07.04.2007

PREISVERLEIHUNGENEs ist nie vorbei

Bei den Laureus-Awards in Barcelona treffen sich die Legenden der Sportgeschichte, um die Besten des Jahres zu küren - und alte Schlachten zu schlagen.
Den Schnauzer hat er sich schon lange abrasiert. Die Haare sind grau geworden, er trägt Gesundheitsschuhe und einen viel zu weiten Zweireiher. Man braucht Phantasie, um Mark Spitz wiederzuerkennen, während er leicht humpelnd den roten Teppich abschreitet, vorbei an den Fotografen und den Kamerateams.
Es gibt ein Poster von ihm, das ihn in Badehose und mit seinen Goldmedaillen um den Hals zeigt. Schwarze Haare, schwarzer Schnauzer, das Sixpack prall und fest. 35 Jahre ist das Foto alt, es entstand 1972 kurz nach den Olympischen Spielen von München.
In nur wenigen Tagen hatte er damals siebenmal Gold geholt, in jedem seiner Finals schwamm er einen Weltrekord. Siebenmal Gold, das hat niemand vor ihm geschafft und niemand danach. Es war einer der großen Momente in der Geschichte des Sports. So groß wie die vier Goldmedaillen von Jesse Owens in Berlin 1936 oder das 1000. Tor von Pelé. Unvergesslich für alle, die das erlebten, und für Mark Spitz erst recht.
Er ist jetzt 57 Jahre alt, die Knie sind kaputt, der Körper ist verbraucht, aber von den Tagen in München erzählt er, als ob er immer noch schwimmt in der Schwimmhalle des Olympiaparks von München. Seine Zeiten, die Namen seiner Konkurrenten, den Ablauf der Wettbewerbe, nichts hat er vergessen. "Es gibt nicht Schöneres", sagt Mark Spitz, "als das Gefühl, der Beste der Welt zu sein."
Es ist ein Gefühl, das man für die Ewigkeit konservieren will.
Spitz ist nach Barcelona gekommen, um zusammen mit 43 anderen lebenden Legenden wie Giacomo Agostini, Michael Jordan, Sergej Bubka, Sebastian Coe, Franz Klammer, Boris Becker, John McEnroe, Martina Navratilova, Jack Nicklaus, Alberto Tomba und Edwin Moses die Sportler des Jahres zu küren.
Die größten Helden des Sports müssen entscheiden, wer ihre Nachfolger sind. Auch wenn es manchmal weh tut.
Laureus ist ein lateinisches Wort, es heißt "vom Lorbeer" und klingt wie der Name eines neuen Autos. Erfunden hat den Preis DaimlerChrysler. Ein Sport-Oscar scheint eine gute Idee zu sein, um eine Welt AG global zu vermarkten. Spaniens König Juan Carlos ist der Schirmherr, die Fernsehbilder werden ausgestrahlt in mehr als 190 Länder. Tagelang kreuzt eine riesige Flotte von Mercedes-Limousinen mit dem Laureus-Logo auf den Boulevards von Barcelona. Hollywoodstars wie Eva Longoria oder Morgan Freeman wurden eingeflogen, und nun sitzen sie alle im Palau Sant Jordi, einer Sporthalle auf dem Montjuïc, die aussieht wie ein Ufo, das notlanden musste und mittlerweile etwas Rost angesetzt hat.
Die russische Stabhochspringerin Jelena Isinbajewa erhält an diesem Abend den Award für die Sportlerin des Jahres, Roger Federer bekommt zum dritten Mal hintereinander den Laureus, zum ersten Mal ist er nicht da. Dann betritt Franz Beckenbauer, ebenfalls ein Mitglied der Laureus Academy, die Bühne. Er wird für sein Lebenswerk ausgezeichnet.
Im Licht der Scheinwerfer warten seine großen Rivalen: Sir Bobby Charlton, Beckenbauers Gegenspieler aus dem WM-Finale 1966, und Johan Cruyff, sein Gegner aus dem Finale acht Jahre später. Im ersten Finale verlor Beckenbauer, das zweite gewann er, aber die Schlachten sind noch nicht vorbei.
Beckenbauer begrüßt erst den König von Spanien, dann "Sir Bobby" und schließlich, kurze Pause, "King Johan". Wahrscheinlich ist das nett gemeint vom Kaiser, eine Verbeugung vor einem großen Fußballer, aber man weiß nie, ob Beckenbauers Formulierungen Zufall oder Absicht sind. Das ist der Moment, in dem sich Cruyff nicht mehr an den Teleprompter-Text hält, der für alle sichtbar an die Rückwand der Halle projiziert wird.
Franz Beckenbauer, sagt Cruyff, sei der beste Fußballer, den Deutschland jemals hervorgebracht hat, dann fügt er hinzu: "as he believes", jedenfalls glaube er das.
So wie Mark Spitz nicht loslassen kann von seinen Goldmedaillen, so spielt auch Cruyff immer noch das WM-Finale von 1974, als die Wut in ihm aufstieg, weil er begriff, dass er mit seinem schönen Fußball keine Chance hat gegen die Wucht der Deutschen. Triumphe sind ewig, Niederlagen auch.
Mark Spitz verbringt den Abend an der Seite von Marvin Hagler, einem Box-Weltmeister, der vor 20 Jahren seinen letzten Kampf bestritt und dessen Gesicht immer noch so verbeult ist, als ob er am vergangenen Samstag in Las Vegas selbst im Ring gestanden hätte.
Die beiden sitzen an Tisch 31, ein paar Meter nur entfernt von König Juan Carlos und Fürst Albert II. von Monaco. Einen Tag vor den Awards hat der Amerikaner Michael Phelps bei der Schwimm-WM in Melbourne seinen siebten Titel geholt. Phelps ist 21 Jahre alt, ein Jahr jünger als Spitz in München 1972. Vor drei Jahren in Athen gewann er sechsmal Gold, er kommt Spitz immer näher. Man sieht Mark Spitz an, dass ihm der Gedanke daran keinen Spaß macht.
Er kennt Phelps' Zeiten, dessen Stärken und Schwächen, als wären sie seine eigenen, dabei sind sie sich nur ein paar Mal über den Weg gelaufen. Kommendes Jahr bei den Spielen in Peking will Phelps acht- mal Gold holen. Für Spitz muss sich das anfühlen, als wolle ihn jemand aus dem Pantheon vertreiben.
"Wenn Michael Phelps es schafft, werde ich zu ihm gehen und ihm die Hand schütteln", sagt Mark Spitz. "Ich bin ein guter Mensch, auch wenn meine Frau vielleicht anderer Meinung ist." LOTHAR GORRIS
Von Lothar Gorris

DER SPIEGEL 15/2007
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