07.04.2007

MEDIZINArznei aus der Bienenwabe

Ein bewährtes Heilmittel aus der Natur wird neu entdeckt: Bei der Wundbehandlung setzen Ärzte auf Honig.
Schon die Medizingelehrten der Pharaonen bestrichen Wunden, Verbrennungen oder "nässenden Ausschlag am Kopf" mit dem klebrigen Saft der Bienen. Erwähnt wird die Therapie etwa im über 3500 Jahre alten "Papyrus Ebers", der ältesten schriftlichen Unterweisung zur Heilkunst.
Nun erlebt der Naturhonig in der Wundbehandlung eine erstaunliche Renaissance. "Ich war anfangs ziemlich skeptisch", gesteht Arne Simon, Krebsmediziner an der Universitätskinderklinik Bonn. Rund 150 Patienten hat der Onkologe seit 2002 mit der uralten Methode behandelt - meist krebskranke Kinder, bei denen sich Operationswunden wegen der darniederliegenden Abwehr- und Wundheilungskräfte nicht schlossen.
Die Ergebnisse haben den Uni-Kliniker überzeugt. Der Heilstoff aus der Tube wirkt gegen Wundbakterien in vielen Fällen sogar besser als moderne Antibiotika.
Unter den honiggetränkten Kompressen und Verbänden machen selbst hartnäckige Problemkeime schlapp. Simon: "Multiresistente Erreger sind in den Wunden oft schon nach wenigen Tagen nicht mehr nachweisbar." Der größte Vorteil des Naturprodukts: Die sonst so wandlungsfähigen Keime werden gegen den Honig nicht resistent.
Und selbst wenn gar keine Bakterien in den offenen Stellen nisten, wird der Heilungsprozess beschleunigt. Das Naturheilmittel wirkt entzündungshemmend und gewebestimulierend. Tote Zellen, die die Wundheilung behindern, werden schneller abgestoßen.
Auch der Verbandswechsel gestaltet sich einfacher: Die getränkten Binden lassen sich leicht von der Wundstelle lösen, ohne dass neugebildete Hautschichten verletzt werden. "Wir müssen die Kinder nicht mehr sedieren, damit sie die Prozedur überstehen", erläutert Simon.
Die Arznei aus der Wabe ist in der Volksmedizin seit Jahrtausenden bekannt. Nicht nur Ägypter, Assyrer und Chinesen schätzten die heilsame Wirkung des Bienenprodukts bei Verletzungen; noch in den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts wurden Verwundete in den Lazaretten mit
honiggetränkten Binden behandelt. Doch
mit der Entdeckung des Keimkillers Penicillin geriet das Hausrezept immer mehr in Vergessenheit.
Offenbar bekämpft das Naturheilmittel Bakterien gleich in mehrfacher Hinsicht. Der hohe Zuckergehalt entzieht Wunderregern das lebenswichtige Wasser, das sie zur Vermehrung benötigen. Ein von den Bienen bei der Honigherstellung zugesetztes Enzym, die sogenannte Glukoseoxidase, sorgt zudem dafür, dass aus dem Zucker im Naturprodukt ständig kleine Mengen Wasserstoffperoxid freigesetzt werden.
Das reaktionsfreudige Molekül aus Wasserstoff und Sauerstoff, das in höheren Konzentrationen zum Bleichen von Haaren und Wäsche verwendet wird, ist ein hochwirksamer Bakterienkiller. Simon: "Durch die permanente Abgabe des Peroxids reichen bereits kleine Mengen, um die Keime abzutöten."
Sogar die unangenehmen Gerüche, die von offenen Wunden oder Tumoren ausgehen, werden neutralisiert, weil die im Zucker badenden Mikroben ihren Stoffwechsel umstellen: Es kommt nicht mehr zur Bildung von übelriechenden Stickstoff- und Schwefelverbindungen, die vor allem dann entstehen, wenn Bakterien die Aminosäuren aus abgestorbenen Zellen verdauen.
Australische und neuseeländische Mediziner beschäftigen sich mit der vergessenen Methode seit etwa zehn Jahren. In Europa wird Honig in der Wundbehandlung bisher nur an einigen Dutzend Kliniken eingesetzt. Doch die Zahl der Interessenten und der Anwendungsbereiche nimmt zu.
Brandverletzte, Patienten mit schweren Unfällen, Hauttransplantationen, Schleimhautentzündungen, Neurodermitis oder Schuppenflechten profitieren vom goldgelben
Wundheilungsbeschleuniger.
Diabetiker mit chronischen Wunden erleben mitunter dramatische Besserungen: "Selbst offene Beine, die über Jahre nicht heilen, lassen sich mit Honig kurieren - und das innerhalb weniger Wochen", berichtet Kai Sofka, Wundbehandlungsspezialist an der Uni-Klinik Bonn.
Zusammen mit anderen deutschen Kliniken wollen die Bonner Mediziner jetzt Daten und Krankheitsverläufe dokumentieren und in einem zweiten Schritt Honig mit anderen
Wundbehandlungsmethoden
vergleichen.
Von der Eigentherapie mit dem Naturprodukt raten die Mediziner indes dringend ab: Der Frühstückshonig aus dem Supermarkt ist für medizinische Zwecke nicht steril genug.
Im unbehandelten Bienenhonig können sich selber wiederum gefährliche Bakterien tummeln - Clostridien, die zum gefürchteten Gasbrand führen, wenn sie in tiefe, sauerstoffarme Wunden gelangen. Gegen die Sporen dieser Schädlinge ist auch das Wasserstoffperoxid machtlos.
In früheren Zeiten mussten die Doktoren diese mögliche Nebenwirkung in Kauf nehmen. Heute kommen Hightech-Kanonen zum Einsatz: Vor der Anwendung wird der Medizinalstoff mit keimtötenden Gammastrahlen beschossen.
GÜNTHER STOCKINGER
* Deutscher Soldat, 1942.
Von Günther Stockinger

DER SPIEGEL 15/2007
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