14.05.2007

FILMZauber der Angstblüte

Die Festspiele in Cannes versprechen zum 60. Jubiläum ein ehrgeiziges Aufgebot an Stars und Filmen. Auch die Deutschen dürfen ungewohnt stark antreten.
Egal, wie das Wetter wird in den nächsten zwei Wochen an der Côte d'Azur, Michael Moore sollte sich besser warm anziehen. Der amerikanische Filmemacher ist nach Cannes eingeladen, weil er dort seinen neuen Film "Sicko" zeigen soll, der belegt, wie übel das US-Gesundheitssystem arme Leute im Stich lässt. Ein paar Kinoschlauberger aber werden versuchen, Moore selber eine frostige Abreibung zu verpassen - weil sie ihn neuerdings für einen krankhaften Lügner halten.
Europäische Filmkritiker machen derzeit nämlich viel Wirbel um einen kanadischen Enthüllungsfilm namens "Manufacturing Dissent", in dem Moore angeblich der Trickserei überführt wird. Allerdings ist die Empörung darüber, dass der notorische Marktschreier Moore mit den Mitteln der Demagogie arbeitet und nicht nur fromm Wirklichkeit abbildet, so naiv und scheinheilig, dass sich vielleicht nicht mal Moore selber davon an der Croisette die Laune verderben lassen wird.
Bei den 60. Filmfestspielen in Cannes soll nach dem Willen der Veranstalter sowieso eitle Jubelraserei herrschen. Tolle Neuerungen (ein frischer Internet-Auftritt), mehr Stars als je (klar: auch Angelina Jolie und Brad Pitt) und die Früchte eines "herausragend kostbaren" Kinojahrgangs verspricht Festival-Programmchef Thierry Frémaux zum Jubiläum. Und gleich der Eröffnungsfilm soll am Mittwoch Sex und Popglamour in den Festivalpalast zaubern: Der aus Hongkong stammende Regisseur Wong Kar-wai zeigt in "My Blueberry Nights" die Sängerin Norah Jones in ihrer ersten Kinorolle. Jones, 28, spielt eine einsame Seele, die kreuz und quer durch die USA stromert.
Moderiert wird die Eröffnungsgala übrigens von einer Deutschen, der stets glanzäugigen und absolut weltgewandten Diane Kruger. Auch sonst gibt es diesmal wenig Anlass zum Wehklagen über die traditionelle französische Herablassung gegenüber dem Filmland BRD.
Noch im vergangenen Jahr brüskierte man den neuen nationalen Lieblings-Kinolulatsch Florian Henckel von Donnersmarck und sein später Oscar-prämiertes Werk "Das Leben der Anderen": Die Festi-
valchefs erteilten dem Film und dem Mann im weißen Smoking eine Abfuhr und ließen ihn nicht mal in eine Nebenreihe. Schwamm drüber, diesmal ist Fatih Akin, 33, mit einer deutschen Produktion im Hauptwettbewerb um die Goldene Palme dabei.
"Auf der anderen Seite", so der Titel von Akins Film, konkurriert mit großkalibrigen neuen Werken des Bosniers Emir Kusturica ("Promise Me This"), des bösen Österreichers Ulrich Seidl ("Import Export") und der französischen Pornografie-Nervensäge Catherine Breillat ("Une vieille maîtresse"). Kein Einziger der 22 Wettbewerbsfilme kommt aus Afrika, allein 6 aus den USA, darunter Neues von Gus Van Sant ("Paranoid Park"), Quentin Tarantino ("Death Proof") und den Gebrüdern Joel & Ethan Coen ("No Country for Old Men").
Und worum geht's bei Akin? "Auf der anderen Seite" verschränkt (wie es heißt, wirklich furios) drei Geschichten aus dem Migrationsvordergrund. Eine junge Frau im Film lebt zum Beispiel illegal in Deutschland, und ein türkischstämmiger Germanistik-Professor gerät in emotionale Not, als er sich ausgerechnet in die Gefährtin seines Vaters verknallt.
In schroffer Weise kollidieren auch in den deutschen Beiträgen der Cannes-Nebenreihen "Quinzaine des Réalisateurs" und "Un Certain Regard" Welten und Menschen miteinander. Jan Bonny, 28, schildert in seinem Debüt "Gegenüber" den Ehehorror eines Polizisten. Robert Thalheim, 32, erzählt in "Am Ende kommen Touristen" von einem jungen Deutschen, der in der Auschwitz-Gedenkstätte in Polen seinen Zivildienst ableistet. Thalheim kennt den Ort, auch wenn er betont, es handle "sich wirklich nicht um einen autobiografischen Film": Er war selbst als Zivi in Oswiecim, wie Auschwitz auf Polnisch heißt.
Auch die großen Alten unter den Deutschen dürfen in Cannes ran. Volker Schlöndorff, 68, führt außer Konkurrenz seinen Film "Ulzhan" vor, in dem ein Franzose nach Kasachstan auszieht und das Staunen lernt. Und Wim Wenders, 61, ist mit einem Drei-Minuten-Film in einem stolzen, extra fürs Jubiläum gedrehten Episodenwerk dabei. Für die filmische Cannes-Geburtstagstorte unter dem Titel "To Each His Own Cinema" bastelten Wenders und 34 weitere Weltkino-Haudegen wie Roman Polanski, Michael Cimino und Claude Lelouch je dreiminütige Meditationen über "das Kino an sich": Aufgabe war es, die Magie der eigenen Kunst zu beschwören.
Das klingt nach eitler Selbstbespiegelung. In Wahrheit verrät das Jubiläumsprojekt aber eher Sorge um die Zukunft des Kinos; die bunte Jubelfeier in Cannes steht dieses Jahr im Zeichen der Angstblüte: Werden sich im heraufdämmernden goldenen Zeitalter der Internet-Downloads und der Turbo-Mobilität überhaupt noch Menschen in dunkle Vorführsäle verirren? Oder gehören das Händchenhalten und Popcornmampfen vor der Leinwand bald zu den bedrohten Menschheitsvergnügungen?
Michael Moore sagt: "Ich finde, ein Künstler muss die richtigen Fragen stellen und nicht unbedingt die Antworten parat haben."
WOLFGANG HÖBEL
* Mit Sydney Tamiia Poitier, Kurt Russell.
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 20/2007
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