07.04.2007

Schwof in Shanghai

Nahaufnahme: Was den chinesischen Nachtclubbesitzer Lin mit Udo Lindenberg verbindet
Lin Dongfu, 50, liebt dieses Foto, er hat es in seinem Club in Shanghai, dem "House of Blues & Jazz" aufgehängt. Es zeigt zwei Menschen, die ihm, dem Clubbesitzer, viel bedeuten: Seine kleine Tochter, ihr Gesicht verschwindet hinter einer riesigen Sonnenbrille, und Udo Lindenberg, er trägt einen großen schwarzen Hut, aber keine Sonnenbrille, denn die hat er ja der kleinen Chinesin aufgesetzt.
Warum sich der Reeperbahn-Rocker in so ungewöhnlicher Pose ablichten ließ, wird Lin gleich erzählen und auch von seiner deutsch-chinesischen Freundschaft mit Udo. Doch vorher sucht Lin ein ruhiges Plätzchen abseits der Menge. Es ist Freitagabend, in seinem Club geht es hoch her. Es spielt eine Jazzband aus New Orleans, und Lin versteht sein eigenes Wort kaum.
Über eine Holztreppe führt Lin in das Obergeschoss des alten Shanghaier Hauses. Hier oben, zwischen dunklen antiken Möbeln, dringt der Lärm der lebhaftesten aller chinesischen Großstädte etwas gedämpfter herein. Lin schenkt sich ein Glas Rotwein ein, zündet sich ein Zigarillo an. Gemessen an seinem Äußeren - glattrasierter Schädel, schmaler Oberlippenbart - könnte Lin im Kino einen chinesischen Hofadligen geben, auch einen Mafia-Boss.
Und tatsächlich ist Lin es gewohnt, in allen möglichen Rollen aufzutreten. Im Hauptberuf ist er Schauspieler und Moderator von Talkshows. Seine Karriere begann der TV-Star als Sprecher in synchronisierten Filmen - Lin ist die chinesische Stimme von Gregory Peck, Lee Marvin und Charlton Heston. Dabei kam ihm sein tiefer Bass zugute, denn Westler müssen im chinesischen Kino besonders tief klingen.
Über den Jazzclub sagt Lin, er sei "sein Leben", und zu diesem Leben gehört eben auch die Freundschaft zu Udo und zu Hamburg, Udos geliebte und oft besungene Stadt.
Das erste Mal reiste Lin für seine beliebte chinesische TV-Show nach Hamburg. Damals ging es darum, ganz normalen Deutschen simple Fragen zu stellen wie zum Beispiel: "Wissen Sie, wo Shanghai liegt?" Das wussten die meisten, sagt Lin und lacht. Oder: "Wie heißt die chinesische Partnerstadt von Hamburg?" Die Antwort darauf (Shanghai) wussten nicht alle.
Vielleicht wäre es bei dieser Expedition geblieben, und der Chinese würde mit Frau und Tochter nicht fast jeden Sommer nach Hamburg reisen, seiner liebsten Stadt im Ausland - hätte er vor vier, fünf Jahren nicht Udo in Shanghai getroffen.
Es war auf irgendeinem Empfang. Da sei ihm ein Deutscher mit Hut und Sonnenbrille begegnet. "You must be Udo", habe er den Musiker auf Englisch angesprochen, sagt Lin. "And you must be Lin", habe Udo geantwortet. Lin haut mit der Faust auf den Tisch, als habe damals das Schicksal eingeschlagen.
Was den deutschen Altrocker und den chinesischen Jazzclub-Besitzer genau miteinander verbindet, beschreibt Lin mit einem Wort: "Musik". Aber es war noch mehr. Es waren die großen Hüte, die auch der Chinese gern trägt, und der schrille Lebensstil, mit dem sich die beiden vom oft ziemlich biederen Alltag ihrer jeweiligen Landsleute abheben. Da trafen sich zwei Künstler, die es lieben, sich groß zu inszenieren.
Dreimal habe Udo schon hier in seinem Club gespielt, sagt Lin. Und jedes Mal umsonst. "Udo und ich sind wie Brüder, wir helfen uns immer gegenseitig."
Dann erzählt Lin von Shanghai, der Stadt, in der er aufwuchs und deren Dialekt er in seinen Talkshows am liebsten spricht. "Shanghai wächst und wächst", sagt Lin und rudert mit den Armen in die Höhe, als wolle er seine Heimatstadt auf der Bühne darstellen. Doch all die zahllosen Betonklötze von Shanghai - sie könnten auch in Singapur oder Kuala Lumpur stehen, ebenso wie die teuren Boutiquen mit westlicher Markenmode. Das sei wie amerikanisches Fast Food, wie Kultur aus Plastik, sagt Lin und schüttelt sich. Was Shanghai durch diese Art des Fortschritts zu verlieren drohe, sei seine Geschichte.
Zu dieser Geschichte zählt Lin den Jazz, der bis zur Revolution 1949 in den Bars von Shanghai gespielt wurde. Den will er zurückholen, vor allem natürlich durch seinen Club; er gründete ihn Mitte der neunziger Jahre. Viel hat Lin schon bewegt. An den Wänden seines Clubs hängen Bilder von Jazz-Größen wie Wynton Marsalis, der auch schon hier aufgetreten ist.
Aber Lin geht es um mehr, er möchte Shanghai wieder zur Kulturmetropole machen. Und deshalb reist er durch die Welt, sucht Anregungen, sucht den Zuspruch von Freunden wie eben Udo. Zwar besucht Lin auch viele andere Länder. Um die Wurzeln des Jazz zu erkunden, fuhr er nach New Orleans, mehrmals schipperte er auf dem Mississippi.
Doch am liebsten ist Lin in Hamburg. "Wo sonst", fragt Lin, "kann ich inmitten einer Großstadt um einen See spazieren, um die Alster, und neue Ideen ersinnen?" Einmal wehte ihm dort ein Windstoß den Hut vom Kopf. Lin, der seit früher Kindheit mit dem linken Bein hinkt, konnte nicht schnell genug hinterherlaufen. Aber das war auch nicht nötig: Gleich mehrere Hamburger seien losgerannt, um ihm seinen Hut einzufangen. In Shanghai dagegen, wo jeder mit sich und seinem Lebenskampf beschäftigt ist, wäre niemand so aufmerksam gewesen.
Im Sommer will der Chinese wieder nach Hamburg fahren. Dann will Lin mit Lindenberg auch über ein gemeinsames Projekt sprechen. Der Inhalt steht noch nicht fest, aber der Name: "Lin Brothers".
WIELAND WAGNER
Von Wieland Wagner

DER SPIEGEL 15/2007
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