26.05.2007

TV-DOKUMENTATIONFußkrank im Neolithikum

Im neuen Historienspektakel „Steinzeit - Das Experiment“ schickt die ARD zwei Familien 5000 Jahre in die Vergangenheit. Eine Tortur, nicht nur für die Teilnehmer.
Fernsehen bildet. In der Steinzeit, das weiß jeder Fernsehzuschauer, trugen die Menschen Kleidung aus Fell, fuhren Autos aus Stein, hielten sich Dinosaurier als Streicheltiere, und die Rüssel der Mammuts dienten als Staubsauger.
Dieses Wissen vermittelte jedenfalls die US-Serie "Familie Feuerstein", nach den "Simpsons" die populärste Zeichentrickreihe aller Zeiten, und man glaubte diesen Unsinn gern. Fred Feuerstein, seine Gattin Wilma und sein Kollege Barney Geröllheimer waren Steinzeitmenschen wie du und ich.
Doch nun wird dieser Mythos mit öffentlich-rechtlicher Gründlichkeit zerstört. In Wirklichkeit war die Steinzeit nämlich gar nicht lustig, und Mammut-Staubsauger gab es auch nicht. Tatsächlich herrschte ein ständiger Kampf ums Überleben, bei dem man kalte Füße, dreckige Fingernägel und schlechte Laune bekam.
Diese schockierende Erkenntnis bringt die ARD jetzt in vier Folgen à 45 Minuten unters Volk: "Steinzeit - Das Experiment" heißt die aufwendige neue Dokumentationsreihe, für die die Macher zwei Monate lang sieben Erwachsene, sechs Kinder, zwei Wollschweine und diverse andere leidensfähige Tiere 5000 Jahre in die Vergangenheit schickten*.
Historisch ist die Sendung eine Zeitreise in die Jungsteinzeit, die Epoche von Ötzi, der Gletscherleiche aus Südtirol; dramaturgisch dagegen ein Rückfall ins öde Fernseh-Neolithikum: Die öffentlich-rechtliche Steinzeit-Doku erinnert an ausgestorben geglaubte Prekariat-Shows wie "Big Brother" oder "Das Dschungelcamp".
Das Personal ähnelt jedenfalls stark den Kandidaten aus dem Trash-TV: Einige Teilnehmer tragen dicke Nasenpiercings zu ihren Fellklamotten, der Umgangston schwankt zwischen rustikal ("Wenn's nach mir ginge, wäre das Schwein längst tot") und Sozialarbeiterjargon ("Ich bin enttäuscht von dir"). Die gute Nachricht: Dieter Bohlen macht nicht mit.
Statt im Container wie bei RTL II lümmeln die ARD-Freiwilligen, im wahren Leben Töpfer, Krankenschwester, Hausfrau und Schafzüchter, in drei Pfahlhütten herum, die an einem Tümpel im Hinterland des Bodensees errichtet wurden. Es regnet. Die Kameras laufen. Der Ofen ist aus. "Eingreifen werden wir nur im Notfall", barmt der Sprecher aus dem Off.
Eines der Camp-Kinder, die zehnjährige Ronja, hat zu Beginn "ein bisschen Angst", ob ihr das Steinzeitessen wohl schmecken
werde. Welches Essen? Die Steinzeitler sind Selbstversorger, ob sie wollen oder nicht. Die meisten wollen eher nicht.
Gefühlte 5000 Jahre Sendezeit vergehen, in denen man den anderen beim Getreidemahlen zugucken darf. Sie mahlen sehr langsam. Das Ergebnis sind grobe Fladenbrote, die verdächtig nach Bioladen aussehen. Irgendwann treibt der Hunger sie rein. "Am dritten Tag werden die Kinder zum ersten Mal satt", verkündet der Sprecher mit apokalyptischem Tremolo in der Stimme. Später wird ein Schwein massakriert, allerdings - beim Tierschutz hört der Spaß auf - per Bolzenschussgerät und unter der Aufsicht eines Amtstierarztes.
Denn wie bei "Big Brother" bekommen auch die Insassen des Steinzeitcamps manchmal Besuch aus der sogenannten Wirklichkeit. Zwar nicht von Guido Westerwelle, der im Jahr 2000 im RTL-II-Container auf ein Bier vorbeischaute, aber von Menschen wie Harm Paulsen. Herr Paulsen ist Steinzeitexperte beim Archäologischen Landesmuseum in Schleswig und weiß zum Beispiel, dass ein Lehmofen nicht zum Heizen taugt, weil sonst leicht die ganze Hütte abbrennt. Die Sippe staunt.
In Folge zwei werden zwei Teilnehmer auf Wunsch der Redaktion ausgemustert, "rauswählen" hieß das bei "Big Brother". Ingo Schuster und Henning Fenner, die beiden Junggesellen im Team, müssen das Pfahldorf verlassen und vom Bodensee über die Alpen bis nach Bozen marschieren, Ötzis Heimat. 300 Kilometer, ganz allein in der Wildnis, mal abgesehen von einem Überlebenstrainer und dem mehrköpfigen Kamerateam. Sie gehen sehr langsam, unter anderem, weil Wandersmann Schuster eine eitrige Wunde am Fuß hat. Die ARD zeigt sie in Großaufnahme.
Als RTL II einst bei "Big Brother" einen Teilnehmer beim Fußnägelschneiden filmte, galt das vielen Feingeistern als Ende der Zivilisation. Jetzt - es lebe der Fortschritt - schwärmt der verantwortliche SWR-Fernsehdirektor Bernhard Nellessen von der "sozialen Relevanz" seines Projekts. Muss er auch: Rund zwei Millionen Euro Gebührengelder hat die famose Ötzi-Simulation gekostet. Einige Zuschauer könnten auf die Idee kommen, das sei vielleicht ein bisschen viel für lauwarme Lagerfeuerromantik, steinalte Vulgär-Psychologie und ein paar durchgelatschte Fellschuhe.
Dabei hat sich zumindest für einen der Steinzeitler der Selbsterfahrungstrip in die Vergangenheit gelohnt: Ingo Schuster hat sich während der Vorbereitung auf das Experiment das Rauchen abgewöhnt.
MARTIN WOLF
* Sendetermine: Pfingstsonntag und Pfingstmontag, 21.45 Uhr; 4. und 11. Juni, 21.00 Uhr, ARD.
Von Martin Wolf

DER SPIEGEL 22/2007
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