14.05.2007

SÜDAFRIKAReifeprüfung am Kap

Als erste Weiße seit dem Ende der Apartheid hat Kapstadts Bürgermeisterin Helen Zille der Partei Nelson Mandelas eine Großstadt abgejagt. Jetzt will sie den ANC landesweit entzaubern.
Langa ist kein guter Platz für Weiße, schon gar nicht für weiße Politiker. Der Kapstädter Vorort war einst eine Township, in Ghettos wie diesen muss-ten die Schwarzen während der Apartheid wohnen. Die übrigen Viertel der Stadt durften sie nur zum Arbeiten betreten. Armut, Gewalt, Alkohol und Drogen - dafür steht Langa noch heute. Gehalten hat sich auch die schwarze Wut über weiße Willkür.
Deshalb hat sich Helen Zilles sonst so gemütlicher Bodyguard einen Kopfhörerknopf ins rechte Ohr gesteckt. Wachsam blickt er um sich, als der Wagen der Bürgermeisterin vor dem Festzelt hält. Mit einem Nicken zur Rückbank bedeutet er ihr: keine Gefahr.
Vor einigen Monaten war sie schon einmal in Langa, damals rannte eine Frau mit einem Messer auf sie zu. Erst als Zille sie auf Xhosa ansprach, ließ die Angreiferin die Waffe sinken: Eine Weiße, die die Sprache der Schwarzen spricht, ist über ein Jahrzehnt nach dem Ende der Apartheid noch immer eine Attraktion.
Bürgermeisterin Zille ist 56. Vor einem Jahr gelang ihr als erster Weißer das Kunststück, dem Afrikanischen Nationalkongress (ANC) eine Großstadt abzujagen: Kapstadt, die Perle an der Südspitze des Kontinents.
Eigentlich regiert der ANC - Nelson Mandelas Bewegung, die das Land vor 17 Jahren von der Apartheid befreite - seit den ersten freien Wahlen 1994 fast uneingeschränkt in Südafrika. Viele seiner Politiker aber gelten als unfähig oder korrupt, und Zille hat das öffentlich gemacht. In Kapstadt verhalf ihr das zum Triumph. Nun fordert sie den ANC sogar zur Parlamentswahl 2009 heraus. Als Vorsitzende der Demokratischen Allianz, der stärksten Oppositionsbewegung, soll sie die bislang von Weißen dominierte Partei auch für schwarze Wähler attraktiver machen. Ihre Chancen stehen gut: Sie genießt den Ruf einer mutigen Streiterin gegen die Rassentrennung.
Zilles Sinn für Gerechtigkeit und die Allergie gegen rassistische Intoleranz mögen mit ihrer Familiengeschichte zusammenhängen: Sie ist weitläufig mit dem berühmten Berliner Milieu-Maler Heinrich Zille verwandt. Ihre Eltern waren deutsche Juden, die in den dreißiger Jahren vor den Nazis fliehen mussten. Auf Umwegen gelangten sie nach Südafrika. Schon damals regierte in Pretoria ein rassistisches Regime, doch wurde die Apartheid erst nach 1948 systematisch ins Werk gesetzt. Mutter Mila, die in Essen Diskriminierung am eigenen Leib erfahren hatte, lehnte sich gegen die weiße Herrschaft über Südafrikas schwarze Bevölkerung auf.
1951 kam Helen zur Welt. Während ihres Studiums arbeitete sie für die Anti-Apartheid-Gruppe Black Sash. Dann deckte sie als Journalistin beim "Rand Daily Mail" die genauen Umstände des Mordes an Steve Biko auf: Der Medizinstudent war einer der Wortführer der schwarzen Emanzipation - er wurde 1977 von weißen Polizisten in einer Gefängniszelle zu Tode geprügelt.
Als 1990 Präsident Frederik Willlem de Klerk das ANC-Verbot aufhob, ging selbst Zilles Mann davon aus, dass seine Frau der siegreichen Bewegung beitreten würde. Genau das aber tat sie nicht: "Ich wollte, dass in Südafrika eine echte Opposition entsteht." Ihre Partei, die Demokratische Allianz, hat sich inzwischen zur zweitstärksten politischen Kraft im Land entwickelt, doch der Vorsprung des ANC ist uneinholbar.
Für den Auftritt in Langa hat Helen Zille ein Kleid mit afrikanischen Mustern angelegt - es ist gerade noch europäisch genug, um nicht anbiedernd zu wirken. Hier am Rande Kapstadts will die Stadtverwaltung ein Denkmal für mehr als 20 ermordete Schwarze bauen: 1960 und 1985 hatte die Polizei in Langa das Feuer auf unbewaffnete Demonstranten eröffnet.
Es gibt Reden aus diesem Anlass, und Helen Zille ist die Erste auf dem Podium. Sie spricht wieder Xhosa, die für europäische Ohren seltsam klingende, mit Klicklauten durchsetzte Sprache der Schwarzen in der Kap-Provinz: "Wir werden der ganzen Welt zeigen, dass wir nicht Geiseln unserer grausigen Vergangenheit sind", sagt sie.
Das Publikum ist begeistert, stürmischer Beifall brandet auf. Ein alter Mann erklimmt das Rednerpult, stimmt Gesänge aus der Kampfzeit an. Es ist Philip Kgosana, der die Demonstration vor 47 Jahren angeführt hat. Die Menge verwandelt sich in ein wogendes Menschenmeer. Helen Zille tanzt mittendrin.
Doch die schwarz-weiße Idylle ist trügerisch. Wieder zurück im Bürgermeisterbüro, spiegelt sich Müdigkeit in Zilles Gesicht: Bereits sieben Versuche hat der ANC unternommen, um sie zu entmachten.
"Der Nationalkongress glaubt, die historische Wahrheit zu verkörpern, schließlich habe er das alte Regime zu Fall gebracht", sagt Zille. "Seine Funktionäre empfinden es als gewaltige Ungerechtigkeit, in dieser Stadt nicht mehr an der Macht zu sein."
Bald nachdem es ihr und der Allianz im Januar vergangenen Jahres gelungen war, mit sechs anderen Parteien eine Koalition
zu schmieden, kam die erste Attacke: Die ANC-Regierung der Provinz West-Kap versuchte, die Verfassung zu ändern. Die Kapstädter Bürgermeisterin wäre zu einer Zeremonienmeisterin herabgestuft worden, ohne echte Kompetenzen.
Zille ging vor die Gerichte, und sie hatte in diesem Fall Erfolg. Auch rief Präsident Thabo Mbeki seine Anhänger auf, die Angriffe einzustellen. "Die Reifeprüfung für eine Revolutionsbewegung ist jener Moment, in dem sie ihre erste Wahl verliert", sagt die Bürgermeisterin.
Doch was passiert, wenn der Mandela-Vertraute Mbeki 2009 seinen Posten verlässt? Setzt sich im ANC dann der realpolitisch-liberale Block oder der populistische Flügel unter dem Zulu-Patriarchen Jacob Zuma durch?
Helen Zille warnt seit Jahren davor, dass der Nationalkongress sich immer mehr zu einer autoritär agierenden Einheitspartei entwickle. Auch in Kapstadt fühlte sich die alte Kampfbewegung sicher: Posten wurden nach Gutdünken an Günstlinge verteilt. "Viele im ANC betrachten Politik als Mittel, Freunde und Verwandte beruflich voranzubringen", sagt Zille.
Aber nicht umsonst eilt ihr der Ruf voraus, eine Frau der Tat zu sein. Als eine ihrer ersten Amtshandlungen kappte sie der Provinzregierung Strom und Wasser: Diese hatte jahrelang die Rechnungen bei den Stadtwerken nicht beglichen - darauf vertrauend, alte Kampfgefährten im Bürgermeisteramt würden ein Auge zudrücken.
Dann verweigerte Zille einem Stadionneubau die Genehmigung: "Es gab Pläne, aber die Finanzierung war ungeklärt." Den Anteil der Stadt hatte ihre Vorgängerin vom ANC viel zu hoch veranschlagt. Zilles Entscheidung kam einem Sakrileg gleich - schließlich will Südafrika 2010 die Fußball-Weltmeisterschaft ausrichten.
Zwar ist inzwischen ein Kompromiss gefunden, der Grundstein für die Anlage gelegt. Doch Zille spürt auf Schritt und Tritt den Hass ihrer Gegner: "Godzille"-Monster wird sie von ihnen genannt. Als sie einmal in der ehemaligen Township Khayelitsha auftauchte, flogen Stühle und Eier aus dem Publikum.
Warum tut eine Frau, der eine glänzende Journalistenkarriere bevorstand, sich so etwas an? Sie könnte mit ihrem Mann, dem Universitätsprofessor Johann Maree, und den beiden Söhnen in Camps Bay wohnen, dem ebenso feinen wie teuren Viertel unten am Strand. Sie könnte Deutsch lernen, die Sprache ihrer Vorfahren, statt sich mit Xhosa abzumühen.
Sie könnte sich auch das eher aussichtslose Rennen um die Sitze im nationalen Parlament ersparen, denn der ANC führt mit mindestens 60 Umfragepunkten vor der Demokratischen Allianz. Aber Helen Zille sieht sich als Anwältin der Südafrikaner, die unzufrieden mit dem Regime des ANC sind: Die einen finden die Technokraten um Präsident Mbeki zu neoliberal, wieder andere entsetzt die Selbstgerechtigkeit vieler ANC-Fürsten und deren Vetternwirtschaft. Selbst unter Anhängern des Kongresses rumort es: "Ich wähle Zille nicht, aber es ist gut, dass sie denen da oben auf die Finger schaut" - Meinungen wie diese sind immer häufiger sogar in ANC-Hochburgen zu vernehmen.
Pelican Park heißt die Siedlung, in der Helen Zille am kommenden Abend spricht. Das ist ein Quartier der Cape Coloureds, der neben Schwarzen und Weißen dritten Bevölkerungsgruppe Südafrikas. Es sind Mischlinge: Nachkommen von Weißen, Schwarzen oder der vielen asiatischen und nordafrikanischen Sklaven, die die europäischen Kolonialherren einst ans Kap verschleppten.
Pelican Park ist eine Mustersiedlung - die Straßen zwischen den einstöckigen Häusern sind gepflegt, nirgendwo fliegt Müll herum. Als Zilles Wagen vor dem Gemeindehaus hält, ruft der Muezzin vom Minarett: 20 Prozent der Bevölkerung in Pelican Park sind Muslime.
Trotzdem hat Helen Zille, die Tochter jüdischer Eltern, hier einiges zu verlieren. Die Coloureds wählen traditionell die Demokratische Allianz, denn im neuen Südafrika sitzen sie zwischen allen Stühlen: Hatte das Apartheidregime sie wenig besser behandelt als ihre dunkelhäutigen Nachbarn, so kommen sie heute anders als diese kaum in den Genuss der Förderprogramme für Schwarze.
Ein schwieriges Publikum also. Zille lobt erst einmal die niedrige Kriminalitätsrate des Viertels. Doch eigentlich hat sie unangenehme Neuigkeiten im Gepäck. Kapstadt bürdet seinen Einwohnern neue Abgaben auf: Die Bewohner von Pelican Park sollen eine Steuer auf die Wertsteigerung ihrer Häuser zahlen.
Es geht in den meisten Fällen nur um 20 bis 40 Rand (zwei bis vier Euro). Doch ist das nicht recht durchgedrungen in Pelican Park, die Menschen sind aufgebracht. Der ANC und seine Medien haben Legenden von horrenden Steuererhöhungen in Umlauf gebracht.
Helen Zille muss gegen geballtes Misstrauen ankämpfen. "Der ANC hat jahrelang nichts getan", sagt sie, "wir müssen die Abgabe erheben, damit wir die Strom- und Wasserversorgung in der gesamten Stadt aufrechterhalten können." Dreimal erklärt sie das Problem, ihr Ton ist bemüht geduldig. Es klingt nach Volkshochschule, Zille nimmt die Wähler ernst.
Langsam legt sich die Unruhe im Publikum. Die Menschen sind nicht begeistert von der neuen Steuer, aber ihnen gehen die Gegenargumente aus. Zille bucht das als Erfolg: "Ich bin nicht Politikerin geworden, um populär zu werden", sagt sie. "Ich will das Richtige tun." JAN PUHL
* Bei ihrer Ankunft in Langa am 21. März.
Von Jan Puhl

DER SPIEGEL 20/2007
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