21.05.2007

FRANKREICH„Ein Paar, zwei Freiheiten“

Nicolas Sarkozy will sein Land umkrempeln - aber zieht seine Frau in den Elysée? Die Franzosen rätseln über die beiden und auch über das Privatleben der unterlegenen Ségolène Royal.
Roter Teppich, Blitzlichtgewitter, Auftritt des Stars, nein, nicht in Cannes, wo am selben Tag die Schönen des Films auftreten, Andie MacDowell oder Gong Li, sondern in Paris, im Elysée-Palast, und da ist sie, die kapriziöse, die geheimnisvolle Cécilia Sarkozy, die den neuen Präsidenten, ihren Gemahl in zweiter Ehe, bestens beherrscht, wie er gern zugibt.
An der Seite ihrer zwei blonden Töchter und der beiden Sarkozy-Söhne schmückt die Frau im schimmernden Satinkleid die Amtsübergabe von Jacques Chirac an Nicolas Sarkozy. Keine ihrer Gesten bleibt unkommentiert, nicht der öffentliche Kuss, nicht der korrigierende Griff zur Krawatte, nicht die Träne, die sie verdrückt. Cécilia Sarkozy, die ehedem als Model im Modehaus Schiaparelli jobbte, ist das Herz und die Hauptdarstellerin beim monarchischen Gepränge. Am Tag danach ziert sie mit ihrem Mann das Nachrichtenmagazin "L'Express", die Illustrierte "VSD" rätselt unter ihrem Titelfoto: "Welche Rolle wird sie haben?"
Auch diese "première dame de France" verkörpert ja den Generationenwechsel, den ihr Mann beschwört, den kulturellen Bruch mit der bleiernen Zeit, die den Namen Chirac trägt. Und Frankreich ergötzt sich an diesem Paar und fühlt sich - fünf blonde Kinder zwischen 10 und 22, "eine Familie in Einklang mit der Zeit", wie der "Figaro" weihevoll schreibt - an die Kennedys erinnert.
Allerdings zeigte die glänzende Fassade schon wieder neue Risse. Paris erging sich in ausschweifenden Mutmaßungen, ob Cécilia beim feierlichen Einzug in den Amtssitz zugegen sein würde, denn am Wahlabend hatte sie lange, zu lange durch Abwesenheit geglänzt. Als sie endlich gegen 23 Uhr bei der rauschenden Siegesfeier auf der Place de la Concorde an der Seite ihres Mannes auftauchte, wirkte sie abwesend und freudlos.
Was hatte sie bloß? Angeblich mussten ihre beiden Töchter sie erst zum Erscheinen überreden. Angeblich flog sie rasch aus London ein. In grauem Oberteil und weißen Hosen sei sie merkwürdig unpassend angezogen gewesen, fiel Maureen Dowd, der berühmten Kolumnistin der "New York Times" auf. Ihr "escape outfit" nennt eine Freundin Cécilias Aufzug, Kleidung für die Flucht.
Vielleicht steckt hierin ja die Erklärung dafür, dass Cécilia keinen Gebrauch von ihrem Wahlrecht machte. Das ist umso befremdlicher, weil sie während des Wahlkampfs im Hauptquartier in der Rue d'Enghien einen eigenen Arbeitsplatz besaß. Zum Politikum wurde die Abstinenz aber erst, als das "Journal du dimanche" einen Artikel über Cécilias Mangel an Bürgerpflicht, offenbar auf Druck des gewählten Präsidenten, wieder aus dem Blatt nahm - was dessen Mitarbeiter prompt dementierten.
An beides muss sich Frankreich wohl gewöhnen: an die Neigung des Präsidenten, bei seinen Freunden, den Zeitungsbesitzern, zu intervenieren, wenn missliebige Artikel drohen. Und auch daran, dass ihm sein Privatleben zuverlässig Grund zur Intervention bietet. Dabei mag ihm dienlich sein, dass in Frankreich die private Moral meist lässiger behandelt wird als anderswo. Hier wird toleriert, was anderweitig Staatskrisen auslöst.
Anders als in Deutschland, wo ein Kanzler und sein Außenminister Serientäter in Eheschließungen waren, gehören tumultuöse Ehen, Affären und Kinder außer der Reihe in Frankreich zur bunten Vielfalt des Lebens. Als Bill Clinton sich mit Monica Lewinsky einließ, verfolgte man an der Seine die Aufwallungen in Amerika mit Kopfschütteln: protestantische Prüderie. Was war das bisschen Oralsex im Oval Office verglichen zum Beispiel mit dem Doppelleben von François Mitterrand?
Der Präsident lebte im Konkubinat und brachte seine Zweitfrau auf Staatskosten unter. Als er sich kurz vor Ende seines Lebens zu seiner illegitimen Tochter Mazarine bekannte, verlieh das dem Mann, den sie "Gott" nannten, geradezu menschliche Züge. Und auch Jacques Chirac eilte der Ruf eines lebenslustigen Charmeurs nach - ein Charakterzug, der beifällig mit "sacré Jacquot" quittiert wurde.
Auch Präsident Sarkozy hat hohen Anteil an den öffentlichen Mutmaßungen über sein Privatleben: Stets rückte er seine Frau ins Rampenlicht, er pries
sie als seine engste Vertraute. Das Einvernehmen mit den bunten Blättern hielt jedoch nur so lange vor, wie die Ehe zwischen Sarko und Cécilia dem Anschein nach heil war. Als seine Ehefrau 2005 ein Verhältnis mit dem Werbefachmann Richard Attias einging und "Paris Match" das liebende Paar in New York auf dem Titelbild zeigte, sann der Verlassene auf Rache.
Nach einer Schamfrist musste Chefredakteur Alain Genestar gehen. Der Eigentümer des Blattes, Arnaud Lagardère, wollte es so. Er ist ein Freund des neuen Präsidenten und anscheinend zu Gefälligkeiten bereit. Seither führt der Großindustrielle die Redaktion an kurzer Leine, mit deutlicher Präferenz für Sarkozy. "Paris Match" schrieb jetzt hingebungsvoll, dass die Sarkozys die Nacht nach der Wahl in einer Hotelsuite verbracht und sich "wie Liebende" benommen hätten. Die Beschreibung ist so schön, sie könnte aus der Feder des Präsidenten stammen.
Sarkozy ist weich, hilflos und ungemein nachtragend, sobald es um seine Frau geht. Er sagt, sie ist "meine Stärke und meine Achillesferse". Vielleicht ist es ja wirklich so, es kam jedenfalls bisher gut an.
Sarkozy macht sich jetzt mit Elan und Eifer daran, Frankreich zu reformieren. Und das ganze Land beobachtet gespannt, ob Cécilia in den Elysée einzieht, mit wem sie ausgeht und wie sich das Paar aufführt, wenn es sich öffentlich zeigt.
Die Sarkozys stehen mit ihren allzu menschlichen Seiten ja auch nicht allein. Ségolène Royal, die achtbare Verliererin der Präsidentschaftswahlen, ist nicht weniger machtbewusst als der siegreiche Konkurrent. Denn jetzt erhebt sie handstreichartig den Anspruch auf die Führung der Sozialistischen Partei (PS). Das wäre nicht weiter auffällig, wenn sie nur die älteren Herren beiseiteschieben würde. Zu den Leidtragenden gehört aber auch der PS-Chef François Hollande - der Vater ihrer vier Kinder. Momentan weilt sie für ein paar Tage in Tunesien, ganz allein.
Auch um dieses Paar kreisen die Phantasien der Franzosen. Wie geht es bei ihnen zu? Und wie kam es eigentlich, dass sie gegen Sarkozy antrat und nicht er?
Ein Buch gibt darüber Auskunft. Es erschien nach der Wahl und heißt "La femme fatale", geschrieben von zwei Redakteurinnen von "Le Monde".
Die Autorinnen erzählen die Vorgeschichte der Kandidatur im Haus Hollande/Royal. Und die geht so: François pflegte engen Kontakt mit einer Journalistin - "schön, blond und lebhaft", die im Auftrag ihrer Redaktion über die Sozialisten berichtete. Ségolène ließ erst ihren ältesten Sohn bei der Zeitung anrufen und dann ihren Bruder Gérard intervenieren. Der ehemalige Geheimdienstagent, der im Jahr 1985 beteiligt war am berüchtigten Anschlag auf das Greenpeace-Schiff "Rainbow Warrior" vor Neuseeland, hatte mit seinem Einspruch offenbar Erfolg: Die junge Frau wurde versetzt.
Ségolène aber, so geht die Erzählung weiter, setzte François die Pistole auf die Brust: Sollte er ihre Kandidatur behindern, würde sie ihm die Kinder entziehen. Er gab nach, sie behandelt ihn fortan mit gekränkter Herablassung. Für das Privatleben der Familie gilt nun anscheinend die Verhaltensweise, die Hollande unter anderen Umständen ausgegeben hatte: "Ein Paar, zwei Freiheiten".
Könnte das auch das Ergebnis der Auseinandersetzungen im Haus Sarkozy sein? Cécilia bringt ihrer neuen Rolle gemischte Gefühle entgegen: "Ich sehe mich nicht als First Lady", sagte sie vor geraumer Zeit, "das ödet mich an. Ich bin politisch nicht korrekt, ich laufe in Jeans herum, ich passe nicht in diese Schablone."
Den Abend des Triumphes ließ das Ehepaar Sarkozy mit Freunden im Nachtclub "ShowCase" ausklingen. Rein zufällig, natürlich, war auch ein Fotograf von "Paris Match" anwesend. Sarkozy machte ein paar werbende Tanzschritte vor seiner Frau. Sie schaute ihm zu, hingegossen auf ein Sofa, halb geschmeichelt, halb abwehrend mit erhobenem Zeigefinger. STEFAN SIMONS
* Bei der Amtseinführung am 16. Mai.
Von Stefan Simons

DER SPIEGEL 21/2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 21/2007
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

FRANKREICH:
„Ein Paar, zwei Freiheiten“

  • Überwachung in China: Zwei Schritte - und die Software weiß, wer Sie sind
  • Reaktion auf Trumps Angriffe: "Er will gar nicht mehr Präsident sein"
  • Auto auf Abwegen: Wofür man ein SUV in der Stadt braucht
  • Straße von Hormus: Videos zeigen Festsetzung von britischem Tanker