07.04.2007

„Wir nehmen nur die Besten“

Der Präsident der Peking-Universität, Xu Zhihong, über den Stand des chinesischen Bildungssystems
Der Biologe Xu, 64, leitet seit 1999 die Peking-Universität. Seine Hochschule zählt zu den besten Chinas und kooperiert mit zehn deutschen Universitäten, darunter die Humboldt-Uni in Berlin.
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SPIEGEL: Über 200 Studenten aus Deutschland besuchten vergangenes Jahr Ihre Uni - nur um Chinesisch zu lernen?
Xu: Nicht nur, sie studieren auch chinesische Geschichte, das Rechtssystem, Wirtschaft, Politik.
SPIEGEL: Wenn Sie die Qualität Ihrer Universität mit der anderer Hochschulen in der Welt vergleichen: Wo stehen Sie?
Xu: Es ist schwer, Universitäten zu vergleichen, weil die Maßstäbe so unterschiedlich sind. Nach einer Untersuchung der Universität Chicago kamen zwischen 1999 und 2003 jedenfalls weltweit fast die meisten ausländischen Doktoranden von der Peking-Universität; nur die National-Universität Seoul lag noch vor uns. Im selben Zeitraum haben über 1600 Studenten der Peking-Universität an einer US-Hochschule promoviert. Im vorigen Jahr hatten wir in China knapp 9 Millionen Abiturienten, die studieren wollten; 5,4 Millionen wurden von den Unis zugelassen. Wir aber nehmen jedes Jahr nur 3000 Studienanfänger auf, die Besten aus jeder Provinz.
SPIEGEL: Chinas Universitäten gleichen mehr Schulen als Hochschulen, heißt es, die Kreativität werde zu wenig gefördert. Ist die Kritik berechtigt?
Xu: Es ist wahr: Viele Menschen sind über die Lage im chinesischen Bildungssystem sehr besorgt. Da sich die Wirtschaft in China schnell wandelt und Wissenschaft und Technologie voranschreiten, brauchen wir Hochschulabsolventen, die in der Lage sind, den scharfen Wettbewerb durchzustehen und die Anforderungen der Gesellschaft zu erfüllen. Wir reformieren deshalb unseren Lehrplan.
SPIEGEL: Was heißt das konkret?
Xu: Studenten können und müssen ihre Interessen breiter fächern. Alle Anfänger, auch die Geisteswissenschaftler, sind bei uns zum Beispiel verpflichtet, Mathematikkurse zu belegen; das soll ihr logisches Denkvermögen verbessern. Techniker und Naturwissenschaftler hingegen müssen in Humanwissenschaften und Kunst hineinhören. Wir haben vor einigen Jahren ein recht erfolgreiches Programm entwickelt. Danach werden alle Studenten im ersten und zweiten Studienjahr in Allgemeinbildung unterrichtet.
SPIEGEL: Wie stark ist der Einfluss der KP in Ihrer Universität?
Xu: Die KP spielt in unserem Land laut Verfassung die führende Rolle. Unser Parteisekretär ist Erziehungswissenschaftler; er hat an der Stanford-Universität studiert. Wichtige Entscheidungen werden nicht nur mit ihm, sondern in einem größeren Gremium getroffen. Der Parteichef hilft mir bei der Arbeit. Chinesische Uni-Präsidenten haben ja viel mehr Aufgaben als ihre Kollegen in westlichen Ländern. Wir müssen uns zum Beispiel um eigene Kindergärten, Schulen, Krankenhäuser und Wohnungen für unsere Angestellten kümmern.
SPIEGEL: Kontrolliert die Partei Lehre und Forschung?
Xu: Es kommt darauf an, was man unter Kontrolle versteht. In China folgt die Regierungspolitik der Partei. Die KP sorgt dafür, dass Entscheidungen, etwa die Reform- und Öffnungspolitik, in den Universitäten und Fachhochschulen durchgesetzt werden. Um Forschung und Lehre kümmert sich einer der Ersten Vizepräsidenten.
SPIEGEL: Kann man eigentlich noch Marxismus-Leninismus bei Ihnen studieren?
Xu: Aber sicher, Marxismus ist eine der wichtigsten politischen und wirtschaftlichen Theorien des 20. Jahrhunderts, nicht nur in China, sondern in der ganzen Welt. Wenn Professoren der Sozialwissenschaften China wirklich durchdringen wollen, müssen sie Marxismus studieren.
SPIEGEL: Die jüngeren Studenten müssen sich ideologisch schulen lassen?
Xu: Ja, Studenten müssen Kurse in chinesischer Moderner Geschichte, Marxismus, Mao-Zedong-Gedanken, chinesischer und internationaler Politik und Wirtschaftspolitik der Gegenwart, Ethik und so weiter belegen. Unter einigen Fächern dürfen sie auswählen.
SPIEGEL: Wenn ein Mathematikstudent die Prüfung im Fach Mao-Zedong-Gedanken nicht besteht - werfen Sie ihn dann raus?
Xu: Nein, er kann die Prüfung nach einem halben Jahr wiederholen. So etwas kommt aber selten vor. Seit ich Präsident der Peking-Universität bin, habe ich das noch nicht erlebt.
SPIEGEL: Das Studium in China ist teuer. Viele junge Leute können sich deshalb eine Universitätsausbildung nicht leisten. Was tun Sie dagegen?
Xu: Die Regierung hat Programme aufgelegt, um arme Studenten zu unterstützen. Sie können von der Regierung finanzierte Kredite und Stipendien beantragen. Ich persönlich denke aber, wir sollten mehr Geld für Schulen und Universitäten ausgeben. Unser gesamtes Budget für die Bildung betrug im vorigen Jahr nur 2,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ...
SPIEGEL: ... was im internationalen Vergleich ziemlich wenig ist.
Xu: Sogar sehr wenig. Eigentlich sollten es vier Prozent sein, aber wir haben dieses Ziel bislang nicht erreicht.
SPIEGEL: Eine der großen Schwächen des chinesischen Bildungssystems ist das strenge Prüfungssystem. Junge Leute leben nur von Examen zu Examen, sie können sich deshalb im Studium nicht voll entfalten.
Xu: Das stimmt. Aber um Chinas Bildungsprobleme zu lösen, ist es zunächst
wichtiger, den Etat für die akademischen Einrichtungen zu erhöhen, damit unsere Universitäten besser werden können. Wenn wir 20 oder 30 hochklassige Unis wie die Peking-Universität oder die Qinghua-Universität hätten, würde die Situation schon anders aussehen.
SPIEGEL: Nur ein kleiner Prozentsatz der jungen Leute schafft es auf die Uni. Warum?
Xu: Vor zehn Jahren besuchten nur 9 Prozent aller jungen Leute eine Uni. Jetzt liegt die Quote bei 22 Prozent. Das ist schon ein großer Fortschritt. Aber das schafft auch ein Problem: Wir haben nicht ausreichend hochqualifizierte Professoren und Lehrer für die Masse der Studenten. Die Lage ist in den Provinz-Hochschulen besonders ernst.
SPIEGEL: Haben deren Absolventen überhaupt Chancen, einen Job zu bekommen?
Xu: Unsere Absolventen haben natürlich keine Probleme. Aber bei anderen Unis gibt es in der Tat Schwierigkeiten. Viele finden keinen Job, weil sie nicht in abgelegene Provinzen wie Xinjiang oder Yunnan gehen wollen. Dort wird weniger verdient als in Peking oder Shanghai, die Lebensbedingungen sind nicht so gut wie in den Küstenregionen.
SPIEGEL: Bleiben junge Leute auch deshalb ohne Stelle, weil sie am Bedarf des Arbeitsmarktes vorbei studieren?
Xu: Ja. Das ist einer der Gründe. Wegen der schnellen Expansion der Universitäten wird oft übersehen, welche Berufe vor allem gefragt sind. Derzeit benötigen wir zum Beispiel mehr hochqualifizierte Facharbeiter und erfahrene Techniker. INTERVIEW: MARTIN DOERRY,
ANDREAS LORENZ
Von Martin Doerry und Andreas Lorenz

DER SPIEGEL 15/2007
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