16.04.2007

Der afrikanische Fluch

350 Jahre nach ihrer Landung am Kap sollen weiße Farmer für das Elend des Kontinents büßen.
Alle mal herhören! Juvenile, der alte Kämpfer, der schon so viel erlebt hat, will eine Geschichte erzählen. Der kleine dicke Polizist an seiner Seite klatscht herrisch in die Hände. Die Bengel da hinten unter dem Leuchtturm sollen mal aufhören mit Fußballspielen.
Es ist ein Gleichnis, und es ist ganz kurz. Es handelt von dem Löwen und den hundert Stummelaffen, die rote Früchte von einem Plantagenbaum gestohlen haben. Weil der Löwe der Häuptling der Tiere war, musste er die Diebe bestrafen. Drei schlug er mit der Pranke tot, die anderen entkamen.
Die überlebenden Stummelaffen waren sehr zornig auf den Löwen. Er sei ein schlechter Häuptling, sagten sie. Ein anderer Häuptling müsse her. Sie bauten nachts eine Grube vor seiner Höhle, deckten sie mit Zweigen ab und wälzten einen dicken Stein daneben. Als der Löwe herauskam, fiel er in die Grube, und die Stummelaffen schoben den dicken Stein über den Grubenrand, damit er den Löwen erschlug.
"Die Affen verschworen sich gegen ihren Häuptling, weil sie keinen guten Charakter hatten", sagt Juvenile. Er rückt seinen Zylinderhut gerade, auf dem der Slogan gedruckt ist "Lang lebe unser Vaterland Ghana". Seine Zuhörer schweigen. Juvenile ruft: "Wenn ihr es noch nicht verstanden habt, ihr Plumpsköpfe: Der Löwe ist unser Präsident Kwame Nkrumah, und die Affen sind die Generäle, die ihn verraten haben."
Im Viertel am alten Hafen von Accra ist Juvenile eine Art Stadtteilphilosoph. Er hat sich das Gleichnis für diesen großen Tag ausgedacht. Damals, vor genau 50 Jahren, hat Kwame Nkrumah, der Premierminister der Goldküste, aus der Hand der Herzogin von Kent die Unabhängigkeitsurkunde des neuen Staates Ghana empfangen. Alle waren glücklich an diesem Tag. Sie riefen: "Nante yi ee, obruni." Auf Wiedersehen, weißer Mann. Und das war kein Akt der Höflichkeit.
Juvenile, der Veteran aus der Entourage Nkrumahs, war bei der Zeitenwende dabei, als auf dem alten Poloplatz der Union Jack eingeholt und die rot-gelb-grüne Flagge Ghanas aufgezogen wurde, auf der in der Mitte ein schwarzer Stern prangte. In den Jahren danach gehörte er zu Nkrumahs Leibwache. Er hat den Chef auf Reisen nach New York, London und Moskau begleitet.
Nkrumah hatte große Träume, die größten in ganz Afrika. Er wollte Ghana in eine wirtschaftliche Großmacht verwandeln, in ein Musterland des Sozialismus. Er wollte ganz Afrika vereinen, genauso mächtig wie die USA oder die Sowjetunion sollte der Kontinent sein, der natürlich nur einen Führer haben konnte: Kwame Nkrumah.
Zu vorgerückter Phase seiner Herrschaft verlieh sich der Staatschef den Titel "Stern von Afrika". Später ließ er sich Osagyefo, der Erlöser, nennen. 1964 wurde Ghana zum Einparteienstaat. Das zu diesem Zweck angesetzte Referendum erbrachte 99,9 Prozent Zustimmung.
Zwei Jahre später wurde Nkrumah in einem Militärputsch aus dem Amt gejagt. Obwohl der US-Geheimdienst CIA daran wohl nicht unbeteiligt war, schlug den Putschisten im ganzen Land Begeisterung entgegen. In Nkrumahs Heimatort Nkroful, 250 Kilometer südwestlich von Accra, rissen Nachbarn die Hütte ein, in der er geboren worden war.
Kwame Nkrumah starb 1972 in einem Krankenhaus in Bukarest. Dass er sein Land nachhaltig zugrunde gerichtet hatte, war schnell vergessen. "He made the world a better place", sagt Juvenile ergriffen. Erinnerung ist wie ein warmer Wind, der über die Savanne streicht und sich zwischen den Hügeln am Horizont verliert.
Fast 5000 Kilometer weiter südöstlich lebt auch Theo de Jager vornehmlich von der Erinnerung. Seit einem guten Jahr war er nicht mehr auf der Farm am Fuße der
Drakensberge, die ihm einst gehört hatte. Er ist etwas nervös, als er in seinem amerikanischen Geländewagen die staubige Piste hochrollt. Hoch zum Tor, hinter dem das alte Farmhaus und der selbstgebaute Swimmingpool liegen, hinter dem er die Mangoplantagen und das große Maisfeld angelegt hat. Wo er einst ein Bewässerungssystem aufgebaut, Litschis und Bananen angepflanzt und eine Blumenzucht eingerichtet hat.
Nach mühsamen Anfängen begann das Geschäft schließlich zu brummen. 86 Mitarbeiter beschäftigte Theo de Jager zuletzt. Es seien tüchtige Arbeiter gewesen, sagt er, und Probleme habe es nie gegeben. Diese 226 Hektar Land seien sein altes Leben gewesen.
Dann, direkt vor dem Tor, überkommt ihn die Wehmut. "Dies ist das Ende einer Ära", sagt Theo de Jager, "das Ende des weißen Mannes in Afrika."
Von der anderen Seite nähert sich ein schwarzer Mann in graublauer, zerschlissener Kutte. Wer der Fremde sei und was er hier wolle, will er mürrisch wissen. Als er es erfährt, öffnet er das Tor - zum Gucken könne der Besucher ja hereinkommen, doch dann solle er möglichst schnell wieder verschwinden. Theo de Jager hat soeben mit einem der neuen Herren seiner alten Farm gesprochen.
Wie de Jager geht es Tausenden weißen Farmern in Südafrika. Sie verkaufen ihre Höfe an den Staat, damit der die Anwesen der schwarzen Bevölkerung übergeben kann. Sie beladen ihre Pick-ups und verschwinden in die Großstädte, um dort Arbeit zu finden, nach Kapstadt, Durban oder Johannesburg.
Doch viele sehen hier keine Zukunft mehr, sie wandern nach Australien oder Neuseeland aus, wo ihre Erfahrungen in der Landwirtschaft begehrt sind. Andere ziehen nach Europa, zurück in die alte Welt, aus der ihre Vorfahren einst gekommen sind. Einige wenige versuchen in anderen afrikanischen Ländern ihr Glück, in Sambia oder Mosambik.
50 Jahre nach dem Ende des Kolonialismus nimmt im südlichen Afrika der Exodus der weißen Siedler die Gestalt einer Vertreibung an. Eine Welle antiweißer Ressentiments schwappt über den Kontinent. So etwas hat es periodisch immer wieder gegeben, etwa unmittelbar nach der ersten Unabhängigkeitswelle zu Anfang der sechziger Jahre.
Es begann in Ostafrika. In Kenia erschreckte der Rassismus der Mau-Mau-Bewegung die Weißen bis zur Hysterie, obwohl die Opfer vor allem Schwarze waren. Als 1975 die portugiesischen Kolonien Mosambik und Angola nach dem Sturz der Diktatur in Lissabon unabhängig wurden, kam es sogar zu einer Massenflucht weißer Siedler.
Mit der Machtübernahme der schwarzen Bevölkerungsmehrheit in Südafrika schien der Antagonismus der Rassen 1994 überwunden. Der Kap-Staat feierte sich als bunte Regenbogen-Nation. Doch nun verdunkelt sich auch dieses Lichtband.
Derzeit leben noch 4,5 Millionen Weiße auf dem Schwarzen Erdteil - als privilegierte Minderheit zumeist, die sich hinter Mauern und Elektrozäunen verbarrikadiert, die jetzt in Crash-Kursen lernt, wie man Car-Jackern entkommt und Hunderudel auf Einbrecher abrichtet. Und die Angst hat, dass die Fußballweltmeisterschaft 2010 - die erste in Afrika - in überbordender Kriminalität untergehen könnte.
Sie sind "Weiße - oder allein in Afrika", wie das Buch des Amerikaners Norman Rush heißt. Sie kauern zusammen - ahnend, dass sich das fremde und ihnen im tiefsten immer noch unverständliche Afrika mit all seiner Irrationalität, seiner Lebenslust und seinen Gewaltausbrüchen nicht mehr länger aus ihrem Leben einfach ausblenden lässt. Draußen dröhnen kriegerische Buschtrommeln und knattern Salven aus Kalaschnikows, drinnen ziehen die Weißen einfach die Vorhänge zu.
Warum nur findet Afrika keinen Frieden? Warum lastet ein Fluch auf Afrika, diesem Sehnsuchtskontinent, der seine Besucher und seine Eroberer in seinen Bann geschlagen hat?
Afrika: Das kann in seiner Schönheit eine Erinnerung an das Paradies sein - Schirmakazien vor flammenden Sonnenuntergängen inklusive. Noch im trivialsten Abklatsch der literarischen Vergangenheitsbeschwörung "Jenseits von Afrika" scheint ja das Bewusstsein auf, dass wir alle "out of Africa" sind - weil hier am Ostafrikanischen Graben die Vorläufer des Menschen gelernt haben, aufrecht zu gehen und Werkzeuge zu benutzen.
Warum nur reiht sich auf diesem Kontinent eine Katastrophe an die andere? Warum sind die 50 Jahre seit Beginn der Entkolonialisierung auch 50 Jahre Bürgerkriege, Stammeskriege und Stellvertreterkriege gewesen, Völkermord und Gemetzel, ausgelöst von größenwahnsinnigen Führern an ihren eigenen Staatsbürgern?
Willkürlich und grob in Zehn-Jahres-Abständen herausgegriffen, entfaltete sich das Zeitalter der Freiheit als ein Panorama afrikanischen Leids:
* Vor einem halben Jahrhundert brach der erste der Kongo-Kriege aus, die einen der an Bodenschätzen reichsten Staaten Afrikas praktisch von den ersten Tagen seiner Unabhängigkeit an in ein Chaos stürzten, das bis heute Millionen Tote gekostet hat;
* vor 40 Jahren entbrannte der Biafra-Krieg, über dem der bevölkerungsreichste Staat Afrikas, Nigeria, beinahe zerbrochen
wäre und der die meisten Menschen im Westen zum ersten Mal mit den Schreckensbildern einer ganzen Generation verhungernder Kinder konfrontierte;
* vor 30 Jahren wüteten die Gewaltregime blutiger Diktatoren wie Idi Amin und Jean-Bédel Bokassa, die innenpolitische Gegner massenhaft umbringen ließen;
* vor 20 Jahren steuerte der Angola-Krieg auf seinen Höhepunkt zu und entwickelte sich zum blutigsten jener Stellvertreterkriege, die der Ost-West-Konflikt in Afrika entfacht hatte;
* vor 10 Jahren fanden die Bürgerkriege in Liberia und Sierra Leone und der Völkermord in Ruanda statt, in dem Hutu-Milizen innerhalb von hundert Tagen 800 000 Tutis niedermetzelten;
* heute toben gleich drei mörderische Konflikte in Afrika, die sich gegen die einheimische Bevölkerung richten: in Somalia, in der sudanesischen Provinz Darfur und wieder im Kongo.
Krieg und Fehlentwicklung haben Afrika zum ärmsten Kontinent der Erde gemacht, der immer weiter zurückfällt. Noch vor wenigen Jahrzehnten galt Südasien als der große Hungerleider. Die Menschenmassen in Indien und China würden diejenigen sein, die unter künftigen Lebensmittelkrisen zu leiden hätten - da waren sich die Experten sicher. Aber es kam anders.
In vielen Ländern Afrikas geht die Lebensmittelproduktion pro Einwohner permanent zurück, die Hälfte der 880 Millionen Afrikaner muss heute mit weniger als einem Dollar pro Tag auskommen. Nur 1,3 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistungen der Welt werden in Afrika erbracht.
Der Anteil am Welthandel hat sich in den vergangenen 20 Jahren halbiert, die Globalisierung geht am weitaus größten
Teil des Kontinents vorbei - nur wenige Multis wollen dort investieren.
Verheerender kann die Bilanz von einem halben Jahrhundert Selbständigkeit nicht ausfallen: Afrika ist der einzige Weltteil, in dem die Lebenserwartung sinkt. Mehr als 70 Prozent aller Aidskranken sind Afrikaner. Alle 23 Länder, die auf der Uno-Rangliste der Entwicklungsländer ganz unten stehen, liegen in Afrika.
Nicht, dass es an Hilfe für diesen hilflosen Kontinent gefehlt hätte. Über keine andere Erdregion ist so viel Entwicklungshilfe ausgeschüttet worden wie über Afrika. Doch der größte Teil der Milliarden Dollar ist zum Fenster hinausgeworfen worden, was bei den Geberländern Verdruss und bei den Empfängern ein Klima der Abhängigkeit und Unselbständigkeit erzeugt hat. Hinzu kommt, dass die reichen Länder des Nordens die Überschüsse ihrer hochsubventionierten Landwirtschaften auch auf Afrikas Märkte drücken und so die Lage der heimischen Bauern verschlimmern.
Gegen unfaire Konkurrenz, aber auch gegen die Apathie des Westens haben sich neue Formen der Hilfe für Afrika entwickelt. Internationale Popstars, aber auch US-Milliardäre haben sich vorgenommen, den Kontinent zu retten - nicht nur durch Appelle an die Politik, die Hilfe wieder anzukurbeln. Sie bestehen auf striktester Erfolgskontrolle und haben so mit privater Hilfe der staatlichen Beine gemacht.
Andere Mitspieler wollen Afrika auf eine Weise helfen, die verdächtig nach neuer Kolonialisierung aussieht. China, die neue Weltmacht, die für ihren Aufstieg nichts so sehr benötigt wie Rohstoffe und Energie, ist auf Einkaufstour in Afrika. Chinesische Agenten kaufen auf, was sich an Öl und Erdgas, an Kupfer oder an Eisen auftreiben lässt. Ob Peking dabei Diktatoren unterstützt oder eigentlich nicht überlebensfähige Regime stabilisiert, scheint eine zweitrangige Frage zu sein.
Einige afrikanische Staatschefs freuen sich über das Auftauchen der neuen Großmacht. Sie glauben, einen Nothelfer gefunden zu haben, der ihnen gegen die unablässigen Forderungen der westlichen Geberländer nach Transparenz und guter Regierungsführung beisteht. Für sie waren die Nachfolger ihrer alten Kolonialherren immer beides: arrogante Schuldeneintreiber, aber auch unvermeidbare Helfer, verwünschte Landbesetzer, aber auch erwünschte Investoren.
Wo aber wie in Afrika so viele Staaten und so viele Gesellschaftsmodelle gescheitert sind, wo ein ganzer Kontinent wie ein "Floß in der Nacht" langsam von den Radarschirmen der westlichen Welt verschwindet, wie der Schweizer Soziologe Jean Ziegler schreibt, wird zur Erklärung der panafrikanischen Tragödie nun wieder das alte Feindbild bemüht. Einmal mehr soll der weiße Mann schuld am Elend des Kontinents sein. Erst war es der Kolonialismus, dann der Kalte Krieg, und nun ist es die Globalisierung.
"Den Weißen", befindet selbst die eher drittweltfreundliche "Zeit", schlage nach den langen Jahren der Apartheid und des Kolonialismus nun "der umgekehrte Rassismus entgegen". Es scheint, als werde Alan Patons düstere Prophezeiung Wirklichkeit. Der südafrikanische Schriftsteller ließ in seinem 1948 erschienenen Roman "Cry, the beloved country!" seinen schwarzen Protagonisten klagen: "Ich habe nur eine große Angst in meinem Herzen: dass der weiße Mann eines Tages, wenn er uns zu lieben begonnen hat, herausfinden wird, dass wir begonnen haben, ihn zu hassen."
Die Spannungen zwischen Schwarz und Weiß entzünden sich derzeit fast immer am Streit um Land. Zwar befinden sich die meisten Farmen in Südafrika weiterhin in der Hand von Weißen, aber der Druck der landlosen, überwiegend schwarzen Bevölkerung wächst. In der Regierungspartei ANC, die mit fast 70 Prozent der Stimmen regiert und die Allüren einer Staatspartei an den Tag legt, verschärft sich der Ton der Reden.
Der Linkspopulist Jacob Zuma schickt sich an, den moderaten Präsidenten Thabo
Mbeki zu beerben, dessen zweite und letzte Amtszeit in zwei Jahren ausläuft. Wenn Zuma, der die einflussreiche Jugendorganisation des ANC und die Gewerkschaften hinter sich weiß, seine Schimpfkanonaden gegen die weiße Vorherrschaft hält, weiß er genau, was die Menschen in den rasch wachsenden Elendsvierteln hören wollen.
Simbabwes Diktator Robert Mugabe feierte er als Freiheitshelden. Man hat von Zuma auch schon die mörderische Parole "one settler, one bullet" vernommen. Seit 1994, als Südafrika zum ersten Mal wirklich frei wählen durfte, sind im Urlauberparadies am Kap über 1500 weiße Landwirte ermordet worden.
Nun soll in der Landfrage kurzer Prozess gemacht werden. Weigern sich die weißen Bauern, ihr Land zu verkaufen, droht ihnen die Enteignung. Um der Vertreibung zu entgehen, aber auch um dem rasant fortschreitenden Wertverfall des Landes zuvorzukommen, versuchen die Siedler aus freien Stücken, ihr Land loszuwerden. "Ich kenne keinen, der hier nicht freiwillig verkauft", sagt de Jager. "Zu viele Buren haben schon ihr Land verlassen, Städte veröden, das gesellschaftliche Leben ist zusammengebrochen." Bei den meisten laute die Devise deshalb nur noch: "So schnell wie möglich raus."
"Landrestitution", Rückerstattung des Lands, heißt das Programm, das derzeit Südafrikas Zukunft eher bedroht als fördert. Wer nachweisen kann, dass seine Vorfahren nach 1913 von Weißen unrechtmäßig von seinem Land vertrieben wurden, kann dieses Land für seinen Stamm zurückfordern.
So gut das gemeint sein mag - die Auswirkungen sind verheerend. Die im besten Fall eilig umgeschulten Neubauern bekommen für die Bestellung des neuen Landes noch nicht einmal einen Kredit von den Banken. Kein Wunder, dass sich derzeit die Farmenbankrotte ausbreiten wie ein Buschbrand in der Trockenzeit. Die Natur holt sich das brachliegende Land zurück, die Landreform wird von einem Bauernsterben begleitet.
Noch sind 35 000 kommerzielle südafrikanische Farmer in der Lage, genug Lebensmittel für 47 Millionen Einwohner zu produzieren, doch in absehbarer Zukunft wird auch Südafrika wie so viele afrikanische Staaten vorher wohl von Lebensmittelimporten abhängig sein.
In der Provinz Limpopo, Teil des ehemaligen Transvaal, die besonders viel Ackerland hat, lasten Rückgabeforderungen bereits auf 98,8 Prozent aller Farmen. Im ganzen Land sind insgesamt 80 000 Rückerstattungsklagen eingegangen. 2014, das ist der Ehrgeiz der Regierung, soll sich ein Drittel des südafrikanischen Privatlands in schwarzer Hand befinden.
Im Nachbarland Simbabwe ist die Stimmung explosiver. Als im Jahr 2000 Diktator Mugabe innenpolitisch unter Druck geriet, begann er, die Veteranen des Befreiungskriegs aufzuhetzen; sie sollten weiße Farmer aus dem Land jagen und deren Farmen besetzen. "Der weiße Mann gehört nicht nach Afrika", sagte er in der Sprache des Rassisten. "Simbabwe gehört den Simbabwern."
Seit er mit seinen ethnischen Säuberungen begonnen hat, rast das Land, einst die Kornkammer des südlichen Afrikas, mit Volldampf in jenen Abgrund, in dem sich viele andere afrikanische Staaten längst befinden.
Unter der Vertreibung der weißen Farmer leiden überwiegend die verarmten Schwarzen. Mehr als 200 000 Landarbeiter haben in Simbabwe ihren Job verloren, und der Druck, von dem sich Mugabe durch die Vertreibung der Farmer befreien wollte, ist nicht geringer, sondern stärker geworden. Er führt seinen letzten Kampf.
Auch in Namibia, der ehemaligen deutschen Kolonie, hat eine Landreform begonnen. Mugabe wird dort immer noch als Held verehrt, Straßen tragen seinen Namen. Zwar wurden enteignete Farmer bislang nach Recht und Gesetz entschädigt, doch werden die verbliebenen Landwirte allenfalls geduldet. "Der weiße Mann ist auf dem afrikanischen Kontinent ganz sicher auf dem Rückzug", sagt Reimar von Hase, der Präsident des Bauernverbands von Namibia.
Mehr als 8000 Franzosen verließen 2004 fluchtartig die Elfenbeinküste, nachdem deren Präsident Laurent Gbagbo offen zur Hatz auf Ausländer aufgerufen hatte. Es
waren Kakaoplantagenbesitzer, Renault-Händler oder Französischlehrer, die von einem Tag auf den anderen von entfesselten Nachbarn, mit denen sie jahrelang friedlich zusammengelebt hatten, mit Eisenlatten und Macheten durch die Straßen getrieben, krankenhausreif geprügelt oder vergewaltigt wurden.
Auch in Kenia kommt es immer wieder zu gewaltsamen Auseinandersetzungen mit rotgewandeten Massai-Hirten, die das Land ihrer Vorväter reklamieren und gelegentlich gewaltsam besetzen. Ihre Forderungen sind durchaus verständlich: Kenia taumelt von einer Krise in die nächste, und jedes Jahr verhungern Menschen in entlegenen Regionen des Safarilands. Der Kampf um die knapper werdenden Ressourcen verschärft sich: Die Wüste breitet sich aus, die Bevölkerungszahl nimmt zu, und auch die Rinderherden wachsen.
Dass ausgerechnet die hundert britischstämmigen Großgrundbesitzer, die es noch im Land gibt, nun als Sündenböcke herhalten müssen, mutet grotesk an. Und doch ist dieses Grundgefühl, wonach der weiße Mann schuld an allem Unheil sein soll, auf dem ganzen Kontinent anzutreffen.
Im Jahr 2002 hat Südafrikas Präsident Thabo Mbeki die Staatschefs von 52 Staaten zur Gründungsversammlung der Afrikanischen Union eingeladen. Das war als würdige Feier geplant und sollte dem Kontinent der Hoffnungslosigkeit neue Hoffnung geben. Es waren die Jahre, in denen Mbeki gern von einer "afrikanischen Renaissance" sprach.
Doch dann platzte ein Clown in die Feier. Mit hocherhobenen Fäusten stimmte Libyens Diktator Muammar al-Gaddafi, der traurige Dinosaurier, der seit 1969 die Geschicke seines Landes bestimmt, im King's-Park-Stadion von Durban einen Schlachtruf an, der immer ertönt, wenn gegen Weiße Stimmung gemacht werden soll: "Afrika den Afrikanern."
Für Gaddafi ist der weiße Gegner kaum noch wert, sich mit ihm zu beschäftigen: "Vergebt ihnen, wir sind stärker als sie. Wir sind mächtig. Wenn sie uns dienen wollen, in Ordnung. Wenn sie zurückwollen, auch in Ordnung. Auf Wiedersehen." Afrika, so Gaddafi, habe sich unumkehrbar auf den "Weg zum Ruhm" begeben. "Ein neuer Morgen ist angebrochen."
Das war, angesichts der düsteren Realität, atemberaubend, und der damalige Uno-Generalsekretär Kofi Annan warnte sofort: "Wir dürfen die Hoffnung nicht mit dem schon Erreichten verwechseln."
Inzwischen hat der Reigen pompöser Unabhängigkeitsfeiern begonnen. Ghana, die erste in die Freiheit entlassene Kolonie Schwarzafrikas, beging den 50. Geburtstag mit einem riesigen Straßenfest, mit Feuerwerk, Fähnchen und Schunkelparaden.
Es war vor allem ein Fest zu Ehren von Kwame Nkrumah, der sich längst wieder vom Staatszerstörer zum Vater der Nation gewandelt hat. Die Paraden, die Festreden, das Feuerwerk, die vielen tausend Menschen, die den ganzen Tag lang mit Papiertrikoloren im Haar durch die Hauptstadt wanderten, unter ihnen ein Dutzend afrikanische Staatschefs, das alles war eine große Hommage an den Osagyefo.
Die Uhuru Days, die Tage der Freiheit, waren damals überraschend schnell angebrochen. Sie kamen, sagen die Ghanaer, wie die Grasinseln, die am Ende der Regenzeit den Volta-Fluss hinabtreiben: unangekündigt und unerwartet. Niemand war darauf vorbereitet. Die Kolonialisten nicht und die Kolonisierten nicht.
Die europäischen Mächte hatten sich eigentlich langsam aus Afrika zurückziehen wollen. Erst Strukturen für die Zeit danach bilden, dann Uhuru, aber ganz langsam. Südrhodesien, das heutige Simbabwe, sollte circa 2035 von der Mehrheitsbevölkerung übernommen werden.
Doch es ging alles ganz schnell. Die Sowjetunion schürte die Unruhe, weil sie sich Hoffnung auf künftige Verbündete machte. Die Vereinigten Staaten setzten ihre europäischen Verbündeten unter Druck, weil sie befürchteten, die Afrikaner könnten zum Ostblock überlaufen, wenn sie nicht schnellstens in die Freiheit entlassen würden.
Die neue Elite, die nach dem Ende der Kolonialära das Ruder übernahm, war visionär und selbstbewusst. "Sorgt euch zuerst um das politische Königreich", rief Nkrumah in höhnischer Umkehrung des biblischen Jesus-Wortes, "und der Rest wird euch dazugegeben werden." Seinen
Landsleuten versprach er blühende Landschaften. Die neue afrikanische Gesellschaft, so Nkrumah, werde ein glorreiches Vorbild sein, an dem die ganze Welt sich ein Beispiel nehmen könne.
Die Aussichten für ein Leben in Wohlstand waren tatsächlich gut. Ghana beispielsweise hatte erstklassige Schulen, eine gut beleumundete Universität und eine leistungsfähige öffentliche Verwaltung. Das Pro-Kopf-Sozialprodukt lag in etwa gleichauf mit dem von Südkorea.
Die Kolonialwirtschaft schaffte in den meisten afrikanischen Ländern vier bis sechs Prozent Wachstum jährlich, Belgisch-Kongo sogar zehn, und das seit 10, 15 Jahren. Die Erdnussproduktion hatte sich seit 1947 in Westafrika verdoppelt, die Baumwollproduktion sogar verdreifacht. Überall südlich der Sahara wurden üppigste Ernten eingefahren. Tee, Kaffee, Kakao, Bananen, alles im grünen Bereich.
Für den größten Teil des Kontinents, so schrieb Andrew Kamarck, damals Afrika-Spezialist der Weltbank, "kann die Zukunft glänzend sein". Die Afrikaner hatten jedenfalls bessere Startbedingungen als die ein paar Jahre zuvor in die Unabhängigkeit entlassenen asiatischen Kolonien. Mit ein bisschen zusätzlichem Schub von außen würden sie wirtschaftlich irgendwo zwischen den südostasiatischen und osteuropäischen Staaten landen.
Natürlich hatten sich viele Kolonialisten in den Kolonien schamlos bereichert. König Leopold II. von Belgien betrachtete den "Kongo-Freistaat" als sein ganz persönliches Reich. Er presste so viel Elfenbein und Kautschuk bei ihm heraus, wie es nur ging, und wurde dadurch zu einem der reichsten Männer Europas. Als er 1908 seinen afrikanischen Privatstaat der belgischen Regierung überantworten musste, scheute er sich nicht, eine Entschädigung zu fordern.
Für die meisten europäischen Mächte jedoch haben sich die afrikanischen Kolonien nicht gerechnet. In den letzten 30 Jahren des 19. Jahrhunderts, in denen der französische Überseebesitz sich auf neun Millionen Quadratkilometer ausweitete, ging Frankreichs Anteil an der Weltproduktion um 20 Prozent zurück.
Die Briten hatten im größten Teil ihrer afrikanischen Besitzungen nicht einmal genügend Kolonialbeamte eingesetzt, um in großem Stil Ausbeutung zu betreiben. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs waren im riesigen Britisch-Nigeria 1315 Kolonialbeamte tätig. Das entspricht der Personalstärke einer Rathausverwaltung in einer mittelgroßen deutschen Stadt. Sie verwalteten, assistiert von einheimischen Notabeln, die Belange von 20 Millionen Afrikanern.
Auch in Afrika wird der Kolonialismus nicht mehr überall als Grund allen Übels begriffen. Es müsse mehr Selbstkritik geübt werden, schrieb in den neunziger Jahren die Wirtschaftswissenschaftlerin Axelle Kabou aus Kamerun. Die Afrikaner seien "die einzigen Menschen auf der Welt, die noch meinen, dass sich andere und nicht sie selbst um ihre Entwicklung kümmern müssen".
Sie sähen den Staat als feindliche Macht, die man betrügen und besiegen müsse, "so, wie die Umstände es gestatten", schrieb der nigerianische Politikwissenschaftler Claude Ake über die Afrikaner. Und die Politiker handelten genauso wie die kleinen Leute, nur in größerem Stil. Selbstbereicherung wurde zur Crux der neuen, in die Freiheit entlassenen Staaten.
Der Generationenwechsel nach dem Abtritt der Gründerväter hat die Korruption nicht beendet. Als Daniel arap Moi 2002 sein Präsidentenamt aufgab, atmete Kenia auf. Endlich Schluss mit dem staatlich lizenzierten Diebstahl. Moi soll in seinen 24 Dienstjahren drei Milliarden Dollar auf die Seite gebracht haben. Sein Nachfolger, Mwai Kibaki, versprach mehr Transparenz. Doch das war ein Lippenbekenntnis. Minister und hohe Beamte bedienen sich nach wie vor schamlos aus der Staatskasse.
Afrikas Fiasko hatte viele Väter. Zwei der bedeutendsten waren Kwame Nkrumah und der tansanische Präsident Julius Nyerere, der auch "Mwalimu", Lehrer, genannt wurde. Sie waren davon überzeugt, dass alles, was die Kolonialisten zurückgelassen
hatten, von Übel war und deshalb beseitigt werden musste.
Nkrumah sagte, der Sozialismus sei das einzige System, das "den Menschen in kürzester Zeit das gute Leben bringen" werde. Für ihn hat sich die Prophezeiung erfüllt, für fast den gesamten Rest der Nation dagegen nicht. Als die Generäle ihn stürzten, gebot er über eine Flotte von Straßenkreuzern, mehrere Villen, eine große Yacht und Auslandskonten von beträchtlichem Umfang.
Nyerere war als Sozialist glaubwürdiger. Er lebte das bescheidene Leben eines Privatgelehrten in einer wenig pompösen Villa an der Oyster Bay in Daressalam. Er hatte in Edinburgh studiert und Shakespeare ins Kisuaheli übersetzt. Er war zweifellos ein intelligenter Mann, der Sturm lief gegen die alte Weltordnung. Er war ein gebildeter Denker und Redner, aber ein schlechter Macher. Seine Theorien verglühten in der afrikanischen Wirklichkeit.
Unablässig betonte er, dass er die Spenden der Europäer nicht haben wolle. Gleichzeitig wuchs das Spendenaufkommen ins Unermessliche. "Tansania gilt unter Kennern der afrikanischen Szene als eines der berüchtigtsten Entwicklungshilfegräber des Kontinents." So stand es 1979 im SPIEGEL.
Nyerere blieb bis kurz vor seinem Tod ein hingebungsvoller Kollektivist. Sein Landwirtschaftsprogramm nannte er "Ujamaa". Das hieß so viel wie Gemeinsinn.
In den Ujamaa-Dörfern sollten nur Freiwillige leben. Es zeigte sich aber, dass das Volk für den Sowjetismus des Mwalimu nur schwer zu begeistern war. Nach sechs Jahren lebten erst 15 Prozent der Bevölkerung in den staatlichen Kolchosen. Danach verstärkte die Staatspartei den Druck. Zwischen 1973 und 1977 mussten elf Millionen Menschen ihre Dörfer verlassen. Die Glücklicheren zogen in fertige Ujamaa-Siedlungen. Die meisten wurden irgendwo in der Savanne abgeladen, um sich selbst Hütten zu bauen. Sie mussten monatelang, wenn nicht jahrelang, ohne elektrischen Strom und ohne fließend Wasser auskommen.
Von dem Kahlschlag, den der Ujamaa-Sozialismus verursachte, wurden die landwirtschaftlichen Exporte am schlimmsten betroffen. Die Behörden zur Vermarktung von Sisal und dem Insektizid Pyrethrum gaben mehr Geld für sich selbst aus, als an Exporterlösen hereinkam. Die Genossenschaftsbauern mussten bis zu einem Jahr auf ihr Geld warten. Als einzige Wachstumsbranche erwies sich die Bürokratie.
Parallel dazu begann Nyerere, Banken, Versicherungen und Handelsgesellschaften zu enteignen. Immobilienbesitzer durften nur die Häuser behalten, die sie selbst bewohnten. Das Resultat war niederschmetternd. Die Asiaten, die bis dahin den Handel in Daressalam kontrolliert hatten, begannen abzuwandern. Das Geschäftsleben brach zusammen.
Dann zerstörte die Ölpreiswalze alle Hoffnungen auf eine Wende. 1970 hatte Tansania 17 Kilogramm Tee erzeugen müssen, um ein Barrel Erdöl kaufen zu können. Zehn Jahre später waren für ein Barrel Öl 220 Kilo Tee zu erzeugen. Von 1977 bis 1982 ging das Sozialprodukt um rund ein Drittel zurück.
Nyerere räumte damals auf einem Parteikongress ein, dass Tansania eine Menge ernste und sehr reale Probleme habe. Der Sozialismus gehöre aber nicht dazu. "Wir haben eine gute Politik, wir haben gute Pläne und gute Führer."
Der kubanische Revolutionär Ché Guevara, der 1965 im Kongo den Rebellen unter Laurent-Désiré Kabila das Handwerk der Subversion beibringen wollte, hat ähnliche Erfahrungen gemacht wie zahllose westliche Entwicklungshelfer nach ihm. Der britische Autor Martin Meredith resümiert in seiner Monografie "The State of Africa" Chés Erfahrungen: "Guevara fand die Kabila-Rebellen undiszipliniert, unorganisiert, zerrissen von Stammesrivalitäten und kleinlichen Streitereien."
Die Afrikaner, so klagte der Kubaner, hätten sich lieber in Bars herumgetrieben, als das Geschäft der Revolution zu erlernen. Kabila habe es an "revolutionärer Ernsthaftigkeit" vermissen lassen und seine Zeit mit Alkohol und Frauen vertändelt. Im Januar 1966, als er sich von Afrika verabschiedete, notierte Ché in seinen Erinnerungen: "Das ist die Geschichte eines Fehlschlags."
Der Kongo mit seinen epischen Bestialitäten war der erste große Problemfall im nachkolonialen Afrika: mit den schwarzen Banditenhorden, die massakrierend und vergewaltigend durch die Dörfer zogen, Menschen mit Benzin füllten und sie als lebende Brandbeschleuniger in die brennenden Häuser ihrer Feinde jagten, und die zusammen mit weißen Söldnern ihr Land in einen großen, bluttriefenden Sumpf verwandelten. Dieses "Herz der Finsternis", wie der Schriftsteller Joseph Conrad die von den Belgiern ausgeplünderte Kolonie beschrieb, wurde 1960 unabhängig und versank sofort im Chaos des Bürgerkriegs. Der Absturz des Kongo beendete die Illusionen der ersten Unabhängigkeitswelle.
Nun war Rassismus kein Monopol der Weißen mehr, nicht im Kongo, nicht in der Elfenbeinküste, nicht in Uganda. Feldmarschall Idi Amin, einer der blutigsten jener Kaste afrikanischer Tyrannen, die auch noch jene Länder zerstörten, die die Großmachtträume der Gründergeneration einigermaßen überstanden hatten, erreichte den Höhepunkt seiner gesamtafrikanischen Popularität, als er sich von vier Engländern in einer Sänfte durch die ugandische Hauptstadt tragen ließ.
Verglichen mit dem übrigen Afrika blieb Ghana relativ friedlich. Das war auch das Verdienst von Kwame Nkrumah. Er hat mit seiner Brachialtherapie zwar Wohlstand und Demokratie heruntergewirtschaftet. Aber er hat auch eine wichtige Grundlage für die Wiedergenesung gelegt. Er gründete Schulen, in denen Schüler aus allen Landesteilen nach Absolvierung der Elementarklassen gemeinsam unterrichtet wurden. Fante, Aschanti, Dagomba, Gondja, Ewe, Haussa, Mosi und Fulbe - alle in einer Klasse. Deshalb ist Ghana eines der ganz wenigen Länder in Afrika, die keine ernsthaften Stammesauseinandersetzungen erlebten.
Nach Nkrumah herrschten in Ghana die Generäle - auch das eine Erfahrung, die
viele der jungen unabhängigen Staaten machen mussten. In Ghana waren es vier Militärputsche in 13 Jahren. Mit dem letzten kam Fliegerleutnant Jerry Rawlings an die Macht. Er ließ drei ehemalige Präsidenten erschießen und Händler, die des Wuchers beschuldigt wurden, öffentlich auspeitschen. Dann machte er sich ans Sanieren.
Jerry Rawlings war ein dynamischer und vielseitiger Mann. Er konnte einen Kampfjet fliegen und eine Bilanz lesen. Sein merkantiles Geblüt hatte wohl mit seiner Abstammung zu tun. Der Vater Schotte, seine Mutter eine Kauffrau vom Aschanti-Stamm, eine jener resoluten und hart arbeitenden "Lorry Mammies", die mit ihren buntgescheckten Lastwagen Handel und Versorgung im Hinterland garantierten.
Als Rawlings übernahm, gingen 60 Prozent der ghanaischen Staatseinnahmen für den Schuldendienst drauf. Den Rest fraß die Bürokratie. Für Investitionen blieb nichts übrig. Deshalb war das Straßennetz ruiniert. Und die Krankenhäuser waren "Transitlager des Todes, in denen Männer, Frauen und Kinder täglich starben, weil es keine Medikamente gab" (Rawlings). Das Sozialprodukt sank jährlich um sieben Prozent.
Gewinn wurde nur noch auf dem Schwarzmarkt erwirtschaftet, dem Kalabule, wie er auf Aschanti heißt. Und auf den Juju-Märkten im Landesinnern. Jujus sind Heilmittel für alle Widrigkeiten des Lebens, die aus geriebenen Pavianknochen, getrockneten Vögeln, Schlangengift und anderen Substanzen mit metaphysischer Wirkung gemacht werden.
Jerry Rawlings hatte offenbar die richtigen Jujus: die Weltbank nämlich und den Internationalen Währungsfonds. Sein Selbstbewusstsein nahm keinen Schaden, als er sich den fremden Großbankern unterwarf. Nachdem er zunächst den Sozialismus gepredigt hatte, schwenkte er auf einen radikal marktwirtschaftlichen Kurs ein. Er wertete die Landeswährung ab, kürzte Sozialausgaben, privatisierte Staatsbetriebe und lobte Steuervorteile für sieche Wirtschaftsbranchen aus.
Anfang 2001 gab Jerry Rawlings seine Macht freiwillig an seinen Nachfolger John Kufuor ab. Ein immer noch ungewöhnlicher Vorgang in Afrika.
Ghana ist heute der einzige wirkliche Lichtblick in Schwarzafrika: Vier bis sechs Prozent jährliches Wachstum erzielt das Land, es ist stolz auf einstellige Inflationsraten. 37 Prozent des Nationaleinkommens werden mit Dienstleistungen erwirtschaftet. Die ghanaische IT-Branche erledigt online Verwaltungsaufgaben für amerikanische Kliniken und bearbeitet Parkknöllchen der Polizei von New York.
Andreas Fechner, Chef der Lübecker Software-Gesellschaft cbb, hält Ghana für den Beweis, dass sogar im heruntergewirtschafteten, von Bürgerkriegen zerrissenen Westafrika die Hoffnung Überlebenschancen hat. Die cbb hat in Accra und in der Hafenstadt Tema Niederlassungen, die gutes Geld verdienen. Wenn es den Standard von Ghana erreiche, sagt Fechner, habe Afrika viel erreicht.
Gemessen am globalen Standard aber ist Ghana immer noch ein Armeleutestaat. Die Masse der Bevölkerung lebt von Subsistenzwirtschaft, sie hat keinen elektrischen Strom und kein sauberes Trinkwasser. Auch in der Hauptstadt geht jede Woche mehrere Male das Licht aus.
Das Elend Afrikas wird auch dadurch deutlich, dass der Elendsstaat Ghana schon als Lichtblick gilt - trotz seiner 42 Prozent Analphabeten, trotz zehn Millionen Ghanaern, die von nur einem Dollar am Tag leben. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 57 Jahren.
Und dennoch: Überall in Afrika macht sich eine nostalgische Stimmung breit, die mit der Erinnerung an die heroischen Tage des Widerstands gegen die Kolonialherren die Erfahrung des beschämenden Niedergangs auslöschen möchte. Das Monatsmagazin "New African", das bei Gelegenheit schon damit drohte, die Weißen in Afrika "wie weiße Kreidezeichen auf einer schwarzen Tafel" auszulöschen, hat vor drei Jahren seine Leser nach den bedeutendsten Afrikanern aller Zeiten befragt. Die wählten Südafrikas
Nelson Mandela auf Platz eins, den ghanaischen Unabhängigkeitshelden Nkrumah auf Rang zwei, und an die dritte Stelle setzten sie einen der größten lebenden Unholde, Simbabwes Alleinherrscher Mugabe.
Ausgerechnet Mugabe: Der Mann, der sein Land gründlicher ruinierte als irgendjemand sonst aus der Gründergeneration der "Big Men", der "großen Afrikaner", genießt hohes Ansehen, obwohl der Absturz seines Landes gar nicht zu übersehen ist: 1700 Prozent beträgt die Inflationsrate, 80 Prozent die Arbeitslosigkeit, ein Großteil der Bevölkerung lebt unterhalb des Existenzminimums. Rund drei Millionen Flüchtlinge aus Simbabwe leben illegal in Südafrika.
Nur der Präsident lässt es sich gutgehen. Wenn er mit seinem gepanzerten, fünf Tonnen schweren Mercedes Pullmann und seiner Entourage durchs Land rollt, muss ihm ein Tankwagen folgen, weil es nicht mehr genug Benzin an den Tankstellen gibt.
Mit Mugabe lebt die unselige Tradition afrikanischer Schauergestalten wie Amin oder Bokassa fort. Auch er hat reichlich Erfahrung mit dem Mörderhandwerk. Kaum an der Macht, ließ Comrade Bob, der dem Mehrheitsvolk der Schona angehört, 1983 bis zu 20 000 Angehörige des Ndebele-Stamms abschlachten, die er verdächtigte, Sympathien für seinen Rivalen Joshua Nkomo zu hegen.
Die Welt hat das damals nicht sonderlich interessiert. Ihr Augenmerk richtete sich fast ausschließlich auf das Treiben der weißen Herrenmenschen in Südafrika und auf deren Untaten. "Was für Verbrechen sind nicht schon im Schutz politischer Korrektheit begangen worden", klagt heute die Schriftstellerin Doris Lessing, die im ehemaligen Rhodesien aufwuchs. "Ein Mörder kann ungestraft davonkommen, wenn er ein Schwarzer ist, im Fall Mugabe über viele Jahre."
Die britische Autorin spricht ein heikles Thema an. Viele Greuel in Afrika wurden ignoriert, weil die Täter Schwarze waren. Dahinter steckt das aus Kolonialismuszeiten herrührende Schuldbewusstsein der Europäer, das der französische Philosoph Pascal Bruckner bereits Anfang der achtziger Jahre entlarvte, als Mugabe gerade Premier geworden war: "Die Vergehen Europas werden auf ihr bösartiges Wesen zurückgeführt, während diejenigen der Entwicklungsländer angeblich nur durch die Umstände bedingt sind."
Ursprünglich zählte Mugabes Land zu den wohlhabendsten des gesamten Kontinents, es war geradezu "ein Paradies, und nicht nur für Weiße", sagt Doris Lessing: "Als die Schwarzen aufbegehrten und 1979 ihren Krieg gewannen, lag eine Zukunft vor ihnen, wie sie sich angesichts der materiellen Fülle und ihrer eigenen Fähigkeiten in keinem anderen Land Afrikas auftat, auch nicht in Südafrika."
Tansanias Präsident Julius Nyerere gab Mugabe damals den guten Rat mit auf den Weg: "Du hast das Juwel Afrikas in Händen, gib gut darauf acht."
Mittlerweile hat sich als erste die sambische Regierung von dem Diktator im Nachbarland distanziert. Die Lage in Simbabwe erinnere ihn an den Untergang der "Titanic", erklärte Sambias Präsident Levy Mwanawasa, "deren Passagiere von Bord springen, um ihr Leben zu retten". Mutige Worte für einen afrikanischen Führer. In den meisten Ländern Afrikas werden die Gewaltorgien des Weißenhassers Mugabe eher mit klammheimlicher Freude verfolgt.
So bleibt es eine gespenstische Szenerie, wenn aufgewiegelte Bürgerkriegsveteranen und die Parteijugend durch die Straßen Harares toben, dumpfe Kriegstrommeln schlagen und "Hondo, Hondo, Hondo!" - Krieg! - rufen oder "Chimurenga!" - Kampf! "In diesem Land herrscht ein Klima der Gewalt", sagt der deutsche Missionar Dieter Scholz, der immer noch am Rande der Hauptstadt lebt und unerschrocken Berichte über Mugabes Terror verfasst: "Doch das ist nicht neu, hier herrschte immer schon ein Klima der Gewalt."
Die Konflikte zwischen den einzelnen Bevölkerungsgruppen spitzten sich bereits im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts zu, als die Briten begannen, ihre Herrschaft über das verheißungsvolle Land am Kap zu festigen und so die widerspenstigen Buren auf ihren biblischen Flüchtlingszug, den großen Treck nach Norden, zwangen.
Während viele Tausende Buren auf Planwagen und Ochsenkarren in jene Region auswichen, die sie später Oranje und Transvaal nannten, zogen sich die Viehzüchter der Ndebele vor den weißen Siedlern und wohl auch vor dem grausamen Zulukönig Tschaka ins Stammesgebiet der Schona zurück.
Weit folgenreicher jedoch dürfte gewesen sein, dass Ndebele-König Msilikasi 1853 einen Vertrag mit der Südafrikanischen Republik unterzeichnete, der dieser den Zugang zum Matabeleland sicherte, wo dann später der große Goldrausch einsetzte.
Gierig drängten die Eroberer vorwärts, und es kümmerte sie wenig, wer dort lebte. Es musste sie auch nicht sonderlich interessieren, jeder Zusammenstoß war von vornherein ein ungleicher Kampf zwischen Maxim-Maschinengewehren auf der einen und Speeren auf der anderen Seite.
Als besonders gerissen im Kampf zwischen Buren und Engländern um die Bodenschätze im heutigen Simbabwe erwies sich ein britischer Patriot, Imperialist und Menschenschinder, der sich zu einer der schillerndsten Figuren des britischen Imperialismus entwickeln sollte: Cecil Rhodes. Der Geschichtsphilosoph Oswald Spengler hat in ihm Jahre später "den ersten Mann einer neuen Zeit" erblickt - einen mitleidlosen Cäsaren.
Als 17-Jähriger war der tuberkulosekranke Pfarrerssohn Cecil 1870 zur Genesung von der nebligen Insel zu seinem Bruder Herbert in die Kap-Kolonie geschickt worden. Die Familie besaß dort eine Baumwollplantage.
1880 gründete Rhodes mit Geschäftsfreunden, darunter den Pariser Rothschilds, die "De Beers Mining Company", die noch heute die Bodenschätze Südafrikas ausbeutet. Zeitweise schürfte seine
Gesellschaft 90 Prozent aller afrikanischen Diamanten. 1889 sicherte sich Großbritannien durch einen Vertrag mit König Lobengula die Bodenschätze im Matabeleland, und über einen Mittelsmann erhielt Rhodes selbst die Schürfrechte.
1891 bekam seine "British South Africa Company" die königliche Befugnis, alle noch unerschlossenen Gebiete im südlichen Afrika zu erobern - ein Jahr zuvor war er zum Premierminister der Kap-Kolonie gewählt worden. Rhodes hatte große Visionen. Ihm schwebte "der Aufbau einer so großen Macht" vor, "dass Krieg unmöglich gemacht und das Beste im Interesse der Menschheit gefördert wird".
Nachdem er seinen Job als Regierungschef wieder los war, wandte er sich verstärkt "seinem" Ackerland zu: Rhodesien, das er von einer eigenen Polizeitruppe kontrollieren ließ und als Privateigentum betrachtete wie sein Zeitgenosse König Leopold II. den Kongo.
Zeitweise war in Rhodes' Kolonie eine regelrechte Goldhysterie ausgebrochen, die auch noch durch die Behörden angeheizt wurde: Jeder weiße Siedler, und die meisten von ihnen waren Desperados, erhielt 15 Gold-Claims zugeteilt.
Die Suche nach Gold verlief jedoch alsbald enttäuschend, nun wandten sich die Neuankömmlinge dem zweiten wertvollen Gut Rhodesiens zu, das es scheinbar im Überfluss gab: dem Land. Anfangs versprach Rhodes den Pionieren Farmen von 1500 Morgen Größe, doch schon bald war der Ansturm kaum noch zu bewältigen. Zehn Jahre nach ihrer Ankunft hatten die Weißen in Rhodes' Britenkolonie bereits 6 500 000 Hektar unter sich aufgeteilt.
Aber es waren nicht nur Abenteurer mit dem Hang zu Größenwahn, die ihr Glück in Rhodesien suchten, sondern auch Menschen wie etwa die Urgroßmutter von Glenn Tatham, der heute in Lusaka, der Hauptstadt des Nachbarlands Sambia, eine Flugschule betreibt und - eine afrikanische Krankheit - in wehmütigen Erinnerungen an Simbabwe schwelgt.
Seine Urgroßmutter, eine Irin, hatte sich 1892 in Lumpen vom portugiesischen Hafen Beira herüber ins Schonaland geschleppt, wo sie einen ärmlichen Schotten heiratete und eine Farm aufbaute. Es ging ihr wie vielen tausend anderen bitterarmen Europäern, die zu dieser Zeit in ihrer Heimat keine Zukunft mehr sahen.
Es waren einfache Leute, die in einer feindlichen Umgebung gegen die Unbilden der Natur, die wilden Tiere und den Widerstand der ursprünglichen Bewohner ums Überleben kämpfen mussten. Sie kamen mehr schlecht als recht über die Runden. "Es war eine der ironischen Ungereimtheiten", erinnert sich Doris Lessing, "dass die Weißen sich selbst als elendig arm betrachteten und die Schwarzen die Weißen als unermesslich reich. Beide hatten recht."
Zudem gerieten sie ständig zwischen die Fronten derjenigen, die um Afrikas Land und Afrikas Bodenschätze so erbittert Krieg führten. Im Ersten Weltkrieg kämpfte Tathams Großvater - halb Schotte, halb Ire - auf der Seite der Buren gegen die englische Krone. Dafür landete er im Konzentrationslager, Britanniens Erfindung aus dem Burenkrieg.
Glenn Tatham selbst ist im Rhodesien der Regierung von Ian Smith aufgewachsen, einem starrsinnigen weißen Rassisten, der mit dem Commonwealth brach, als Britannien in den sechziger Jahren seine Kolonien in die Freiheit entließ.
Er wurde in einem Polizeistaat groß, der ein ungewöhnlich prosperierendes afrikanisches Land voller Bodenschätze wie Gold, Kohle und Platin verwaltete. Doch das Land befand sich auch in einem permanenten Bürgerkrieg mit den schwarzen Nationalisten und Unabhängigkeitskämpfern.
Tatham, ein hagerer, rotgesichtiger Mann, wäre gern in Simbabwe geblieben. Er hatte nie Probleme mit einer schwarzen Regierung, und er war jahrelang oberster Tierschützer in Mugabes Staat. Als plötzlich seine Nachbarn, aufgehetzt durch den Staatschef, mit gewetzten Messern und geballten Fäusten zur Jagd auf Weiße riefen, traf ihn das völlig unvorbereitet.
"Vielleicht haben wir viel zu lange in der Illusion gelebt, dass die Kämpfe der Vergangenheit vergessen sind", sagt Tatham, "wir lebten wohl in unserer eigenen Welt." Der Ausbruch der von Mugabe geschürten Gewalt habe ihn nun eines Besseren belehrt.
Zwei seiner Cousins haben Afrika längst den Rücken gekehrt und leben in Australien. Tatham will es noch eine Weile in Sambia, dem früheren Nordrhodesien, probieren - denn was hat er in Europa, dem Kontinent seiner Vorfahren, schon verloren? Aber zurück nach Simbabwe, vielleicht unter einer neuen Regierung? "Niemals!"
Im Moment ginge das ohnehin kaum. "Wir laden keine weißen Farmer ein, zurückzukommen", sagt Landreform-Minister Didymus Mutasa, "dieses Land gehört den Schwarzen, und wir werden es nicht an irgendwen zurückgeben."
Wie also soll es weitergehen mit Afrika? Wenn die vielen hundert Milliarden Dollar Entwicklungshilfe nur wenige Spuren hinterlassen haben, wenn jede Systemwende in eine neue Sackgasse führt und die meisten Gesellschaftsentwürfe gescheitert sind, gibt es dann überhaupt noch Hilfe für den hilflosen Kontinent?
Von einer Industrialisierung, der großen Hoffnung der ersten Unabhängigkeitsjahre,
redet keiner mehr; vom Gegenteil, der millionenfachen Projekthilfe vor Ort, auch niemand. In der letzten Dekade des vorigen Jahrhunderts fiel die bilaterale internationale Hilfe für Afrika von 28,6 Milliarden Dollar auf 16,4 Milliarden pro Jahr.
Erst im neuen Jahrtausend drängte sich Afrika wieder ins Zentrum des weiterhin schlechten Gewissens im Westen. Es fehlte nicht an radikalen Vorschlägen. Dazu zählt ganz sicher die Forderung, Entwicklungshilfe komplett einzustellen. Jürgen Wolff, emeritierter Professor für Soziologie der Entwicklungsländer an der Universität Bochum, ist überzeugt: "Entwicklungshilfe hat Afrika nicht nur nicht geholfen - abgesehen von den winzigen, korrupten und ineffizienten Staatseliten -, sie hat eine verfehlte Politik finanziert und damit deren Beibehaltung ermöglicht." Notwendige Reformen wurden nicht eingeleitet, wirtschaftliche Energien gelähmt, die Folge war eine stetig wachsende Abhängigkeit von den Almosen der reichen Welt.
Die Politikwissenschaftler Stephen Krasner, James Fearon und David Laitin von der kalifornischen Universität Stanford haben dagegen vorgeschlagen, Teile des Kontinents unter Treuhandverwaltung der Vereinten Nationen zu stellen. Sie nennen das "postmodernen Imperialismus". Was im Kosovo und in Osttimor funktioniert habe, meinen sie, das könne auch für einen Erdteil nicht verkehrt sein, dem es nach 50 Jahren Freiheit nicht gelang, Fuß zu fassen.
Die amerikanische Regierung nimmt solche Vorschläge ernst. Nicht nur, dass Professor Krasner seit Anfang 2005 Chef eines Think-Tank ist, der sich mit der friedlichen Rekolonisierung der Elendsnationen befasst. Im Weißen Haus gibt es neuerdings auch eine Stabsstelle "für Wiederaufbau und Stabilisierung", die komplette Aktionspläne zur Sanierung von 25 Krisenstaaten in der Schublade hat. Dafür soll die Völkergemeinschaft die Souveränität solcher Staaten an sich ziehen, die sich als unfähig erwiesen haben, ihre eigenen Angelegenheiten zu regeln. Auch der New Yorker Wirtschaftsprofessor William Easterly, Autor des Buchs "Wir retten die Welt zu Tode", sieht in solchen kontroversen Planspielen "einen Ansatz zur Beendigung der globalen Armut".
Afrikas Heilung muss aber - letztlich - hausgemacht sein, weil auch das Unglück hausgemacht ist: Afrikas "Big Men" haben ihre Länder ins Verderben geführt, die Absicherung der Macht um jeden Preis und die Gier nach Reichtum waren ihre Hauptantriebskräfte. 40 Prozent des privaten Vermögens von Afrikanern ist im Ausland gebunkert, schätzt die Weltbank.
Good Governance soll helfen, heißt es jetzt überall. Good Governance, gute Regierungsführung, ist ein Konzept, das in der Weltbank erfunden wurde, als die Banker die Trümmer der "verlorenen Dekade" zusammenkehrten. So nannten sie die achtziger Jahre, in denen Afrika die schmerzlichsten Rückschritte hinnehmen musste. Good Governance, das sollte Transparenz heißen, Verantwortlichkeit, Effizienz, demokratische Teilhabe an den Entscheidungen und vor allem Rechtsstaatlichkeit. Ohne den Nachweis von Good Governance sollte es, so schworen sich die Geberländer, gar keine Entwicklungshilfe mehr geben.
Angela Merkel, die deutsche Kanzlerin, will Good Governance im Juni zum zentralen Thema ihres G-8-Gipfels in Heiligendamm machen. Damit steht Afrika erneut im Mittelpunkt.
Vor Ort, am Kap, kann ein Farmer wie Daan Roux, 53, über das Schlagwort von guter Regierungsführung nur bitter lachen. Er besaß einmal 4300 Hektar safrangelbes Grasland zwischen Pietersburg, das jetzt Polokwane heißt, und Phalaborwa und hielt darauf, versteckt hinter den kargen Dornbüschen und dem Elefantengras, ein paar hundert Rinder und tausend Wildtiere. "Unser kleines Paradies", sagt Roux.
Früher einmal hatte Roux hier auch Gemüse angebaut, aber die Lohnkosten stiegen, und der Ackerbau warf kaum noch Erträge ab. Deshalb sattelte Roux um auf Jagdtourismus. Es gab genügend Reiche in den USA und in Europa, in den arabischen Emiraten und in Fernost, die nach Südafrika kamen, um eine Elen-Antilope vor die Flinte zu bekommen oder einen Kaffern-Büffel. "Die Geschäfte liefen prächtig zuletzt", sagt Roux, "wir konnten nicht klagen." 24 Arbeiter beschäftigte er zeitweise auf seiner Jagdfarm.
Daan Roux musste dennoch seine Koffer packen. Nun wuchtet er die sperrigen Boxen auf seinen Pick-up, die feinen Möbel aus Tropenholz und die Jagdtrophäen: das Löwenhaupt, den prächtigen Stoßzahn, all die Geweihe. Er wartet nur darauf, dass die letzte Rate für die Tiere überwiesen wird, dann ist er weg mit seiner Familie.
Auf Roux' Farm lastet eine Rückgabeklage. Vor fast 100 Jahren sollen seine Vorfahren einem einheimischen Stamm das Land gestohlen haben. Würde Roux jetzt nicht verschwinden, landete der Fall unweigerlich vor Gericht, und dafür hat der gestresste Farmer keine Nerven mehr.
"Ich wurde auf dieser Farm geboren, ich verbrachte mein ganzes Leben auf diesem Land", sagt Roux, "doch unsere Zeit ist abgelaufen." Seine Vorfahren waren Hugenotten, sie landeten 1688 bei Kapstadt auf der Flucht vor Frankreichs Katholiken. Dann trieben die Briten die Familie nach Norden, danach flohen sie vor den Zulus. Heute sitzt ihnen der ANC im Nacken.
"Natürlich ist es schwer, seine Heimat zu verlassen", sagt Roux und wird fast von seiner Tochter Mart-Marie umgestoßen, die schwere Kleidersäcke auf die Ladefläche wirft. "Aber mein Vater sagte immer: ,Wenn du fliehen musst, dann musst du es rechtzeitig tun.'"
THILO THIELKE, ERICH WIEDEMANN
Jerry Rawlings (Ghana, 1995)
* 1957 am Unabhängigkeitstag in der Hauptstadt Accra.
* Mit Chinas Staatschef Mao Zedong 1974 in Peking.
* Links: während der Fahrt durch Leopoldville am 30. Juni 1960 entwendet ein Einheimischer dem belgischen König den Degen aus dem offenen Auto; rechts: Kongolesen, denen wegen unzureichender Kautschuklieferung die Hände abgeschlagen wurden, in Belgisch-Kongo.
Von Thilo Thielke und Erich Wiedemann

DER SPIEGEL 16/2007
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