07.04.2007

GESTORBENHans Karl Filbinger

Hans Karl Filbinger , 93. Bis zuletzt sah sich der 1913 in Mannheim geborene CDU-Politiker als Opfer einer Rufmordkampagne. Als Marinerichter war er in den letzten Kriegswochen an Gerichtsverfahren gegen Soldaten beteiligt, die wegen Fahnenflucht zum Tode verurteilt wurden. Doch dies gab der damalige Stuttgarter Ministerpräsident 1978 erst unter dem Druck der Fakten zu, die das Fernsehmagazin "Panorama" - gestützt auf Akten aus dem Bundesarchiv - und der Schriftsteller Rolf Hochhuth in der "Zeit" publik gemacht hatten. Er habe dem NS-Regime stets kritisch gegenübergestanden, beteuerte Filbinger, er sei gegen seinen Willen als Marinerichter verpflichtet worden und habe in dieser Funktion sogar Menschenleben gerettet. Im Übrigen gelte: "Was damals rechtens war, kann heute nicht Unrecht sein." Es war vor allem dieser Satz, der schließlich auch seine Parteifreunde von dem "furchtbaren Juristen" (Hochhuth) mit dem "pathologisch guten Gewissen" (Erhard Eppler) abrücken ließ. Lothar Späth wurde sein Nachfolger. Der junge Rechtsanwalt Filbinger hatte zunächst mit Politik nichts im Sinn gehabt. Freunde ermunterten ihn, sich in den Stadtrat von Freiburg wählen zu lassen. Dort fiel er bald als guter Redner auf. Ministerpräsident Gebhard Müller verpflichtete ihn 1958 als Staatsrat, Müllers Nachfolger Kurt Georg Kiesinger holte ihn 1960 als Innenminister ins Stuttgarter Kabinett. Als Kiesinger 1966 Kanzler der Großen Koalition in Bonn wurde, folgte ihm Filbinger als Chef eines schwarz-roten Bündnisses in Baden-Württemberg nach. Unter seiner Führung wurde die Konfessionsschule abgeschafft und eine überfällige Verwaltungs- und Gemeindereform durchgesetzt. 1972 und 1976 holte der erzkonservative Politiker, einer der schärfsten Kritiker der sozial-liberalen Koalition, die absolute Mehrheit. Auch nach seinem jähen Absturz in die Bedeutungslosigkeit blieb Filbinger Ehrenvorsitzender der Landespartei. Er war oft Gastredner auf Bundesparteitagen der Union und durfte 2004 als CDU-Delegierter Bundespräsident Horst Köhler mitwählen. Hans Karl Filbinger starb am 1. April in Freiburg.

DER SPIEGEL 15/2007
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