14.05.2007

Aliens im Kinderzimmer

Fernsehen, Gameboy, Computerspiele, Internet: Die modernen Medien verändern die Kindheit. Experten streiten über die Wirkung der Medienwelt auf die kindliche Psyche, Eltern sind überfordert und fragen, wie sie ihre Kinder im Informationszeitalter erziehen sollen.
An manchen Tagen will es der Kölnerin Simone Reiter nicht recht gelingen, eine Vorbildmutter zu sein. Ihre fünfjährige Tochter Marie wälzt sich schreiend auf dem Boden und verlangt in beeindruckender Lautstärke nach dem roten T-Shirt mit dem Tigeraufdruck.
Dann weint der vierjährige Linus, weil sein Lieblingspixibuch verschwunden ist. Nachmittags, nachdem Reiter zwölfmal "Der kleine Pinguin" vorgelesen hat, ersetzt sie das pädagogisch wertvolle Spielprogramm durch eine erzieherisch eher fragwürdige Maßnahme: Sie schaltet den Fernseher ein.
Denn eigentlich fürchtet Simone Reiter, wie sie freimütig bekennt, dass fernzusehen ihren Kindern nicht guttut. "Sie sitzen wie hypnotisiert davor und wirken so leblos dabei", sagt Reiter, die als Biologin gearbeitet hat. Ihr Mann ist Banker und wenig zu Hause, "also hängt alles an mir".
Und weil ihr nachmittags oft die Ohren weh tun von dem ganzen Gebrüll, dürfen die Kinder eben verschiedene Sendungen im Kinderkanal sehen. Mutter Simone hat dann eine Zeitlang ihre Ruhe, dafür aber ein schlechtes Gewissen.
Es geht ihr wie vielen Eltern, die ihre Kinder schon früh fernsehen oder Programme auf dem Computer spielen lassen, Computerspiele für Kinder wie "Meine Tierschule" oder "LolliPop und die Schlaumäuse" .
Mit der Einführung der tapsigen "Teletubbies" Tinky Winky, Dipsy, Laa-Laa und Po Anfang der neunziger Jahre ist das Fernseh-Anfangsalter stark gesunken, eine für den Ulmer Hirnforscher Manfred Spitzer
fatale Entwicklung. In zahlreichen Vorträgen und in seinem Bestseller "Vorsicht Bildschirm!" geißelt er die Teletubbies als "Einstiegsdroge" und wird nicht müde zu verkünden: "Fernsehen macht dick, dumm und gewalttätig*."
Wer als Kind viel fernsehe, behauptet Spitzer, der seine fünf Kinder ohne TV aufwachsen lässt, lerne schlechter lesen, sei weniger kreativ und nehme Dinge eher
oberflächlich auf. Auch denke er weniger kritisch und übernehme Rollenstereotype. Selbst schöne Tierfilme oder pädagogisch wertvolle Sendungen sind in Spitzers Augen schädlich, vor allem in den allerersten Lebensjahren.
Den Thesen von Spitzer widersprechen nicht nur andere Hirnforscher, sondern auch Kinderärzte, Erziehungswissenschaftler, Medienpädagogen - was die Ratlosigkeit der Eltern eher steigert. Immer mehr Mütter und Väter sorgen sich und fragen nach dem Gefahrenpotential moderner Medien.
Was tun, wenn sich die Sprösslinge für Ekelfilme oder Horrorvideos begeistern, was tun, wenn sie "Happy slapping"-Filme produzieren, wie die selbstgedrehten Aufnahmen heißen, die Prügeleien oder auch Quälereien von Jüngeren zeigen? Oder wenn Jungs heimlich ihre sexuellen Begegnungen mit Mädchen aufnehmen und diese "Schlampenvideos" aus Angeberei ins Internet stellen?
"Der Beratungsbedarf ist enorm", erklärt Christine Feil, Medienexpertin beim Deutschen Jugendinstitut in München. Manche
Eltern wollen wissen, ab wann, wie viel und was ihre Kinder im Fernsehen ansehen sollen. Sehr viel größere Ratlosigkeit herrscht, was die neuen Medien betrifft - nicht zuletzt durch die aktuelle Diskussion um gewalthaltige Computerspiele. Die meisten Eltern hätten, so Feil, nur einen geringen Erfahrungsschatz und umso mehr besorgte Fragen.
Verblöden Kinder vor der Glotze und verwahrlosen im Dschungel der Medien, wie der hannoversche Kriminologe Christian Pfeiffer vermutet?
Tatsächlich hat der Medienkonsum in den vergangenen Jahren zugenommen. Bereits Zweijährige sehen durchschnittlich eine Stunde am Tag fern, Kinder von 3 bis 13 Jahren sitzen rund 90 Minuten am Tag vor der Glotze. Jugendliche ab 14 Jahren gucken täglich zweieinhalb Stunden, das ist eine halbe Stunde mehr als vor zehn Jahren.
Dazu kommt dann noch der Computer: 83 Prozent der 12- bis 19-Jährigen sitzen täglich vor dem Rechner, spielen Computerspiele oder surfen im Internet. Die tägliche Mediennutzung von Jugendlichen liegt bei rund zehn Stunden - diese hohe Zahl kommt zustande, weil etwa Computer und Fernseher oft gleichzeitig laufen.
Ein gigantischer Wirtschaftsfaktor: Über drei Milliarden Euro wurden vergangenes Jahr mit den elektronischen Welten global umgesetzt, allein 700 000 Deutsche haben sich beim Online-Rollenspiel "World of Warcraft" angemeldet, insgesamt sind es über acht Millionen.
Wie viel Medienkonsum sollen Eltern also zulassen? Wann bekommen Kinder Probleme, aus der virtuellen Welt auszusteigen? Wie wirken sich Fernsehkonsum und der Umgang mit dem Computer auf das Denken aus? Gibt es nicht auch Elektronikspiele, die kindliche Geschicklichkeit, strategisches Denken und Kreativität fördern? Gibt es CD-Roms, DVDs und Spielkonsolen, die für Kinder eine Bereicherung sind? Und wenn ja, welche?
Hier beginnt der Streit in der Forschung. Während eine Gruppe von Wissenschaftlern für einen entkrampften Umgang mit den Medien plädiert, klagen andere über technologischen Autismus, sehen zahlreiche Entwicklungsdefizite als Folge intensiven Medienkonsums und attestieren innere Einsamkeit und Beziehungslähmungen. Lehrer beklagen die elektronische Vermüllung der kindlichen Lebenswelt, von "Wohlstandsverwahrlosung" sprechen Psychologen, wenn Kinder und Jugendliche alles haben bis auf die Zeit und die Zuwendung ihrer Eltern. Und als die vergangene Woche veröffentlichte Kriminalstatistik 2006 einen Anstieg der Jugendgewalt verzeichnete, war für den Kriminologen Pfeiffer sogleich klar, worauf dieser unter anderem zurückzuführen sei: auf zu hohen Mediengenuss, vor allem von randständigen Jugendlichen mit Migrationshintergrund.
Die andere Gruppe von Experten sieht im routinierten Umgang mit dem Computer eine Kulturtechnik, die jeder beherrschen muss, um im Leben zurechtzukommen.
Medienerziehung müsse beginnen, sobald Kleinkinder mit Medien in Kontakt kommen, sagt zum Beispiel die Medienwissenschaftlerin Helga Theunert. "Wir Eltern, Lehrer und Pädagogen müssen nachvollziehen können, was Kinder und Jugendliche alles mit den Medien tun." Nur dann könne man sie unterstützen oder, bei Fehlentwicklungen, mit geeigneten Maßnahmen gegensteuern.
Theunert ist Wissenschaftliche Direktorin des Münchner Instituts für Medienpädagogik. Seit 1980 erforscht sie die Medienaneignung von Kindern und Jugendlichen. Wer nicht wisse, was sich auf dem Medienmarkt tue und was Kinder und Jugendliche gerade begeistere, so Theunert, könne nicht mitreden und versage somit in der Erziehung.
Medienpädagogik sollte in der Ausbildung von Erziehern und Lehrern verankert sein, ist es aber nicht. Vor allem Lehrer sind nach Theunerts Erfahrung häufig "ziemliche Bedenkenträger, was Medien angeht". Dabei ist es falsch, Kinder und Jugendliche in einen Schonraum zu packen. "Schließlich fordern wir doch immer, dass sie sich mit der Wirklichkeit auseinandersetzen sollen", sagt Theunert. "Machen sie das, ist es vielen Eltern auch wieder nicht recht."
Doch diese Auseinandersetzung ist ohnehin nicht zu verhindern. Noch bevor Kinder in die Schule kommen, haben sie mit fast allen Medien Kontakt: 40 Prozent der Zwei- bis Fünfjährigen haben ein Audiogerät, 10 Prozent der Vier- bis Fünfjährigen bereits einen eigenen Fernseher im Zimmer, im Vorschulalter beginnt der eigenständige, unbeaufsichtigte Gebrauch.
Und schon fangen die Probleme an, die inzwischen Gegenstand von Kongressen und Tagungen sind, mit langen Debatten, aber ohne klare Antworten.
Wie Kinder mit Medien in Kontakt kommen und warum das die Eltern oft überfordert
"Medienkinder von Geburt an" war das Thema einer Fachtagung, die kürzlich in München stattfand. 200 Experten aus ganz Deutschland kamen: Medienpädagogen, Kinder- und Jugendtherapeuten, Erzieherinnen sowie jede Menge junge Leute.
Die Tagung widmete sich auch der Frage, ab welchem Alter Kinder überhaupt in der Lage sind, Medien nicht nur als Reizquelle zu begreifen, sondern ihre Inhalte zu erfassen und zu verarbeiten. Womit können Kleinkinder etwas anfangen, was verwirrt, was verschreckt sie?
Diese Frage interessiert inzwischen nicht nur Pädagogen, sondern auch Marketingspezialisten: Längst wird die Gruppe der unter Sechsjährigen heftig umworben - es gibt die Teletubbies und Baby TV, ein Programm, das in Israel entwickelt wurde, dort mit großem Erfolg läuft und derzeit in Baden-Württemberg im Kabel zu sehen ist. Computer für die Kleinen sind auf dem Markt, dazu ein breites Angebot von sogenannter Edutainment-Software.
Der Freiburger Entwicklungspsychologe Michael Charlton zeigte auf der Tagung Bilder, die auf Baby TV laufen: Wasser, Wellen, Meer, in schneller Folge, alles mit sanfter Musik unterlegt. Charlton erforscht seit Jahrzehnten die Medienrezeption von Kindern sowie die Bildung der kognitiven und emotionalen Kompetenzen.
Zwischen sechs und neun Monaten, erklärt er, lernen Kinder, etwas gemeinsam mit der Mutter anzuschauen. Das Baby kann dem Blick eines anderen folgen, ab dem neunten Monat kommen Zuneigungsgesten und brabbelnde Sprache hinzu. Doch in den ersten neun Lebensmonaten den rasch wechselnden Bildern von Baby TV zu folgen, so Charlton, sei für Säuglinge "sehr schwierig".
Eine Untersuchung mit 1115 Kindern ergab, dass selbst Vierjährige noch große Schwierigkeiten haben, Fernsehwerbung zu verstehen. Auch ein italienischer Kurzfilm, der Kinder zeigt, die sich im Fernsehen "Dumbo, der fliegende Elefant" ansehen, offenbart eindrucksvoll, wie sehr die Bilder die Kinder faszinieren: Sie wirken vollkommen weggetreten; Inhalte werden nicht erfasst. Im Kleinkindalter, erklärt Charlton, sei das Bilderbuch weltweit und schichtenübergreifend das Leitmedium. Empathie entwickelt ein Kind ab dem zweiten Lebensjahr, Drei- bis Vierjährige begreifen, dass andere Menschen auch Wahrnehmungen haben, ab dem fünften Jahr erzählen Kinder komplexere Geschichten, ab zwölf Jahren schließlich ist ein umfängliches Perspektivdenken möglich.
Die emotionale Kompetenz entwickelt sich bis zum Alter von sechs Jahren: Das Kind will einerseits verwöhnt und geliebt werden, andererseits aber auch selbständig sein - wie Held Max in dem berühmten Kinderbuch "Wo die wilden Kerle wohnen".
Eine andere Studie, die Charlton mit Kindern im Vorschulalter erstellt hat, ergab, dass Kinder bereits mit zwei Jahren die jeweiligen Medien nach ihren Themen aussuchen: also etwa bei Eifersucht auf ein Geschwisterkind eine Geschichte, die diese Rivalität thematisiert. Kinder verfolgen ihre ureigenen Interessen, wenn sie Medien nutzen, erklärt Charlton.
Außerdem gilt: Mediennutzung trainiert das Medienverständnis. Charlton erzählt von einem fünfjährigen Kind, das den Walt-Disney-Film "Das Dschungelbuch" sah.
Während sich andere Kinder köstlich amüsierten über Mogli und den Bären Balu, verstand dieser Junge die Geschichte nicht und ängstigte sich - er hatte mit Zeichentrickfilmen dieser Art bisher keinerlei Kontakt. Unerfahrene Kinder werden mit bedrohlichen Bildern schlecht fertig, erfahrene sind robuster: Die emotionale Kompetenz, so Charlton, entwickele sich individuell.
Er empfiehlt nicht, kleine Kinder einfach blindlings vors Fernsehgerät zu setzen, verweist jedoch auf Studienergebnisse, die Entwicklungsrückstände bei Kindern zeigen, die nicht fernsehen dürfen. "Das Fernsehen fördert die Entwicklung des Sprachzentrums, lässt die Kinder an der kulturellen Praxis der Erwachsenen teilhaben und vermittelt Wissen."
Daraus folgt für Eltern: Sie müssen den Medienkonsum ihrer Kinder aufmerksam begleiten, sie müssen ins Kino mitgehen und schauen, ob "Findet Nemo" oder "Ice Age" ihren Sprösslingen gefällt oder sie überfordert; sie müssen beobachten, wie ihre Kinder auf verschiedene Fernsehsendungen reagieren.
Vielen Eltern ist das lästig, noch mehr sind damit überfordert, sagt der Hamburger Erziehungswissenschaftler Peter Struck*.
60 Prozent aller deutschen Kinder, so Struck, würden von "hilflosen Eltern" er-
zogen. Wie sollen die nun auch noch dem Anspruch gerecht werden, sich mit den rasant wechselnden Medienangeboten zu beschäftigen und deren Konsum zu reglementieren?
Anders gehe es aber nicht, es gebe keine einfachen Rezepte, erklärt Struck, und das nicht nur in seinen Büchern und Vorträgen, sondern seit 20 Jahren auch jeden Mittwoch am Elternsorgentelefon. Die Zahl der Ratsuchenden hat sich in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt, und während früher Probleme mit Pubertierenden auftraten, so Struck, meldeten sich heute Mütter mit Sorgen über ihre Drei- bis Siebenjährigen.
Viele Eltern scheuten sich, Verbote auszusprechen oder auf festen Regeln zu bestehen; stattdessen neigten sie dazu, ihre Kinder in einer Art Basisdemokratie zu früh an der Erziehung zu beteiligen.
Wenn das Kind einen eigenen Fernseher will, bekommt es ihn eben. Doch Kinder im Kindergartenalter kommen, sagt Struck, "mit zu viel mentalem Input nicht gut klar, sie fühlen sich irritiert und überfordert".
Die Dresdner Psychologin Charlotte Mickler stellt in ihren Gesprächen mit den hilfesuchenden Müttern immer wieder fest, wie wenig manche Eltern wissen von den Computerspielen, die ihre Kinder spielen. Diese Unwissenheit führe oft dazu, dass das Suchtpotential mancher Computerspiele von den Eltern unterschätzt werde.
Dabei hält Mickler rund zehn Prozent der Grundschüler im Alter zwischen sechs und zehn Jahren für gefährdet, computersüchtig zu werden. Bei den über Zehnjährigen sind es noch mehr: Rund 800 000 droht die Computerspielsucht.
Wie die Computerspiele auf junge Gehirne wirken
Unwissenheit der Eltern, Desinteresse und Überforderung - dieses Phänomen gab es früher sicher auch schon, kann aber heute sehr viel dramatischere Folgen haben. Wolfgang Bergmann vom Institut für Kinderpsychologie und Lerntherapie in Hannover sieht unter seinen jungen Patienten einen Persönlichkeitstyp, der zunimmt: "einen sich ständig in den Vordergrund drängenden, unaufhörlich um ein bildungsleeres Selbst kreisenden, liebeshungrigen und emotional verarmten Charakter".
Wenn Kinder und Jugendliche täglich viele Stunden vor dem Computer verbringen, verändert das nicht nur ihre Wahrnehmung, ihr Raum- und Zeitempfinden, ihre Gefühlswelt und ihre Fähigkeit, sich im realen Leben zurechtzufinden, es verändert auch ihr Gehirn.
Gemeinsam mit Gerald Hüther, Professor für Neurobiologie an der Universität Göttingen, hat Bergmann das Buch "Computersüchtig" verfasst*.
"Der Umschlagpunkt ist erreicht, wenn die Betreffenden sich in ihren virtuellen Welten wohler fühlen als im wahren Leben", sagt Hüther. Das Hirn giere nach
Reizen und passe sich an die in Computerspielen gestellten Aufgaben und Belohnungen an, es verändere sich nachweislich. Nach Ansicht des Neurobiologen Hüther kommt es durch ausgiebiges Computerspielen zur Bildung von zunächst dünnen Verbindungswegen im Gehirn, die durch intensive Nutzung immer dicker werden.
"Diese Autobahnen sind so beschaffen, dass man, ist man einmal auf ihnen, nicht wieder runterkommt", sagt Hüther. Wie bei einem Abhängigen hätten Betroffene, kaum sähen sie einen Computer, das Bedürfnis, sich davorzusetzen. Studien zeigen, dass Computerspiele süchtig machen können und die gleichen Hirnreaktionen auslösen wie der Konsum von Alkohol oder Cannabis.
Sabine Grüsser-Sinopoli von der Suchtforschungsgruppe der Berliner Charité forscht seit Jahren über Computerspielsucht bei Kindern. Süchtig sind ihrer Meinung nach Kinder und Jugendliche dann, wenn sie vier bis sechs Stunden täglich vor dem Schirm sitzen, andere Interessen vernachlässigen und Entzugserscheinungen wie Schlafstörungen bekommen, sobald sie nicht mehr spielen dürfen.
Wie mit Hilfe anderer Suchtstoffe, erklärt Grüsser-Sinopoli, würden Schmerz oder Traurigkeit am Computer weggespielt. Gerade bei Online-Spielen würden Gefühle schnell und effektiv verdrängt, Kinder könnten Frust und Wut abbauen, fänden Sympathie, Freunde, Zuwendung. Darin liegt das Suchtpotential. Deshalb, so Bergmann, müssten Jugendliche bei Computerspielen
das rechte Maß lernen, wie bei anderen Dingen auch.
Doch das könnte schwierig werden: Fernsehen und Videos schauen, Spiele am Computer und an Konsolen - das gehört bereits bei Grundschülern zum Alltag.
Eine Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen ergab: 31 Prozent der Mädchen und 42 Prozent der Jungen im Alter von neun bis zehn Jahren haben in ihrem Zimmer ein eigenes Fernsehgerät, Spielkonsolen finden sich bei 16 Prozent der Mädchen und bei 38 Prozent der Jungen. Und, so ergab die Untersuchung, die Viertklässler besorgen sich auch Spiele mit extremen Gewaltdarstellungen, die erst ab 16 Jahren zugelassen sind.
Ob sogenannte Ballerspiele zu aggressivem Verhalten führen, ist bislang nicht schlüssig bewiesen. Dass Computerspiele jedoch den Stresspegel steigen lassen und dabei der Botenstoff Dopamin im Gehirn vermehrt ausgeschüttet wird, ist belegt.
Die Wissenschaftler des Instituts in Hannover beschäftigen sich gerade mit dem Einfluss von Computerspielen und Videos auf Lernleistungen. Ihre Frage: Besteht ein Zusammenhang mit schlechten Schulleistungen, frühzeitigem Schulabbruch und dem Start einer kriminellen Karriere?
Vorläufiges Ergebnis: Das Spielen am Computer behindert das Lernen, denn offenbar wird neuaufgenommenes Wissen durch starke emotionale Reize, wie sie durch Computerspiele im Kinderhirn entstehen, überschrieben: Der neue Lernstoff wird nicht im Langzeitgedächtnis gespeichert, die drastischen Computerbilder überlagern und löschen ihn.
Außerdem sei es schwierig für ein Kind, sich einem Computerspiel oder einem Film zu entziehen, sagt der Zürcher Professor für Neuropsychologie Lutz Jäncke. Wenn ein Kind zwei Stunden am Computer gespielt habe und man es da wegholen wolle, könne man häufig ein Phänomen feststellen, das dem Craving (Verlangen) bei Drogensüchtigen sehr ähnlich sei: "Das Kind", sagt Jäncke, "wehrt sich gegen den Entzug, es wird bockig und schreit."
ende eine ganze Stunde. Einzig die Zeit, die sie für die Bearbeitung von Hausaufgaben im Netz verbringt, wollen die Eltern nicht anrechnen.
Der französische Filmemacher Luc Besson, 48, der mit Filmen wie "Léon - der Profi" und "Das fünfte Element" international erfolgreich wurde, wuchs ohne Fernsehgerät auf. Es habe ihm nie gefehlt, sagt er. Inzwischen hat Besson fünf Kinder, die nur in Maßen fernsehen dürfen. "Zieht den Stecker raus, und kümmert euch um eure Kinder", lautet sein Rat an alle Eltern.
Bessons Spruch ist so banal wie wahr. Eine Studie in Nordrhein-Westfalen mit 5500 Kindern ergab, dass der Medienkonsum umso geringer ist, je wohler sich die Kinder in ihrer Familie fühlen. Der Mediengebrauch der Kinder orientiert sich am Bildungsstand, vor allem aber am Mediengebrauch der übrigen Familie.
So gibt es bildungsbeflissene Eltern, die ihren Kindern die anarchische Zeichentrickserie "Tom & Jerry" verbieten, sich selbst aber alles reinziehen - von "Desperate Housewives" bis hin zum unappetitlichen "Dschungelcamp". Und sich wundern, dass ihre Kinder das auf sie bezogene Verbot nicht akzeptieren wollen.
Und was ist mit den sogenannten wertvollen Sendungen? Die erfolgreiche "Sesamstraße", mit über hundert "Emmys" ausgezeichnet, hat in den vergangenen 38 Jahren fast 200 Millionen Kinder dabei unterstützt, lesen, schreiben und zählen zu lernen. Wie eine Studie zeigte, lernten vor allem Kinder der Mittel- und Oberschicht schnell und mühelos. Kinder der Unterschicht blendeten die Lernimpulse der Sendung einfach aus. In bildungsfernen Haushalten, wo viel und wahllos geglotzt wird, verpuffen die medialen Lernreize.
Unverantwortlich findet es Experte Bergmann, Drei-, Vier- und Fünfjährige ganze Nachmittage vor die Glotze zu setzen. "Die werden blöd und entwickeln Defizite aller Art", sagt er und gerät in Fahrt. "Fernsehgeräte in Zimmern von Kindern unter 14 Jahren, das ist Vernachlässigung." Denn natürlich schalten viele Kinder statt "Bob der Baumeister", "Der kleine Eisbär" oder "Pettersson und Findus" lieber Kriminal- oder Schauergeschichten ein.
Die Empfehlung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: Kinder im Vorschulalter sollen nicht länger als 30 Minuten täglich fernsehen, für Grundschulkinder sei eine Stunde akzeptabel. Aber daran halten sich die wenigsten Eltern.
Sicher sei in bestimmten Milieus der Medienkonsum bei Kindern und Jugendlichen problematisch, sagt Medienwissenschaftlerin Theunert. Doch der Hauptgrund für kindliche Entwicklungsdefizite, das zeigten alle Studien, sei nicht allein den Medien zuzuschreiben.
Da muss schon mehr dazukommen: extreme schlechte familiäre Bedingungen, etwa ausgeprägtes Desinteresse der Eltern, dauernde aggressive Ehestreitigkeiten, Misshandlung und Vernachlässigung, massive Ausgrenzung in der Schule, wie es bei dem Amokläufer Bastian aus Emsdetten der Fall war - für Bergmann "der typische Fall eines narzisstisch gekränkten Menschen, maßlos vor Wut und extrem gefährlich".
Der Zürcher Bestsellerautor und Kindermediziner Remo Largo sagt, Kinder zu erziehen bedeute heutzutage, sie so zu bilden, dass sie sich in der modernen Welt zurechtfinden können. Moderne Technik und Medien sind ein Teil davon.
Natürlich gebe es keinen verbindlichen Erziehungsplan für alle. So variieren Kinder mit sieben in ihrer Entwicklung auf einer Skala zwischen fünfeinhalb und achteinhalb Jahren. Entsprechend müsse man auf jedes einzelne Kind eingehen. Largo widerspricht dem Fernsehfeind Manfred Spitzer: Kinder seien heute nicht dümmer, sondern klüger als vor 30 Jahren, was sie auch den Medien zu verdanken hätten: "Nicht der Fernseher ist das Problem, sondern die mangelnde Betreuung." Kinder suchten Vorbilder über die Medien, wenn diese - mangels Zeit der Eltern oder anderer Erwachsener - in der Wirklichkeit fehlten*.
Doch passiert ein Amoklauf wie im Jahr 2002 am Erfurter Gutenberg-Gymnasium oder wie im vergangenen November in Emsdetten, flammt bloß wieder die Diskussion über ein Verbot von Killerspielen auf. Spiele verbieten, in denen man sieht, wie Köpfe explodieren, dagegen hätte der Kinderpsychologe Bergmann nichts. Er begrüßt den Vorstoß von Familienministerin Ursula von der Leyen, die jetzt "extrem gewalthaltige" oder "gewaltbeherrschte" Computer- und Videospiele für Jugendliche auf den Index setzen lassen will. Andererseits zeigt der jüngste Amoklauf an der US-Universität Virginia Tech, der kürzlich 33 Menschenleben forderte, dass nicht immer Einflüsse von gewaltverherrlichenden Computerspielen oder Filmen für fatale Ausraster verantwortlich sein müssen.
Außerdem führt die Indizierung von Spielen schnell zu einem Kultstatus bei Jugendlichen, weshalb viele Eltern und Pädagogen die Verschärfung des bestehenden Jugendschutzes für sinnlos halten, schließlich könne sich jeder Jugend-
liche heute aus dem Netz alles besorgen, wenn er wolle.
Andere Eltern hingegen argumentieren: Warum sollte man auf ein Gesetz verzichten, nur weil seine Durchsetzung schwierig ist? Was spricht - genau wie im Fall von Kinderpornografie, die man sich ja auch aus dem Netz besorgen kann - gegen scharfe Verbote, und sei es nur, um die Verkaufshemmschwelle für bestimmte Spiele nach oben zu setzen?
Bergmann und die Medienwissenschaftlerin Theunert fragen außerdem, was nach dem Amoklauf in Erfurt vor fünf Jahren an pädagogischen Maßnahmen ergriffen worden sei. Was unternehme man, damit junge Menschen sich nicht verlören in virtuellen Welten und auf jeden Schrott hereinfielen? Theunert: "Viel getan hat sich nicht."
Wenn die Familien in vielen Fällen schon versagen, muss der Kindergarten als Korrektiv eintreten, fordert Theunert. Auch Bergmann kritisiert, dass die Schulen den medientrainierten Kindern oft einen Unterricht vor die Nase setzten wie in den sechziger Jahren. "So dringt man nicht in deren Welt vor." Vielmehr müsste man ihnen Medienkompetenz vermitteln.
grantenfamilien, die scheu waren und wenig sprachen. Das änderte sich während des Projekts. Die Kinder dachten sich "Die Geschichte vom Drachen Flitze Feuerzahn" aus, entwickelten eine genaue Szenenabfolge, malten Bilder dazu, "sammelten" mit Mikrofon und Kassettenrecorder Geräusche, probten ihre Rollen.
Schließlich wurde das Hörspiel unter Einsatz verschiedener Medien aufgenommen - die Erzieherinnen, anfänglich eher skeptisch, verblüfften Begeisterung, Ehrgeiz und Motivation der Kinder und die Tatsache, wie sehr die Migrantenjungen aus sich herausgegangen waren.
Bei den jährlichen Filmfestivals des Nürnberger Zentrums "Parabol" präsentieren Kinder und Jugendliche Filme, die sie selbst produziert haben. "Wenn die selbst einen Film drehen, treten Computerspiele in den Hintergrund", hat Lutz erlebt. Ob Trickfilme oder Fantasy-Storys mit Spezialeffekten, ob Krimis von ermordeten Osterhasen oder Liebesdramen - bei sämtlichen Projekten haben die Jugendlichen die Regie, und das verändert offenbar ihre Wahrnehmung. "Virtuell jemanden umbringen - sobald Jugendliche das selbst mal auf die Leinwand gebracht haben, sehen sie die brutalen Szenen ganz anders", sagt Lutz.
Medienerfahrene Kinder gehen selbstbewusst mit Computer und Fernsehen um, ohne dass Schulleistungen darunter leiden. In Finnland oder Südkorea herrscht bei jungen Leuten eine viel stärkere Computer- und Spielkultur als in Deutschland, und trotzdem haben beide Länder bei der Pisa-Studie besser abgeschnitten als die Bundesrepublik.
Die "Ahrensburger Vorschule", eine Computer- und Musikschule bei Hamburg, will Kinder den sinnvollen Umgang mit Medien lehren. So setzt Lehrerin Anja Hatje-Gudjons, 37, bei Vorschulkindern Computerprogramme mit Buchstaben und Schriftsprache ein, um sie spielerisch auf die Schule vorzubereiten. So könnten Kinder auch logisches Denken lernen, etwa mit Hilfe des Strategiespiels "Fritz & Fertig", eines Schachprogramms. Klare Absprachen hält Hatje-Gudjons für notwendig: "Kinder lernen bei mir festgelegte Regeln zur Mediennutzung."
Strategie- und Simulationsspiele wie "Die Sims" oder "Civilization", bei denen der Spieler Familien im Alltag begleitet oder Völker durch die Geschichte führt, haben unbestritten positive Wirkungen.
"Die Sims", selbst bei Mädchen beliebt, gilt als erfolgreichstes Spiel aller Zeiten. Es sei sehr wohl zu vermuten, dass ein Spiel wie "Die Sims" "Kinderhirne positiv verändert", sagt Henning Scheich, der am Magdeburger Leibniz-Institut für Neurobiologie die Grundlagen des Lernens erforscht.
Neuronennetze für strategisches Denken könnten besser verknüpft werden, Teile
des limbischen Systems, die Schaltstellen zwischen Fähigkeiten und Lernmotivation, trainiert werden.
Der Leipziger Medienpädagogik-Professor Hartmut Warkus empfiehlt Eltern, sich mit ihren Kindern über die Spiele zu unterhalten, sich die Spiele anzusehen und auch mal mitzuspielen.
"Bei Computerspielen lernt man nichts", würden Eltern häufig sagen. Warkus widerspricht: Kinder verbesserten ihre Fähigkeiten, etwa die Auge-Hand-Koordination, oder eigneten sich clevere Problemlösungsstrategien an.
Das deckt sich mit dem, was der Hamburger Schüler Laszlo, 15, sagt. Das berüchtigte "Counterstrike" ist seiner Meinung nach intelligent aufgebaut und trainiert Reaktionsvermögen und strategisches Denken. Laszlo hat keine Lust, zehn Stunden täglich zu spielen, er geht auch gern ins Kino, regelmäßig zum Judo und spielt Tennis.
Laszlo argumentiert vernünftig und gelassen, er wünscht sich, dass Lehrer sich mehr mit den Spielen befassen, häufig hätten die "einfach überhaupt keine Ahnung" und würden die gesamte Computerspieleindustrie in Bausch und Bogen ablehnen. "Die verurteilen sämtliche elektronischen Neuerungen und tun gern so, als ginge die Kultur des Abendlandes unter", sagt er.
Seine Bekannte Jana, 16, hat einen Notendurchschnitt von 1,8. Sie skatet und joggt, spielt Klarinette und reitet. Am Computer recherchiert sie für die Schule, schreibt E-Mails oder telefoniert über das Internet mit der Software "Skype" kostenlos mit ihrer Freundin auf Hawaii. Laura findet, bei den "Sims", ihrem Lieblingsspiel, lerne sie Verantwortung und umsichtiges Planen.
Auch Medienpädagoge Stefan Aufenanger sieht ein didaktisches Potential bei Videospielen. Ein komplexes Spiel mit ausgefeilten
Handlungssträngen fordere den Spieler intellektuell heraus, er müsse unter Zeitdruck Risiken abwägen, Entscheidungen treffen, Strategien entwickeln oder Mitspieler führen.
Wie am Ende die Eltern von den Kindern lernen
Gute Spiele, schlechte Spiele - der Streit wird weitergehen. "Es gibt Spiele, die sind problematisch", sagt Hans-Jürgen Palme, Leiter der medienpädagogischen Facheinrichtung "Studio im Netz" (Sin) in München. Deshalb müssten Eltern sich informieren und auf Alterskennzeichnungen achten - oder, bei großer Ratlosigkeit, ihre Kinder zu kundigen Medienpädagogen schicken.
Im Sin-Zentrum treffen sich Kinder und Jugendliche regelmäßig. Sie lernen - unter Anleitung - verschiedene Programme kennen; sie lernen, wie man Web-Seiten baut, Bilder einscannt, sie begutachten verschiedene neue Spiele und rezensieren sie für eine große, überregionale Zeitung.
Palme hält nichts davon, die alten Zeiten zu beschwören. Kinder, sagt er, wachsen nun mal in einer Wissensgesellschaft auf, die geprägt ist von digitalen Medien. "Also müssen wir ihnen ermöglichen, diese Welt kennenzulernen. Spiele sind ein Teil davon."
Die Jugendlichen zwischen 10 und 17, die sich wöchentlich im Medienzentrum treffen, sind höflich und ausgesprochen auskunftsfreudig. Sie freuen sich, wenn sie auch mal selbst gefragt werden. Schnell wird deutlich, dass sie zu einer Generation gehören, die sich ohne empört artikulierten Widerspruch gegen die Älteren darstellt. Von der Toleranz der Eltern profitieren sie, das ist ihnen durchaus bewusst. Also stehen sie ihnen freundschaftlich gegenüber, wenn auch mit einer gewissen Nachsicht angesichts ihrer Überforderung, vor allem, wenn es um Medien geht.
Urs ist 16 Jahre alt und einer der Jugendlichen, die regelmäßig ins Münchner Sin-Zentrum gehen. Er erzählt, wie er seine Mutter am Computer angelernt hat. "Inzwischen", sagt er mit einer Spur von Erleichterung, "chattet sie selbst in diversen Frauenforen."
Er erinnert sich noch, wie früher seine Mutter wieder und wieder zu ihm sagte: "Geh doch mal draußen spielen!" Bis Urs seine Mutter eines Tages an die Hand nahm und mit ihr vor die Tür ging. "Siehste Mama, hier ist niemand", erklärte er seiner Mutter. "Weil sie alle zu Hause vor dem Computer sitzen." Er war damals zehn oder elf.
Gefahr durch die Medien? Hat nicht Goethes Buch über "Die Leiden des jungen Werther" nach Erscheinen etliche Jugendliche in den Selbstmord getrieben? Wollte man deshalb etwa Bücher für Heranwachsende verbieten? Und: Gibt es neben dem SPIEGEL nicht auch SPIEGEL TV und das vielgelesene SPIEGEL ONLINE?
Inzwischen wissen die Kinder der Mediengesellschaft um ihren Erfahrungsvorsprung durch neue Medien. Es ist für sie eine der letzten Möglichkeiten, sich kulturell von den Alten abzusetzen. Andererseits hätten sie auch nichts dagegen, wenn die Erwachsenen größeren Anteil nähmen.
Nur wie? Es gibt Eltern, die versuchen, mit den neuen Medien klarzukommen, "weil sie ja wissen, dass sie noch eine Weile auf der Welt sind", wie Jonas, 14, aus dem Sin-Zentrum sagt. Doch viele Eltern wollen zwar irgendwie modern sein, sind aber leider Klippschüler im Land der Bits und Bytes.
Florians Mutter braucht Hilfe, wenn sie ihre Mails abfragen will, also hilft Florian ihr. Geduldig, immer wieder.
"Meine Eltern hätten gern, dass ich genau das mache, was sie früher gemacht haben", erklärt Jonas kopfschüttelnd, Radtouren, Lagerfeuer, Pfadfinderromantik. Dagegen hat Jonas nichts, gelegentlich, aber er gibt zu, dass er halt lieber mit Freunden oder auch allein vor dem Computer sitzt.
PC-Spiele, ob nun Killerspiele oder nicht, sind jedenfalls nicht schuld, wenn jemand ausrastet. Sicher, es ist nicht egal, womit man seinen Kopf möbliert.
Aber mit zu einfachen Kausalzusammenhängen darf man den Jugendlichen nicht kommen. "Der Typ konnte mit niemandem reden, wurde immer isolierter, und keiner hat sich um ihn gekümmert", sagt Moritz, 16, über den Emsdettener Amokläufer Bastian.
Deutlich wird ein zentraler Wunsch der Jugendlichen: Sie möchten, dass ihre Eltern mit ihren rasant wechselnden Lebenswelten in Kontakt bleiben, ohne sie permanent zu kontrollieren. Und dass sie sich nicht aufregen über Dinge, die nur vorübergehend wichtig sind, wie beispielsweise Ballerspiele.
Früher habe man Räuber und Gendarm gespielt, Killerspiele seien eine konsequente Weiterführung, sagt Urs. "Nach einer Weile langweilt es einen." Verbote? Amüsiertes Gelächter. Jugendliche, erklären die Jugendlichen geduldig, kümmern sich nicht um Verbote und Altersbegrenzungen, das war doch schon immer so.
"Als ich zwölf war, habe ich gern 'Counterstrike' gespielt", sagt Urs. Jetzt ist er 16 und findet, 12-Jährige sollten bestimmte brutale Spiele eher nicht spielen - ja, er wird strenger, je älter er wird, das fällt ihm selbst auf. Und was die Zukunft angeht: Selbst in Kindergärten, prophezeien die Jugendlichen, würden Kleinkinder bald vor Computern sitzen, statt mit Bauklötzen zu spielen. Und, werden sie dereinst mit ihrem Nachwuchs toleranter sein?
"Nein", sagt Urs. "Ich werde meinem Sohn auch sagen: 'Bestimmte Dinge darfst du nicht.'" Die anderen nicken. Und Jonas sagt weise: "So läuft das doch immer, dieses Eltern-Kind-Ding."
ANGELA GATTERBURG
* Manfred Spitzer: "Vorsicht Bildschirm!" Deutscher Taschenbuch Verlag, München; 320 Seiten; 9,50 Euro.
* Peter Struck: "Das Erziehungsbuch". Primus Verlag, Darmstadt; 256 Seiten; 24,90 Euro.
* Wolfgang Bergmann/Gerald Hüther: "Computersüchtig. Kinder im Sog der modernen Medien". Walter Verlag, Düsseldorf; 168 Seiten; 18 Euro.
* Remo Largo: "Kinderjahre". Piper Verlag, München; 380 Seiten; 9,95 Euro.
Von Angela Gatterburg

DER SPIEGEL 20/2007
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