07.05.2007

HISTORIKERDer Professor und die Sekte

Der Direktor des Dresdner Hannah-Arendt-Instituts, Gerhard Besier, muss gehen. Seine Mitarbeiter rebellieren, weil sich Besier für die Scientologen einsetzt.
Die Experten waren des Lobes voll. Gerhard Besier, Chef des Dresdner Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung (HAIT), habe in seiner Amtszeit nicht nur "die Kohäsion des Instituts" wiederhergestellt, sondern dieses "mit beträchtlichem wissenschaftlichem Erfolg zu hoher Produktivität" geführt. Einer Vertragsverlängerung, so der wissenschaftliche Beirat, stehe nichts im Wege.
Wenig später war der Kirchenhistoriker abgesägt. Besier solle, verkündete das sächsische Wissenschaftsministerium im April, künftig als Professor an der TU Dresden seine erfolgreichen Forschungen weiterbetreiben. Einen solch exzellenten Experten könne man im Lehrbetrieb immer gebrauchen. Das sei eine Regelung in beiderseitigem Einvernehmen.
Inzwischen lichtet sich der Nebel an der Elbe, und von Einvernehmen kann keine Rede sein. Denn es gab einen handfesten Grund für die vom Kuratorium betriebene Ablösung: Besier hat offizielle Verbindungen zu amerikanischen Wissenschaftlern geknüpft, die sich für die Scientology-Sekte einsetzen. Weil Sachsen den Beamten Besier weiter als Professor beschäftigen muss, soll man darüber nicht reden.
Mehrere Wissenschaftler des Instituts hatten Kuratoriums-Chefin Friederike de Haas am 14. März ein umfassendes Dossier zusammengestellt, um Besiers Nähe zu den Scientologen zu belegen. Die Nachwuchshistoriker fürchteten um ihre "Karrierechancen", wie sie wissen ließen, sollten sie der Organisation zu nahekommen.
Direktor Besier war schon 2003 aufgefallen, als er die Sekte bei der Eröffnung eines Scientology-Büros in Brüssel lobte ("Sie sind entschlossen. Sie halten durch. Sie zeigen Mut."). Kaum hatte sich die Aufregung gelegt, erschienen in einer Fachzeitschrift, die Besier mitherausgibt, mehrere Artikel, die so plump die Gefährlichkeit der Sekte zu widerlegen suchten, dass sich der Verlag in einem Vorwort distanzierte. Nicht viel besser kam der Band "Religionsfreiheit und Konformismus" an, den Besier maßgeblich mitgestaltete. Darin wird die angebliche religiöse Diskriminierung von Scientology in Deutschland beklagt. Besier legt Wert darauf, dass er sich auch für andere umstrittene Gruppen, etwa die Zeugen Jehovas, einsetzt.
Für den Sturz Besiers sorgte dann die offizielle Zusammenarbeit des HAIT mit dem Amerikaner Derek Davis, Professor an der texanischen University of Mary Hardin-Baylor. Davis und Besier kennen sich gut: Vier Bücher schrieben sie zusammen. Als kürzlich ein Mitarbeiter des Dresdner Instituts seine Englischkenntnisse auffrischen wollte, lag es für Besier nahe, ihn zu Davis nach Texas zu schicken. Davis verfasste den Scientologen wohlgesinnte Schriften; die Sekte hat ihm den Human Rights Leadership Award verliehen. Der Dresdner Mitarbeiter weigerte sich zu reisen. Besier sagt heute, Davis habe dem Kollegen nur eine günstige Wohnung beschaffen sollen. Und man dürfe einen amerikanischen Wissenschaftler nicht nach deutschen Kriterien beurteilen. Da half es nichts, dass sich Besier von Davis schriftlich versichern ließ, kein Mitglied der Sekte zu sein, was Besier auch für sich selbst in Anspruch nimmt. Der Historiker ist schon seit längerem angeschlagen, ganz unabhängig von Scientology.
Viele Mitarbeiter des Instituts kritisieren die von ihm betriebene Neuausrichtung; Besier verlangt, nicht nur die Geschichte der Diktaturen in Deutschland, sondern auch in Osteuropa zu erforschen. Und die CDU des Landes will ihn loswerden, weil sich Besier gern mal in die Politik einmischt - und dabei mehrfach auf Seiten der Unionsgegner stand.
Besier hält denn auch die Scientology-Vorwürfe für vorgeschoben, er sieht sich als Opfer einer Intrige. Doch seinen Sturz verdankt er beiden Partnern der Großen Koalition. Den Ausschlag für die Kuratoren gab Kulturstaatssekretär Knut Nevermann (SPD). Der Hamburger berief sich auf Erkenntnisse aus seiner Heimatstadt. 1999 war Davis der Arbeitsgruppe Scientology der Hamburger Innenbehörde aufgefallen, weil er bei einer Werbeveranstaltung der Scientologen in der Hansestadt als Redner auf dem Programm stand.
Das 1993 gegründete Institut steht nach dem Rauswurf wieder vor dem Kollaps. Zu oft gab es negative Schlagzeilen, zu oft wechselte das Führungspersonal. Der Gründungsdirektor starb kurz nach Amtsantritt, der Nachfolger musste gehen. Besier, dessen wissenschaftliche Werke weithin anerkannt sind, sollte zur Beruhigung beitragen - was bis zum Ausflug ins Brüsseler Scientology-Büro auch gelang.
Um sein Auskommen muss Besier nicht bangen, denn der Direktor ist Professor an der TU Dresden. Besonders leicht wird er es allerdings nicht haben; neun Kollegen von der Philosophischen Fakultät haben sich bereits vertraulich an den Rektor gewandt und gewarnt, dass Besiers "Werbung für die umstrittene Scientology-Organisation" das Ansehen des "Instituts für Geschichte in Lehre wie Forschung nachhaltig zu beschädigen" drohe.
Immerhin ist ein neuer Kandidat für den Direktorenposten im HAIT gefunden: der Dresdner Politologe Werner Patzelt. Ob das Institut mit ihm in ruhigeres Fahrwasser gerät, bleibt abzuwarten. Patzelt hatte Besiers Vorgänger, dem Historiker Klaus-Dietmar Henke, vorgeworfen, dieser "verhalte sich wie Hitler" - was ihm eine einstweilige Verfügung des Berliner Landgerichts einbrachte. KLAUS WIEGREFE, STEFFEN WINTER
Von Klaus Wiegrefe und Steffen Winter

DER SPIEGEL 19/2007
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