14.05.2007

DEBATTEDer deutsche Frühling

Deutschland profitiert davon, weniger deutsch zu sein. Von Roger de Weck
De Weck, 53, ist Publizist in Zürich und Berlin. Er moderiert die Sendung "Sternstunde" im Schweizer Fernsehen SF1 und auf 3sat. Der Schweizer ist Präsident des Stiftungsrats des traditionsreichen Genfer Hochschulinstituts für internationale Studien HEI und Gastprofessor am Europa-Kolleg in Brügge und Warschau. Zuvor war er Chefredakteur der "Zeit" in Hamburg.
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Hat der deutsche Bürger keinen Grund zum Jammern, wird er unzufrieden. Das Wehklagen ist die besondere deutsche Form des Wohlbehagens. Und das heißt umgekehrt: Wer Deutschland lobt, der stört. Nur den Ausländern ist es zur Not gestattet, die Bundesrepublik zu bewundern, ihnen wird diese Charakterschwäche verziehen. Ein Franzose, der keine Komplimente macht, ist kein Franzose. Wohingegen der Deutsche, der ein Kompliment wagt, bereits als Schleimer gilt. So nehme ich mir die Freiheit des Fremden heraus, Gutes zu sagen. Und dass ich mehr Gallier als Germane bin, nämlich Französischschweizer, mag als mildernder Umstand durchgehen.
Seit 30 Jahren beobachte ich Deutschland - nie war es so entspannt wie heute. Von 1914 bis 1989 durchlebten die Deutschen Extremverhältnisse: zwei Kriege, Hyperinflation und Weimarer Wirren, Hitler und die Schande, Kalter Krieg und Berliner Mauer. Und nach diesen 75 Jahren war die deutsche Einheit zu bewältigen. Doch die Endloskrise geht jetzt zu Ende.
Vieles bleibt im Argen, Deutschland wird nicht zum Paradies. Aber schlecht und recht meistern die Deutschen ihre Wiedervereinigung. Und im Aufschwung entfalten sich Kraft und Kreativität einer Volkswirtschaft, die Angela Merkel vor kurzem noch zum "Sanierungsfall" erklärt hatte. "Ist Deutschland noch zu retten?", fragte 2003 der Ökonom Hans-Werner Sinn. Scharen von Schwarzmalern und Scharfmachern bedienen die hohe Nachfrage nach Pessimismus. Das deutsche Volk jedoch - in seiner Gesamtheit - hat es nie so gut gehabt wie heute.
Und siehe da: Das Land debattiert plötzlich über die Zukunft, beispielsweise die der Familie, statt über seine Vergangenheit. Der Streit der Historiker ist Historie. Der "lange Schatten des Hitler-Regimes" (Eberhard Rathgeb) verschwindet hinter aktuellen Diskussionen. Es schließt sich der Kreis der Nachkriegsgeschichte.
Das erste Kapitel stand im Zeichen des Wiederaufbaus; das Wirtschaftswunderland lebte im Hier und Heute, denn nichts hat mehr Gegenwart als Wunder.
Darauf folgte die Zeit der Zukunftsutopien, hoffnungsfrohe 68er schrieben das zweite Kapitel. Aber schon im "Deutschen Herbst" 1977 klang ihre Zukunftsmusik nur noch falsch. Als am 18. Oktober ein GSG-9-Kommando die Lufthansa-Passagiere in Mogadischu befreite, die RAF-Gründer Selbstmord begingen und ihre Nachfolger den Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer töteten, verlor die Jugendbewegung ihre Unschuld und ihre bunte Zukunft.
Fortan (und dank des Anstoßes der 68er) beugten sich die Deutschen über ihre Vergangenheit: Es begann das dritte Kapitel, das drei Jahrzehnte währte. Von der Affäre Filbinger 1978 bis zur Affäre Oettinger/Filbinger 2007 zieht sich der Weg der Vergangenheitsbewältigung - ein viel kritisiertes Wort, das vielleicht doch nicht vermessen war. Wie eine resolute Republik den Trauerredner Günther Oettinger zur Ordnung rief, war souverän. Kein anderes Land hat eine so furchtbare Geschichte. Aber keines hat sie dermaßen aufgearbeitet, dass es an Bewältigung grenzt.
Als Israel nach dem jüngsten Libanon-Krieg die deutsche Marine und deutsche Uniformträger anforderte, war das ein stupender Vertrauensbeweis: eine beispiellose Anerkennung für die Art und Weise, wie sich die Bundesrepublik mit den Nazi-Verbrechen auseinandergesetzt hat. Der Bürger ist sich solcher Erfolge gar nicht bewusst. Aber auf Dauer entspannen sie mehr, als das peinvolle Aufarbeiten die deutsche Gesellschaft einst verspannte.
Im Lauf der Jahrzehnte schlug den Störenfrieden, die gegen das Verdrängen ankämpften, viel Hass entgegen. Doch haben sie dem Land einen patriotischen Dienst erwiesen: Deutschland erntet heute die Frucht solcher Zivilcourage. Japan hingegen wird von seinem unterdrückten Vorleben eingeholt, das Verhältnis zu China und Korea bleibt belastet. Und selbst nach 90 Jahren krankt die Türkei daran, den Völkermord an den Armeniern zu leugnen. Wo die Vergangenheit nicht stören darf, verstört sie desto mehr.
Trotzdem ist es kein schlechtes Zeichen, dass viele Deutsche des Aufarbeitens müde werden, denn nach drei Jahrzehnten ist eigentlich alles gesagt. Das dritte Kapitel ist größtenteils geschrieben, mit seinen eindrucksvollen und skurrilen Seiten: 1979 die Fernsehserie "Holocaust"; 1983 die Farce um die Hitler-Tagebücher; 1985 die Bitburger Waffen-SS-Kontroverse; seit 1986 der Historikerstreit; 1988 der Rücktritt des Bundestagspräsidenten Philipp Jenninger; in den neunziger Jahren die Polemik über Verbrechen der Wehrmacht, das Tauziehen um das Holocaust-Mahnmal und um die Zwangsarbeiter-Stiftung; 1996 dann die Goldhagen-Debatte. Und als Martin Walser 1998 seine umstrittene Friedenspreis-Rede hielt, führten die Deutschen weniger eine Diskussion zur Sache als eine Diskussion über die Diskussion - was darauf deutet,
dass sie sich erschöpft hatte. Zuletzt öffnete sich der Raum für das Kino, mit guten oder peinlichen Hitler-Filmen. Und wenn selbst Günter Grass nichts mehr zu verbergen hat, ist die Arbeit getan.
Mit dem Mauerfall begann das Ende der Nachkriegszeit, nun endet dieses Ende. Was wird der nächste Abschnitt deutscher Geschichte bringen? Zurück zur Gegenwart, lautet das Leitmotiv.
Das heutige Deutschland ist weder vergangenheitsvergessen noch vergangenheitsbesessen. Es misstraut den Zukunftsutopien. Und die "typisch deutschen" Zukunftsängste verfangen nicht mehr. In der Berliner Republik herrscht jene leicht aufgeregte Normalität, die zu einer vitalen Demokratie gehört. Nur Deutsche operieren noch mit dem Klischee von den hysterischen Deutschen. Sie seien "klimabesoffen", schimpft "Die Welt". In Wahrheit debattieren sie die Erderwärmung so nüchtern und so leidenschaftlich wie das übrige Europa. Benzinbesoffen bleiben dagegen die "Offroader" von Mercedes-Benz, die in der Stadt gut 18 Liter pro 100 Kilometer schlucken und "sowohl auf dem Weg zur Vorstandssitzung als auch zum Lagerfeuer viel bieten".
Im Übrigen ist übersteuerte Romantik "out": Seit Jahren ist weder eine "deutsche Hysterie" noch eine spezifisch deutsche "Epidemie der Angst" auszumachen. Den Geist der Zeit prägt vielmehr jene neue deutsche Leichtigkeit, die dem Leser feinsinnige Romane wie Daniel Kehlmanns "Vermessung der Welt" beschert und dem Hörer die ölige Selbstironie deutscher Rapper.
Das Fernsehvolk überdies schickte einen Berliner Swinger zum "Eurovision Song Contest", der das Maßhalten lobt. "Vollkomm'nes Glück hält ewig an / Nur wenn man drauf verzichten kann", lehrt uns Roger Cicero: "Man muss halt nur zu leben wissen / Mit Kompromissen." Auf diese Weise halten Ehen und Große Koalitionen. Der milde Macho Cicero ruft Kanzlerin Angela und dem ganzen Merkel-Land freudig zu: "Frauen regier'n die Welt."
Sie ist bieder, aber gelöst, diese lebenskluge Cicero-Merkel-Republik. Zu ihrer Lockerung mag beitragen, dass das Überfällige geschah und eine Frau regiert. Im Kabinett kämpft eine andere Frau gegen die halbe Christenwelt für die elementare Freiheit, Kinder und Karriere zu vereinbaren. Eine dritte Frau stürzt den bayerischen Monarchen. Eine vierte Frau leitet die Machtanstalt WDR. Und lauter Talk-Meisterinnen sitzen jenem Parlament vor, das zum "Bundes-Talk" avancierte. Deutschland, eine Männersache, wird durchaus zu seinem Vorteil weiblicher.
Dabei ist es ein Glücksfall, dass die Kanzlerin bloß regiert, nicht "durchregiert". Im Grunde ist ihre Große Koalition der vorweggenommene Verzicht auf große Würfe: auf die Schimäre einer deutschen "Kulturrevolution", die Hans-Werner Sinn und unzählige Reformeiferer ersehnten. Politiker sollten "Stückwerk-Ingenieure" bleiben, forderte einst Karl Popper, der Philosoph der offenen Gesellschaft; jeder Mächtige müsse sich "davor hüten, Reformen von solcher Komplexität zu unternehmen, dass es ihm unmöglich wird zu wissen, was er eigentlich tut". So gesehen war schon Hartz des Guten zu viel.
In den siebziger und achtziger Jahren der pazifistischen Aufwallung traf die junge deutsche Demokratie der Vorwurf der Unreife: Den Scharen von Friedensbewegten fehle der Sinn für Politik als Kunst des Möglichen. Doch heute geben nicht mehr die Weltverbesserer den Ton an, sondern die "Hinbekommer". Aufschlussreich das ungelenke Zeitwort "hinbekommen", das sich zu Gerhard Schröders Zeiten ins Vokabular schlich und den aktuellen Politikbegriff auf den Punkt bringt. Der Preuße hat etwas "geschafft" und der Nazi etwas "durchgeführt". Der Hanseat "erzielt" etwas, der Schwabe "leistet" etwas, während der Neudeutsche holterdiepolter was "hinbekommt": Das verrät alle Verrenkungen und Basteleien, um in Zielnähe zu gelangen.
Postmoderne Hinbekommer sind das wohltuende Gegenstück zur deutschen Gründlichkeit. Gefälliger und geselliger wird die einst streberhafte Nation, die endlich davon lässt, Europas Musterschülerin zu sein. Wie angenehm, dass sich Deutsche nicht mehr ständig beweisen müssen.
Eine alte chinesische Weisheit, die Richard von Weizsäcker gern zitiert, gedeiht zur neuen deutschen Tugend: "Glücklich der Mensch, der in langweiligen Zeiten lebt." Lieblich wirkt das Grau der Großen Koalition, sie ist ein stilles Glück - nicht für die lauten Medien zwar, aber für die meisten Menschen.
Und an "die Menschen im Lande" (statt an den Bürger) wendet sich der neudeutsche
Politiker in den Sonntags-Talks. Je älter eine Demokratie, desto stärker menschelt sie. Die Hauptstadt bringt sogar einen Regierenden Partymeister hervor: Wem Klaus Wowereit als Aspirin gegen das Virus der Langeweile reicht, kann wahrlich nicht "Europas kranker Mann" sein.
Vom Jahrhundert der Katastrophen bleibt das Vokabular der Überspannung. Mancher Deutsche kommt davon nicht los, als sei es ihm zur zweiten Natur geworden, am Abgrund zu stehen. Dem gestrigen Alarmismus frönen ausgerechnet die Modernisten, die Deutschland einen Ruck verpassen möchten. Das deutsche Haus sei "in seinen Grundfesten verrottet und bald nicht mehr lebenswert", schreibt ein angesehener Wirtschaftsjournalist. "Entweder die Wende - oder Deutschland ist am Ende", donnerte ein Wahlkämpfer. Alarmzentrale bleibt die "Bild"-Zeitung: Täglich befällt sie "dieses Gefühl, im Land Kafka aufzuwachen, in dem es nicht mehr stimmt".
Unstimmig ist vor allem der überkommene Politik-, Wirtschafts- und Kulturpessimismus. Die Deutschen sind Papst und Exportweltmeister, aber auch Champions im Volkssport, das eigene Land schlechtzumachen. Der deutsche Michel als Miesepeter: Er sieht schwarz für die Zukunft und rot bei jedem Missstand, auch wenn's der vereinten Nation gold geht. Ein Land stemmt die Riesenlast der deutschen Einheit und beklagt seine Kraftlosigkeit. Ein Gewinner der Globalisierung stempelt sich zum Verlierer. Eine der besten Demokratien in Europa tut, als sei sie verkommen.
Wie eh und je rotieren die Maschinen der Selbsthassindustrie. Doch der Katastrophismus, den die Geschichte nährte, geht mittlerweile an der Wirklichkeit wie an der Mehrzahl der Bürger vorbei. Das einst verhasste, später ungeliebte Volk wirkt heute gelöst, weil es gemocht wird.
Als die deutsche Elf 1954 die Fußballweltmeisterschaft gewann, war das "Wunder von Bern" Sinnbild der Rückkehr in die Weltgemeinde, die Respekt zollte. An der WM 2006 erwies sich jedoch, dass längst auch Zuneigung im Spiel ist. Gäste aus aller Welt freuten sich am lockeren Gastgeber. Das Wunder von Berlin: Wer geschätzt wird, entspannt sich.
Ist es ein Kompliment zu sagen, dass Deutschland davon profitiert, weniger deutsch zu sein? Der sprachkundige, mobile Teil des Nachwuchses studiert gern im Ausland und erschließt mit Rucksack oder Businesstrolley fremde Welten. In Musik, Literatur und Film vermengt sich Hiesiges und Fremdes. Die hybride Kultur zählt zu den saftigen Früchten der Globalisierung, sie hat den Schwung des Regisseurs Fatih Akin ("Gegen die Wand") oder des Auto-
ren Feridun Zaimoglu ("Zwölf Gramm Glück"). Parallelgesellschaft hin, Rütli-Schule her - die Zuwanderer haben ihre Wahlheimat mehr entkrampft als verkrampft. Befreiend ist das neue Verständnis von Staatsbürgerschaft, der überfällige Abschied vom germanischen Blutrecht der Abstammung: eine stille Revolution an der Jahrtausendwende. Überall wirkt ein zwangloser Patriotismus, der allzu Deutsches entdeutscht.
Aus der europaweit grassierenden Fremdenfeindlichkeit erwächst in der Bundesrepublik - anders als in meiner Schweizer Heimat - keine Volkspartei mit einem Wähleranteil von 27 Prozent. In sieben von neun Nachbarstaaten Deutschlands haben Rechtspopulisten die Politik verrohen lassen. Glücklich das Land, dem es erspart bleibt, in jahrelanger Mühe Jean-Marie Le Pen und Jörg Haider abzuhalftern, Christoph Blocher und Pia Kjærsgaard im Zaum zu halten. Und was in Deutschland die Neonazis treiben, ist eine widerliche Marginalie, mehr nicht.
In seiner "Geschichte eines Deutschen" schrieb Sebastian Haffner 1939, seine Landsleute seien "in gesundem Zustand
zweifellos ein feines, empfindungsfähiges und sehr menschliches Volk". Nirgends habe die nationalistische Krankheit "einen so bösartigen und zerstörerischen Charakter wie gerade in Deutschland, und zwar, weil gerade 'Deutschlands' innerstes Wesen Weite, Offenheit, Allseitigkeit" sei: Deutscher Nationalismus vernichte die Grundwerte der Nation.
Im Jahr 2007 ist nun aber der Umkehrschluss zulässig, dass die Rückkehr zu einem "gesunden" Nationalbewusstsein den von Haffner geschätzten deutschen Tugenden neues Relief verleiht.
Gerade das Aufarbeiten der Stasi-Vergangenheit hat zum Differenzieren eingeladen. Die Spurensuche in Archiven veranschaulicht zur Genüge die Schwierigkeit eines fairen Urteils über "Das Leben der Anderen": Der Oscar-gekrönte Spielfilm verkörpert das Wissen um die Ambivalenz, den Willen zum Hinschauen. Aus solchem Feingefühl spricht Souveränität und eine unaufdringliche Moral.
Allerdings wäre ein moralinfreies Deutschland wie alkoholfreies Bier: vernünftiger vielleicht, aber unecht. Verwegen die Hoffnung, im öffentlichen Diskurs käme erst das Denken, dann die Moral, wogegen Bertolt Brecht nichts einzuwenden hätte. So gehört es zum guten Ton,
die Linkspartei.PDS zu verketzern - obwohl sie die deutsche Politik ungemein entschärft. Ohne die PDS als solides Auffangbecken für Verlierer der Vereinigung und der Reformen hätten fremdenfeindliche Rechtsextremisten viel mehr Zulauf. Die missliebige Partei, die aus der DDR hervorging, ist ein Glücksfall für die deutsche Demokratie: ein Faktor der Stabilität.
Die PDS mag ihre integrative und mäßigende Rolle sogar zu gut erfüllen, denn Deutschlands zentrale Frage - der seit 1989 verpfuschte Aufbau Ost - bleibt seit einem Jahrzehnt ein Nebenthema der Politik. Wird die Republik nonchalant, oder ist sie im Gegenteil so weise, mit einem unmöglichen Problem zu leben, statt es zu lösen?
Helmut Kohl hat das Aussitzen vorgemacht, und seine gleichmütigen Landsleute sind realpolitischer, als sie vorgeben. Sie ziehen in den ruhigeren Norden von Afghanistan, weil das unumgänglich und eventuell nützlich ist, meiden aber den zum Scheitern verurteilten Feldzug in den Irak. Die Kanzlerin hofiert den unvermeidlichen George W. Bush und paktiert mit dem Gas- und Erdöllieferanten Wladimir Putin - ein Doppelspiel, das weder die Briten noch die Franzosen beherrschen. Und das Land, das sich als edler Vorreiter im Umweltschutz sieht, lehnt ein Tempolimit auf Autobahnen ab, denn "das Klima wird dann eben bei 130 versaut": Der Spott des Umweltministers Sigmar Gabriel verrät, wie Deutschland seinen Opportunismus auskostet. Moralisten werden darin Heuchelei sehen, Psychologen aber fröhliche Selbstdistanz, bislang keine deutsche Eigenschaft. Kann es sein, dass sich die Deutschen des 21. Jahrhunderts weniger ernst nehmen?
Das Lob der Deutschen verbindet sich mit der Hoffnung, dass es sie noch eine Weile gibt. Frankreich zählt 63 Millionen und Deutschland 82 Millionen Einwohner. Doch vergangenes Jahr kamen in Deutschland bloß 670 000 Babys auf die Welt, in Frankreich 830 000. Solange der Staat zu wenige Infrastrukturen bereitstellt, um berufstätige Mütter zu entlasten, versagt er ihnen viele Kinder. Und Kinderhaben ist Lebensfreude - die Freude, Leben weiterzugeben. Eine zeitgemäße Familienpolitik, wie sie heftig debattiert wird, wäre der nächste Schritt auf dem langen deutschen Weg zum Optimismus.
Jetzt schon ist Deutschland so ausgeglichen, dass sich seinen Nachbarn und Partnern keine deutsche Frage mehr stellt. Die deutsche Wiedervereinigung war Voraussetzung und Vorbote der europäischen Wiedervereinigung. Beide haben sowohl die Bundesrepublik als auch den Kontinent entspannt. Anders herum: Ein gleichgewichtiges Deutschland wird nur in einem Europa des Ausgleichs und Augenmaßes gedeihen. Und in der Tat: Angela Merkels Europapolitik deutet auf ihren Sinn für Balance. Deshalb ist die Kanzlerin zurzeit die zweitstärkste Führungsfigur der EU nach dem einflussreichen Luxemburger Jean-Claude Juncker.
Trotzdem - es bleibt das Bewusstsein der Unwägbarkeit deutscher Geschichte. Wer hätte im "Deutschen Herbst" vor 30 Jahren gedacht, die Bundesrepublik des Jahres 2007 würde im Lot sein und im Banne von Knut stehen? Und wer ahnt, wie die Deutschen des Jahres 2037 sein werden?
Die Franzosen bleiben sich allzu treu, ihre Revolutionen bringen mehr Abwechslung als Veränderung. Das unerschütterliche Großbritannien hat sich schon immer modernisiert, indem es fast alles beim Alten beließ. Und Deutschland? Es ist berechenbarer geworden. Und behält etwas Unbestimmtes. Das schafft Spannung: die besondere deutsche Spannung. Heute ist sie sehr zu genießen.
* Helge Schneider als Adolf Hitler in Dani Levys Film "Mein Führer - Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler".
Von Roger de Weck

DER SPIEGEL 20/2007
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