07.04.2007

Die Bomber kommen

Band 35 der SPIEGEL-Edition: Jörg Friedrich erzählt in seinem Buch „Der Brand“ beklemmend vom alliierten Luftkrieg gegen Nazi-Deutschland.
Dürfen Täter sich als Opfer fühlen, wenn die militärischen Machtverhältnisse sich umkehren und die Angegriffenen mit furchtbarer Vergeltung zurückschlagen? Mit seinem Buch "Der Brand" löste der Berliner Publizist und Historiker Jörg Friedrich im Jahr 2002 eine erregte Debatte über den Luftkrieg der Briten und Amerikaner gegen Nazi-Deutschland aus. Friedrich hat erstmals, dazu noch als Deutscher aus der deutschen Bodenperspektive, eine umfassende, packende, glänzend geschriebene Darstellung der Bombardierung deutscher Städte durch die Alliierten vorgelegt.
Im Mittelpunkt stehen die schrecklichen Erlebnisse der betroffenen Zivilisten, von denen über eine halbe Million im Feuersturm umkamen; rund 800 000 wurden schwer verletzt.
Den Bombenkrieg erlebten 30 Millionen Deutsche, über tausend Städte und Gemeinden gerieten ins Inferno, schätzungsweise 100 000 Kinder fielen dieser Strategie zum Opfer, in fünf Jahren, von 1940 bis 1945, widerfuhren den Deutschen Dinge wie noch keiner Zivilbevölkerung zuvor. Ihren Höhepunkt erreichten die Flächenbrände, die alliierte Bomben entfachten, erst im letzten Kriegsjahr. Dresden, im Februar 1945 zerstört, ist zum Symbol einer sinnlosen Vergeltungs- und Strafaktion gegen eine schutzlose Zivilbevölkerung geworden.
Also ein Kriegsverbrechen, wie der konservative Historiker Arnulf Baring meint? Oder ist vielmehr Friedrichs Buch ein problematischer, "noch nie dagewesener Angriff auf die Kriegführung der Alliierten", wie die Londoner Zeitung "The Daily Telegraph" empört schrieb? Kein Zweifel, die Niederringung Hitlers war notwendig und gerecht, das steht auch für Friedrich, Jahrgang 1944, außer Diskussion. Nur, ist der Gerechte schon dadurch, dass er die gerechte Sache vertritt, also einen gerechten Krieg führt, in allen seinen Taten gerechtfertigt? Das sei eine Frage, die sich jeder selbst stellen und neu beantworten müsse, so Friedrich. Er beansprucht lediglich, mit seinem Buch die Tatsachenbasis dafür geliefert zu haben.
Friedrich, ebenso lakonischer und gerade deshalb auch pathetischer Erzähler wie akribischer Geschichts- und Quellenforscher, führt seine Leser ohne Arg auf vermintes Gelände. Aber die Deutschen, das hat die Rezeption dieses Buches auch gezeigt, sind nach 60 Jahren Auseinandersetzung mit der Vergangenheit moralisch davor gefeit, sich in einen fatalen und larmoyanten Opferkult zu flüchten.
Friedrichs Verdienst besteht darin, den Schleier des Vergessens und Verdrängens weggezogen zu haben, den auch diejenigen über Verlauf und Ausgang des strategischen Bombenkriegs ausgebreitet hatten, die ihn am konsequentesten betrieben hatten - die Briten. Denn ihnen war nie wohl gewesen bei dieser unmenschlichen Art der Kriegführung, die auch nie die Unterstützung der ganzen Nation fand, sondern immer bei allen Besonnenen einen nagenden Selbstvorwurf des nationalen Gewissens nährte.
"Mit dem Rücken an der Wand", urteilt der angesehene Historiker John Keegan, Verfasser eines Standardwerks über den Zweiten Weltkrieg, "hatte das britische Volk beschlossen, nicht zur Kenntnis zu nehmen, dass es sich auf das Niveau des Feindes begab. Nach dem Sieg erinnerte es sich daran, dass es an die Werte des Fair Play glaubte. Der strategische Bombenkrieg, der vielleicht noch nicht einmal als vernünftige Strategie gelten kann, war auf keinen Fall Fair Play."
Die wachsenden Erfolge der alliierten Bomber gingen einher mit den Niederlagen der Wehrmacht am Boden. Deshalb konnten, als alles vorbei war, die Ideologen des Luftkriegs gegen die Zivilbevölkerung wie Harris behaupten, sie seien die Väter des Siegs gewesen. Beweisen lässt sich das nicht.
Dagegen scheint festzustehen, dass die Moral der deutschen Zivilbevölkerung trotz der furchtbaren Bombardierungen nie wirklich ins Wanken geriet. John Keegan hat dieser überlebenden Bevölkerung, der im Mai 1945 alle Mittel zum Wiederaufbau fehlten, ein für einen Angehörigen der Siegernation erstaunliches Zeugnis ausgestellt: "Durch nichts bestätigten die Deutschen ihren Ruf, ein diszipliniertes und mutiges Volk zu sein, so überzeugend wie durch die Zähigkeit, mit der die Männer und Frauen in den heimgesuchten Städten 1943 bis 1945 die alliierten Luftangriffe ertrugen."
Die Frauen vielleicht noch mehr als die Männer, muss man hinzufügen, weil sie an der Heimatfront die Verantwortung für das tägliche Leben und die Familien trugen. Vielleicht wollte Jörg Friedrich, jenseits aller Polemik, nichts anderes aufzeigen und mit seinem Bestseller den Opfern der Luftangriffe auf Hitler-Deutschland, den hilflosen, wenn nicht unschuldigen Menschen da unten in ihren Kellern und Bunkern, ein literarisch-historisches Denkmal setzen. ROMAIN LEICK
Von Romain Leick

DER SPIEGEL 15/2007
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