14.05.2007

„Schluss mit lustig“

Der SPD-Sozialexperte Rudolf Dreßler, 66, über seine Kontakte zur Linkspartei und seine Kritik am Kurs der Sozialdemokraten
SPIEGEL: Herr Dreßler, aus der Linkspartei verlautet, Sie würden früher oder später übertreten. Was ist dran?
Dreßler: Ich habe mit keinem offiziellen Vertreter der Linkspartei gesprochen. Wenn diejenigen Vertreter der Linkspartei, zu denen ich seit vielen Jahren gute Kontakte habe, als offizielle Vertreter aufgetreten wären, hätten die sich sicher als solche zu erkennen gegeben.
SPIEGEL: Im Klartext: Ihr Kontakt zu Oskar Lafontaine ist kein offizieller Gesprächskontakt?
Dreßler: Ja Gott, ich kann doch nicht, wenn er zur Tür reinkommt, erst mal fragen, als was begegnen wir uns jetzt? Wir sind sehr, sehr alte Bekannte. Manche nennen das sogar Freundschaft, und dann frage ich doch nicht: In welcher Rolle sehen wir uns jetzt?
SPIEGEL: Können Sie sich vorstellen, eine aktive Rolle in der Linkspartei zu spielen?
Dreßler: Wenn man in der SPD eine Entwicklung sieht, die alles andere als zielführend und identitätsstiftend für diese Partei ist, dann kämpft man erst einmal dagegen. Wenn daraus bestimmte Befürchtungen erwachsen, kann ich's nicht ändern.
SPIEGEL: Ihre Rhetorik ähnelt stark den Aussagen aus der Linkspartei.
Dreßler: Ich hab doch niemanden zu tadeln, dem das auffällt. Wenn ich allerdings all die Sozialdemokraten zusammenzähle, die ebenfalls Kritik üben, die in der Warteschleife stehen und auf Besserung warten, würde die SPD noch einmal die Hälfte ihrer Mitglieder verlieren. Von denen in der Warteschleife bin ich einer.
SPIEGEL: Wovon machen Sie Ihren Verbleib in der SPD abhängig?
Dreßler: Es sind drei Punkte: die Programmdebatte, die Arbeitsergebnisse der Koalition und die künftigen Wahlaussagen. Immer unterstellt, dass das, was aufgeschrieben wird, dann diesmal ernst gemeint ist - und nicht wie 1998 und 2002 sich ins Gegenteil verkehrt.
SPIEGEL: Was stört Sie vor allem?
Dreßler: Die Parität in den Sozialsystemen ist aufgegeben worden. Und die riesigen Steuersenkungen für Unternehmen, Hartz IV, die Rente mit 67 - solle das sozialdemokratisch sein?
SPIEGEL: Können Sie sich vorstellen, aktiv in die Politik zurückzukehren?
Dreßler: Dieser Juckreiz ist bei mir ausgesprochen unterentwickelt.
SPIEGEL: Sie haben aber auch gesagt, man solle niemals nie sagen.
Dreßler: Das ist richtig. Es können Dinge eintreten, bei denen man sagt, jetzt ist Schluss mit lustig ...
SPIEGEL: ... jetzt engagiere ich mich noch mal.
Dreßler: Ich will das nicht ausschließen.
SPIEGEL: Was hält Sie eigentlich noch in der SPD?
Dreßler: Wahrscheinlich ist es Nostalgie, es ist und war ja ein ganz wesentliches Stück meines Lebens. Die Partei steht jetzt vor einer Weggabelung. Will sie als Nicht-mehr-Volkspartei sich bei 26 Prozent einnisten und sogar das Projekt Möllemann von der anderen Seite ansteuern, also in Richtung 18 Prozent, oder wieder linke Volkspartei sein.
SPIEGEL: Was trauen Sie Kurt Beck zu?
Dreßler: Eine Menge. Er steht vor einem Riesenberg, und das alles zu verändern braucht Zeit. Aber auch für ihn gilt: Die SPD muss wieder eine identitätsstiftende Rolle für die Mehrheit der Bevölkerung spielen. Was man dazu allerdings zurzeit hört und liest, würde ich mit dem Prädikat unglaublich versehen.
SPIEGEL: Sie meinen Gesundheitsreform, Rente und Unternehmensteuerreform?
Dreßler: Das ist alles nicht mehr sozialdemokratisch. Damit bringt sich die SPD selbst um die Ecke.
INTERVIEW: HORAND KNAUP
Von Horand Knaup

DER SPIEGEL 20/2007
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