07.04.2007

KINORegisseur mit Gottes Stimme

Im vergangenen November starb der amerikanische Filmemacher Robert Altman. Nun läuft sein letztes Werk „Last Radio Show“ an. Eine Erinnerung an die Dreharbeiten.
Wenn Robert Altman gefragt wurde, was er in seinem Ruhestand machen werde, erwiderte er stets: "Sie meinen, nach meinem Tod?" Der legendäre Regisseur war hochgewachsen und stattlich, temperamentvoll und charismatisch, selbst nach einer Herztransplantation in den neunziger Jahren und einer Krebserkrankung, die sein Haar schlohweiß und sein Gesicht hohlwangig werden ließ.
Der Tod schien für den überlebensgroßen Altman nur eine theoretische Möglichkeit zu sein. Als er 1970 mit der Satire "M.A.S.H." seinen künstlerischen Durchbruch schaffte, war er bereits Mitte vierzig. Doch danach drehte er unermüdlich Film um Film, wollte bis zum letzten Atemzug hinter der Kamera stehen. Als er im vergangenen November im Alter von 81 Jahren starb, steckte er voller neuer Projekte.
Trotz Altmans sprühendem Charme und seiner ständig guten Laune war der Tod auf dem Set seines letzten Films allgegenwärtig. In "Last Radio Show", den der Regisseur im Sommer 2005 mit dem amerikanischen Humoristen Garrison Keillor in Minnesota drehte, wollte der Regisseur wie schon in seinem Ballettfilm "The Company" (2003) vergängliche künstlerische Darbietungen für die Ewigkeit festhalten.
Altmans Film ist der Radioshow "A Prairie Home Companion" nachempfunden, die der 64-jährige Keillor seit über drei Jahrzehnten moderiert. In dieser etwas altmodischen, aber überaus populären Sendung treten unter anderen Countrysänger und Komiker auf, beschwören und parodieren uramerikanische Werte.
"Vor kurzem haben wir eine Szene gedreht, in der Keillor gebeten wird, eine Trauerrede auf einen gerade verstorbenen Künstler zu halten", sagte Altman in einer Drehpause, vor dem Studio auf einem Golfwagen thronend, seinem fahrbaren Untersatz bei über 35 Grad im Schatten. "Keillor erwiderte: ,Bei uns gibt es keine Trauerreden. Im Radio darf es keinen Moment der Stille geben.' Das Radio wird uns alle überleben. Davon handelt der Film."
Hätte Altman, der große Satiriker Hollywoods, der sich in Filmen wie "Nashville" (1975), "The Player" (1992) oder "Short Cuts" (1993) nüchtern und mit präzisem Blick die US-Gesellschaft vorgenommen hatte, sich an seinem eigenen Grab eine Eloge gewünscht? "Der Tod eines alten Mannes ist keine Tragödie", sagte er einmal zu Garrison Keillor - der diesen Satz prompt ins Drehbuch übernahm.
In "Last Radio Show" lässt Altman Woody Harrelson und John C. Reilly als singende Cowboys auftreten, Meryl Streep und Lily Tomlin spielen zwei Countrysängerinnen, Lindsay Lohan stellt Streeps todessüchtige Tochter dar.
Der Film ist eine Meditation über kleine Leute und große Konzerne, über Gott und das Land, die Zeitläufte und das Ende einer Ära.
Immer wieder taucht in dem Film eine ebenso schöne wie gefährliche Femme fatale auf. Ein wenig gespenstisch sah es aus, wenn Altman, gezeichnet von seinen Krankheiten und bleich, beim Dreh mit der Darstellerin Virginia Madsen sprach, die in "Last Radio Show" als blonder Engel den Tod bringt.
Der Großteil des Films entstand im Fitzgerald Theater von St. Paul in Minnesota, wo Keillors Show jeden Samstagabend vor Publikum aufgezeichnet wird. Altman saß beim Dreh oft in einer der hinteren Sitzreihen und gab den Schauspielern auf der Bühne per Mikrofon Anweisungen. Mit seltsam körperloser Präsenz führte er Regie und sprach aus dem Dunklen heraus. Im Fachjargon heißt das: mit der Stimme Gottes.
Einmal saß er im Regiestuhl auf der Bühne und inszenierte eine Szene mit Kevin Kline als dubiosem Sicherheitsbeauftragten und Madsen, die wie ein Unschuldsengel vor ihm steht. Im Halbdunkel, umgeben von seinem Team, schien Altman schon in ein seltsames Schattenreich eingetreten zu sein.
An diesem Abend lud er einige Schauspieler, Teammitglieder, Freunde und Verwandte zu Bier und Pizza ein und führte ihnen ausgewählte Szenen vor. Das hatte bei ihm Tradition.
Das neugierige Publikum sah Harrelson und Reilly, die aus einem schalen Sketch komödiantische Funken schlugen, lauschte Streep und Tomlin, die hinreißend sangen, und bewunderte Keillor, der unter Altmans Kameraauge seinen rauen Charme entfalten konnte.
Bei der Vorführung brachen die Anwesenden immer wieder spontan in Beifall aus, sie lachten lauthals und weinten still. Als die Lichter wieder angingen, schaute Altman sich um, als spüre er, wie kostbar dieser Moment war. Er betrachtete die Muster im Bewusstsein, dass jede Einstellung seine letzte sein konnte.
"Ich habe immer etwas in Planung, ein Ziel vor Augen, das ich anstrebe", sagte er am nächsten Tag, während er wie immer würdevoll auf seinem Golfwagen saß. Die Kirchenglocken läuteten, während Kinder lautstark auf den Straßen dieser ruhigen Stadt im Herzen Amerikas spielten.
Altman blickte sich gelassen um und sagte dann: "Eines Tages wird es damit vorbei sein. Eines Tages werde ich sterben, und dann wird der Film, an dem ich gerade arbeite, unvollendet bleiben. Aber solange ich lebe, gibt es immer ein nächstes Projekt." KRISTIN HOHENADEL
Von Kristin Hohenadel

DER SPIEGEL 15/2007
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