07.04.2007

Wissenschaft + TechnikVorteil für Frau Professor

Zwischen Habilitation und Professur steht die Berufungskommission - nicht immer geht der Job an den besten Bewerber.
Mit 27 Jahren habilitiert, als Humboldt-Stipendiatin nach Harvard, im vergangenen Jahr als bislang jüngste Preisträgerin den mit 1,55 Millionen Euro dotierten Leibniz-Preis gewonnen - die Marburger Altertumswissenschaftlerin Gyburg Radke, 31, hat es eilig mit der wissenschaftlichen Karriere.
Inzwischen hat Radke sogar einen Ruf auf eine Professur in Heidelberg. "Wenn man sich für eine Karriere in der Wissenschaft entscheidet, weiß man natürlich um die schwierige Stellensituation", sagt Radke, "aber ich bin von meiner Arbeit überzeugt und hoffe, dass sich Leistung immer durchsetzt."
Für die Philologin spricht vor allem ihre exzellente Forschung - doch sie könnte eine große Gruppe Mitbewerber auch allein deswegen ausstechen, weil sie eine Frau ist.
Denn die sind immer noch Mangelware in akademischen Spitzenämtern. Nur auf jedem siebten Lehrstuhl sitzt eine Frau, in der höchsten Besoldungsgruppe stellen die Professorinnen bundesweit gerade mal zehn Prozent.
Inzwischen gibt es denn auch kaum eine Stellenausschreibung für Professuren, in der nicht betont wird, man werde bei gleicher Eignung die Akademikerinnen unter den Bewerbern bevorzugen. An der FU Berlin werden spezielle Förderprofessuren nur für Frauen ausgeschrieben; und an badenwürttembergischen Universitäten sollen auf Wunsch von Wissenschaftsminister Peter Frankenberg (CDU) künftig mindestens zwei Frauen in jeder Berufungskommission sitzen.
Nun fühlen sich die Männer diskriminiert: "Der beste Weg zur Professur wäre wohl eine Geschlechtsumwandlung", sagt einer, der schon an vielen Berufungsverfahren gescheitert ist.
Tatsächlich sind es kaum die Auswahlkommissionen, die Frauen den Weg in die Spitzenforschung verwehren. Die meisten kommen der Wissenschaft lange vor einer möglichen Berufung abhanden: Unter den insgesamt 2001 Habilitierten an deutschen Universitäten im Jahr 2005 waren nur 460 Frauen.
Und die würden die Sonderbehandlung meist gar nicht benötigen: Am Beispiel ihres eigenen Fachs haben die Politologen Thomas Plümper und Frank Schimmelfennig umfassend untersucht, was den Ausschlag für eine Berufung gibt. Für das Vorurteil, dass Frauen womöglich von professoralen Männerbünden benachteiligt werden, fanden sie keine Hinweise. Im Gegenteil, so die Forscher: "Es existiert ein gewisser Druck, weibliche Kandidaten selbst dann zu berufen, wenn männliche Bewerber besser qualifiziert sind."
Daneben kritisieren die Politologen, die inzwischen beide einen Job im Ausland haben, die fehlende Transparenz der Auswahlverfahren. "Die Bewerber wissen weder, was die Kommission von ihnen erwartet, noch, warum sie eine Stelle nicht bekommen", sagt Schimmelfennig. Bis zur Absage kann es außerdem dauern: 70 Prozent der Berufungsverfahren ziehen sich nach Angaben des Deutschen Hochschulverbands länger als ein Jahr hin.
Jungwissenschaftlerin Gyburg Radke hofft, dass ihr Geschlecht bei einer künftigen Berufung keine Rolle spielt: "Ich möchte auf keinen Fall aus anderen als rein fachlichen Gründen eine Stelle bekommen", sagt sie, "und ich kenne viele Kolleginnen, die das genauso sehen."

DER SPIEGEL 15/2007
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DER SPIEGEL 15/2007
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Wissenschaft + Technik:
Vorteil für Frau Professor

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