07.04.2007

TÜRKEIMinarett und Minirock

Istanbul ist der Motor des Landes, eine dynamische Metropole, die sich gerade neu erfindet. Die Elite entdeckt die osmanische Vergangenheit für sich und wendet sich enttäuscht von Europa ab.
Für Kagan Gürsel, 47, gehört die Fahrt zur Arbeit zu den schönsten Augenblicken seines Tages. Von dem ganzen Stress und den Abgasen, mit denen die Millionen Autos beim Drängeln durch Straßen und Gassen im ewigen Istanbuler Stau die Luft verpesten, bekommt er nichts mit. Gürsel ist Chef einer Hotelkette, er besitzt ein eigenes Schiff, und damit schippert er morgens und abends über den Bosporus.
Die "Esma Sultan" ist ein altes Lotsenboot, gelb-weiß lackiert, sie trägt den Namen einer stolzen Sultanstochter. Zuverlässig pflügt sie durch die Wellen des Bosporus. Riesige, bunte Containerschiffe, Öltanker aus Kasachstan und ein blitzweißes Kreuzfahrtschiff ziehen vorbei. "Jeden Tag ist der Bosporus anders", schwärmt Gürsel. An tiefblauen Sommertagen liegt die See glatt wie ein Seidentuch, bei Wind und Sturm wühlt sie grauschwarz, bei Frost leuchtet das Meer türkisfarben.
Der Bosporus ist 32 Kilometer lang, an der engsten Stelle 660 Meter breit. Er ist die Lebensader Istanbuls. Aus ihm ziehe die Stadt ihre Kraft, schreibt der Literatur-Nobelpreisträger Orhan Pamuk in "Istanbul", einer Hymne an die Stadt seiner Geburt. "Während die Stadt von Schwermut und Bedürftigkeit geprägt ist, verbinde ich den Bosporus mit Lebensfreude und Glück."
Wer genug Geld hat, wohnt entweder direkt am Wasser oder bezahlt 1000 Dollar
Aufschlag für ein Apartment mit Bosporus-Blick. Gürsel lebt mit seiner Frau Merve, einer Innendesignerin und früheren Spring-reiterin, in einem der schönsten Häuser, die Istanbul zu bieten hat: einem alten osmanischen Holzpalais am Wasser auf der asiatischen Seite der Stadt. Hier in Kanlica, einst ein Fischerdorf, gibt es den besten Joghurt, er ist cremig und schwer. Man holt ihn wie Eiscreme in Bechern, die Verkäufer streuen Puderzucker darauf, und dann setzt man sich auf eine Bank unter die Platanen, löffelt Joghurt und schaut versonnen auf den Bosporus.
Wenn Gürsel aus dem Boot steigt, bleiben ihm wenige Schritte bis zur Tür und zur ausladenden, geschwungenen Treppe, die unter einem fürstlichen Lüster zu seiner Wohnung führt. Auf 450 Quadratmetern ersteht in den palastartigen Räumen die Pracht osmanischer Zeiten wieder, als die Türken noch von Sultanen regiert wurden und außer Kleinasien auch den Nahen Osten, den Balkan, Nordafrika und die Krim beherrschten. In der Villa der Gürsels, 1860 gebaut, lebte eine Prinzessin aus Ägypten, das war damals eine osmanische Provinz.
Die neue Elite entdeckt das alte Istanbul wieder, seine Schönheit, sein historisches Erbe. Früher ließ man die Holzvillen verfallen, sie mussten für Straßen Platz machen oder wurden gar niedergebrannt, um profitable Apartmenthäuser zu schaffen, hässliche, seelenlose Betonklötze. Pamuk nennt das die Zeit der Raserei, in der Istanbul sich in ein "billiges Abziehbild westlicher Zivilisationen" verwandelte. Mit dem verkommenen Luxus ihrer osmanischen Ahnen wollte die junge Republik nichts zu tun haben.
Auch das Hotel Marmara, das Gürsel als Erbe seines Vaters am Taksim-Platz führt, ist ein Sündenfall aus den siebziger Jahren, doch es ist das erste Haus am Platz, beliebt und gut geführt. Mit "türkischer Gastfreundlichkeit, europäischem Stil" wirbt das Hotel vor allem bei Geschäftsleuten, die inzwischen verlässlicher nach Istanbul einfliegen als Touristen. Die boomende türkische Wirtschaft zieht ausländische Investoren an, und Istanbul ist der Motor des Booms. Mehr als ein Fünftel des Bruttoinlandsprodukts wird hier erwirtschaftet.
Vom "Marmara" aus sind es nur ein paar hundert Meter zu den Restaurants und Kneipen von Beyoglu, wo im 19. Jahrhundert ein kleines Europa innerhalb Istanbuls entstand mit Hotels, Banken, Theatern, Apartments für Diplomaten und Handelsleuten. Hier gibt es Bars hoch oben auf den Dächern mit schönem Blick auf die Istanbuler Skyline der Paläste und prächtigen Moscheen zwischen Marmarameer und Goldenem Horn. Hier ist der Herzschlag, die Energie dieses jungen Landes zu spüren, in dem die Hälfte der Menschen jünger als 25 ist.
Alle paar Stunden durchbricht der Ruf des Muezzins den Disco-Sound, gerade exotisch genug, den westlichen Genuss etwas zu würzen, aber nicht zu stören. Vor allem wegen seines schillernden Nachtlebens wird Istanbul als "hippe Stadt am Horn" gefeiert, als Metropole zwischen "Minarett und Minirock". Das US-Magazin "Newsweek" ließ sich gar zur Schwärmerei hinreißen, Istanbul sei "eine der coolsten Städte der Welt".
So cool und so schön ist natürlich nur ein Teil dieser vibrierenden Megacity mit vielleicht 14 Millionen Einwohnern. Stadtviertel sind hier so bevölkerungsreich wie anderswo ganze Städte, es gibt Bezirke, die selbst alteingesessene Istanbuler noch nie gesehen haben.
Die Stadt ist nicht gewachsen, sie ist explodiert, überrannt vom Ansturm der armen Zuwanderer aus Anatolien und vom Schwarzen Meer. An den Rändern und in den Lücken der Stadt zimmerten sie sich, illegal, aber geduldet, provisorische Häuschen, "Gecekondus" genannt. Die Selfmade-Siedlungen der Arbeitsmigranten überziehen die Stadt wie Teppiche.
Der Staat hat viele Gecekondus amnestiert und sogar ausgebaut, während Viertel in der historischen Stadtmitte auf Slumniveau herabsanken. In Dolapdere oder Tarlabasi etwa, nur zehn Minuten von Beyoglu entfernt, leben die, die es nicht schaffen: Kurden, Roma, auch Flüchtlinge aus dem Irak, aus Asien und Westafrika, sie verdingen sich als Tagelöhner, Taschendiebe, Drogendealer, Strichjungen.
Trostlos die Massenquartiere, seelenlose Trabantenstädte - sie passen nicht ins Bild vom glänzenden Istanbul, das einstmals Hauptstadt dreier Weltreiche war.
In manchen Ecken, wo Zitronen noch auf Pferdewagen verkauft werden, wo die Männer in schwarzverräucherten Teestuben hocken und Frauen Schaffelle zum Trocknen auf den Asphalt legen, scheint Istanbul gar keine Metropole zu sein, sondern eine Zusammenballung anatolischer Dörfer, zwischen die zufällig ein paar alte Paläste, voluminöse Moscheen und verspiegelte Bürotürme geraten sind.
Istanbul ist die wohl westlichste Metropole der islamischen Welt, doch wer sich die Mühe macht, im Stadtteil Fatih das Grabmal des Eroberers Mehmet II. zu besuchen, der 1453 Byzanz zu Fall brachte, Kirchen zu Moscheen machte und so dem christlichen Konstantinopel das islamische Istanbul überstülpte, wird auch das tiefislamische Istanbul entdecken. Hier sind Frauen in schwarzen Ganzkörper-Schleiern zu sehen, viele Männer tragen Bärte, religiöse Kappen und Hemden ohne Kragen. Einige Straßen werden fast ausschließlich von den Mitgliedern eines islamischen Ordens aus dem 14. Jahrhundert bewohnt, hier gibt es kein Fernsehen, keinen Alkohol.
Doch es ist nicht nur die Spannung zwischen Religion und säkularer Republik, zwischen Minirock und Minarett, die Istanbul prägt, krasser ist das sichtbare soziale Gefälle, das die Türkei plagt. Reichtum wird lustvoll zur Schau gestellt, in protzigen Autos, auf Yachten und in elitären Clubs wie dem Reina, der dem Deck eines Kreuzfahrtschiffs nachempfunden ist. Auf der anderen Seite steht eine ganze Kaste von Dienern, die chauffieren, putzen, kochen, Marktkörbe schleppen, den Range Rover oder Jaguar selbst bei Kälte und Regen täglich im Freien per Hand waschen.
Gleichwohl, wer Dienstboten beschäftigt, schafft Arbeitsplätze, wenn auch lausig bezahlt, und im Grenzraum zwischen Arm und Reich gibt es Löcher. Istanbul ist eine Goldgräberstadt, in der anatolische Baumwollträger und Ersatzteilhändler zu Millionären werden wie Haci Ömer Sabanci, dessen Familienholding heute
der zweitgrößte Konzern der Türkei ist, oder der Medienmogul Aydin Dogan, den "Forbes" unter den 500 reichsten Menschen der Welt führt.
Wer unten bleibt, verkauft als Straßenhändler 12 bis 14 Stunden am Tag Sesamringe, der Verkaufstisch ist dreibeinig und an den Leisten mit Lappen umwickelt, damit er beim Tragen auf der Schulter nicht allzu tief ins Fleisch drückt. Wenn er Glück hat, bringt er abends 20 Lira, etwa 11 Euro nach Hause, oder er schleppt Stoffballen in einer Textilfabrik, spült fettige Teller in Fischrestaurants.
S~inasi Yalçin hat sich zäh nach oben gezogen. Mit 17 fasste der Sohn eines Grubenarbeiters aus dem anatolischen Sivas den Entschluss, sein Glück in Istanbul zu versuchen. Anderthalb Tage fuhr er mit dem Zug, in der Hand seinen einzigen Koffer. Außer ein paar Jahren auf der Dorfschule hatte er nicht viel gelernt. Aber er war ehrgeizig und wusste, nur wer Bildung besitzt, hat eine Zukunft.
Er schlief in Parks, schlug sich als Putzer und Kellner durch. Dann fand er ein Arrangement mit einem jüdischen Arzt: Nachts wienerte er die Praxis des Orthopäden, dafür bekam er eine Kammer und Essen. Tagsüber ging er zur Schule, nach sechs Jahren, mit 23, schaffte er das Abitur.
"Istanbul ist eine knallharte Stadt. Sie nimmt deine Kraft und versucht, dich zu verschlucken", sagt Yalçin, "aber sie gibt dir auch eine Chance." Er studierte Ingenieurwissenschaften und angewandte Mathematik, er bekam eine gute Stelle bei den städtischen Strombetrieben.
Jetzt ist er 55 und Frührentner, im Trainingsanzug sitzt er vor einem dampfenden Glas Tee im kleinen Hof des "Kultur- und Solidaritätsvereins" von Karanfilköy, auch eine illegale Einwanderersiedlung, die vor zehn Jahren den städtischen Abrissbaggern entkam. In den Gärten wachsen Rüben und bitteres Schwarzmeerkraut. Der Verein kämpft dafür, dass Karanfilköy mit seinen 537 Häusern legalisiert wird.
Yalçins Heim ist zweistöckig, mit hellgelber Holzimitation verschalt, liebevoll pflegt er seinen Garten. Nur hundert Meter entfernt dröhnt der Verkehr der sechsspurigen Autobahn, doch das stört ihn nicht. "Hier bin ich zu Hause, das ist mein Istanbul."
Istanbuler, die zurückkehren, staunen, wie rasant sich die Stadt verändert. Sie haben in Deutschland oder anderswo gelebt, und nun entdecken sie ihre Heimat neu.
Defne Koryürek, 38, verbrachte mit ihrem Mann fünf Jahre in New York, dort betrieb sie ein kleines Restaurant. Vor neun Jahren kam sie zurück und fand überraschend viele Ähnlichkeiten zwischen dem Big Apple und Istanbul. "Beide Städte sind dynamisch, voller Energie. Du kannst etwas aus dir machen, es liegt an dir, ob du Teil des Ganzen werden willst, ob du bereit bist, zu lernen."
Koryürek hat schon eine Menge ausprobiert, sie studierte Geschichte und Filmografie, arbeitete als TV-Produzentin, bis sie feststellte, dass sie gern kocht. Aus den USA brachte sie Rezepte für Pancakes, Quiches und Egg Benedict mit. Dükkan, der exklusive Fleischladen, den Koryürek betreibt, hat sich auf gereiftes Rindfleisch spezialisiert. In einem gläsernen Temperaturschrank trocknen saftige, dunkle Rinderstücke, an jedem hängt ein weißes Etikett, auf dem steht, wie viele Tage es alt ist.
Die Ladenchefin füllt Wursthäute mit Fleischmasse, da schwingt die Ladentür auf, der Küchenchef eines Hotels kommt herein. Er beugt sich über die Fleischtheke, wählt die besten Stücke aus. Im "Dükkan" decken sich die Fünf-Sterne-Restaurants ein, das Hilton und das Four Seasons, das Ciragan Kempinski ebenso wie das Luxushotel Les Ottomans am Bosporus-Ufer, das alten osmanischen Flair wiederaufleben lässt.
"Hier weißt du nie, was dir die Zukunft bringt, du hast für nichts eine Garantie", sagt Koryürek, "dein Geschäft läuft bestens, aber plötzlich bleiben die Kunden aus, und du weißt nicht, warum." Man könne nicht langfristig planen wie ein Geschäftsmann im Westen, "unsere Kunden denken kurzfristig, sie sind hungrig auf Neues".
Koryürek und ihr Partner Emre Mermer, 38, der Sohn eines Viehzüchters und studierter Volkswirt, haben noch nicht einmal eine behördliche Genehmigung für ihren feinen Laden, denn er liegt mitten in der ärmlichen Gecekondu-Siedlung Küçük Armutlu direkt an der Autobahn. Hier war die Miete erschwinglich. "Die Häuser sind nicht registriert, deshalb kann man darin auch keinen Betrieb genehmigen", erklärte ihnen das Gewerbeamt. Immerhin, das Dükkan wird geduldet, und es floriert. So geht das in Istanbul.
Chaos kann produktiv sein, das beweist Istanbul, aber es hat die Stadt auch an den Rand eines Infarkts gebracht. Längst
wurde die tägliche Verkehrskrise zu einem nationalen Problem erklärt. Das nächste Erdbeben ist bereits angekündigt worden, Zehntausende Häuser gelten als einsturzgefährdet.
Hüseyin Kaptan soll Istanbul retten. Der Architektur-Professor hatte sich schon in den Ruhestand aufs Land zurückgezogen, als ihn der Bürgermeister von Istanbul anflehte, er möge helfen. Der letzte Masterplan ist 26 Jahre alt, längst ist die Entwicklung außer Kontrolle geraten, nun soll Kaptan eine urbane Vision für die kommenden 30 Jahre auflegen. In der Mitte seines Büros steht ein riesiger Tisch, auf dem sich Pläne, Blaupausen, Bauskizzen stapeln. Er fühle sich "wie in einem Tsunami", sagt Kaptan, so gewaltig sind die Probleme, so rasant geht der Raubbau weiter, und er ist ja schon 71 und wollte seine Tage doch geruhsam als Bauer beschließen.
Kaptan soll das Wachstum der Stadt bremsen. "Morgen schon könnten wir die Türen aufmachen für eine Million Arbeitsplätze, aber das würden wir nicht verkraften." Gehe die Entwicklung so weiter, würde die Bevölkerung Istanbuls in 20 Jahren leicht 20 bis 25 Millionen erreichen. Gerade forderte Premier Recep Tayyip Erdogan öffentlich, nicht nur die Zahl der Autos, sondern auch die der Neubürger von Istanbul zu begrenzen.
Die Obermarke der Planer lautet: 16 Millionen. Der Zuwanderungsdruck soll in die Subregion am Marmarameer umgelenkt werden. Die asiatischen Bezirke Istanbuls, aus denen zurzeit täglich Hunderttausende in die Bürozentren auf der europäischen Seite pendeln, wollen die Planer aufwerten.
Kaptans Idee ist, Istanbul von einem billigen Industriestandort fast gänzlich zu einer hochwertigen Dienstleistungsmetropole zu entwickeln. 32 Prozent der Arbeitskräfte arbeiten in der Industrieproduktion, in 20 Jahren sollen es halb so viele sein. Dafür stehen ganze Quartiere zum Abriss an.
In Zeytinburnu zum Beispiel, mit 300 000 Einwohnern im Grunde eine eigene Stadt, ist ein Teil des Textilgewerbes angesiedelt; in den Kellern und Hinterhöfen gibt es 15 000 Werkstätten, hier wird geschnitten, genäht, gebügelt, gepackt. Die früher benachbarten Ledergerber mit ihren belasteten Abwässern sind schon an den östlichen Stadtrand umgesiedelt worden. Auf Kaptans Schreibtisch liegt das neue Zeytinburnu: helle Mietshäuser, die an Neue-Heimat-Entwürfe erinnern, mit Einkaufszentren, Spielplätzen, Freizeitparks.
So viele Fehler haben sie in den vergangenen Jahrzehnten gemacht: Die Erdbebensicherheit ist nicht bedacht worden; das alte Istanbul - die historische Halbinsel, auf der die Hagia Sophia, die Blaue Moschee und der große Basar stehen - wurde vernachlässigt, jetzt ist es ein Sanierungsfall. Beim Verkehr setzte die Politik fast nur auf das Auto, eine Metro gibt es nur auf winzigen Teilstrecken. Und sie ließen zu, dass die Stadt bis in Wassergewinnungsgebiete und in die Wälder im Norden und Osten hinauswucherte. Kaptan nennt das "kriminell".
Auf der Suche nach besserer Lebens- und Wohnqualität, die Istanbuls Zentrum nicht mehr bieten kann, haben sich viele wohlhabende Bürger aus der Stadt hinaus in Richtung Schwarzes Meer locken lassen, wo bewachte Luxus-Wohnanlagen wie eigene Planeten entstehen.
In Göktürk, bis vor zehn Jahren ein Kaff, etwa 25 Kilometer Luftlinie vom Istanbuler Zentrum entfernt, leben heute 6000 bis 8000 Istanbuler als Trabanten. Hier ist Istanbul weit weg, das Leben ist grün und angenehm. Für etliche tausend Dollar kann man Mitglied werden im exklusiven "Kemer Country Club", mit Golfplätzen, Stausee, Reitstall, Musikschule, Tennisplätzen, Fitness-Studios und Survival-Camp im Freien.
Immer mehr Istanbuler können sich das leisten, nicht nur die angestammte Oberschicht. Im jüngsten Aufschwung ist eine neue Bourgeoisie entstanden, sie will zeigen, was sie erwirtschaftet hat. Für sie entstehen in Istanbul Einkaufstempel mit Designer-Moden und Luxus-Accessoires von Vakko, Harvey Nichols, Ferragamo, Fendi und Louis Vuitton.
Auf Istanbuls traditioneller Einkaufsmeile, der Istiklal Caddesi, sind bunte Fähnchen aufgehängt: "Istanbul, Kulturhauptstadt 2010". Die Bewerbung um den einjährigen Ehrentitel sei besonders "fortschrittlich und innovativ" gewesen, hatte die europäische Jury gelobt. 2010 soll für Istanbul ein Traumjahr werden mit schillernden Events für Touristen, Kunst- und Kulturschaffende Europas, Straßentheater, schwimmenden Plattformen auf dem Bosporus, einer Zeitreise durch 7000 Jahre Geschichte. Verwahrloste historische Kulturdenkmäler werden nun restauriert, auch aus christlicher und vorchristlicher Zeit.
"Wir sehen den Titel als Chance, Teile des verlorenen, alten Istanbul zurückzuholen", sagt der Vorsitzende der 2010-Initiative, Nuri Çolakoglu, "wir wollen zeigen, wie tief unsere gemeinsamen kulturellen Wurzeln mit Europa sind."
"Stiefkind der modernen, säkularen Türkischen Republik" hat die Schriftstellerin Elif Shafak Istanbul genannt. Mit seinem multikulturellen Erbe vor allem der Griechen und Armenier, Christen, Muslime und Juden sperrte es sich gegen den Gründungsmythos der jungen Republik, alle seien gleich, Mitglieder einer homogenen Familie stolzer Türken. Doch wo es hingehört, wisse Istanbul immer noch nicht genau, sagt Shafak, "es pendelt zwischen Kosmopolitismus und Nationalismus, zwischen Erinnerung und Amnesie". Eine Stadt auf zwei Kontinenten, zwischen Europa und Asien.
In Kagan Gürsels Holzpalais am Bosporus ist es Abend geworden. Von der Terrasse aus ist die Bosporus-Brücke zu sehen, auf der Autofahrer in Richtung Westen mit dem Schild begrüßt werden: "Willkommen in Europa". Auch die Zwingfeste Rumeli Hisari, von der Mehmet der Eroberer 1453 den Angriff auf Istanbul startete, ist gut zu sehen.
Gürsel, der Hotelier, hat in den USA studiert, er wollte sein Land immer in Europa haben, doch er ist enttäuscht: "Warum soll ich jemandem nachlaufen, der mich nicht will?", fragt er gereizt.
Urplötzlich, die Gürsels haben es sich gerade in der Bibliothek gemütlich gemacht, wo sie sich gern in dicke Bände zur osmanischen Geschichte vertiefen, liegt ihr Haus im Dunkeln. Der Strom ist wieder mal ausgefallen, auch das ist Istanbul. Die Kerzen stehen schon bereit.
Fünf Minuten später leuchten die Brücke und die Festung wieder hell. Auf dem Bosporus tuckern die Schiffe, die wie gewaltige Schattenrisse vorübergleiten. Nachts wird die Schönheit des Bosporus samtglänzend und schwarz, und Kagan Gürsel sagt, dass er nirgendwo anders mehr leben möchte als mitten in Istanbul. ANNETTE GROßBONGARDT
Von Annette Großbongardt

DER SPIEGEL 15/2007
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