30.04.2007

Ein toller Langweiler

Nahaufnahme: Zum 100. Geburtstag des „Tim und Struppi“-Erfinders Hergé hat der Tintinologe Michael Farr viel zu tun.
Große Häfen sind angemessene Orte, um "Tintinologen" zu treffen, also jene Fachleute, die sich mit den Abenteuern der Helden der Comic-Serie "Tim und Struppi" - im belgischen Original "Les aventures de Tintin" - mindestens so eingehend beschäftigt haben wie der Papst mit der Heiligen Schrift.
Seeleute, Schmuggler, vielleicht der eine oder andere getarnte Pirat, sind in Reichweite. Abenteuer aller Art scheinen hier möglich. So passt der prominente britische Tintinologe Michael Farr, 54, wunderbar in das kleine, windschiefe Backsteinhaus mit dem Szene-Lokal, in das der Hamburger "Tim und Struppi"-Verlag Carlsen geladen hat.
Farr trägt ein schiefergraues Feincord-Sakko, eine "Tim und Struppi"-Krawatte (Motiv "Der Blaue Lotos") und streng gescheitelte graubraune Haare. Er hat den kultivierten Charme eines britischen Kolonialbeamten und macht Werbung für sein Buch "Auf den Spuren von Tim und Struppi"*. Fünf Jahre durfte er dafür in den bislang unzugänglichen Archiven des 1983 verstorbenen Zeichners Hergé wühlen. In einem prächtig illustrierten Standardwerk analysiert er da die 24 Abenteuer des rasenden Comic-Reporters Tim und verhandelt herrlich unnützes Spezialwissen wie die mehr als 200 Schimpfworte ("Hunderttausend Höllenhunde") von Tims Kompagnon Kapitän Haddock, aber katalogisiert auch Mumien und Handfeuerwaffen, die dem detailverrückten Künstler als Vorlagen dienten.
"Alles Kunst auf höchstem Niveau", stellt Farr auf Deutsch bei einem Aperol-Pfirsich-Champagner-Aperitif fest. So wie Tim bereiste er als Reporter die Welt, berichtete über Politik für den "Daily Telegraph" aus Europa und Afrika; er spricht fließend Deutsch und Französisch.
Dieses Jahr ist Hochsaison für Tintinologen. Am 22. Mai wäre Hergé 100 Jahre alt geworden - ein Genie der Comic-Welt, des-
sen Werke sich bis heute jedes Jahr millionenfach verkaufen und dessen klarer Pop-Art-Stil namens "Ligne claire" Generationen von Comic-Zeichnern beeinflusst hat. Andy Warhol und Roy Lichtenstein waren Fans, auch David Bowie, Quentin Tarantino, Hugh Grant und Steven Spielberg. Der wird demnächst einen "Tim und Struppi"-Kinofilm produzieren, so wurde eben aus der Hergé-Zentrale in Brüssel bestätigt.
Welches der Tim-Abenteuer auf die Leinwand soll, weiß selbst er noch nicht, bekennt Farr bei feiner Erbsenschaum-Suppe. "Aber ich tippe auf das zweibändige Mondabenteuer."
Die Tintinologie ist für ihn, selbstverständlich, eine ernste Angelegenheit: "Es gibt auch Tintinophile, die mögen die Comics, wissen aber eben weniger als Tintinologen darüber." Gewöhnlich hält Farr so um die 30 Vorträge zum Thema pro Jahr. Vor Hamburg war er in Barcelona, im Gepäck stets einen "Tim und Struppi"-Comic (diesmal "Tim in Tibet").
In Frankreich und Belgien, wo Comics zur Landeskultur gehören, mussten die selbsternannten Experten erst mal ihren Nationalstolz überwinden, um hinzunehmen, dass ein Brite sich erdreistet, ihnen die heiligen Abenteuer von "Tim und Struppi" zu erklären.
In Paris, wo seine Eltern damals lebten, bekam Farr mit vier die ersten Hergé-Comics von seiner Mutter vorgelesen. Eine fortgeschrittene Begeisterung entzündete sich im Sommer 1978 in Brüssel. Er war 25 und Jungreporter in der belgischen Hauptstadt. Übermütig sprach er beim legendär medienscheuen Hergé für ein Interview vor und wurde tatsächlich vom damals 71-jährigen Künstler vorgelassen. "Ich war jung, Brite und sprach fließend Französisch, das hat ihm irgendwie gefallen."
Der Meister lud den Fan ins beste Restaurant der Stadt. Hinter einem Wandschirm gab es, wie Farr sich erinnert, Hasenrücken an weißer Sahnesauce. Die Audienz währte drei Stunden und war journalistisch betrachtet "eine Katastrophe". Statt Fragen zu beantworten, befragte Hergé den Reporter, wollte zum Beispiel alles über die Kunstrocker Pink Floyd wissen, deren Platten er komplett besaß. Seit jenem Treffen ist Michael Farr endgültig besessen von Tim und seinem Schöpfer und hält bis heute engen Kontakt mit der Witwe und ihrer "Fondation Hergé".
Aber was finden die mehr als 120 Millionen Käufer von "Tim- und Struppi"-Comics bloß an dem biederen Reporter? Nüchtern betrachtet ist der Held doch vor allem ein grandioser Langweiler. Immer froh, ohne Frauen, Alkohol und ähnliche Laster.
Natürlich sei Tim ein Langweiler, aber genau darin liege doch das Genie seines Schöpfers, erläutert Farr. Einerseits habe ihm Hergé deshalb ja diverse Paradiesvögel wie Kapitän Haddock, Professor Bienlein oder die Detektive Schulze und Schultze zur Seite gestellt. Andererseits könne sich so eben jeder mit Tim identifizieren. Nur die deutsche Namensübersetzung findet Farr mäßig.
"Tim und Struppi" sei schon "sehr bieder", urteilt er. "Da wäre man besser bei Tintin geblieben!"
Für Farr bedeutet Hergés Hundertster auch Stress. Im Herbst erscheint in England seine Hergé-Biografie. Dezent schaut er auf seine "Tim und Struppi"-Arm-banduhr. Morgen hält er in der Hansestadt noch einen Diavortrag, dann muss er weiter. CHRISTOPH DALLACH
* Michael Farr: "Auf den Spuren von Tim und Struppi". Aus dem Englischen von Dirk Naguschewski und Marcel Le Comte. Carlsen Verlag, Hamburg; 208 Seiten; 35 Euro.
Von Christoph Dallach

DER SPIEGEL 18/2007
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