07.04.2007

FUSSBALLOssi für alle

In der Bundesliga ist Hans Meyer ein Exot: Er hat als Einziger schon in der DDR-Oberliga als Trainer gearbeitet, bekennt sich noch heute zur Idee des Sozialismus und ist mit 64 Jahren der Älteste und Lustigste seiner Zunft. Jetzt will er den 1. FC Nürnberg ins Pokalfinale führen.
Man sollte sich die Lobby des Hotels als eine Bühne vorstellen. Weitgehend leer ist sie, denn die Stunde ist fortgeschritten. An der Wand hängt ein großer Flachbildschirm, es läuft stumm das Programm des Deutschen Sportfernsehens. Eine junge Frau zeigt ihren entblößten Oberkörper und animiert dazu, sie anzurufen und Wörter zu raten. Hans Meyer hat ihr den Rücken zugewandt und spricht über Deutschland.
Es geht darum, dass so wenige, die damals in der DDR erfolgreich waren, es heute gleichermaßen in Ost- wie in Westdeutschland sind. Meyer wischt sich Schweißperlen von der Stirn, die es gar nicht gibt. Dann schaut er sich kurz über die Schulter, als wäre da jemand, der ihn nicht hören soll. Mit der Zunge befeuchtet er die Lippen, beugt sich vor und sagt leise: "Eigentlich nur Angela Merkel und ich." Um dieser Pointe ausreichend Nachklang zu geben oder als würde er darauf warten, dass Gelächter vom Band eingespielt wird, lehnt er sich in seinem Stuhl zurück und grinst.
Hans Meyer ist der einzige Bundesliga-Coach des Jahres 2007, der auch in der
DDR-Oberliga als Trainer gearbeitet hat. Mit 64 Jahren ist er älter als alle seine Kollegen und als Einziger sichtbar übergewichtig. Außerdem ist er erfolgreich beim 1. FC Nürnberg, der in vielen Jahren zuvor stets treues Wirtstier aller Krisen war, die es im Fußball gibt. In der letzten Saison sah es mal wieder so aus, als wäre der Club auf dem Weg in die Zweite Liga. Meyer übernahm die Mannschaft als Schlusslicht, jetzt steht das Team im oberen Drittel der Bundesligatabelle und kann sich am 17. April zum ersten Mal seit einem Vierteljahrhundert wieder fürs Pokalfinale qualifizieren.
Im Fan-Shop gibt es einen Schal mit dem eingestrickten Porträt des Trainers; er verkauft sich so gut wie der Schal des Torjägers Róbert Vittek. Aber Meyer ist in Nürnberg weniger ein gefeierter Star, eher wird er verehrt. Wenn er an der Umrandung des Trainingsplatzes lehnt und seine Mannschaft beobachtet, kommen die Zuschauer in seine Nähe, als wollten sie sich an ihm wärmen. Nach dem Training scharen sie sich um ihn, als warteten sie auf seinen nächsten Auftritt. Man muss sich den Fußballtrainer Meyer nämlich auch als einen Schauspieler vorstellen.
Populär geworden ist er durch seine Auftritte im Fernsehen, wo seine Antworten auf Reporterfragen nach Spielen fast immer bemerkenswert geistesgegenwärtig sind. Gefragt, was er angesichts des späten Ausgleichstors gegen seine Mannschaft machen würde, sagte er nach einer Partie in dieser Saison: "Wenn wir denjenigen rausfinden, der es verschuldet hat, werden wir ihn erschießen." Als er nach seiner Vertragsverlängerung in Mönchengladbach erzählen sollte, wie die Spieler darauf reagiert hätten, sagte er: "Wir mussten das Training für eine halbe Stunde unterbrechen, weil sie sich so gefreut haben. Einige haben sogar geweint!"
Es gibt seitenlange Sammlungen dieser Sprüche, denn Meyer hat nicht nur Sinn für Pointen, sondern auch einen stark bildhaften Ausdruck und den Hang, umweglos von Hochsprache ins derbe Vokabular zu wechseln. Wahrscheinlich ist Meyer der originellste Rhetoriker der Bundesliga.
In der DDR erfuhr davon kaum jemand, obwohl Meyer zwölf Jahre lang den FC Carl Zeiss Jena trainierte und drei Spielzeiten den FC Rot-Weiß Erfurt. "Fußballspieler oder Trainer wurden in ihrer Position nicht überhöht", sagt Meyer, bei den öffentlichen Auftritten gaben sie allenfalls brav sportliche Einschätzungen ab. Die Idee, Fußballer zu Stars zu machen, war in der DDR ferner als die Umlaufbahn des "Sputnik". Die einzigen Auftritte eines Trainers waren die vor seiner Mannschaft.
"Hans Meyer gehört seit dreieinhalb Jahrzehnten zu den fünf besten Trainern in Deutschland", sagt Dr. Paul Dern, von dessen Wohnzimmer im Kernbergviertel man auf Jena hinuntersehen kann. Geht man von seinem Haus noch drei Straßen weiter, blickt man über das Ernst-Abbe-Sportfeld, wo er und Meyer fast 20 Jahre zusammen gearbeitet haben. Dern war Sportwissenschaftler und Lauftrainer beim FC Carl Zeiss, Meyer erst sein Spieler und dann Cheftrainer. Weil sie sich so lange kennen und der 84-jährige Dern eine Art väterlicher Freund Meyers ist, möchte er sein Lob unbedingt belegen. Also zählt er auf, wie fleißig Meyer war und dass er sich ständig weitergebildet hat, wie gut vorbereitet er ins Training ging, wie viel er von Fußball versteht und wie geschickt er im Umgang mit der Mannschaft war.
"Ich habe wenige Trainer erlebt, die so ein Fachwissen haben", sagt Max Eberl, Verteidiger bei Borussia Mönchengladbach, als Meyer dort arbeitete. Sonntags- früh liefen sie sich immer über den Weg, wenn sie ihre Hunde ausführten. "Da hat er mir regelmäßig gesagt, was ich für ein Blinder sei." Das war als freundschaft-liches Schulterklopfen gemeint, und Eberl hat es auch so verstanden. Er gehört zu den vielen Spielern, die bewundernd über Meyer sprechen, und verblüffenderweise gehören dazu nicht wenige, die er aussortiert hatte. Vor allem, sagt Eberl, konnte Meyer in einfachen Worten erklären, was ein Spieler auf dem Platz zu tun hat: "Für mich war es hinterher egal, ob ich gegen Sascha Licht von Waldhof Mannheim spiele oder gegen den brasilianischen Nationalspieler Zé Roberto."
Eberl ist inzwischen verantwortlich für die Nachwuchsarbeit in Mönchengladbach, eine Frage aber stellt er sich noch heute: Sind Meyers gefürchtete Gefühlsausbrüche echt oder gespielt? Denn es ist ein beeindruckendes Spektakel, wenn dieser große Mann mit dem mächtigen Körper und den riesigen Pranken in Wallung gerät, weil er meint, dass ein Spieler auf dem Trainingsplatz schludrig arbeitet. Meyer schreit dann nicht nur, er wirkt wie von Dämonen geschüttelt, und niemand möchte mit dem Unglückseligen tauschen, der Zielscheibe seines Zorns ist.
"Halb-halb", sagt Meyer über die Echtheit seiner Ausbrüche, "aber manchmal sehe ich da oben schon Sternchen." Das kann in schlechteren Momenten auch vor der Fernsehkamera passieren, wenn Meyer einem Reporter einfach nur rüde über den Mund fährt, ohne Witz und ohne Charme. Trotzdem hat die Mischung aus Ironie, Schwank und Ruppigkeit dazu beigetragen, dass an dem Witz von Angela Merkel und Hans Meyer als den beiden großen Gesamtdeutschen aus dem Osten etwas dran ist. Seine Kabbeleien mit den Reportern gefallen den Zuschauern am Niederrhein so gut wie an der Saale, in Thüringen so gut wie in Franken. Meyer zeigt sich dabei in dem Sinne als Mann des Volkes, als
er sich nichts von denen gefallen lässt, die sonst immer das letzte Wort haben.
Dass sie darauf jedoch im Osten besonders stolz sein könnten, davon will Meyer nichts wissen. "Man braucht doch keinen Hans Meyer, um zu wissen, dass wir in allen Bereichen des Lebens Fachkräfte hatten", sagt er etwas zu laut, als ob gleich einer dieser Ausbrüche käme.
In Wahrheit gehörte Meyer nach der Wende genau zu den Fachkräften, die im Westen nicht ernst genommen wurden. Obwohl er mit dem FC Carl Zeiss dreimal den DDR-Pokal gewonnen hatte und in der Liga viermal Zweiter geworden war. 1981 hätte Jena sogar fast den Europapokal der Pokalsieger gewonnen, auf dem Weg ins Finale wurden reihenweise europäische Spitzenclubs geschlagen: AS Rom, Benfica Lissabon und der FC Valencia. Im Gegensatz zu den meisten Kollegen im Westen hatte Meyer ein abgeschlossenes Sportstudium und wissenschaftlich gearbeitet. Er hatte sogar Auslandserfahrung, denn im Rahmen von Spielbeobachtungen, Fortbildung und Sportaustausch bereiste Meyer 40 Länder. Sein erstes Angebot aus dem Westen bekam er dennoch erst 1996 - aus Holland.
"Dass er es geschafft hat, das reklamieren wir Ossis natürlich für uns, und darauf sind wir stolz", sagt Peter Poser, der Vereinsfotograf des FC Carl Zeiss Jena ist und Meyer nun auch schon seit Anfang der siebziger Jahre kennt. Außerdem ist im Osten aufmerksam vermerkt worden, dass der Trainer trotz des persönlichen Erfolgs seine Herkunft nicht unterschlägt. "Ich bin eine der wenigen öffentlichen Personen, die weder verleugnen, in der DDR privilegiert gelebt noch sich sehr wohl gefühlt zu haben", sagt Meyer selbst.
Dass er in der Bundesliga auffällt, hat auch damit zu tun, dass er sich einen fremden Blick bewahrt hat. Weil es früher keine Journalisten gab, deren Berichterstattung seine Arbeit beeinflusste, akzeptiert er das auch heute nicht. Seine Verachtung kann immer noch jeden Reporter treffen, der seiner Meinung nach bewusst falsche Informationen lanciert, danach gibt es wenig Verhandlungsspielraum. Meyer ist der einzige Trainer in der Bundesliga, der seit Jahren jenseits offizieller Pressetermine nicht mit "Bild" spricht. Das Blatt nennt er nur "die Zeitung" und sagt offen, dass sie nur niedrigste Instinkte anspreche. In diesem Zusammenhang sind auch seine Auftritte im Fernsehen zu sehen, die in ihren besten Momenten Medienkritik vor laufenden Kameras sind.
"Es ist für mich schwerer als früher, die Gruppe zusammenzuhalten", sagt er. Dabei würden die Fußballprofis von heute nicht bewusst den Zusammenhalt des Teams untergraben. "Aber sie schauen viel mehr auf sich und nehmen nicht wahr, wenn sie der Gruppe schaden." Die Zuschreibungen der Medien, die Kicker zu Helden oder Versagern erklären, spielen dabei eine Rolle. Aber der wirkliche Motor hinter diesem Egoismus ist nach Ansicht von Meyer das Geld. Deshalb sei der Umgang miteinander auch anders als in der DDR, wo niemand richtig reich, aber auch nicht richtig arm werden konnte.
Wahrscheinlich aber hat Meyer aufgrund seines fremden Blicks auch die Mechanismen des Markts besonders gut verstanden. In der Bundesliga gilt er als geschickter Vertreter eigener Interessen, auch wenn er das selbst vehement bestreitet. Meyer schließt zunächst Verträge ab, die jederzeit kündbar sind. Das lässt die Vereinspräsidenten so lange jubeln, bis Angebote von größeren Clubs kommen. In Nürnberg fragten der Hamburger SV an und der FC Bayern (was Meyer bestreitet), inzwischen ist er der bestbezahlte Trainer in der Geschichte des 1. FC Nürnberg. In Mönchengladbach kündigte er mitten im Abstiegskampf seinen Abschied an, das Präsidium strich daraufhin eilig eine Ausstiegsklausel aus seinem Vertrag. Zwei Wochen später trennte man sich einvernehmlich - unter Fortführung der vollen Bezüge. Man wird den Eindruck nicht los, dass Meyer Spaß daran hat, die Kapitalisten auf ihrem Terrain zu schlagen. Zum Vorteil seiner acht Enkel, wie er stets betont.
Auswärtssiege sind das für einen Mann, der in der SED war, weil er eine bessere Gesellschaft mitgestalten wollte. Der miterlebte, dass "die Idee des Sozialismus total vor den Baum gefahren wurde". Der weiterhin davon überzeugt ist, dass es wertvolle Ziele sind, wenn jeder Mensch eine vernünftige Schulausbildung bekommt, einen sicheren Arbeitsplatz und kostenlosen Arztbesuch. Und der sich darüber ärgert, dass die Geschichte der DDR nur auf Stasi und Todesstreifen reduziert werde. "Was diese DDR war, ist öffentlich nicht aufgearbeitet, eine Menge normales Leben wird total negiert", sagt er.
Mit diesem Gefühlsmix ist er im Jahr 18 nach der Wende nicht allein, viele ehemalige DDR-Bürger werden sich dort wiederfinden. Aber weil das Thema riskant ist, spricht Meyer selten öffentlich darüber. Vielleicht auch, weil er es kaum in Standup-Burlesken verpacken kann. Und sind die nicht Teil seiner Strategie, sich in Szene zu setzen, um dadurch alles unter Kontrolle zu halten? Passt in diesem Zusammenhang nicht auch die Bemerkung von Nürnbergs Manager Martin Bader über ihn: "Misstrauen ist sein zweiter Name"?
Im Fernsehen läuft das Freitagsspiel der Bundesliga, die meisten Spieler sind schon auf ihrem Zimmer. Torhüter Raphael Schäfer sitzt noch zusammen mit Stürmer Iwan Sajenko, Co-Trainer Jürgen Raab, Manager Bader und Udo Rauh, dem Busfahrer, im Adi-Dassler-Raum des Mannschaftshotels. Meyer hat eine Kugel Nusseis bestellt, bekommt aber eine Schale mit drei Kugeln. Er bestellt eine leere Schale und füllt eine Kugel um. Dann behält er die Schale mit den zwei Kugeln und gibt Bader die andere. Meyer hat in den vergangenen Monaten trotzdem abgenommen, oder? "Nein, meine Haare sind nur besser geschnitten."
Das Spiel zwischen Bielefeld und Dortmund hängt gerade durch, Sajenko liegt gelangweilt mehr auf einer Bank, als dass er sitzt. "Na Iwan, wird's nicht Zeit, in Moskau anzurufen?", fragt Meyer. Offensichtlich möchte er zum Ausklang des Tages noch einmal die Bühne betreten, aber der Russe spielt nicht richtig mit. Er grinst zwar, sagt aber nichts. Und Meyer, das ist fast ungeheuerlich, bleibt eine Pointe schuldig.
An diesem Abend gibt es keine Aufführung mehr. Stattdessen isst er weiter friedlich sein Eis und schaut einfach nur Fußball, das Bundesligaspiel am nächsten Tag gewinnt der 1. FC Nürnberg.
CHRISTOPH BIERMANN
Von Christoph Biermann

DER SPIEGEL 15/2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 15/2007
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

FUSSBALL:
Ossi für alle

  • Stimme aus dem Sarg: Toter spricht auf seiner eigenen Beerdigung
  • Rituale im britischen Unterhaus: "Lady Usher of the Black Rod"
  • Englands Trainer nach rassistischen Vorfällen: "Wir haben ein Statement abgeliefert"
  • Optische Illusionen: Alles höchst verwirrend