07.04.2007

Das Haus der guten Hoffnung

Global Village: Im polnischen Szczecin arbeitet ein Gynäkologe daran, den Kindermangel der Deutschen zu beseitigen.
Deutschlands Zukunft ruht in einem grauen Schrank, bei 37 Grad, der Temperatur des menschlichen Körpers, geschützt durch einen Film aus Öl, in völliger Dunkelheit. Ein Embryo, ein trüber Klumpen aus wenigen Zellen, kaum einen Millimeter groß, der darauf wartet, dass sich hier, in der Dunkelheit des Inkubators, das Wunder des Lebens vollendet: Raum 934, 3. Stock, Pommersche Medizinische Akademie, Szczecin, früher Stettin.
"Sehen Sie", sagt Dr. Rafal Kurzawa, Gynäkologe, Fortpflanzungsmediziner, er schiebt sehr vorsichtig zwei Schälchen unter das Mikroskop. "Die Zellen teilen sich. Hier: ein Vierzeller. Und hier: ein Achtzeller. Der Beginn des Lebens. Jeder Embryo eine einzigartige Kombination aus Erbinformationen. Keine Kombination reproduzierbar."
Kurzawa, 40 Jahre alt, ein großer, freundlicher Mann mit lockigen Haaren, ist einer der Pioniere der künstlichen Befruchtung in Polen. Je mehr er wisse über die Fortpflanzung, sagt er, desto größer werde seine Ehrfurcht vor der Natur. Kurzawa ist Vater von zwei Söhnen, ihre Fotos hat er an die Wand im Labor gepinnt, neben das Mikroskop.
Als die Grenzen sich öffneten, zwischen Polen und Westeuropa, ging Kurzawa nach Belgien, nach Antwerpen. Er wollte lernen, wie man aus Eizellen und Spermien außerhalb des Körpers menschliches Leben erschafft, wie die Befruchtung im Reagenzglas funktioniert. Seit 1995 arbeitet er am Stettiner Universitätskrankenhaus. Ein vierstöckiger Bau, errichtet vor dem Zweiten Weltkrieg, an der Fassade und auf den Fluren die Narben von 40 Jahren Sozialismus. Technisch hat das Krankenhaus vom Zeitenwechsel profitiert: Die Nährflüssigkeit, in der die Embryonen wachsen, kommt aus Australien, die Mikroskope aus Japan, der Inkubator aus England. Der IVF-Arbeitsplatz, an dem die Eizellen befruchtet werden, wurde in Schweden gebaut.
Die Patienten kommen immer häufiger aus Deutschland: aus Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern, aus Berlin und Hamburg. Das Gesetz treibt sie über die Grenze, es soll die künstliche Befruchtung in Deutschland regeln und behindert sie häufig genug.
Das deutsche Embryonenschutzgesetz, seit 1991 in Kraft, ist, vorsichtig ausgedrückt, nicht leicht zu verstehen. Es erlaubt Samenspenden, nicht aber das Spenden von Eizellen. Es untersagt, einen im Reagenzglas befruchteten Zellklumpen wegzuwerfen - in einem Land, das die Abtreibung bis zum dritten Schwangerschaftsmonat erlaubt. Der Arzt darf die befruchteten Eizellen im Reagenzglas nicht auf Anomalien untersuchen; bei Feten im Mutterleib ist dies hingegen gängige Praxis.
Das Embryonenschutzgesetz ist der Versuch, die Frage zu beantworten, inwieweit der Mensch in die Schöpfung eingreifen darf. Weil niemand die richtige Antwort kennt, ist es ein Kompromiss. Der Gesetzgeber wollte es allen recht machen. Es ist ein sehr deutsches Gesetz.
Gerade wartet eine junge Frau aus Berlin auf Kurzawa, sie ist 37 Jahre alt. Seit vier Jahren versucht sie schwanger zu werden. Sieben Versuche haben sie und ihr Mann hinter sich, fünf davon in Szczecin, jetzt sparen sie auf Versuch Nummer acht. Gut 10 000 Euro haben die beiden bisher für den Traum von der eigenen Familie ausgegeben. "Das deutsche Gesetz ist völlig schwachsinnig", sagt sie. "Deutschland braucht Kinder, aber es macht es denen, die unbedingt Kinder wollen, unnötig schwer."
Tatsächlich halten die meisten deutschen Fortpflanzungsmediziner das Embryonenschutzgesetz für ein Unglück.
Das Unglück seiner deutschen Kollegen ist Kurzawas Glück. In Polen gibt es derzeit kein Gesetz, das die künstliche Befruchtung regelt.
Kurzawa darf beispielsweise bis zu fünf Tage warten, bis er sich entscheidet, welche befruchtete Eizelle er in den Mutterleib einsetzt. Nach fünf Tagen lässt sich einigermaßen zuverlässig sagen, aus welchem Zellhaufen ein Kind entstehen könnte und aus welchem eher nicht. In Deutschland muss der Arzt diese Entscheidung tref- fen, sobald unter dem Mikroskop die Verschmelzung von Eizelle und Samen erkennbar ist.
Es ist logisch, dass Kurzawa bessere Schwangerschaftsraten hat als seine deutschen Kollegen. Zudem sind künstliche Befruchtungen im Ausland oft wesentlich günstiger. In Stettin etwa ist die Behandlung nur halb so teuer wie in Deutschland. So kommt es, dass die Kinder, die Deutschland so dringend braucht, immer häufiger im katholischen Polen gezeugt werden.
Vor drei Jahren erließ die EU eine Richtlinie, die alle Mitgliedsländer aufforderte, ein Gesetz zu verabschieden, das Standards wie Luftreinheit oder Sauberkeit für Fortpflanzungskliniken festlegt. Die Polen sahen darin die Gelegenheit, die künstliche Befruchtung gesetzlich zu regeln. Kurzawa sah seine Chance. Ein Gesetz, sagt er, muss vor allem clever sein. Stimmig, konsequent, ohne Widersprüche. Es muss, mit anderen Worten, das Gegenteil sein vom deutschen Gesetz. Er dachte daran, sich selbständig zu machen. Irgendwann lag ein Gesetzentwurf vor, in diesen Wochen soll das polnische Parlament darüber abstimmen. Der Entwurf ist denkbar einfach: Stammzellenforschung und Klonen sollen in Polen verboten sein. Alles, was nicht verboten ist, ist erlaubt. Das polnische Gesetz, sagt Kurzawa, wird "sehr clever" sein.
Mittlerweile ist seine Praxis fertig. 250 Quadratmeter, die Patientenräume in warmen Erdtönen, mit Holzfußboden, der OP-Bereich in leuchtendem Blau. Kurzawa hat die Farben selbst ausgesucht. Und er hat eine deutsche Web-Seite eingerichtet. HAUKE GOOS
Von Hauke Goos

DER SPIEGEL 15/2007
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