07.04.2007

BAUTECHNIKSäulenkult am Spreeufer

Retro-Boom in deutschen Städten: Braunschweig hat sein Stadtschloss wiedererrichtet - eine Kopie aus tonnenschweren Steinen. Berlin, Potsdam und Hannover wollen nachziehen. Die neuen Monumentalbauten erfordern Hightech und historische Handwerkskunst.
Über altes Pflaster führt der Weg in Berlin-Pankow auf den Hinterhof zu Matthias Körner. Lautes "tok tok" ist zu hören. Der Mann hält einen Holzklöppel aus Weißbuche in der Hand. Mit der Rechten führt er ein Zahneisen über einen Stierkopf. Er schwitzt. "Steinbildhauerei", sagt er, "ist ein sterbendes Handwerk."
Von Vergängnis ist in der Werkstatt allerdings nichts zu spüren. Abgemehlter Staub liegt in der Luft. Auf dem Boden steht ein Kompositkapitell aus Ton, auf dem ein Adler thront. Daneben liegt ein verwitterter 300 Jahre alter Posaunenengel. Der Künstler selbst knetet gerade an einem kleinen Modell der Borussia - dem Sinnbild Preußens.
Körner, ein Meisterschüler aus der DDR, ist eine Schlüsselfigur beim Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses. Im Juli 2002 entschied der Bundestag mit 380 zu 133 Stimmen, die Residenz wiedererstehen zu lassen. Drei Außenfassaden wurden genehmigt. Die Gestaltung der Spreeseite ist noch offen. Körner sitzt jetzt an der Ausführung. Millimetergenau ahmt er Acanthusblätter, Löwenköpfe und sterbende Krieger nach.
All das ist nur Vorspiel, tastendes Gepicker. Um das gesteckte Ziel zu erreichen, sind Titanenkräfte nötig. 200, wenn nicht 400 Skulpturenhauer werden gebraucht: Männer mit Fäustlingen, die im Akkord Baluster, Hermen und Rosetten in Stein schlagen können. Bei den genormten Gesimsen und Quadern können Seilsägen helfen.
So viel Aufwand ist auch nötig: Das von Friedrich I. errichtete Stadtschloss war ein Koloss, ein Abglanz von Versailles. Im Jahr 1698 erteilte der perückentragende Edeling, der zu der Zeit auch noch in Königsberg wohnte, den Befehl für eine neue Datscha an der Spree. Auf einer Grundfläche von 192 mal 117 Metern zog sich der Bau am Flussufer hin. Die Kuppel an der Westfassade ragte 74 Meter empor.
"Asiatischen Prunk" haben die eigenen Ahnen dem ersten König in Preußen (der als Kleinkind von der Kutsche fiel und zeitlebens gehbehindert und mit einem Buckel herumlief) vorgeworfen. Als sein Domizil fertig war, stand das Land am Rande des Staatsbankrotts.
Aber es hatte eine Attraktion mehr: Leibniz, der Erfinder der Integralrechnung, ging im Berliner Stadtschloss ein und aus. Alexander von Humboldt und der Philosoph Schelling saßen später im Teesalon. Wilhelm II. erlebte das Ende des Ersten Weltkriegs im Südflügel - ehe er die Koffer packte und ins Exil ging. Kurz danach öffnete Karl Liebknecht das Fenster von Portal V und rief die Republik aus.
All dies zerbarst in einer Wolke aus Rauch und Dynamit. Walter Ulbricht, Staatslenker der DDR, ließ die Residenz 1950 sprengen. Berlin verlor seine Mitte
und halste sich den an derselben Stelle errichteten Palast der Republik auf, genannt "Erichs Lampenladen".
Heute, kaum drei Wimpernschläge der Geschichte später, ist die Machtstätte des SED-Sozialismus ihrerseits im Zerfall begriffen. Kräne drehen sich über der entkernten Ruine. Zum Tanz blauer Funken teilen Schneidbrenner das Stahlskelett in Stücke. Eilig wird der Schrott auf Lastkähne verladen und über die Spree wegtransportiert.
Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee (SPD) drückt aufs Tempo. Sein neuer Zeitplan für die Renaissance der Preußenfeste sieht vor, noch in diesem Jahr den Architektenwettbewerb auszuloben. 2010 will der Minister das Fundament gießen lassen. Die Finanzierung der Kosten - 480 Millionen Euro - ist noch offen. Das Geld für die historische Fassade, etwa 80 Millionen Euro, will der Förderverein zuschießen; 14 Millionen sind schon da.
Wer hätte das gedacht! Anfangs als "Schlossfälscherbande" ("Die Welt") verunglimpft, stehen die Retros nun womöglich als Gewinner da.
Der Leiter des Fördervereins, Wilhelm von Boddien, wirbt in Lions Clubs und auf Kulturfeten derzeit kregel um Spenden. Die Patenschaft für ein korinthisches Kapitell kostet bei ihm 34 000 Euro, das komplette Portal II ist für 4,3 Millionen Euro zu haben. Der billigste Quader liegt bei 50 Euro.
"Stiften Sie Schlossbausteine", dröhnt es aus der Hauspostille. "Wir nähern uns einem Traum", entfährt es feierlich dem Geschäftsführer.
Doch insgeheim treiben ihn Sorgen um. Erst jetzt, wo das Unternehmen näherrückt, zeichnet sich dessen wahres Ausmaß ab. 488 Fenster - einige so groß wie Garagentore - besaß die königliche Wohnstatt. Rund 700 Meter Fassade müssen rekonstruiert werden - gespickt mit Figuren wie dem keulenschwingenden Herkules. Unter dem Dach prangten 47 Adler mit ausgebreiteten Schwingen. Die größten hatten Spannweiten von 2,6 Metern.
Geschaffen wurde all der Zierrat unter der Aufsicht des genialen Andreas Schlüter. Frisch zurück von einer Italienreise, trat er 1699 die Stelle des Hofbaumeisters an. Mit Lastkähnen ließ der "Michelangelo des Nordens" bis zu 100 Tonnen schwere Sandsteinquader elbabwärts heranschiffen. Es war Edelmaterial aus der Sächsischen Schweiz.
Ornamentiker und Mörtelmischer standen auf der Spreeinsel jahrelang im Staub. Das steinerne Gebälk am Dach des Bauwerks war mit Acanthusblättern, Eierstäben, Metopen und Kranzgesimsen so überfrachtet, dass es die modernen Nachahmer schaudert.
"Um ein Kolossalkapitell nachzubilden, braucht ein Profi ein Jahr", rechnet Bildhauer Körner vor.
Nur: Wer soll all diese Repliken herstellen? Gute Steinmetze sind rar. Per Zeitungsinserat hat der Förderverein Künstler aus Oberammergau und Dresden angelockt. "Wer kann preußisches Barock schlagen?", fragt Körner ständig, "wir brauchen nur die Allerbesten." Immerhin: 50 Leute hat er schon.
Schwierig gestaltet sich auch das Vermählen der historischen Schmuckfassade mit dem modernen Innenbau aus Stahl und Beton.
Was dabei alles schiefgehen kann, zeigt die im Jahr 2003 vom Bertelsmann-Konzern bezahlte Kopie der Alten Kommandantur von Berlin. Die Planer wählten ein zweischaliges Mauerwerk mit dazwischenliegender Dämmung. Ergebnis: Wegen der
enormen Temperaturunterschiede zeigt die Sandwich-Wand bereits erste Risse.
Der Architekt Rupert Stuhlemmer und sein Sohn York wollen beim Berliner Schloss deshalb anders vorgehen. Ihr Plan sieht vor, eine gut einen Meter dicke massive äußere Steinwand aufzumauern. In diese werden dann die tonnenschweren Zierelemente aus Naturstein eingeklinkt (siehe Grafik Seite 159).
Im Büro der Replikeure, die für ihre Arbeit Abertausende Fotos, vergilbte Pläne und Bauakten sichteten, hängen große Aufrisszeichnungen der Südfassade an der Wand. "Jeder einzelne Stein wird von uns millimetergenau nachgezeichnet und erhält eine Nummer", erklärt der Junior. In Pirna, Potsdam und Dresden werden die ersten Steine bereits in Form gehämmert.
Mit ihrer Begeisterung fürs Vorgestern steht die Hauptstadt nicht allein. Angetrieben durch die Erfolgsgeschichte der Dresdner Frauenkirche, sehnen sich auch andere Kommunen nach Putten und Pilastern. Wo einst Fliegerbomben oder das ideologische Diktat der Nachkriegszeit für Kahlschlag sorgten, sollen wieder die alten Fürstensitze erstrahlen:
* In Hannover regt sich eine Bürgerstiftung, um das 1943 zerstörte Schloss zu duplizieren.
* Potsdam hat nach langem Ringen im Januar entschieden, den neuen Brandenburgischen Landtag auf dem Grundriss des alten Stadtschlosses zu errichten. Über die Außengestalt wird noch gestritten.
* In Frankfurt steht der Abriss des "Technischen Rathauses" an. Bürger wollen die riesige Baulücke mit mittelalterlichen Häuserzeilen auffüllen. Die Altstadt soll wieder her.
Doch um die Schnörkelprojekte tobt ein erbitterter Streit. Unverdächtige Streiter wie Lea Rosh, Günther Jauch und Egon Bahr kämpfen dafür. Die Feinde der Bewegung dagegen halten das Ganze für Kitsch und Schwindel. Ihr Verdacht: Ewiggestrige planen die architektonische Konterrevolution.
Aufgeregt fanden sich vergangene Woche Denkmalpfleger zu einer Tagung im Dessauer Bauhaus ein. Wie sind all die Nachschöpfungen und Kopien zu bewerten, die Volkes Wille da erzwingt? Die Frage löste umgehend Tumulte aus. Einige waren für den neuen "Rekonstruktivismus". Andere halten ihn für ein Leugnen von Geschichte. Sogar der Begriff "Auschwitzlüge" fiel.
Keine Frage: Wenn der Zeitgeist über die neue Rückkehr der schönen alten Welt redet, ist die Hysterie nicht weit. Doch nicht hinter jeder Säule muss gleich Hitlers Baumeister Albert Speer lauern.
Die Städte schaffen derweil Fakten. Am weitesten gediehen ist die Arbeit im Zentrum von Braunschweig. Bis 1960 stand dort das kriegsbeschädigte Schloss der Welfenfürsten. Dann ließ es der Stadtrat abreißen und vergrub den Fassadenschmuck in einer nahe gelegenen Tonkuhle. Noch lange danach gab es wutentbrannte Diskussionen.
Als sich vor einigen Jahren ein Investor bereit erklärte, das Bauwerk wieder herzuzaubern, hob eine Welle der Begeisterung an. Betagte Anwohner erinnerten sich der verbuddelten Trümmer. Sorgfältig wurden sie in die spätklassizistische Fassade eingearbeitet. Einige Säulentrommeln wiegen drei Tonnen. Am 6. Mai wird die Replik eröffnet.
Doch es gibt einen Wermutstropfen. Das Schloss dient nur als schmucke Eingangspforte für ein dahinterliegendes gigantisches Einkaufszentrum mit 30 000 Quadratmeter Verkaufsfläche - errichtet vom Shopping-Mall-Multi ECE. Dem Kommerztempel werde nur eine "Geschichtstapete" übergeworfen, meinen Kritiker: vorn genial, hinten banal.
Angesichts der zauberischen Schwere und Mächtigkeit der portalgekrönten, 116 Meter breiten Sandsteinfestung in Braunschweig sind die Kritiker nun aber mehrheitlich verstummt. Ohnehin kranken ihre Unmutsbekundungen zuweilen daran, dass die aus verschnörkelten Jugendstilvillen vorgetragen werden.
Gleichwie: Die Schlacht um den Retro-Look brennt weiter. "Ornament ist Verbrechen", hatte einst der österreichische Architekt Adolf Loos verkündet und damit die Moderne angekündigt. Theodor W. Adorno schob sodann den Begriff der "Authentizität" nach, an dem sich fortan jeder hippe Häuslebauer zu orientieren hatte, wollte er nicht dem Kitsch verfallen.
Solche Dogmen gelten noch bis heute. Dekor und Wandschmuck sind verpönt, nicht zuletzt, weil ihre Verächter gern vom Gesims auf die Gesinnung schließen. Die aktuelle Wiedergeburt historischer Kulissen, behauptet die "Süddeutsche Zeitung", füge sich nahtlos zur "Sehnsucht nach Schuluniformen und Benimmkursen".
Besonnene Betrachter deuten den Trend dagegen eher als Schwächelei der modernen Architektur. Deren Gründerväter Le Corbusier oder Walter Gropius gingen in den zwanziger Jahren mit ihren geometrischen Zweckbauten gegen den Schwulst vor. Der schöne Schein ging dabei zuweilen mit baden.
Zudem: Was als radikale Abkehr vom antiken Kanon begann, verkam bald selbst zum "Profitopolis". Heute sieht jeder Aldi-Laden so aus, als hätte ihn Mies van der Rohe errichtet.
Also findet nun - zumindest an einigen bedeutsamen Plätzen - ein Rollback statt. Eine Erinnerung an die alten Formgesetze der Baukunst, die sich von den Tempeln Griechenlands ableiten, lebt auf.
Muss solch ein Memento gleich Kitsch sein? Was überhaupt heißt hier "Echtheit"? Der Campanile auf dem Markusplatz von Venedig sackte 1902 weg. Flugs mauerte man ihn wieder hoch. Das Warschauer Schloss oder das Kloster auf dem Monte Cassino, wo Benedikt einst das abendländische Mönchtum begründete - all das sind nur Kopien.
Den Vorwurf, ein "Disneyland" zu planen, weist der Berliner Förderverein zurück. "Wir gießen hier keine Putten in Beton nach", beteuert Boddien. Die Arbeiten am Berliner Barockschloss seien vielmehr eine enorm mühsame Mischung aus Hightech und historischer Handwerkskunde.
Dazu kommt noch die Schatzgräberei. Denn der Förderverein betreibt auch Archäologie. "Wir wissen, dass der Bunkerberg in Friedrichshain im Spätherbst 1959 mit Sprengschutt aufgefüllt wurde", erklärt der Chef, "unter einer 15 Zentimeter dicken Schicht aus Mutterboden müssen die Trümmer liegen."
Spannender noch ist die Spur, die zu einer Industriebrache im Norden Berlins führt. Aus alten DDR-Akten ist ersichtlich, dass Walter Ulbricht (wegen des enormen Widerstands gegen den Abriss) versprach, das Schloss bei besserer wirtschaftlicher Gesamtlage an anderer Stelle wiederaufzubauen. Fachleute machten 5000 Detailfotos von der Ruine. Sämtliche Skulpturen wurden abmontiert.
Die Fahndung ergab, dass der Fassadenschmuck zum VEB Tiefbau in Berlin-Heinersdorf gelangte. Hunderte Fenstersimse, Architrave und behauene Widderköpfe standen dort fein säuberlich in Baracken. Bald aber vergammelte das Steinlager. Die schönsten Figuren ließ der DDR-Staat in Museumskeller verbringen.
Schließlich kam der Bulldozer.
Der ehemalige Chefbildhauer des VEB Stuck und Naturstein, Jürgen Klimes, erinnert sich, dass ein Schaufelbagger den barocken Steinprunk in eine Senke schob und mit Erde bedeckte.
Nur wo? Bereits im vergangenen Jahr ließ der Förderverein auf dem verwahrlosten Gelände an mehreren Stellen die Teerdecke aufreißen. Zutage kam aber nur eine Skulptur vom Portal II. Im nächsten Monat will der Club noch mal 50 000 Euro in die Grabung stecken. Haben die Trümmersucher diesmal Erfolg?
Wilhelm von Boddien ist jedenfalls zuversichtlich. "Es liegt ein neuer Tipp vor", sagt er, und seine Augen leuchten, "eine Frau aus der Gartenkolonie nebenan hat den Vorgang damals beobachtet."
MATTHIAS SCHULZ
Von Matthias Schulz

DER SPIEGEL 15/2007
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