07.04.2007

EIN EINZIGES, GROßES KONZERT

Was kommt nach dem Tod? Der italienische Journalist Tiziano Terzani (1938 - 2004) wusste, dass sein Ende nahte, als er ein letztes Gespräch über diese Menschheitsfrage mit seinem Sohn Folco führte. Unter dem Titel „Das Ende ist mein Anfang“ erscheint der in Italien als Bestseller gefeierte Vater-Sohn-Dialog nun auf Deutsch. Ein Auszug:
Sieh dir die Natur an, von dieser Wiese aus, sieh sie dir genau an, hör ihr zu. Der Kuckuck; all die zwitschernden Vögel in den Bäumen - wer die wohl sind? -, die Grillen im Gras, der Wind, der durchs Laub streicht. Ein einziges, großes Konzert mit einem eigenen Leben, das von dem Tod, auf den ich warte, vollkommen unberührt bleibt. Die Ameisen krabbeln weiter auf ihrem Weg, die Vögel singen ihrem Gott ein Lied, und der Wind weht wie eh und je.
Was für eine große Lehre! Deshalb bin ich so heiter. Seit Monaten spüre ich eine geballte Freude in mir, die in alle Richtungen ausstrahlt. Ich habe das Gefühl, nie zuvor so leicht und glücklich gewesen zu sein. Und wenn du mich fragst: Wie geht es dir?, kann ich nur antworten: Hervorragend. Mein Kopf ist frei, ich fühle mich wunderbar. Nur dieser Körper fault vor sich hin und ist inzwischen überall leck. Das Einzige, was bleibt, ist, sich von ihm zu lösen und ihn seinem Schicksal zu überlassen, dem Schicksal der Materie, die zerfällt und wieder zu Staub wird. Ohne Angst, denn es ist doch die natürlichste Sache der Welt. Aber eben weil mir nur noch wenig Zeit bleibt, möchte ich noch etwas Letztes tun: mit dir reden. Mit dir, der du fünfunddreißig Jahre lang - wie alt bist du jetzt eigentlich? Vierunddreißig? - Teil meines Lebens gewesen bist, Zuschauer dieser langen Reise, die du von unten, aus der Perspektive des Sohns, mitverfolgt hast. Immer warst du
da, und doch weiß ich, dass du nicht mein ganzes Leben kennst. So wie ich eigentlich nur sehr wenig vom Leben meines Vaters wusste und am Ende bedauerte, nicht ein wenig Zeit mit ihm verbracht zu haben, um darüber zu reden.
FOLCO: Also hast du deinen Tod tatsächlich angenommen, Papa?
TIZIANO: Weißt du, der "Tod" ist etwas, was ich gern vermeiden würde. Die indische Wendung "den Körper verlassen", die dir so geläufig ist wie mir, finde ich viel schöner. Mein Traum wäre es, zu verschwinden, als gäbe es diesen Moment der Trennung nicht. Der letzte Akt des Lebens, den man Tod nennt, macht mir keine Angst, denn ich habe mich auf ihn vorbereitet.
Ich will nicht sagen, dass es in deinem Alter genauso wäre. Aber in meinem! Ich habe alles getan, was ich wollte, ich habe ungeheuer intensiv gelebt, und ich habe nicht das Gefühl, ich hätte irgendetwas versäumt. Ich brauche nicht zu sagen: "Ach, wie gern hätte ich noch ein bisschen Zeit, um dies oder jenes zu tun." Und ich habe keine Angst - dank jener zwei, drei Dinge, die ich für wesentlich halte und die alle Großen und Weisen der Vergangenheit begriffen haben. Was ist es, was uns am Tod so ängstigt?
Was uns vor Angst erstarren lässt, wenn wir an den Augenblick des Todes denken, ist die Vorstellung, dass in dem Moment alles, woran wir hängen, verschwindet. Zunächst einmal der Körper. Was für eine ungeheure Bedeutung haben wir ihm zugemessen! Denk doch nur, wie wir mit ihm wachsen, wie wir uns mit ihm
identifizieren. Sieh dich an, so jung, so stark, überall Muskeln. Ich war doch genauso! Ich bin jeden Tag kilometerweit gejoggt, um in Form zu bleiben, ich habe Gymnastik gemacht, ich hatte gerade Beine, einen dichten Schnurrbart und den ganzen Kopf voller rabenschwarzer Haare! Ich war ein schöner junger Mann! Wenn einer "Tiziano Terzani" sagt, stellt er sich diesen Körper vor.
Das ist doch zum Lachen! Sieh dir an, wie ich jetzt aussehe! Nur noch Haut und Knochen, die Beine geschwollen, der Bauch rund wie ein Ballon! Die Geometrie des Körpers wird auf den Kopf gestellt: Zuerst hat man breite Schultern und schmale Hüften, jetzt habe ich schmale Schultern und einen riesigen Bauch. Wieso sollte ich an diesem Körper hängen? Einem Körper, der mit jedem Tag schwächer wird, dem die Haare ausfallen, der nur noch humpeln kann, an dem die Chirurgen herumschnippeln?
Wir sind nicht dieser Körper. Aber was sind wir dann? Wir glauben, all das zu sein, was wir mit dem Tod zu verlieren fürchten. Unsere Identität. Da hast du dich mit deinem Beruf identifiziert, Journalist, Rechtsanwalt, Bankdirektor, und der Gedanke, dass all das auf einmal verschwindet, dass du nicht mehr der große Journalist oder der erfolgreiche Bankdirektor bist, dass der Tod dir all das nimmt, erschüttert dich. Und dann alles, was dir gehört - das Fahrrad, das Auto, ein wertvolles Bild, das du dir mit den Ersparnissen deines ganzen Lebens gekauft hast, ein Grundstück, ein Häuschen am Meer. Alles deins! Und jetzt stirbst du und verlierst es. Der Grund, warum wir solche Angst vor dem Tod haben, ist, dass wir plötzlich auf alles verzichten müssen, woran unser Herz hing, unseren Besitz, unsere Wünsche, unsere Identität. Ich habe das bereits hinter mir. In den letzten Jahren habe ich all diese Dinge über Bord geworfen, und jetzt gibt es nichts mehr, woran ich hänge. Denn natürlich bist du nicht dein Name, natürlich bist du nicht dein Beruf und auch nicht dein Haus am Meer. Und wenn du schon im Leben lernst zu sterben, wie die Weisen der Vorzeit es gelehrt haben - die Sufis, die Griechen, unsere geliebten Rischis im Himalaja -, dann gewöhnst du dich daran, dich mit diesen Dingen nicht zu identifizieren und zu erkennen, von was für einem absolut begrenzten, vorübergehenden, lächerlichen, vergänglichen Wert sie sind. Wenn dein Haus am Meer eines Tages - wrumm! - von einer Sturmflut fortgerissen wird; wenn dein Sohn, einer wie du, der du so lange mein Kind gewesen bist, um den ich mir so viele Gedanken und manchmal auch Sorgen gemacht habe, aus dem Haus geht und ihm ein Ziegelstein auf den Kopf fällt und auf einmal - wrumm! - alles vorbei ist, dann begreifst du, dass du unmöglich etwas sein kannst, was einfach so verschwindet. Und wenn du im Laufe des Lebens zu begreifen beginnst, dass du nicht diese Dinge bist, dann trennst du dich allmählich davon, dann lässt du sie los. Dann lässt du auch das los, was dir am teuersten ist, wie in meinem Fall die Liebe zu deiner Mutter. All die siebenundvierzig Jahre, die wir zusammen gewesen sind, habe ich deine Mutter geliebt, und wenn ich sage, dass ich diese Liebe loslasse, heißt das nicht, das ich sie nicht mehr liebe, sondern dass ich nicht mehr Sklave dieser Liebe bin; dass ich nicht mehr von ihr abhänge; dass ich mich auch von ihr gelöst habe. Diese Liebe ist Teil meines Lebens, aber ich bin nicht diese Liebe.
Ich bin vieles ... oder vielleicht auch nichts. Aber ich bin nicht diese eine Sache. Und der Gedanke, im Moment des Todes diese Liebe zu verlieren, dieses Haus in Orsigna zu verlieren, dich und Saskia zu verlieren, meinen Beruf zu verlieren, kümmert mich nicht mehr. Es macht mir keine Angst mehr, denn ich habe mich daran gewöhnt. Das hat mich der Himalaja gelehrt, die Einsamkeit dort oben, die Natur, das Glück, diese Krankheit zu bekommen und die Gelegenheit zu haben, über diese Dinge nachzudenken.
Der andere wesentliche Punkt im Leben eines Menschen, der nicht nur älter, sondern auch reifer wird (wie hoffentlich auch in meinem Fall), ist das Verhältnis zu seinem Verlangen. Das Verlangen ist unsere große Triebfeder. Hätte Kolumbus nicht das Verlangen verspürt, einen neuen Weg nach Indien zu finden, hätte er Amerika nie entdeckt. Der ganze Fortschritt des Menschen, oder Rückschritt, wenn du so willst, die ganze Zivilisation oder De-Zivilisation ist auf das Verlangen zurückzuführen, alle Arten von Verlangen, angefangen vom einfachsten, dem körperlichen, dem Verlagen, das Fleisch eines anderen zu besitzen.
Das Verlangen ist ein unglaublicher Antrieb, das will ich gar nicht bestreiten. Es ist wichtig und hat die Geschichte der Menschheit geprägt. Aber noch einmal: Wenn du anfängst, es genauer zu betrachten - was ist dieses Verlangen dann? Was sind diese Bedürfnisse, denen du dich nicht entziehen kannst? Vor allem heute, in dieser Gesellschaft, die uns dazu drängt, Bedürfnisse zu erfinden und unter diesen Bedürfnissen die banalsten, die materiellen, zu bevorzugen, die aus dem Supermarkt, wenn du so willst. Das Verlangen nach diesen Dingen ist nutzlos, banal, lächerlich.
Das wahre Verlangen, wenn man denn eines will, ist das Verlangen, man selbst zu sein. Das Einzige, was zu ersehnen Sinn hat, ist, vor keinen Entscheidungen mehr zu stehen, denn die wahre Entscheidung ist nicht die zwischen zwei Sorten Zahnpasta, zwei Frauen oder zwei Autos. Die wahre Entscheidung ist die, du selbst zu sein. Wenn du dich an den Gedanken gewöhnst oder bestimmte Übungen in der Richtung machst, wenn du darüber nachdenkst - nachdenkst! -, dann wirst du erkennen, dass jedes Verlangen eine Form von Sklaverei ist. Denn je heftiger du verlangst, desto mehr begrenzt du dich. Bis dein Verlangen so stark ist, dass du nichts anderes mehr denken und tun kannst, dass du zu seinem Sklaven wirst.
Wenn du dann älter wirst und reifer, beginnst du das alles möglicherweise zu sehen ...
Er lacht.
... und kannst über all dieses Verlangen lachen, das jetzige und das von früher; kannst darüber lachen, dass es zu nichts nütze ist, dass es genauso vergänglich ist wie alles andere, wie das ganze Leben. Und so lernst du allmählich, dich davon zu befreien, es aus dem Weg zu räumen. Auch den letzten Wunsch, den alle haben, den Wunsch nach einem langen Leben. Wenn man denkt, "Gut, mir liegt nichts mehr an Geld und Ruhm, und kaufen will ich auch nichts mehr. Aber was gäbe ich nicht für ein Mittel, das mir noch zehn Jahre schenkt!"
Auch diesen Wunsch habe ich nicht mehr. Ich habe ihn einfach nicht mehr.
Ich kann mich glücklich schätzen. Denn die Jahre der Einsamkeit in der Hütte im Himalaja haben mir gezeigt, dass es für mich nichts mehr zu wünschen gab. Dort brauchte ich nichts als ein wenig Wasser zum Trinken, und das gab es an der Quelle, wo auch die Tiere hinkamen. Zum Essen hatte ich ein bisschen Reis mit
Gemüse, den ich mir über dem Feuer kochen konnte. Was hätte ich mir denn wünschen können? Doch nicht, mir im Kino den neuesten Film anzusehen! Was hätte ich denn davon?! Was würde das an meinem Leben ändern? Nichts mehr, nichts! Denn was mir jetzt bevorsteht, ist vielleicht die seltsamste, interessanteste, neueste Sache, die mir je untergekommen ist.
Das ist der Grund, weshalb ich keine Lust mehr habe, in diesem Leben zu verweilen. Weil dieses Leben meine Neugier nicht mehr weckt. Ich habe es von innen und von außen gesehen, von allen Seiten, und die Wünsche, die es in mir wecken könnte, interessieren mich nicht mehr. Der Tod ist wirklich ...
Er lacht.
... das einzig Neue, was mir noch passieren kann, denn er ist etwas, was ich noch nie gesehen habe, noch nie erlebt habe. Nur bei den anderen.
Vielleicht ist es gar nichts, vielleicht ist es nur, wie abends einzuschlafen. Denn im Grunde sterben wir ja jeden Abend. Das Bewusstsein des wachen Menschen, das ihn dazu bringt, sich mit seinem Körper und seinem Namen zu identifizieren, Verlangen zu verspüren, zu telefonieren und zu einer Einladung zum Mittagessen zu gehen, das ist in dem Moment, in dem du einschläfst - puff! - verschwunden. Auch wenn es im Schlaf in gewisser Hinsicht noch da ist, nämlich wenn du träumst.
Aber wer träumt da?
Wer ist der stille Zeuge deiner Träume?
Vielleicht geschieht im Tod ja etwas Ähnliches wie im Schlaf. Oder vielleicht auch nichts. Aber eins kann ich dir versichern, Folco, nämlich dass ich zu dieser Verabredung nicht gehe, als erwarte mich ein schwarzer Mann mit einer Sichel in der Hand, was immer eine Horrorvision gewesen ist. Ich gehe vielmehr mit einer inneren Ruhe und einem leichten Herzen, so leicht wie nie zuvor. Und vielleicht liegt das an dieser Kombination von Faktoren, die ich dir gerade zu erklären versucht habe: dass ich schon vor dem Tod ein wenig das Sterben gelernt habe; dass ich mich von meinem Verlangen gelöst habe und dass ich aus der heiligen Erde Indiens das Gefühl gesogen habe, das dieses Land vermittelt: dass ständig unendlich viele Menschen geboren werden, sterben, geboren werden und sterben und dass die Erfahrung von Geburt, Leben und Tod allen Menschen gemein ist.
Warum macht das Sterben uns bloß solche Angst? Wo das doch alle getan haben! Milliarden und Abermilliarden von Menschen, Babylonier, Hottentotten, alle. Aber wenn wir selber dran sind - ah! Dann sind wir verloren.
Wie ist das möglich? Wo das doch alle getan haben!
Wenn du es dir genau überlegst - und das ist ein schöner Gedanke, den natürlich schon viele angestellt haben -, ist die Erde, auf der wir leben, im Grunde ein riesiger Friedhof. Ein immens großer Friedhof all dessen, was gewesen ist. Wenn wir anfangen würden zu graben, fänden wir überall zu Staub zerfallene Knochen, die Überreste des Lebens. Kannst du dir vorstellen, wie viele Abermilliarden von Lebewesen auf dieser Erde gestorben sind? Die sind alle da! Wir laufen ständig über einen unendlich großen Friedhof. Das ist seltsam, denn wir stellen uns Friedhöfe immer wie Orte der Trauer vor, Orte des Leidens, der Tränen. Dieser immense Friedhof aber, die Erde, ist wunderschön! Voller Blumen, die darauf wachsen, mit all den Ameisen und Elefanten, die darüberlaufen. Er ist die Natur!
Er lacht.
Wenn du das so siehst, dass du wieder Teil von all dem wirst, ist das, was von dir bleibt, vielleicht dieses unteilbare Leben, diese Kraft, diese Intelligenz, die du mit einem Bart schmücken und Gott nennen kannst, auch wenn sie etwas ist, was unser Denken nicht fassen kann, vielleicht der große Geist, der alles zusammenhält.
Was ist das, was alles zusammenhält?
© DVA, München.
Von Tiziano Terzani

DER SPIEGEL 15/2007
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