07.04.2007

LITERATURIm Auge des Sturms

Eine Welle von Serienmorden erschüttert Anfang der sechziger Jahre Boston und Umgebung. Mindestens 13 Frauen werden grausam missbraucht und dann stranguliert. Der "Boston Strangler" bleibt unentdeckt, bis sich 1965 ein gewisser Albert DeSalvo schuldig bekennt.
Die amerikanische Öffentlichkeit ist bis heute von dem Fall wie hypnotisiert. Nun hat sich Sebastian Junger eingeschaltet, der seit seinem Welterfolg "Der Sturm" - verfilmt von Wolfgang Petersen - als einer der brillantesten Tatsachenerzähler der US-Literatur gilt.
Und es ist die eigene Biografie, die ihn mit dem Fall verbindet, Junger lebte im Auge dieses Verbrechens-Sturmes: Er ist ein Baby, als der später verurteilte Massenmörder DeSalvo als Handwerker in seinem Elternhaus ein und aus geht und wenige Häuser entfernt ein Mord nach dem bekannten Serienschema verübt wird. In einem zweifelhaften Schnellverfahren verurteilte man damals den Schwarzen Roy Smith. Bei dem späteren Prozess gegen DeSalvo kam dieser Mord nicht zur Sprache.
In "Tod in Belmont" rollt Junger die Prozesse gegen Smith und DeSalvo auf, legt deren mangelhafte Beweisführung offen, zeigt Korruptheit und Rassismus. Das alles mag nicht neu sein, doch in Jungers Händen wird aus der Recherche ein packender Roman. Die Handlung ist dicht, die Sprache, die in den ersten drei Kapiteln mit einer holpernden Übersetzung zu kämpfen hat, entwickelt einen unwiderstehlichen Sog.
Junger führt den Leser immer tiefer in die Psyche eines Massenmörders. Und die detailreichen Schilderungen der Morde bettet er in die Geschichte der Bürgerrechtsbewegung, den schmerzhaften Neu-Aufbruch Amerikas. Am Ende führt Jungers Detailversessenheit und Akribie die eigene Absicht allerdings ad absurdum.
Er kann nicht mit letzter Sicherheit klären, wer schuldig ist. Die objektive Wahrheit, so der Journalist, lasse sich auch mit virtuosester Einfühlung nicht restlos herstellen, der Zweifel bleibt - dennoch lohnt sich dieses Buch.
Sebastian Junger: "Tod in Belmont". Aus dem Amerikanischen von Jürgen Bürger. Blessing Verlag, München; 320 Seiten; 19,95 Euro.

DER SPIEGEL 15/2007
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