30.04.2007

„Epo war Alltag“

Buchautor Jef D'hont über 40 Jahre Doping im Radsport, Jan Ullrichs Auftritt bei der Tour de France 1996 und die Unterstützung des Teams Telekom durch Ärzte der Freiburger Universitätsklinik
SPIEGEL: Herr D'hont, 1999 haben wir uns schon einmal getroffen, um über das Thema Doping im Team Telekom zu sprechen. Sie haben sich damals entschieden, nicht an die Öffentlichkeit zu gehen. Warum?
D'hont: Damals stand mir der Festina-Prozess bevor. Außerdem war ich im Kopf noch nicht so weit. Einer meiner Söhne fuhr noch Rennen, der andere bekam vom Telekom-Teamchef Walter Godefroot das Angebot, dort als Pfleger zu arbeiten. Godefroot hatte mir übrigens versprochen, die Hälfte meiner Gerichtskosten zu bezahlen.
SPIEGEL: Warum sollte Walter Godefroot, unter dem Sie von 1992 bis 1996 bei Telekom gearbeitet haben, das tun?
D'hont: Godefroot ist schlau. Ich habe zu meinem Sohn Steven gesagt: Geh da nicht
hin. Er hat es trotzdem gemacht, und deswegen musste ich meine Pläne erst mal begraben. Als sich Godefroot und die Telekom 2005 trennten, war mein Sohn ein oder zwei Monate später raus.
SPIEGEL: Warum veröffentlichen Sie gerade jetzt Ihr Buch?
D'hont: Weil ich selbst Anfang der sechziger Jahre Radrennfahrer war und verbotene Mittel genommen habe. Weil das mehr als 40 Jahre danach immer noch weitergeht. Und weil alle immer noch sagen: "Doping? Niemals." Das kann ich nicht mehr hören. Schauen Sie sich die Teamleiter der großen Rennställe an: Walter Godefroot, Bjarne Riis, Mauro Gianetti, alle sagen, bei uns läuft nichts, und sie alle haben früher in ihrer Karriere gedopt oder sind verdächtigt worden. Das Doping-Problem lässt sich erst dann lösen, wenn die alle raus sind.
SPIEGEL: Sie sind Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre selbst gefahren. Womit haben Sie gedopt?
D'hont: Amphetamine, eine halbe Stunde vor dem Rennen eine Tablette, und schon konnte man jedes Tempo mitgehen. Mein Problem war nur, dass ich unter den Nebenwirkungen litt: Ich konnte schlecht schlafen und hatte keinen Appetit mehr. Diejenigen waren die besten, die keine Nebenwirkungen hatten, die konnten es jeden Tag nehmen.
SPIEGEL: Sie selbst sind - obwohl Sie wussten, was in dem Geschäft läuft - nach Ihrer aktiven Karriere Pfleger geworden. Warum?
D'hont: 1963 hatte ich einen schweren Sturz. Wegen einer leichten Gehirnblutung war meine linke Körperhälfte leicht gelähmt, drei Wochen lang lag ich im Krankenhaus und musste mehrere Monate
pausieren. Damals hatten die Fahrer ja keine festen Verträge, ich war 21 und frisch verheiratet. Ich musste Geld verdienen und habe dann als Masseur angefangen.
SPIEGEL: Haben Sie als Pfleger die Fahrer mit Doping-Mitteln versorgt?
D'hont: Das haben die Fahrer selbst gemacht. Amphetamine waren damals ganz leicht zu besorgen, in Frankreich, Italien und Spanien gab es Mittel wie Dexedrin ohne Rezept in den Apotheken. Die Fahrer haben sich selbst versorgt. Alle haben Amphetamine genommen, alle, sogar Amateure.
SPIEGEL: Wirklich jeder?
D'hont: Im März dieses Jahres gab es ein Treffen der Leute aus dem Flandria-Rennstall, dem größten belgischen Team der sechziger und siebziger Jahre. Alle waren da, Fahrer, Mechaniker, Pfleger. Irgendwann sagte jemand: He, wenn es hier jemanden gibt, der keine Amphetamine genommen hat, dann soll er sich jetzt melden. Großes Gelächter.
SPIEGEL: Was waren Ihre Aufgaben als Pfleger?
D'hont: Ganz normal - massieren, Tipps geben, Verpflegung, Fahrdienste. Die wichtigste Aufgabe allerdings war es, die Fahrer beim Doping zu bremsen: nicht zu viel, nicht jeden Tag. Damals gab es ja noch keine Ärzte im Radsport.
SPIEGEL: In Ihrem Buch sprechen Sie von Omertà, dem Gesetz des Schweigens.
Musste man Neulingen die Regeln erklären?
D'hont: Das war nicht nötig, das ging automatisch. Und das ist auch heute noch so.
SPIEGEL: Sie haben als Pfleger für große belgische Rennställe gearbeitet, bis Sie 1992 zum Team Telekom wechselten. Wurde dort gedopt?
D'hont: Es gab vielleicht einige, die etwas gemacht haben, die meisten aber nahmen nur Vitamine oder meinen Zaubertrank, der eigentlich harmlos war. Richtig los ging es erst 1993, Uwe Ampler war seit einem Jahr dabei, und man bereitete Olaf Ludwig auf die Weltmeisterschaft vor, bei der er schließlich Dritter wurde.
SPIEGEL: Was genau ging los?
D'hont: Doping mit Epo. Das war aus Italien gekommen und hatte bei den Fahrern im Telekom-Team für viel Aufregung gesorgt, weil Ampler plötzlich so viel besser wurde. Die Fahrer wollten es, auch wenn der Teamarzt Andreas Schmid sich anfänglich sträubte. Es fing langsam an und wurde im Laufe der Jahre immer mehr. Der Höhepunkt, den ich miterlebt habe, war 1996, mein letztes Jahr bei Telekom.
SPIEGEL: Fahrer und Ärzte streiten das Doping mit Epo ab. Sie sagen, Sie haben selbst gespritzt. Wie viele Male? Mehr als tausend?
D'hont: Nicht so viel. Oft haben ja auch die Ärzte die Spritzen gesetzt.
SPIEGEL: Hunderte?
D'hont: Ja. Es gab übrigens auch Fahrer, die sich die Spritzen selbst setzten.
SPIEGEL: Wie viele Epo-Einheiten verbrauchte ein Telekom-Fahrer durchschnittlich in einer Saison?
D'hont: Einige 10 000 Einheiten, andere 50 000. Es gab Fahrer, die haben zwei Monate vor der Tour de France mit kleinen 1000er Einheiten angefangen und das langsam gesteigert. Es gab andere Fahrer, die haben sich mit Epo auf die Eintages-Klassiker vorbereitet. Aber niemand nahm Epo das ganze Jahr durch.
SPIEGEL: Sie behaupten in Ihrem Buch, dass Sie 1996 auf der Rückfahrt von der Tour de Suisse in Freiburg an der Uni-Klinik einen Zwischenstopp gemacht hätten, um dort Epo-Ampullen abzuholen. Wie viele Ampullen sollen das gewesen sein?
D'hont: Ungefähr hundert.
SPIEGEL: Wofür waren die?
D'hont: Es war der Teamproviant für die Tour de France.
SPIEGEL: Haben 1996 bei der Tour de France alle Fahrer des Teams Epo genommen?
D'hont: Nicht alle.
SPIEGEL: Haben Sie gesehen, dass Jan Ullrich Epo-Spritzen bekam oder sich selbst setzte?
D'hont: Ja, ein paarmal.
SPIEGEL: Hat er selber gespritzt oder wurde er gespritzt?
D'hont: Das will ich jetzt nicht sagen.
SPIEGEL: In Ihrem Buch schildern Sie ausführlich, wie sich Bjarne Riis während der Tour 1996 dopte. Bei Jan Ullrich halten Sie sich zurück. Warum?
D'hont: Weil es nach der Veröffentlichung vielleicht gerichtliche Auseinandersetzungen
mit der Telekom oder Jan Ullrich geben wird. Für diesen Fall habe ich mir einiges aufgespart.
SPIEGEL: Ullrich sagt bis heute, er habe nie gedopt. Aber Sie behaupten, dass er während der Tour 1996 zu den Fahrern gehörte, die Epo nahmen?
D'hont: Ja, er gehörte dazu. Und er nahm auch Wachstumshormon.
SPIEGEL: Beides regelmäßig?
D'hont: Ja. Aber die Dosierung war relativ niedrig. Er brauchte nicht so viel, weil er körperlich eine Klasse für sich war. In meinen 40 Jahren als Soigneur habe ich nie einen besseren Körper unter den Fingern gehabt.
SPIEGEL: Konnte man 1996 nicht auch ohne Epo Zweiter der Tour werden?
D'hont: Normalerweise nicht. Andererseits: In einem Feld ohne Doping hätte Ullrich sie alle geschlagen, und das auf Jahre.
SPIEGEL: Was war nach Ihren Beobachtungen Ullrichs Einstellung zum Doping?
D'hont: Epo war Teil des Alltags, das gehörte dazu wie Training oder Massage. Aber er war nicht einer von denen, die laut danach gerufen haben.
SPIEGEL: Mögen Sie ihn?
D'hont: Ja. Aber ich habe bis heute nicht verstanden, was mit ihm später passiert ist.
SPIEGEL: Hat sich einer der Telekom-Fahrer jetzt vor der Veröffentlichung Ihres Buches bei Ihnen gemeldet?
D'hont: Nur Udo Bölts. Er wollte wissen, ob er vorkommt. Ich habe ihm gesagt, dass das der Fall ist.
SPIEGEL: Sie schreiben auch, dass der Teamarzt Andreas Schmid von der Freiburger Universitätsklinik sich anfänglich gegen den Einsatz von Epo gesträubt, schließlich aber mitgemacht habe. 1995 kam der Freiburger Arzt Lothar Heinrich dazu, auch er von der Universitätsklinik. Beide betreuen heute als Ärzte das T-Mobile-Team, und beide bestreiten weiterhin die Vergabe von Epo. Hat Heinrich ebenfalls mitgemacht?
D'hont: Es war nicht so, dass er gesagt hat: Nein, nein, das will ich nicht. Epo fand er ganz normal. Und das war es ja auch, nicht nur beim Team Telekom, sondern auch bei einigen anderen Teams. Heinrich hat das Epo mitgebracht und auch selber gespritzt und mit den Rennfahrern gesprochen.
SPIEGEL: Wie sollen wir uns die tägliche Routine damals bei der Tour de France vorstellen?
D'hont: Morgens wurden die Blutwerte kontrolliert. Abends nach der Massage gab es dann im Hotelzimmer alle zwei, drei Tage neue Epo-Einheiten, die Dosierung war abhängig von den Werten. Es gab auch Fahrer, die hatten ihre eigenen Zentrifugen. Bjarne Riis beispielsweise.
SPIEGEL: Sie schreiben im Buch, dass Riis, der ja dann auch die Tour 1996 gewann, vor einer Etappe zu Ihnen gekommen sei und seinen Hämatokritwert gezeigt habe: 64.
D'hont: Normalerweise waren es die Ärzte, die die Ansagen über die Dosen machten. Wenn sie nicht selbst spritzten, bekamen wir Zettel, auf denen die Dosierungen notiert waren. Aber Riis hatte einen eigenen Arzt in Italien, mit dem er seine Dosierung besprach, Riis hat sich auch selbst das Epo besorgt und gespritzt.
SPIEGEL: Haben Sie danach mit den Ärzten des Teams Telekom gesprochen?
D'hont: Natürlich habe ich das gemeldet. Heinrich und Schmid wussten das.
SPIEGEL: Wie haben sie reagiert?
D'hont: Sie waren erschrocken. Dass Riis so viel machte, das haben sie nicht gewusst.
SPIEGEL: Haben die Ärzte versucht, mit Riis zu reden?
D'hont: Natürlich. Ich habe auch mit Riis geredet: Junge, das ist gefährlich. Er sagte nur: Geht schon, alles gut. Aber bei den letzten vier Etappen war er körperlich ein Wrack.
SPIEGEL: Gab es Angst, dass alles auffliegt?
D'hont: Nein. Das war Alltag. Die Ärzte spritzten, und wenn wir spritzten, geschah das nie ohne Absprache mit den Ärzten. Schmid und Heinrich haben sich um die Fahrer gekümmert und entschieden, wann Schluss war mit Epo, da war so eine deutsche Gründlichkeit. Heute sind es einzelne Fahrer, die das heimlich mit ihren Ärzten aus Italien oder Spanien machen und sich selbst dosieren und versorgen, so wie es Riis schon 1996 machte. Sie benutzen Epo-Varianten, die nicht zu testen sind, die sehr viel teurer sind und die sich normale Fahrer nicht leisten können. Die Situation heute ist gefährlicher. Irgendwann wird jemand vom Rad fallen.
SPIEGEL: Hatte man im Peloton einen Tarnbegriff für Doping?
D'hont: Epo war Epo, das hatte etwas Selbstverständliches. Doping ist ein Begriff, den nur die Öffentlichkeit benutzt hat.
SPIEGEL: Sie sagen, dass alle Bescheid wussten über das Doping. Auch die Sponsoren?
D'hont: Das glaube ich nicht. Das bleibt in den Teams. Doping wäre schlecht für das Image der Sponsoren gewesen.
SPIEGEL: Sie erwähnen im Buch Tagebuchaufzeichnungen und Notizen über die Höhe der Dosen, die die Fahrer bekommen haben sollen. Besitzen Sie die noch?
D'hont: Meine Frau hat alles vernichtet, als ich 1998 im Gefängnis war. Wir hatten Angst vor einer Hausdurchsuchung.
SPIEGEL: Als Sie vor ein paar Wochen ein Interview im belgischen Fernsehen gaben und Vorwürfe gegen das Telekom-Team erhoben, sagte Riis, Sie hätten keine Beweise.
D'hont: Auch die Reaktion von Godefroot war interessant. Er sagte, das alles sei Vergangenheit, die man ruhen lassen sollte. Aber er hat nicht gesagt: Alles falsch. Was nur heißen kann: Es stimmt, was ich sage.
SPIEGEL: Sie haben keine Beweise.
D'hont: Meine Geschichte entspricht den Tatsachen, so wie sie wirklich passiert sind, und nicht wie andere wollen, dass sie passiert sind. Man wird mich einen Nachtreter und einen Nestbeschmutzer nennen, man wird mein Buch als Abrechnung betrachten. Aber ich will, dass sich endlich einmal etwas von Grund auf ändert. Dass die Scheinheiligkeit ein Ende hat und mit ihr die Omertà.
SPIEGEL: Herr D'hont, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führten die Redakteure Matthias Geyer, Lothar Gorris und Udo Ludwig.
* Mit Festina-Betreuer Willy Voet (2. v. l.), Apotheker Eric Paranier (3. v. l.), Festina-Sportdirektor Bruno Roussel (4. v. l.) am 23. Oktober 2000 in Lille.
Von Matthias Geyer, Lothar Gorris und Udo Ludwig

DER SPIEGEL 18/2007
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