07.04.2007

UNIVERSITÄTENHartz IV statt C4

Der Ruf auf eine Professur gilt als die Krönung jeder Wissenschaftlerlaufbahn. Doch was, wenn er ausbleibt? Schlecht bis gar nicht entlohnte Privatdozenten sichern an vielen Unis die Lehre.
Der Romanist Kian Karimi ist ein vielbeschäftigter Hochschullehrer. Im vergangenen Wintersemester hielt er an der Uni Potsdam eine Vorlesung zum "Realismus auf der Iberischen Halbinsel"; sein Hauptseminar "Menschenbilder von der Frühen Neuzeit bis zur Postmoderne" war stets voll besetzt.
Im selben Semester konnten auch Studenten der Berliner Humboldt-Universität zwei Karimi-Kurse belegen: "Literatur und Realität im spanischen Roman des 19. Jahrhunderts" sowie "Religion und Gesellschaft in den romanischen Literaturen". In Potsdam kürten die Studenten der Philosophischen Fakultät den Wissenschaftler zum "Profstar 2006": zum Lieblingsprofessor der Studierendenschaft.
Doch Profstar Karimi ist gar kein Professor. Seit eineinhalb Jahren ist der Forscher arbeitslos; er hat kein Büro an der Uni, und seine vier Lehraufträge im Wintersemester brachten ihm nicht einen Cent Honorar ein. Seit sich der Romanist im Jahr 2000 an der Uni Leipzig habilitiert hat, hofft er auf einen unbefristeten Job an der Hochschule - bislang vergebens.
Um seine Lehrbefugnis zu behalten, müsste Karimi, 52, nur eine Veranstaltung pro Semester anbieten. "Ich lehre so viel wie möglich, um zu zeigen, dass ich unbedingt arbeiten will", erklärt der Literaturwissenschaftler. Im laufenden Semester hat er immerhin zwei bezahlte Jobs: Er vertritt eine Assistentenstelle an der Potsdamer Uni und hält ein Seminar in Paderborn.
Fünf Jahre lang hat Karimi C4-Professuren in Leipzig und Bonn vertreten, doch eine Dauerstelle wurde nie daraus. "Wenn man mir einen Lehrstuhl in Grönland anbieten würde, würde ich sofort hingehen", sagt er. In seiner Wohnung in Berlin-Mitte stapelt sich die Fachliteratur bis unter die Decke, dazwischen stehen Stahlschränke mit Unterlagen von seinen Lehrveranstaltungen. In ein paar Monaten ist Karimi ein Fall für Hartz IV. "Dann kann ich die Wohnung nicht mehr halten", fürchtet er, "wohin soll ich dann mit meinen Büchern?"
Literaturexperte Karimi steht mit seinen Nöten nicht allein: Rund 2000 Wissenschaftler habilitieren sich jährlich an deutschen Universitäten; doch in diesem Jahr gehen nur etwa 1400 Professoren in Rente, und längst nicht alle Stellen werden neu besetzt: 1500 Professuren wurden seit 1995 eingespart. Wer leer ausgeht und nicht wenigstens einen Kollegen mit fester Stelle vertreten kann, muss sich mit Lehraufträgen über Wasser halten. Allein an den drei großen Berliner Universitäten arbeiten derzeit mehr als 700 Privatdozenten.
"Diese Kollegen halten zum Teil grundlegende Lehrveranstaltungen, an denen zahlreiche Studierende teilnehmen", erklärt der Politikwissenschaftler Volker von Prittwitz, außerplanmäßiger Professor an der FU Berlin. "Dass diese hochqualifizierte Arbeit so gut wie nicht honoriert wird", findet der Wissenschaftler, "ist nicht nur entwürdigend, sondern auch ein bildungspolitischer Skandal."
Die meisten Habilitierten ohne Professur haben keine andere Wahl, als sich als "Betteldozenten" (Prittwitz) zu verdingen. Sie haben ihr halbes Leben in die Uni-Karriere investiert; für einen Job in der Wirtschaft sind sie zu alt, für eine Stelle im universitären Mittelbau überqualifiziert.
"Für die Hochschulen ist es gut, dass motivierte junge Leute in die Forschung gehen", erklärt Carsten Dose, Referent für Nachwuchsfragen beim Wissenschaftsrat. "Aber zu viele Forscher werden zu lange auf befristeten Stellen gehalten, und dann ist nach der Habilitation plötzlich Schluss." Die Entscheidung, ob ein junger Wissenschaftler eine Perspektive an der Hochschule hat, müsse deutlich früher fallen.
"Das Schlimmste ist, dass ich an der Uni nichts anderes werden kann als Professor", sagt Wolfgang Achnitz, 44. Der Germanist ist Experte für die Literatur des Mittelalters; die Begeisterung für sein Fach ist auch nach 50 erfolglosen Bewerbungen auf eine Professur noch zu spüren. "Vor kurzem habe ich ein Seminar über die Dracula-Legende aus dem 15. Jahrhundert angeboten", erzählt er, "die Studenten haben Referate über die Kulturgeschichte des Blutes, über Wiedergänger und Werwölfe gehalten."
Seit seine Stelle in Münster auslief, zählt auch Achnitz zu den wissenschaftlichen Saisonarbeitern. Im vergangenen Jahr jobbte er als Vertretung in Oldenburg, dieses Semester lehrt er montags in Hamburg, den Rest der Woche vertritt er eine Assistentenstelle in Göttingen. Honorar für ein König-Artus-Seminar in Hamburg: 40 Euro pro Unterrichtsstunde - für das ganze Semester also weniger als 1000 Euro brutto.
"Ich liebe meine Arbeit, aber ich würde es nicht noch mal so machen", sagt der Vater dreier Kinder. "Selbst wenn ich irgendeinen Job außerhalb der Uni fände, wären 25 Jahre wissenschaftliche Arbeit umsonst gewesen - das ist doch eine irrsinnige Verschwendung von Ressourcen."
Zwar sollen inzwischen die neuen Juniorprofessuren dem Nachwuchs früher auf den Lehrstuhl helfen, doch noch trauen die meisten Jungforscher den modischen Stellen nicht recht. 2005 etwa gab es bundesweit gerade mal 617 Juniorprofessoren - ein Zehntel der ursprünglich für 2010 angestrebten 6000 Nachwuchsstellen.
Ginge es nach dem Wissenschaftsrat, könnte bald eine weitere neue Professorengattung Einzug an den Universitäten halten. Das Gremium schlägt sogenannte Lehrprofessuren vor: Jobs mit deutlich erhöhtem Lehrdeputat, aber auch eigenen Forschungsprojekten. Die neuen Bachelor-Studiengänge erfordern bessere Betreuungsverhältnisse, zugleich steigen demnächst die Studierendenzahlen.
Bis dahin leiden nicht nur Geisteswissenschaftler wie Achnitz und Karimi unter dem knappen Jobangebot. Der münstersche Physiker Thomas Stephan, 44, zum Beispiel analysierte noch 2006 Kometenstaub von der Stardust-Mission der Nasa - heute ist er arbeitslos. Seine Uni unterhält den bundesweit einzigen Lehrstuhl für Planetologie; Bewerbungen an anderen Instituten waren bislang erfolglos.
"Wenn ich aus Münster weggehe, wird niemand meine Arbeit fortführen", erklärt Stephan, "dann stehen hier millionenteure Messgeräte ungenutzt herum." Inzwischen hat der Forscher einen Job in den USA in Aussicht, doch er würde gern bleiben.
"Ich finde es ziemlich widersinnig, dass die Bildungspolitiker in Deutschland Stellen einsparen", sagt Stephan, "und dann reisen sie den Forschern hinterher, um sie aus den Vereinigten Staaten zurückzuholen." JULIA KOCH
Von Julia Koch

DER SPIEGEL 15/2007
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