07.04.2007

AUTOREN„Das Leben leuchtete und tanzte“

Was Madonna und andere Baby-Boomer-Ikonen in Videos veranstalten, inszenierte die Autorin Fanny Gräfin zu Reventlow in Wirklichkeit - ein selbstbestimmtes Leben, das mal Himmelfahrt und mal Höllensturz war, wie ihre ungeschönten Tagebücher jetzt enthüllen.
Ihr letztes Einkommen bezog sie als "vornehm in Schwarz gehüllte Dame" am Spieltisch im Kursaal von Locarno: ein Lockvogel, der 10 Franken pro Abend bekam. Auf schöne Kleidung hatte sie immer Wert gelegt, sie sich jedoch kaum leisten können. So waren die edlen Gewänder wohl eine professionelle Investition.
Das Leben der Malerin und Schriftstellerin Franziska Gräfin zu Reventlow (1871 bis 1918) war ein Roman wie von ihr selbst geschrieben: voller dramatischer Wechsel, balancierend am Rande der Legalität, so komisch wie elend. Sie war der grandiose Archetyp moderner Weiblichkeit - selbstbestimmt bis zur letzten Konsequenz, und zwar naiv, noch vor der berechnenden Kapitalisierung des Ich, an die wir uns gerade gewöhnen.
Reventlows Ehrgeiz lag nicht in der Erfindung, in der möglichst perfekten Darstellung wechselnder Rollen, wie der Weiblichkeits-Star Madonna es seinem Publikum heute vormacht. Sie wollte nichts, als ihr Selbst zum Ausdruck zu bringen. Auf dem langen Weg der weiblichen Emanzipation fällt ihr Leben in eine Zeit des Aufbruchs und der Verheißung, als es noch einfache Ziele gab und klare Gegner. Die Ziele hießen: ein eigenes Leben; Frau, Mutter und Künstlerin sein. Die Gegner hießen: Klasse und Patriarchat.
Ein steiniger Weg: Nur Jahrzehnte lag das Schicksal einer Annette von Droste-Hülshoff zurück, die wegen ihrer unerwiderten Liebe zu dem viel jüngeren Levin Schücking noch zum Gespött ihrer Kreise wurde. Das Gretchen, die Kindsmörderin aus Goethes "Faust", war noch Modellfall einer Verführten. Autorinnen wie die Brontës, wie Eliot und Sand hatten allesamt unter männlichen Namen publiziert.
Zu Beginn des letzten Jahrhunderts war beinahe undenkbar, was für ein Leben Reventlow führte: als alleinerziehende Mutter, die den Vater ihres Kindes niemanden wissen ließ. Als Künstlerin, die sich ohne Unterstützung einen Namen machte. Und schließlich als eine Frau, die darauf bestand, unkeusch zu sein: als Freundin bedeutender und wenig bedeutender Männer, hin und wieder als Kurtisane.
Das kostete Opfer, wie man weiß. In ihren Tagebüchern sind sie verzeichnet. Sie liegen, ein nun vollständig gehobener Schatz, im Münchner Literaturarchiv Monacensia, zwischen Liebesbriefen, Vollstreckungsbescheiden und Passformularen. Die schwarzen, unscheinbare Hefte im Pappeinband, randlos beschrieben, geben schon äußerlich Zeugnis von ihrer ursprünglich privaten Funktion. Es sind die Tagesreste einer mittellosen Person, die nicht nur als Autorin von bleibendem Interesse ist. In der reichen, manchmal im Überfluss ertrinkenden Editionsgeschichte deutschsprachiger Texte ist diese Ausgabe, ohne jede Förderung in einem Passauer Verlag erschienen, ein Ereignis von schöner Notwendigkeit*.
Als Fanny Gräfin zu Reventlow wurde sie 1871 in einem Landschloss bei Husum geboren; das fünfte von sechs Kindern, ein Ausnahmekind: künstlerisch begabt, vital und eigensinnig und so für einen spröden Landrat und seine konventionelle Frau vor allem schwer zu erziehen. "Nicht einmal die Hunde bekamen so viel Prügel", erinnert sich die Hauptfigur in ihrem autobiografischen Roman "Ellen Olestjerne" (1903), "Mama hatte wohl die Hunde auch viel lieber."
Und sie bricht aus, wo sie kann. Als Kind sind es die Fluchten in die Natur, ins "Kindersommersonntagsnachmittagsgefühl"; als Jugendliche wird die Widerspenstige zur Zähmung ins "Freiadlige
Magdalenenstift" Altenburg eingewiesen, wo sie mit Briefzensur, Arrest, drohenden Predigten die üblichen Torturen jener Aufzucht erlebt, die im 19. Jahrhundert Erziehung hieß. Unehrenhaft entlassen, schickt man sie zu einer Tante, die ihr Unterricht in Malerei erlaubt - und dort begründet sich wohl ihr Selbstverständnis als Malerin, aus dem, zu ihrem Kummer, so wenig entstand: Denn produktiv wurde und blieb sie als Schriftstellerin. In ihrem Nachlass liegt nicht einmal eine Bleistiftskizze.
Nach dem Umzug der Familie nach Lübeck wird Reventlow Mitglied in einem geheimen "Ibsenclub". Lektürezirkel dieser Art gab es so häufig, dass ihr späterer Freund Ludwig Klages von einem "Ibsenzeitalter" spricht. "Nora", "Die Frau vom Meer", "Hedda Gabler": All diese Ikonen von Langeweile und Rebellion zeigten das Lebensgefühl dieser Generation.
Aufwühlend, in anderer Weise, war auch Nietzsche: "Das war nicht mehr Verstehen und Begreifen", erinnert sich Reventlow an ihre "Zarathustra"-Lektüre, "es war Offenbarung... Und alles andere, der Alltag, das Alltagsleben und -empfinden schrumpfte in eine öde, farblose Masse zusammen, verlor sein Dasein - nur das wahre, heilige, große Leben leuchtete, lachte und tanzte".
Das war nicht weit entfernt von dem, was tatsächlich kommen sollte: Zu den spektakulärsten Kapiteln von Reventlows Biografie gehört der Münchener Kreis um Stefan George, Ludwig Klages und Karl Wolfskehl, die "Kosmiker".
Arbeitslose Akademiker, angehende Künstler und Lebensphilosophen rührten hier gemeinsam eine moderne Ursuppe aus Zivilisationsmüdigkeit, Antikenverehrung, Mutterkult und Lebensüberdruss an, die auf größeren Gelagen, mit viel Alkohol versetzt, gemeinsam ausgelöffelt wurde.
Stefan George, als Caesar verkleidet, präsidierte einer berüchtigten Faschingsgesellschaft, auf der Bacchantinnen und Hermaphroditen in antikischen Gewändern lateinische Oden rezitierten und sich, sozusagen aus Gründen der Bildung, dionysischen Räuschen ergaben. Reventlow, die hier als Mutter verehrt und als Hetäre gefeiert wurde, erhielt dieses Milieu in dem ironischen Roman "Herrn Dames Aufzeichnungen" als "Wahnmoching" der Nachwelt.
Denn inzwischen hatte sie die Flucht geschafft: Sie lebte seit 1893 in München, ohne Kontakt zu ihrer Familie, frei von Verpflichtungen der Herkunft und jeglicher Konvention. Nach Umwegen über ein Lehrerinnenseminar und eine so kurze wie unglückliche Ehe studierte sie hier privat Malerei. Das Schwabing ihrer Zeit hat der Freund Erich Mühsam charakterisiert: "Maler, Bildhauer, Dichter, Modelle, Nichtstuer, Philosophen, Religionsstifter, Umstürzler, Erneuerer, Sexualethiker, Psychoanalytiker, Musiker, Architekten, Kunstgewerblerinnen, entlaufene Höhere Töchter, ewige Studenten, Fleißige und Faule, Lebensgierige und Lebensmüde, Wildgelockte und adrett Gescheitelte".
In diesem Milieu - durch kleinbürgerliche Vermieter notwendigerweise ergänzt -, zwischen Ausflügen aufs Land und ins urbane Nachtleben, erwirtschaftete Reventlow ihren Lebensunterhalt: vor allem und äußerst mühsam mit Übersetzungen aus dem Französischen, deren Vorlagen (wie Maupassant) zwar würdig waren, deren Bezahlung aber lausig. Hin und wieder verkaufte sie Witze (Honorar 5 Mark) oder kleinere Texte an den "Simplicissimus", zahllos aber sind Eintragungen aus dieser Zeit über durchwachte Nächte und Arbeit "im Galopp".
Sie ist die Ikone aller Alleinerziehenden: 1897 brachte sie ihren Sohn Rolf zur Welt, dessen Vater nicht einmal im Tagebuch genannt ist. Überwältigend ist für sie die Erfahrung einer unerschütterbaren Liebe, die zudem ihr Bedürfnis nach Freiheit nicht berührt. Obwohl Depressionen und Erschöpfungszustände zu diesen Jahren als junge Mutter gehören, durchzieht doch ein Jubelton, eine nie nachlassende Begeisterung über "Misemaus" und das "Göttertier" ihr Tagebuch. Ihr Rolf ist der einzige Mensch, an dem Reventlow - sie selber durchaus eingeschlossen - nichts zu wünschen übrig hat, eine Erfahrung innerer Großzügigkeit, die sie beflügelt.
Und vielleicht ist die Mutterschaft tatsächlich eine Art Lebensrettung, denn sie zwingt die radikal ihren Stimmungen folgende und unterworfene Reventlow zu einem Minimum an Beständigkeit. Das Baby braucht frische Luft, hin und wieder Na-tur, seine Mutter darf nicht verkommen: "Mein Gott, mein Gott, wenn du nicht wärest Bubi, ich ließe alles zum Teufel gehen."
Ein Vater wird nicht gebraucht, ist nicht erwünscht: "Nein, ich mag keinen Papa, das ist für mich ein ungeliebtes Volk", sagt der Achtjährige.
Der Armut - "Hungersnot u. Pestilenz, muss wieder Vorschuss nehmen" - muss so fintenreich und radikal begegnet werden, wie sie sich zeigt: durch harte Arbeit, durch Pump und notfalls durch Verschwinden. Mehr als 20 Adresswechsel sind verzeichnet für diese Jahre; mal werden die Federbetten versetzt, dann bietet Reventlow - "Abends Gerichtsvollzieher" - den Sterilisierungsapparat für Muttermilch als Sicherheit an. Als das Kind in einem Gasthaus Bierdeckel aufeinandertürmt, soll es auf die Frage, was das wohl
würde, geantwortet haben: "Ein Leihhaus."
Hin und wieder besucht die Mutter einen Salon, in dessen Hinterzimmern Geld verdient werden kann; daraus ergibt sich manches. "Der Franzose ist wieder weg, aber die 300 Fr. waren auch weg wie Eis an der Sonne." Die Leiterin des Salons redet ihr zu, sie könnte es komfortabel haben!
Doch eine Karriere als Kurtisane lehnt sie trotz großer Begabung ab; ein Dasein als ausgehaltene Frau beleidigt ihr Freiheitsgefühl. "S.N. würde mich eventuell ,übernehmen'", heißt es im August 1899, "vor allem soll ich aber den Bubi in Pension thun, bis er größer ist, dann könnte man an eine andere Wohnungseinrichtung denken etc. pp. Nein mein Freund, so haben wir nicht gewettet." Sie bleibt mit Bubi zu Hause und erzieht ihn selbst; vom Schulalltag hat die absolvierte Lehrerin ihn befreien lassen. "Liegen in unsrem Wäldchen mit der sonnigen Lichtung und erzähle ihm trojanischen Krieg."
Ihre privaten Neigungen gelten Gentlemen ohne Vermögen oder gleich ihresgleichen: der Künstler Bohdan von Suchocki wird eine große Liebe. Mit ihm und dem Autor Franz Hessel (dem Jules aus Henri-Pierre Rochés Roman "Jules und Jim") bezieht Reventlow 1903 eine Wohngemeinschaft, die in ihrer skandalösen Besetzung - ein Kind, zwei Männer und eine Frau ohne Trauschein - eine Art Kommune 1 des Schwabings dieser Jahre wird.
Die russische Malerin Marianne von Werefkin erinnert sich an einen Besuch: "Der Freund, ein polnischer Maler, dessen Mutter eine Prinzessin war und der die Hosen eines anderen trägt, weil er keine eigenen mehr hat, öffnet mir und begrüßt mich mit einem Handkuss. Die früher hier gewohnt haben, sind einst reich gewesen. Alle Zimmer sind bis zur halben Höhe vertäfelt. Überall Glaslüster. Jetzt alles verwahrlost, modriger Geruch und eine geheimnisvolle Stimmung."
Um sich aus der Misere zu retten, beschließt das Paar, das Angebot einer Scheinehe gegen Honorar für Bohdan anzunehmen; ein zu erwartendes Kind im Freundeskreis braucht einen legalen Vater. Die Geschäftsbedingungen werden jedoch nach der Hochzeit von der frischgebackenen Frau von Suchocki überraschend geändert - als Unterhaltsklagen drohen, wandert Suchocki nach Amerika aus.
Das Thema Scheinehe als Rettung taucht aber wieder auf: 1911 vermählt sich Reventlow, am Ende ihrer Mittel, mit dem baltischen Baron Alexander von Rechenberg-Linten, der seinem Vater im Hinblick auf die Erbschaft eine standesgemäße Gattin präsentieren will. Die beiden halten in Ascona, wohin Reventlow mit ihrem Sohn inzwischen übersiedelt ist, allerdings allzu losen Kontakt: Rechenberg-Linten, ein höflicher Alkoholiker, taucht lediglich hin und wieder mit Blumen bei Reventlow auf, die ihren eigenen Hausstand behält.
Als sein Vater schließlich stirbt, erbt der Sohn nur das Pflichtteil; der Vater hatte die Komödie wohl durchschaut. Doch nicht einmal das Wenige wird gerettet: die Bank, bei der das Geld angelegt wird, macht Konkurs, und die Baronin von Rechenberg-Linten ist zu Beginn des Ersten Weltkriegs so arm als wie zuvor die Gräfin zu Reventlow.
Ihr Roman "Der Geldkomplex" (1916) resümiert souverän Reventlows finanzielle Erfahrungen und ist "Meinen Gläubigern zugeeignet" (reich ist sie damit nicht geworden). Hier wie auch in "Von Paul zu Pedro" (1912), den Konfessionen einer erfahrenen Frau, zeigt sich Reventlows umwer-
fendes Talent zur Gesellschaftsbeobachtung: durchdringend, aber nie inhuman, denn sie selbst bleibt teilnehmende, möglichst amüsierte Beobachterin. Ihre Romane werden bis heute neu aufgelegt, doch von der Literaturgeschichte, die für Anmut und Amüsement nicht viel übrig hat, immer noch unterschätzt.
Im Jahr 1917 geriet Reventlow durch ihren Sohn in die Schlagzeilen der europäischen Presse: Rolf, eingesetzt an der Front in Frankreich, desertierte während eines Heimaturlaubs und flüchtete in die Schweiz. Ein Pazifist war Reventlows Sohn, mit Homer erzogen, allerdings nicht: Er kämpfte später als Sozialist in Spanien, wovon seine im Münchner Archiv einsehbaren Memoiren anschaulich erzählen.
Die Fluchthilfe der Mutter ging als seltener Widerstand gegen den Irrsinn des Gemetzels durch die Zeitungen. Die Sache selbst wurde zwar romanhaft übertrieben - Reventlow hatte ihn nicht entführt, sondern lediglich die Flucht organisiert -, die dramatisierte Darstellung traf aber das Motiv: In ihrer Immunität gegen nationale Hassgefühle blieb Reventlow sich ebenso treu wie in ihrem Beharren auf das Recht der Frau auf ein auch erotisch selbstbestimmtes Leben.
Sie starb bei einer Operation, kurz vor Ende des Ersten Weltkriegs. Klagen gibt es in ihrem Tagebuch, Beschwerden beim Schicksal sonder Zahl - doch niemals ein bitterer Ton, und kein Blick in Reue zurück. Sie war von lebendiger, heiterer Tapferkeit.
Der Ernst ihres Lebens ist heute Vergangenheit - unendlich weit entfernt von den tragikomischen Verirrungen einer Lady Di, deren Suche nach sich selbst als treue Ehefrau und Mutter, als frustrierte Geliebte, als fitnessgestähltes Model und Heilige der Armen zum öffentlichen Schauspiel wurde. Und ebenso weit entfernt von der Performance-Artistin Madonna, die als alleinerziehende Mutter einen jüngeren Mann in den Hafen der Ehe lotst und täglich der Welt neu zu beweisen scheint, dass alles möglich ist, wenn man nur gusseisern will.
Eher war sie, trotz aller Besonderheit, eine Ikone der Normalität: im täglichen Kampf mit dem immer zu schwachen Körper, der immer fordernden Lebenslust, der konventionellen Gesellschaft und schließlich dem "Geldkomplex".
Ihr Verehrer Rainer Maria Rilke schrieb bereits 1904, dass Franziska Gräfin zu Reventlows Leben "eins von denen ist, die erzählt werden müssen, dass man es vor allem jungen Mädchen und jungen Männern erzählen muss, die das Leben anfangen wollen und nicht wissen wie". Und das ist gewisslich wahr. ELKE SCHMITTER
* F. Gräfin zu Reventlow: ",Wir sehen uns ins Auge, das Leben und ich'. Tagebücher 1895-1910". Herausgegeben von Irene Weiser und Jürgen Gutsch. Verlag Karl Stutz, Passau; 584 Seiten; 44 Euro.
* Antike Fest-Inszenierung in München, 1903.
Von Elke Schmitter

DER SPIEGEL 15/2007
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