26.05.2007

Die Schädelstätte

Global Village: Ruanda nutzt das Gedenken an den Völkermord, um sich das Image einer modernen Nation zu geben.
Es geht darum, miteinander zu reden, um Verständnis, um Verständigung, die Vergangenheit soll sich nicht wiederholen, deswegen ist Dative Bihoyiki hier, deswegen sitzt sie jeden Tag in dem gemauerten Verschlag im Zentrum des Dorfes und wartet auf Besucher.
Dative Bihoyiki, 22 Jahre alt, die Arme selbstbewusst vor der Brust gekreuzt, ist das dritte von sieben Kindern. Ihre Eltern sind Bauern, das Stück Land, das sie bewirtschaften, ist nicht größer als eine Parzelle in einer deutschen Schrebergartenkolonie. Dative ist die Einzige in der Familie, die regelmäßig Geld nach Hause bringt. Sie bekam den Job als Fremdenführerin, weil sie Französisch spricht und Englisch versteht. Sie sagt, die Arbeit mache ihr Spaß. Sie komme ja viel mit Leuten zusammen. Sie sagt diesen Satz ohne eine Spur Ironie.
Der gemauerte Verschlag, in dem Bihoyiki sitzt, ist das Empfangsgebäude einer Gedenkstätte. Sie trägt den Namen Ntarama, wie das Dorf, in dem sie sich befindet. In ihrem Zentrum steht eine Kirche, ein einfacher Backsteinbau, rechteckig, mit einem Blechdach. Vor 13 Jahren wurden an diesem Ort 5000 Menschen ermordet. Sie glaubten, sie seien dort sicher, direkt unter dem Kreuz.
Die 5000 waren Teil des großen Sterbens, das Ruanda heimsuchte, im blutigen April 1994, als in nur 100 Tagen etwa 800 000 Menschen das Leben verloren, Tutsi meist, hingerichtet in der Regel von Hutus. Es war kein industrialisierter Völkermord, dem sie zum Opfer fielen. Er war handgemacht. Getötet wurde mit Keulen, Äxten, Macheten, Granaten. In Ntarama dauerte es einen halben Tag.
Grobgezimmerte Holzbänke stehen auf dem Boden, in zwei langen Reihen, getrennt durch einen Gang, breit genug für ein Brautpaar. Vorn, an der Stirnseite des Raums, dort, wo früher der Pfarrer stand, stehen jetzt Regale. In den Regalen liegen Schädel, Menschenschädel. Es sind Hunderte. Sie liegen vier, fünf Reihen tief, sind abgestaubt und ausgerichtet, sie starren die Besucher an. In manchen Schädeln stecken eiserne Haken. Gottesdienste finden in dieser Kirche nicht mehr statt.
Bihoyiki steht vor den Regalen und hält ihren Vortrag. Sie erzählt, was damals passierte. In Ntarama. In Ruanda. Es ist ein routinierter Monolog, der da zu hören ist. Als sie über das Massaker in der Kirche spricht, zeigt sie zur Decke, an die Wände. Dort hängen die Kleider der Erschlagenen. Sie sind zerfetzt, viele tragen große, rostrote Flecken. Sieht man genau hin, entdeckt man auch Hosen, Röcke, Hemden von Kindern.
Bihoyiki war während des Genozids zwar in Ruanda, aber nicht hier, in dieser Kirche. Sie verlor keine engen Familienangehörigen. Auch das ist, neben ihren Sprachkenntnissen, ein Grund, warum sie Fremdenführerin an diesem Ort ist. Sie ist nicht schwer traumatisiert wie ihr Vorgänger, der das Massaker in der Kirche nur überlebte, weil er sich unter den Körpern der Toten verbarg, und der seinen Lebensunterhalt damit bestritt, sich von Touris- ten aus Japan, Neuseeland, Europa, aus Amerika fotografieren zu lassen. Ein sehr schmaler, sehr dünner Mann in Lumpen, der ein wenig irre guckte.
Das hatte nichts zu tun mit einer Gedenkstätte, die professionell, nach internationalen Maßstäben, geführt werden wollte. Es hatte nichts zu tun mit dem Entwurf eines neuen Ruanda, das sich am eindrucksvollsten in Kigali, der Hauptstadt des Landes, besichtigen lässt. Dort liegt, auf einem Hügel, die nationale Gedenkstätte des Völkermords, Gisozi. Schon von fern sieht man sie leuchten. Ihre Mauern sind makellos weiß.
Gisozi wurde 2004 eröffnet, zum zehnten Jahrestag des großen Sterbens. Die ruandische Regierung wollte den Überlebenden des Genozids einen zentralen Ort geben, an dem sie ihrer Toten gedenken können. Aber Ruander scheinen Gisozi eher zu meiden, es kommen, wie in Ntarama, vor allem ausländische Besucher.
Sie finden hier eine Multimediaausstellung, die in New York, Tokio oder Berlin nicht hätte besser gemacht werden können. Die Besucher gehen durch klimatisierte Räume, manche sind hell erleuchtet, an ihren Wänden hängen Familienfotos, andere sind in dramatisches Dunkel getaucht. Scheinwerfer beleuchten einzelne Schädel, sie liegen unter Glas, in Vitrinen, eine körperlose Stimme rezitiert die Namen der Opfer.
In Gisozi finden sich Bildschirme, die auf Fingerdruck Videos zeigen, Plexiglaskuppeln hängen von der Decke, Lautsprecher in ihrem Zentrum. Tritt man unter sie, hört man die Geschichten einzelner Opfer. Tritt man zur Seite, hört man nichts.
Es gibt auch einen Vorführraum mit Leinwand, eine Cafeteria und natürlich auch einen Laden mit bedruckten T-Shirts: "genocide - never again" steht auf dem Stoff, und vielsprachige Verkäufer weisen darauf hin, dass das Rauchen in dem Komplex nicht erlaubt ist.
Gisozi soll die Blaupause sein für die Zukunft Ruandas. Der Ort ist so modern, so globalisiert, wie das ganze Land irgendwann einmal sein soll.
Dative Bihoyiki hofft, ihren Platz in diesem neuen Ruanda zu finden. Sie würde gern wechseln, von Ntarama nach Gisozi. Wegen der Klimaanlage, der Cafeteria und der Bezahlung. In Ntarama erhält sie 50 Dollar im Monat, in Gisozi wäre es etwa das Dreifache. Von dem Geld würde sie sich zwei Dinge kaufen. Ein Handy. Und einen iPod. UWE BUSE
Von Uwe Buse

DER SPIEGEL 22/2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 22/2007
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Die Schädelstätte

  • Vergeltung gegen Israel: Rakete aus Gaza schlägt neben Autobahn ein
  • Buschfeuer in Australien: Das Schlimmste steht noch bevor
  • Hass gegen Politikerinnen: "Im tiefsten Inneren bedroht"
  • MIT-Video: Fußballspiel der Hunde-Roboter