07.04.2007

POP„Musik war zweite Wahl“

Leonard Cohen, 72, über neue Alben, alte Rechnungen, seinen Meditationslehrer und die Betrügereien seiner Agentin
SPIEGEL: Mr Cohen, Sie gelten als Großmeister der Melancholie. In den siebziger Jahren hieß es, Ihre Platten seien so finster, dass man sie mit beigefügten Rasierklingen verkaufen sollte. Nun sitzen Sie hier an einem strahlenden Frühlingstag in Ihrer abgedunkelten Londoner Hotelsuite und lächeln. Haben Sie ein Rezept gegen die Schwermut gefunden?
Cohen: Da muss ich Sie leider enttäuschen. Wenn ich ein Mittel gegen die Melancholie hätte, würde ich es in Flaschen abgefüllt verkaufen und wäre schnell ein enorm reicher Mann. Aber machen Sie sich keine Sorgen: Ich bin zwar oft schwermütig, aber ich leide schon lange nicht mehr daran. Was nicht heißt, dass es mir gutgeht, aber eben auch nicht schlecht. Aber wenn es Sie glücklich macht, könnten wir uns gemeinsam die Pulsadern aufschneiden.
SPIEGEL: Wird der Humor bei Leonard Cohen unterschätzt?
Cohen: Sicher nicht.
SPIEGEL: Sie sitzen hier, sind 72 und sehen blendend aus, Ihre Laune scheint bestens. Ihrem Klischee-Image des suizidgefährdeten, leidenden Künstlers werden Sie so nicht gerecht. Woher nehmen Sie Ihre neue Leichtigkeit des Seins?
Cohen: Indem ich in solchen Kategorien eben nicht denke. Ich bin an mir als Person längst nicht mehr interessiert. Das habe ich im Kloster abgelegt. Ich könnte Ihnen jetzt zwar irgendwelche konstruierten Thesen zu Humor, Depressionen und Optimismus im Allgemeinen darlegen; aber das wäre nur eine höfliche Geste, um Ihnen einen Gefallen zu tun, und weit weg von der Wahrheit meines Lebens.
SPIEGEL: Ihre Lebensgefährtin Anjani Thomas veröffentlicht nun auch in Deutschland das Album "Blue Alert", wo sie Texte von Ihnen mit Folk- und Jazzmelodien kombiniert. Sie haben noch nie für andere Künstler Lieder geliefert. War es anstrengend, für einen anderen Menschen zu schreiben?
Cohen: Es ist kompliziert genug, mit sich selbst klarzukommen, dementsprechend ist es nahezu befreiend, in der Kunst mal Perspektiven und Haltungen einzunehmen, die nichts mit einem selbst zu tun haben. Außerdem habe ich diese Texte nicht direkt für Anjani geschrieben. Sie hat sich vielmehr ein paar Sachen ausgesucht, die ich bereits fertig hatte. Dafür hat sie mein Archiv durchforstet. Ich habe nur hier und da noch ein wenig nachgebessert.
SPIEGEL: Wie hat man sich Ihr Archiv vorzustellen?
Cohen: Ich habe einen Raum mit Kästen, die randvoll mit Notizbüchern sind. Seit einiger Zeit werden die nun geordnet, weil ich alle an ein Museum geben werde.
SPIEGEL: Sind das Ihre Tagebücher?
Cohen: Nein, ich schreibe da zwar jeden Tag etwas hinein, und ich habe auch immer eins der Hefte dabei. Aber ich würde das eher als Arbeitsnotizen bezeichnen. Ich schreibe nur mit dem Hintergedanken, dass daraus mal ein Gedicht oder ein Song werden könnte, aber nie direkt über mein Leben. Eine Biografie suchen Sie in meinen Notizen vergebens.
SPIEGEL: Sie haben sich immer als langsamen Schreiber bezeichnet. Hat sich da mit den Jahren nicht doch eine Art Routine eingestellt, die das Ganze beschleunigt?
Cohen: Leider nein. Ich schreibe heute nicht anders als vor 40 Jahren. Der Anfang ist nie das Problem, aber dann ein Ende zu finden ist doch immer wieder eine enorme Hürde. Ich habe Hunderte, sehr viele Hunderte halbfertige und fast fertige Lieder. Allein der Gedanke an all diese unvollendeten Stücke verbessert die Laune nicht unbedingt.
SPIEGEL: Bob Dylan hat angeblich schon Lieder während einer Taxifahrt zu Papier gebracht. Was wäre für Sie schnell?
Cohen: Ach, der Dylan-Vergleich. Es gibt da wohl zwei Schulen: die Schnellen und mich. Was er im Vorübergehen schreibt, dauert bei mir eine Ewigkeit. Ein schnelles Lied? Dauert bei mir ein paar Jahre!
SPIEGEL: Trotzdem scheinen Sie im Alter immer produktiver zu werden. In knapp 40 Jahren haben Sie nur elf Studio-Alben veröffentlicht. Vor drei Jahren erschien Ihr letztes Werk, "Dear Heather", nach der Anjani-Platte soll nun im Herbst Ihr nächstes eigenes Album kommen. Außerdem haben Sie letztes Jahr mal wieder einen neuen Gedichtband - "Book of Longing" - fertiggestellt, und im Herbst steht angeblich
auch nach langer Zeit wieder eine ausgedehnte Tournee an. Was treibt Sie?
Cohen: Mit dem neuen Album habe ich gerade erst begonnen. Das wird noch dauern. Und die Tournee ist zwar in Planung, aber noch nicht beschlossen. Aber Sie haben recht: Für meine Verhältnisse arbeite ich rund um die Uhr.
SPIEGEL: Anfang der neunziger Jahre haben Sie die Arbeit eingestellt und sich für fünf Jahre in ein Kloster in der Nähe von Los Angeles zurückgezogen. Während Sie sich mit Zen-Lektionen und Meditation beschäftigten, räumte Ihre damalige Managerin Ihre Konten ab und prellte Sie um Millionen, angeblich Ihre Altersrücklagen. Es hieß, Sie seien nun pleite. Stimmt das?
Cohen: Es stimmt, dass ich kurzzeitig überrascht war. Aber nicht allzu überrascht. Nicht weil ich damit gerechnet hätte, aber Betrug ist doch eine der ältesten Geschichten der Menschheit. Es ging der Frau nur um Geld, da gibt es Schlimmeres. Das große Entsetzen steht noch aus, vielleicht übermannt es mich ja noch eines Tages.
SPIEGEL: Auch Ihre legendären ersten drei Alben mit Klassikern wie "Suzanne" oder "Bird on the Wire" kommen nun, digital aufpoliert und mit Bonus-Liedern aufgestockt, neu in die Läden. Sie haben im Alter von Anfang dreißig Ihre Musikerkarriere relativ spät begonnen. Warum?
Cohen: Musik war, ehrlich gesagt, nur zweite Wahl. Dabei komme ich aus einer musikbegeisterten Familie. Mein Vater, ein Kaufmann, war ein leidenschaftlicher Hobbysänger. Er krähte bei uns daheim fast täglich, und das entsetzlich, aber mit toller Leidenschaft. Meine Mutter stimmte auch gern mal ein Lied an und hatte sogar eine bemerkenswerte Stimme. Ich habe damals in einer Schulband gespielt, wir leierten die Hits aus dem Radio nach. Aber ich
wollte lieber Schriftsteller werden. Für meinen ersten Gedichtband bekam ich auch einige gute Kritiken. Das Problem war nur, dass es leider zu wenige kauften.
SPIEGEL: Wäre Ihnen also in jungen Jahren ein Bestseller gelungen, hätte Ihre Musikerkarriere nie stattgefunden?
Cohen: Genau! Ich wollte einfach mehr Geld verdienen, deshalb begann ich, Lieder zu schreiben. Hätte ich einen Buch-Hit gelandet, wäre Musik ein Hobby geblieben.
SPIEGEL: Aber Sie haben immerhin mal ein Stipendium für Ihre Gedichte gewonnen?
Cohen: Ich war 25 und bekam kein Geld, sondern eine Reise nach Europa. Ich schaute mir die alten Metropolen an und war begeistert. Rom war ein Traum, in Athen fühlte ich mich wie zu Hause. Ich reiste auf die Insel Hydra, wo es mir so gut gefiel, dass ich sieben Jahre blieb. Von einer Erbschaft, die mir meine Großmutter hinterlassen hatte, kaufte ich ein kleines Haus, genoss das paradiesische Leben und schrieb. "Bird on the Wire" und viele frühe Lieder sind dort am Strand entstanden. Das Haus besitze ich immer noch. Meine Kinder hängen sehr daran und fahren regelmäßig hin.
SPIEGEL: Hatten Sie je Gesangsunterricht?
Cohen: Nein. Ich weiß, worauf Sie hinauswollen; ich bin kein großer Sänger, ein wenig düster und wenig variationsfähig. Aber für meine Lieder passt meine Stimme schon ganz gut, und das reicht.
SPIEGEL: Dürfen wir Ihnen ein paar triviale Fragen stellen?
Cohen: O bitte, unbedingt. Ich muss immer so tiefschürfende Dinge sagen. Noch nie wollte jemand wissen, was meine Lieblingsfarbe ist oder mein Leibgericht.
SPIEGEL: Wie sind Sie als Schauspieler in der TV-Krimiserie "Miami Vice" gelandet?
Cohen: Ein herrliches Vergnügen. Ich weiß nicht, wie die Produzenten auf mich kamen, aber als die Anfrage vorlag, sagte ich sofort zu. Die Serie war mir egal, aber meine Kinder liebten "Miami Vice", und ich dachte, es wäre doch eine tolle Überraschung, wenn ich da mal neben dem Hauptdarsteller Don Johnson auftauche. Die Dreharbeiten verliefen dann eher katastrophal. Ich sollte einen Interpol-Boss spielen, aber leider habe ich nicht das geringste Talent für die Schauspielerei und ruinierte fast jede Szene. Am Ende wurde ich fast komplett rausgeschnitten. Meine Kinder waren von dem verbliebenen Kurzauftritt dennoch schwer begeistert.
SPIEGEL: Und stimmt die Anekdote, dass Sie und Iggy Pop mal auf die Kontaktanzeige einer jungen Frau antworteten, die nach einem "Mann mit dem Verstand von Leonard Cohen und dem Körper von Iggy Pop" suchte?
Cohen: Ich besuchte Iggy Pop damals im Studio, weil ich mit seinem Produzenten Don Was befreundet bin. Jemand legte uns diesen Zeitungsausschnitt mit der Kontaktanzeige hin, und wir beschlossen, der Inserentin zu schreiben. Wir verfassten einen höflichen Brief, dass wir uns ja mal treffen könnten, unterschrieben beide und setzten meine Telefonnummer darunter. Als Beweis dafür, dass das kein Scherz ist, legten wir ein gemeinsames Foto bei. Das Mädchen meldete sich umgehend. Aber leider wollte es nur viele interessante, tiefschürfende Gespräche führen.
SPIEGEL: Verbringen Sie noch Zeit im Kloster Mount Baldy mit Ihrem alten Meister?
Cohen: Selten, meine Ausbildung dort ist abgeschlossen. Aber ich habe noch engen Kontakt mit meinem Lehrer Roshi. Der wird in einigen Wochen 100 Jahre alt und ist noch erstklassig in Form. So wie er möchte ich auch alt werden. Wir werden seinen Geburtstag zusammen feiern, gut zu Abend essen und das eine oder andere Gläschen trinken.
INTERVIEW: CHRISTOPH DALLACH
* Bei einem Konzert in Warschau am 31. März.
Von Christoph Dallach

DER SPIEGEL 15/2007
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