07.04.2007

KLIMALegende vom Exodus

Im zweiten Teil des Klimaberichts der Uno kündigen Ökologen viele Millionen Umweltflüchtlinge an. Migrationsforscher warnen vor Horrorszenarien.
Einst war es das wärmer werdende Klima, das die Römer nach Norden lockte - bis hoch auf die britischen Inseln. Sinkende Temperaturen wiederum trieben die Germanen aus Skandinavien südwärts. Und die Wikinger besiedelten Grönland erst, als es dort wärmer wurde - und flohen, als die Kälte wiederkam.
Wird es jetzt wieder zu großen Völkerwanderungen kommen? Die Erderwärmung, so liest sich der zweite Teil des vom Uno-Wissenschaftsrats IPCC erstellten Klimaberichts, werde zu einem Exodus biblischen Ausmaßes führen. 25 Millionen Menschen seien schon jetzt auf der Flucht vor den schlechter werdenden Umweltbedingungen, berichtet auch das Internationale Rote Kreuz - mehr als durch Kriege.
Die reichen Industrieländer, Hauptverursacher der globalen Erwärmung, können sich wohl mit hohem Aufwand im Treibhaus Erde einrichten. Unter Dürre und Wassermangel dürften vor allem die ärmsten Länder in Mittelamerika, Asien und Afrika leiden. Eine neue Gerechtigkeitsdebatte ist ausgebrochen: Nicht mehr nur die Globalisierung, verschlossene Märkte oder die Folgen der Kolonialisierung rauben den Armen ihre Chancen, sondern der Treibhauseffekt. Werden sich in den kommenden Jahrzehnten Millionen Klimaflüchtlinge auf den Weg gen Norden machen?
Unter Migrationsforschern ist diese Frage jedoch völlig offen. Die Experten streiten sich allein schon darüber, ob es echte Klimaflüchtlinge überhaupt gibt. Zwar spricht etwa der britische Ökologe Norman Myers von Hunderten Millionen Umweltflüchtlingen: "Diese Menschen sehen keine Alternative als Schutz anderswo, so riskant ihr Versuch auch sein mag."
Doch sein Kollege Stephen Castles vom International Migration Institute der Universität Oxford widerspricht solchen Horrorszenarien. "Myers und andere nehmen sich einfach die Klimaprognosen vor und schauen, wie viele Leute in Regionen leben, die überflutet werden", sagt der Autor des Standardwerks "The Age of Migration". Daraus errechneten sie dann einfach die riesigen Flüchtlingszahlen.
Viel handfester sei es, so Castles, vor Ort zu untersuchen, wie Menschen wirklich auf Umweltkatastrophen, Kriege oder Armut reagieren. "Was wir da beobachten, ist etwas anderes - Migration ist in solchen Fällen nicht die Hauptstrategie der Menschen." Wenn sich die Lebensbedingungen verschlechtern, ziehen sie allenfalls innerhalb ihrer Region um; selten überschreiten sie dabei Landesgrenzen.
Ähnliches erwartet der Migrationsforscher auch in Ländern wie Bangladesch, einem Symbol des vorhergesagten Klimawandels. Die Erhöhung des Meeresspiegels vollziehe sich auch dort nicht plötzlich. Man werde einiges an Land mit Deichen schützen; andere Flächen werde man aufgeben und die Menschen lokal umsiedeln müssen. "Nur wenige werden wirklich nach Indien flüchten", sagt Castles.
Entscheidend wird sein, wie entschlossen die Staaten auf Katastrophen reagieren. Nach dem Erdbeben im japanischen Kobe etwa kehrten die meisten der 300 000 vertriebenen Menschen schon wenige Monate später zurück. Beim Ausbruch des Vulkans Pinatubo auf den Philippinen hingegen habe die Rückkehr Jahre gedauert. Die "Widerstandsfähigkeit" des Staates habe nicht nur mit wirtschaftlicher Stärke zu tun, wie das Beispiel der desolaten Katastrophenhilfe der US-Regierung beim Hurrikan "Katrina" gezeigt habe: "Vielmehr geht es um Organisation, Entschlossenheit, die Bekämpfung der Korruption und der Misswirtschaft in Politik und Verwaltung", sagt Castles. Klima-Schreckensvisionen würden nur dazu beitragen, eine neue Fremdenfeindlichkeit hervorzurufen: "Dabei prallen die Flüchtlingsströme schon jetzt am Bollwerk der EU-Außengrenzen ab."
Auch Thomas Faist warnt vor einer allzu schrillen Wortwahl, die er selbst bei vielen seiner Kollegen wahrgenommen hat. "Dass uns eine Apokalypse erreicht, ist eher unwahrscheinlich", sagt der Soziologe an der Universität Bielefeld, der im Auftrag der EU den Zusammenhang von Umwelt und Flucht erforscht.
Zwar hält er den Klimawandel durchaus für ein drängendes Problem. "Ich will da gar nichts leugnen", sagt der Professor. "Wir dürfen jetzt aber nicht aus den Augen verlieren, dass andere Gründe ausschlaggebender dafür sind, dass Menschen ihren Wohnort verlassen." Schon in der heutigen klimatischen Situation versteppt und verwüstet das Land, hungern und fliehen die Menschen; schuld seien aber eher ethnische Konflikte, wirtschaftliches und politisches Missmanagement.
Der Klimawandel sei lediglich ein verstärkender Faktor, meint Faist. Wer Flüchtlingsströme verhindern wolle, müsse die eigentlichen Ursachen beseitigen. Der Soziologe hält es für bedenklich, wenn jetzt alle Konflikte, die in armen Regionen toben, nur auf das Klima geschoben werden.
Faist warnt deshalb davor, wegen der Erwärmung einfach große Geldtöpfe für die betroffenen Länder bereitzustellen - für Projekte, die im Sande verlaufen. "Von uns sind technische Unterstützung, resistente Saatgüter, aber insbesondere auch politische Hilfe verlangt, damit die Staaten effektiv reagieren können. Der Klimawandel sollte auch nicht instrumentalisiert werden, um von der Eigenverantwortung der Entwicklungsländer abzulenken."
Der Unterschied zwischen gutem und schlechtem politischem Management lässt sich in der Türkei studieren. Im Westen des Landes wurde schon vor langer Zeit eine Landreform umgesetzt. Der Agrarsektor floriert, die Menschen können sich gut versorgen und ihre Produkte exportieren. In der Osttürkei hingegen gehört das Land immer noch wenigen Großgrundbesitzern; die Produktivität ist schlecht, die Armut groß, viele fliehen in die Städte. Faist: "Mit dem sich wandelnden Klima wird der Westen der Türkei wesentlich besser fertig werden." GERALD TRAUFETTER
Von Gerald Traufetter

DER SPIEGEL 15/2007
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