26.05.2007

NAHOSTLied der Sehnsucht

Schießereien in Gaza, Kämpfe im Libanon: 40 Jahre nach dem Sechs-Tage-Krieg zeigt sich, dass der israelische Triumph von 1967 ein Pyrrhussieg war.
Über der Jerusalemer Altstadt hängen dunkle Wolken, ein seltener Frühlingsregen hat den Platz vor der Klagemauer blankgewaschen. Es nieselt noch, aber die Menschen strömen schon wieder ins Freie.
Als Erste kommen die schwarzberockten Ultraorthodoxen: Manche wippen im Gebet mit dem Oberkörper vor und zurück, andere lehnen ihren Kopf wie in Trance an die mächtigen Steinquader. Hinter ihnen bilden junge religiöse Israelis einen Kreis, sie fassen sich an den Händen und singen die israelische Nationalhymne. Allmählich trauen sich auch die Touristen heran, ein paar Japaner stecken bekritzelte Zettel in die Mauerritzen.
Keiner nimmt Notiz von jenen älteren Herren, die sich langsam der Mauer nähern. Sie heißen Zion, Izik und Chaim. Vor genau 40 Jahren standen die drei schon einmal hier. Sie gehörten zu der Fallschirmjägereinheit, die am 7. Juni 1967 das jüdische Viertel nach fast 20 Jahren zurückeroberte und die arabische Altstadt besetzte. "Einer der ersten Zettel in der Mauer stammt von mir", erzählt Zion, der große Bärtige: "Es war der bewegendste Moment meines Lebens." Den Augenblick, als die drei jungen Soldaten mit entrücktem Blick zum ersten Mal vor der Klagemauer standen, hat damals der Fotograf David Rubinger festgehalten.
Sein Bild wurde zum Symbol des erfolgreichsten Krieges in der Geschichte des jüdischen Staates. Innerhalb von nur sechs Tagen hatte die israelische Armee unter Verteidigungsminister Mosche Dajan an drei Fronten gesiegt: Sie hatte Ägypten aus dem Gaza-Streifen und von der Sinai-Halbinsel vertrieben, die Jordanier aus dem Westjordanland gejagt und den Syrern die strategisch wichtigen Golanhöhen abgenommen. Am Ende kontrollierte Israel ein Territorium, das gut dreimal so groß war wie sein ursprüngliches Staatsgebiet.
Hatte sich vor dem Krieg bei vielen Juden die alte Angst vor dem Holocaust wieder ausgebreitet, die Furcht, ihr neuer Staat sei nicht von Dauer, so feierten sie den Sieg nun als Geschenk Gottes. "Weder die vor dem Krieg herrschende Panik noch die Euphorie danach waren berechtigt", urteilt der israelische Historiker Tom Segev** über den Waffengang von 1967.
Sicher, der ägyptische Präsident Gamal Abd al-Nasser hatte Israel offen gedroht. Er zwang die Uno-Truppen zum Abzug aus dem Sinai und blockierte die Meerenge von Tiran, Israels Zugang zum Roten Meer. Doch zur Beunruhigung der israelischen Bevölkerung trugen massiv hausgemachte Fehler bei. So brachte sich das Land durch die viel zu frühe Mobilisierung Tausender Reservisten selbst in Zugzwang.
Umso lauter war der Seufzer der Erleichterung, als in nur sechs Tagen alles vorüber war. Nur begriffen die meisten Israelis nicht, welch schwere Hypothek ihnen der Krieg hinterließ. Tief gedemütigt versuchten Ägypten und Syrien sechs Jahre später im Jom-Kippur-Krieg, sich zu rächen. Ägypten und Jordanien rangen sich dann zwar zu einem Friedensvertrag durch - Syrien aber blieb bis heute ein unberechenbarer Nachbar, der immer wieder seine Hilfstruppen Hisbollah und Hamas gegen Israel in den Krieg ziehen lässt.
Den höchsten Preis aber zahlt Israel heute noch in den Palästinensergebieten. Ausgerechnet jener Staat, der auf der bitteren Erfahrung von 2000 Jahren Verfolgung gründete, hatte nun selbst ein anderes Volk überrollt. Eine Armee, die schon von ihrem Namen her nur dem Zwecke der Verteidigung dienen sollte, fand sich plötzlich in der Rolle des Besatzers wieder.
Rund eine Million Araber gerieten im Juni 1967 unter
israelische Kontrolle, 300 000 verließen ihr Land. Für viele Palästinenser war es bereits die zweite Flucht. Schon im ersten arabischisraelischen Krieg 1948 wurden mindestens 700 000 Palästinenser ihrer Heimat beraubt. Die meisten flohen ins Westjordanland oder in den Gaza-Streifen. 1967 wiederholte sich für viele die Tragödie. Sie landeten im Libanon, in Syrien und Jordanien.
In einer staubigen Schlucht am Rande Ammans liegt das Lager Dschabal al-Hussein. 30 000 Menschen leben hier in grauen Betonhäusern, die sich an die Berghänge schmiegen. In den schmalen Gassen stehen die Gerüche von altem Bratfett, Katzenkot und menschlichem Urin. Ghasi al-Sein, 64, empfängt in einem Raum, der gleichzeitig als Schlaf- und Esszimmer fungiert. Zwei Drahtgestelle mit fleckigen Matratzen stehen an der Wand, auf dem Boden eine Schale mit hartgekochten Eiern, in der Ecke ein Gaskocher.
Der Palästinenser Sein wurde 1942 geboren, sechs Jahre vor Gründung des Staates Israel. Sein Geburtshaus steht in Jaffo, das heute ein Teil von Tel Aviv ist. Als 1948 der Krieg ausbrach, stopfte der Vater die Familie in ein Taxi und brachte sie in den Bergen um Nablus im Westjordanland in Sicherheit. "Wir sind in einer Woche wieder zurück", versprach er.
Aus der Woche wurden Jahre, ja Jahrzehnte. Die meiste Zeit lebte die Familie in einem Zelt, erst Anfang der Sechziger konnte sie sich ein bescheidenes Haus bauen. Kurz darauf begann der Sechs-Tage-Krieg. Die Israelis besetzten Nablus; ein paar Wochen später verfrachteten sie Sein und Hunderte anderer junger Männer auf Lastwagen und verschleppten sie nach Jordanien.
Seit 59 Jahren lebt Ghasi al-Sein jetzt als Flüchtling. Das Geld reicht gerade zum Essen, meist gibt es Falafel oder Reis. "Niemals werden wir Frieden mit den Israelis schließen", sagt er.
Die Flüchtlinge gelten als eines der größten Hindernisse für einen Frieden im Nahen Osten. Palästinensische Politiker aller Couleur verlangen für sie das Recht auf Rückkehr. Doch die meisten wollen gar nicht in Israel leben. Auch Sein nicht: Er will zurück nach Nablus.
Die andere Chiffre für die Unlösbarkeit des Konflikts sind die israelischen Siedlungen. 1967 gab es keinerlei Pläne für eine Besetzung des Westjordanlandes. Im Gegenteil: Die Israelis versuchten, König Hussein von Jordanien von einem Kriegsbündnis mit Ägypten abzuhalten.
Heute, 40 Jahre später, leben im Westjordanland 270 000 Israelis in 122 Siedlungen. Weitere 190 000 zogen in die Region um Jerusalem und den arabischen Ostteil der Stadt. 14 Milliarden Dollar investierte der Staat bislang in den Siedlungsbau - eine massive Landnahme, die ursprünglich so nicht beabsichtigt war.
Warum es trotzdem dazu kam, kann Geula Cohen erklären. Die 82-Jährige lebt
in einem der nach 1967 gegründeten jüdischen Viertel von Ostjerusalem. Die Wände ihres Wohnzimmers sind geschmückt mit Schwarzweißfotografien, die ihre Lebensstationen illustrieren: Cohen als Abgeordnete in der Knesset, Cohen beim Spatenstich für eine neue Siedlung. Das größte Foto zeigt ein junges Mädchen mit langen schwarzen Haaren vor einem Mikrofon.
Geula Cohen leitete in den vierziger Jahren die verbotene Radiostation der Stern-Gang. Diese jüdische Miliz wollte die Briten mit Sabotageakten und Anschlägen aus dem palästinensischen Mandatsgebiet vertreiben. Ihre ideologischen Wurzeln gehen auf das Jahr 1923 zurück.
Damals überließen Briten und Franzosen das Territorium östlich des Jordans der Dynastie der Haschemiten. Aus Protest gegen diese Entscheidung formierten sich die sogenannten Revisionisten. Vehement bekämpften sie Staatsgründer David Ben-Gurion, als dieser 1947 die Teilung des Landes in einen jüdischen und einen arabischen Staat akzeptierte. Für sie sollte der zu gründende jüdische Staat im Sinai beginnen, im Norden große Teile des heutigen Libanon einschließen und erst weit östlich des Jordans aufhören.
Drei Wochen vor Beginn des Sechs-Tage-Krieges interviewte Geula Cohen Ben-
Gurion. "Was würden Sie Ihrem Enkelsohn antworten, wenn er Sie nach den Grenzen der Heimat fragen würde?", wollte sie vom pensionierten Premier wissen. "Das sind die heutigen Grenzen Israels", antwortete der. Würden Sie ein israelisches Kind ermuntern, ein Lied der Sehnsucht nach einem vereinten Jerusalem zu schreiben? "Wenn es schreiben will, soll es schreiben", entgegnete Ben-Gurion trocken: "Ich würde keines schreiben." Geula Cohen muss lächeln, wenn sie an das Interview denkt. "Die Staatsgründer hatten sich mit der Teilung abgefunden", sagt sie: "Wir hingegen haben immer an die Befreiung der Gebiete geglaubt."
Cohen war dabei, als die erste Siedlung entstand: Während des Pessach-Festes 1968 mieteten sich ein paar Ausländer im Park-Hotel von Hebron ein. Kaum hatten sie ihre Zimmer bezogen, gaben sie sich als Israelis zu erkennen und erklärten sich zu den neuen Herren Hebrons. Nach wochenlangem Gezerre siedelten die Extremisten in das nahe gelegene Militärlager über. Zwei Jahre später genehmigte die Regierung die erste Siedlung auf einem Hügel bei Hebron.
Nach dieser Methode entstanden jedes Jahr ein paar neue Siedlungen. Als 1977 der rechte Likud-Block die Regierung übernahm, wurde der Siedlungsbau zur offiziellen Politik. "Wir haben 1967 nur einen Fehler gemacht", sagt Cohen: "Wir hätten alle Palästinenser nach Jordanien verschleppen sollen."
Schaul Arieli weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer es ist, ein Volk mit Waffengewalt zu unterdrücken. Anfang der neunziger Jahre kommandierte er die Brigade im Gaza-Streifen.
Der 48-Jährige sieht noch immer aus wie ein Soldat: Kopf rasiert, Stiernacken, starke Oberarme. Er ist aber ins Friedenslager gewechselt. Seine Argumente sind die nüchternen Zahlen: Im Gebiet zwischen Mittelmeer und Jordan, das die Siedler Erez Israel nennen, lebten 1967 rund 2,4 Millionen Juden und etwa 1,2 Millionen Araber.
Durch die hohe Geburtenrate haben die Palästinenser den Unterschied heute fast wettgemacht. Während sich die Zahl der Juden gut verdoppelte, leben dort nun viermal so viele Palästinenser wie vor 40 Jahren: 5 Millionen Araber stehen heute 5,3 Millionen Juden gegenüber.
"In ein paar Jahren werden die Araber in der Mehrheit sein", sagt Arieli. In Kern-Israel kommt auf fünf Juden ein Araber. Wollte man dieses Verhältnis auf die 1967 eroberten Gebiete ausweiten, rechnet er vor, so müssten 16 Millionen Einwanderer ins Land kommen. "So viele Juden", sagt Arieli, "gibt es auf der ganzen Welt nicht".
Auf dem Schirm seines Computers flimmert eine Landkarte mit grünen und roten Linien. Grün ist die Waffenstillstandslinie von 1949. Rot ist der Sperrwall, den die israelische Regierung im Westjordanland bauen lässt. An vielen Stellen weicht die rote von der grünen Linie ab, dort schneidet die Mauer tief ins Palästinenserland ein (siehe Karte Seite 112).
Der Oberst der Reserve ist zum Experten für den Sperrwall geworden. Gemeinsam mit den Bewohnern palästinensischer Dörfer, die sich plötzlich auf der israelischen Seite der Mauer wiederfinden, klagt er immer wieder vor dem Obersten Gerichtshof - mit Erfolg. Schloss der ursprünglich geplante Verlauf der Mauer noch 20 Prozent des Westjordanlandes ein, sind es durch die Urteile der höchsten Richter jetzt lediglich noch 8 Prozent. Arieli prophezeit, dass am Ende nur noch wenige Prozent übrig bleiben. Dann könnten die Palästinenser endlich ihren Staat gründen.
"Erst wenn das passiert", sagt Schaul Arieli, "haben wir den Krieg von 1967 wirklich gewonnen." CHRISTOPH SCHULT
* Nach der Eroberung Ostjerusalems am 11. Juni 1967.
** Tom Segev: "1967. Israels zweite Geburt". Siedler Verlag, München; 672 Seiten; 28 Euro.
* Oben: in der illegalen Siedlung Amona bei Ramallah, 2006; unten: in Ostjerusalem, 1967.
Von Christoph Schult

DER SPIEGEL 22/2007
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