07.04.2007

CHINAWie gestopfte Enten

Bildung gilt wieder als hohes Gut, die KP will das Land zur wissenschaftlichen Großmacht aufbauen. Dazu müsste den Studenten allerdings mehr kreative Freiheit eingeräumt werden.
An einem nebligen Morgen reihen sich acht Studenten in einer kleinen Straße auf dem Campus der Pekinger Normal-Universität auf. "Eins, zwei, drei, hinein in den Studentenverband!", rufen sie im Chor. Sie verteilen Aufnahmeformulare, sie wollen neue Mitglieder werben, um bei der Universitätsleitung bessere Studienbedingungen einzuklagen.
"Unsere Wohnheime sind zu klein und zu alt", beschwert sich eine 19-jährige Literaturstudentin, die sich "Melody" nennt und eine elegante Brille trägt. "Und die Öffnungszeiten der Duschräume sind viel zu knapp bemessen."
Ihre Kommilitonin Mei Lan, 22, hat in der überfüllten Mensa nach langem Suchen endlich einen Platz gefunden. "Es gibt zu viele Studenten hier", meint sie, während sie Reis mit Gemüse und Schweinefleisch vom Blechtablett isst. "Um in Ruhe lernen zu können, stehen wir schon morgens um fünf Uhr vor der Bibliothek an. Ich musste mir für mein Abschlussexamen ein Zimmer außerhalb der Uni mieten, weil sonst nirgendwo Platz ist." Ihren Zwölf-Quadratmeter-Raum im Wohnheim teilt sie mit sieben Kommilitoninnen. Da ist Lernen eine Pein, die Hörsäle sind tagsüber keine Minute frei.
Im Unterricht herrscht sowieso qualvolle Enge. "In meinem Kurs sitzen 70 bis 80 Studenten", sagt Mei. "Zwischenfragen oder Diskussionen sind da nicht möglich." 5500 Yuan (rund 550 Euro) zahlen ihre Eltern, Kaufleute in der Provinz Zhejiang, jedes Jahr für das vierjährige Studium. 650 Yuan (65 Euro) kostet das Zimmer mit vier doppelstöckigen Betten für acht Studenten im Jahr.
Enge Buden, volle Klassen, teure Studiengebühren, die sich, wie Mei sagt, "junge Leute aus dem armen Westen des Landes niemals leisten können": So sieht das Leben der Studenten nicht nur an der Pekinger Normal-Universität, sondern in ganz China aus.
Dabei zählen Bildung und Forschung, 40 Jahre nachdem Mao Zedong die Intellektuellen als "Stinkende Nr. 9" diffamierte, längst wieder zu den höheren Gütern. Eine gutausgebildete junge Generation soll das Land zur wissenschaftlichen Großmacht voranbringen, so will es die regierende KP. "Wissenschaft und Technologie spielen eine große Rolle in der Förderung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung und in der Gewährleistung der Sicherheit des Landes", erklärt Staats- und Parteichef Hu Jintao.
Der Weg zur Bildungsnation und zur wissenschaftlichen Großmacht ist allerdings ziemlich lang. Noch besitzen lediglich 5 Prozent aller Chinesen zwischen 25 und 64 Jahren einen Universitätsabschluss. In der EU sind es 21, in Japan sogar 34 Prozent. Um möglichst schnell aufzuholen, pumpt die Regierung von Jahr zu Jahr mehr Geld in die Bildung, 2006 waren es rund 46 Milliarden Euro. Das ist immer noch zu wenig, meint der Präsident der Peking-Universität, Xu Zhihong (siehe Interview Seite 102).
Über 1700 staatliche Universitäten und Fachhochschulen gibt es in China. Doch von den 8,8 Millionen Bewerbern, die im vorigen Jahr an der strengen Aufnahmeprüfung teilnahmen, schafften es nur 5,4 Millionen auf eine Universität oder Fachhochschule. Die restlichen 3,4 Millionen Gymnasiasten mussten auf eine private Uni ausweichen oder sich einen Job suchen. Sie können es ein Jahr später aber auch erneut an einer staatlichen Uni probieren.
Den Sprung an die besten Universitäten schafft nur eine hauchdünne Elite, die meist auf Spitzengymnasien in den Metropolen systematisch auf den Zugangstest vorbereitet wird. Die Auslese ist hart, Schul- und Studiengebühren steigen ständig. So wird höhere Bildung zum Privileg der neuen städtischen Mittelschicht. Sie investiert den größten Teil ihrer Ersparnisse in die Ausbildung des Nachwuchses anstatt in neue Autos oder Wohnungen, fand die Bank of China heraus. Für Millionen begabter Bauern- und Arbeiterkinder hingegen bleiben Diplom oder Magister ein ferner Traum.
Immerhin: In den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der Studenten um mehr als das Fünffache gestiegen, zwischen 1998 und 2005 schnellte zudem die Zahl der Akademiker mit Doktortitel von gut 45 000
auf über 190 000 empor. Voriges Jahr studierten insgesamt 17,4 Millionen junge Menschen, 2005 waren es noch 15,6 Millionen.
Damit Chinas Wissenschaft mit dem Ausland konkurrieren kann, sollen die Mittel in Zukunft vor allem in 38 Schlüsseluniversitäten fließen. Die anderen, einige von ihnen hochverschuldet, müssen selbst sehen, wie sie überleben. Die Pekinger Normal-Universität mit ihren 17 000 Studenten gehört wie auch die Peking-Universität zur Elite. Vor kurzem hat sie eine beeindruckende Bibliothek gebaut - eine kühne Glaskonstruktion mit riesigem Vordach. Im Foyer können Studenten am Computer prüfen, welche der 2,9 Millionen Bände gerade auszuleihen sind.
Der Campus ist so groß wie eine Kleinstadt, ausgestattet mit Kindergarten, Schulen, Sportplätzen und Supermärkten. Zwischen modernen, spartanisch eingerichteten Lehrgebäuden liegen graue Mietshäuser für Angestellte und Professoren. Für die Doktoranden sind neue Wohnblöcke entstanden, die schon jetzt wieder zu klein sind: Vier junge Forscher müssen sich ein Zimmer teilen.
Vor einem Häuschen stehen Dutzende bunter Thermoskannen: Die Campus-Bewohner holen sich hier heißes Wasser, denn in den Wohnheimen gibt es das nicht. Pensionierte Angestellte schwatzen unter Bäumen, mittags strömen die Studenten in die Mensa und in das "Hollywood"-Restaurant.
Wer das abgeschirmte Uni-Gelände nach dem Examen verlässt, bekommt nicht mehr, wie bis Ende der siebziger Jahre, automatisch eine Stelle zugewiesen. Jeder Dritte der rund vier Millionen Absolventen, die 2006 Examen machten, hatte acht Monate später immer noch keinen qualifizierten Job.
Der Übergang ins Berufsleben ist auch deshalb schwer, weil die Unis recht praxisfern sind. Zwar schwärmen ausländische Investoren wie der Siemens-Aufsichtsratschef Heinrich von Pierer von den über 600 000 Ingenieuren und Technikern, die jedes Jahr Chinas Hochschulen verlassen. Aber nur rund 160 000 erfüllen die Ansprüche internationaler Unternehmen und chinesischer Top-Firmen, fand eine Studie von McKinsey jüngst heraus.
Chinas höherer Bildung fehle es an Kreativität, an kritischem Denken und am Bezug zum Berufsleben, bemängeln Experten. Wie einst kaiserliche Beamtenanwärter müssen Studenten heute hauptsächlich theoretisches Wissen aufnehmen und wiedergeben. Im Volksmund heißen sie deshalb "gestopfte Enten" - sie erinnern an das Federvieh, dem die Bauern mit Gewalt Futter einflößen, damit daraus eine kulinarische Delikatesse wird.
Beim Aufnahmetest spielen soziale Intelligenz, praktische Erfahrungen oder die Fähigkeit zu eigenständigem Denken so gut wie keine Rolle. "China wird so lange keine Talente für Innovationen hervorbringen, bis wir das Prüfungssystem ändern", meint Zhu Qingshi, Präsident der Universität für Wissenschaft und Technik in der Provinz Anhui.
Die Literaturstudentin Mei Lan in ihrem blauen Anorak plagen solche Überlegungen nicht. Sie ist dort, wo sie hinwollte, an der Pekinger Normal-Universität. Vor vier Jahren erzielte sie über 600 Prüfungspunkte, und damit gehörte sie zu den Besten ihrer Provinz. Nun hofft sie einfach darauf, dass dieses mächtig expandierende Land, das den Segen der Wissenschaft entdeckt, am Ende eine schöne Karriere für sie bereithalten wird. Am liebsten wäre sie Lehrerin an einer Oberschule. ANDREAS LORENZ
Von Andreas Lorenz

DER SPIEGEL 15/2007
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