in einer Villa im Westen von Kabul. Vor dem Tor des von einer hohen Lehmmauer umfriedeten Anwesens wacht ein Polizeiposten, drinnen ein wuchtiger Leibgardist.
Mit der gleichen Verachtung vor den Farangi, den Fremden, hatte der Geistliche vor fünfeinhalb Jahren "Amerikas Genozid an meinem Volk" angeprangert. Damals stand er auf der Veranda der afghanischen Botschaft im pakistanischen Islamabad.
Es war die Zeit nach den Terroranschlägen im September 2001, als die ins Mark getroffene westliche Supermacht Osama Bin Laden am Hindukusch suchte und das fundamentalistische Regime der Taliban in den Kollaps bombte.
"Unsere Moral ist hoch", versicherte Mullah Saif damals in seinem melodischen, schwer verständlichen Englisch bei den täglichen Pressekonferenzen. Da es vom geistlichen Oberhaupt der Gotteskrieger, dem einäugigen Mullah Omar, keinerlei Filmaufnahmen gab, war Kabuls Mann in Islamabad das Gesicht der Taliban.
Bin Laden entwischte seinen Häschern, Mullah Omar tauchte bei Kandahar unter; beide werden von den Amerikanern bis heute gejagt. Von seinem Führer erbat sich Saif vor dessen Verschwinden telefonisch eine letzte Handlungsanweisung. "Ich weiß auch nicht, was jetzt zu tun ist", soll Mullah Omar gegrummelt haben: "Du musst jetzt selber entscheiden."
Die Pakistaner nahmen Saif diese Entscheidung ab und überstellten ihn dem US-Militär. Das wollte von ihm zweierlei wissen: Wo steckt Osama Bin Laden, und wo verbirgt sich dessen afghanischer Freund und Schwiegersohn? Saif konnte diese Fragen nicht beantworten: "Denn dies gehörte zu den letzten Geheimnissen des Sicherheitssystems. Heute, sechs Jahre danach, weiß ich schon gar nichts."
Die Amerikaner witterten Obstruktion und ließen das ihren Häftling spüren - mit Prügel, Essensentzug und nächtlichem Strammstehen nackt im Schnee auf ihrem Stützpunkt in Bagram, wie er erzählt. Es folgten dreieinhalb Jahre Guantanamo.
Nach seiner Freilassung entschied sich der Geistliche, nunmehr fast 40, für Kabul. Die Regierung Karzai, die im Rahmen eines Aussöhnungsprogramms die sogenannten guten Taliban zu integrieren und mit hohen Posten zu ködern sucht, stellte ihm - samt zwei Frauen und acht Kindern - ein ansehnliches Gästehaus zur Verfügung. Es liegt im staubigen Neubauviertel Khosh Halkhan. Um die Ecke wohnt Ex-Außenminister Wakil Ahmed Muttawakil, wie Saif einst Vertrauter von Mullah Omar.
"Ich werde vollständig überwacht, alles wird abgehört", erläutert Mullah Saif die äußeren Begleitumstände des Gesprächs - was manche seiner Aussagen wohl relativiert. Etwa die, dass er zu den im Süden des Landes wieder gefährlich mobilen Gottesstreitern keinen Kontakt unterhalte. "Das würde mir hier schaden", begründet der Geistliche solche Distanz, "ich habe schon genug durchgemacht."
Keineswegs abgeschworen hat Saif indes dem Glaubensbrevier seiner einstigen Gefährten. Hände abhacken und öffentliche Hinrichtungen von Frauen im Stadion? Warum nicht, wenn es sich um Diebe und Mörderinnen handele? Wen störe denn schon im Westen die Anwendung der Scharia im verbündeten Saudi-Arabien? "Heute haben wir bei uns keine Souveränität, keine Sicherheit, keine nationale Einheit und Stabilität", doziert mit zunehmendem Eifer der Mullah, "aber dafür Kriminalität, Korruption und Fremde im Land, die sich wie Besatzer aufführen."
Die Afghanen müssten das Recht erhalten, eigenständig über die ihnen gemäße Regierungs- und Gesellschaftsform zu bestimmen, fordert der Paschtune: "Die Mehrheit will das System des Islam; mit Gewalt werdet ihr hier nichts erreichen. Wollt ihr ein ganzes Volk totschießen?"
Von der Rückkehr der Taliban an die Macht spricht der vormalige Diplomat lieber nicht. Genauso wenig plädiert Saif für den sofortigen Abzug der Nato-Truppen - vielleicht sogar aus Furcht vor einer Neuauflage des Bürgerkriegs, der Anfang der Neunziger allein in Kabul über 50 000 Tote gefordert hatte.
Vor kurzem war Saif mit Muttawakil und anderen "guten Taliban" zu Verhandlungen bei Karzai. Der Präsident ließ danach verlauten, er traue diesem Schwarzturban nicht.
Saif wiederum sieht in Karzai einen "Gefangenen" der Amerikaner, der nicht frei handeln dürfe - also etwa den Bogen spannen für eine Regierung der Nationalen Einheit unter Beteiligung der Leute von Mullah Omar oder auch des gefürchteten Kriegsherrn Gulbuddin Hekmatjar. Der bot kürzlich ebenfalls Gespräche mit der Kabuler Führung an.
Eine von allen Kräften im Lande gestützte Einheitsregierung, davon ist Mullah Saif überzeugt, könne dem Westen bieten, was er wohl am meisten suche - "die Garantie, dass von afghanischem Territorium nicht wieder terroristische Aktivitäten unterstützt werden". Und dann könnten die Farangi getrost das Land wieder verlassen. OLAF IHLAU
Von Olaf Ihlau

DER SPIEGEL 15/2007
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