26.05.2007

KRIEGSVERBRECHENEin Massaker für Mikey

Bald werden die ersten Urteile erwartet in einem Prozess, der die USA schockt. Angeklagt sind sieben Marines, drei von ihnen sollen im irakischen Haditha 24 Zivilisten hingerichtet haben. Haditha ist die größte Niederlage im Kampf der Amerikaner, den Irak für sich zu gewinnen. Von Ralf Hoppe
Jeden Morgen kommt ihn sein Dad besuchen, den Obergefreiten, den Scharfschützen, den vierfach dekorierten Kriegshelden Miguel Terrazas, oder Mikey, wie ihn sein Dad nennt.
Der Fort-Bliss-Militärfriedhof von El Paso liegt am Fuß der Franklin Mountains. Es ist kurz nach sechs Uhr morgens. Das erste, flache Sonnenlicht lässt die Bergkette blau aufleuchten. Die Grabsteine werfen lange Schatten auf die geharkte Erde. Ein Pick-up schiebt sich durchs Haupttor, blau-metallic, er hält. Aus der Fahrerkabine klettert ein untersetzter Mann.
Ausgebeulte Hose, staubige Stiefel. Er heißt Martin Terrazas.
Er stapft zum Grab J 2145, kniet sich hin, legt die Hand auf den Grabstein.
Hi, Sohn. Wie geht's dir?
Spricht leise, mit gesenktem Kopf, Augen geschlossen.
Von deinen Brüdern soll ich dich grüßen, Mikey. Sie sind okay, mach dir keine Sorgen. Von deiner Tante auch. Sie vermisst dich, sagt sie, ansonsten arbeitet sie viel, kennst sie ja.
Er streichelt den Grabstein. Am Boden ist eine kleine Mulde, für Bier.
Mikey, mein Sohn, Sonntag kommt dein Bruder. Bringt dir ein Corona mit, oder Doughnuts, wenn dir das lieber ist, wie klingt das?
Grabstein J 2145 ist 62 Zentimeter hoch, eingemeißelt in den grauen Stein sind das Geburtsdatum des Obergefreiten Miguel Terrazas, der 10. Dezember 1984, sowie
sein Todestag, der 19. November 2005. An diesem Tag explodierte an einer staubigen Ausfallstraße im Irak eine Bombe. Sie kostete Miguel Terrazas das Leben, sein Tod kostete 24 Zivilisten das Leben, alles in allem war es ein normaler Vormittag, für irakische Verhältnisse.
Doch löste dieser 19. November 2005 in den USA ein Beben aus, eine politische Krise, die das Land spaltet - bis heute. Vor einem Militärgericht in Kalifornien stehen deswegen drei Marines unter Mordanklage, vier weitere werden der Pflichtverletzung, der Falschaussage und der Behinderung der Justiz beschuldigt. Verhandelt wird aber auch das ganze Fiasko des Irak-Kriegs, die amerikanische Selbstüberschätzung, der arabische Hass.
Der Prozess, bei dem in den kommenden Wochen die Urteile erwartet werden, wird wie eine Schlacht geführt, in Camp Pendleton, Mikeys Camp. An die hundert Ankläger und Verteidiger, auch Zivilanwälte, sind involviert, Kreuzverhöre, Expertisen, Tonnen von Fotos: als ob Amerika sich beweisen wollte, dass im Irak-Krieg noch Gesetze gelten, dass dieser Krieg noch zu gewinnen sei. Wahrscheinlich haben die Amerikaner den eigentlichen Kampf aber längst verloren, den Kampf um die Köpfe und Herzen der Iraker. Wahrscheinlich verloren sie ihn am Samstagmorgen, den 19. November 2005.
An jenem Morgen ist ein US-Konvoi unterwegs, vier "Humvees", an einer Ausfallstraße in Haditha. Es ist kurz nach sieben. Miguel Terrazas sitzt am Steuer des vierten Wagens.
Haditha liegt im Zentralirak, eine Kleinstadt, unschön, gesichtslos.
In den vier "Humvees" befinden sich zwölf Marines, angeführt von einem Unteroffizier, Feldwebel Frank Wuterich, der als ruhig und cool gilt. Er ähnelt dem Schauspieler Matt Damon, athletisch, mit flaumigem Schnurrbart, zerknautschtem Gesicht. Daheim hat er eine Ehefrau, eine Tochter, eine E-Gitarre.
Die US-Soldaten tragen Tarnuniformen, nichtreflektierende Stahlhelme, schusssichere Westen, Motorradbrillen. Die Standardbewaffnung ist ein M-16-Sturmgewehr, dazu eine Pistole, neun Millimeter; einige haben Blend- und Handgranaten.
Der Konvoi biegt nun von der River Road rumpelnd links ab, in die Schari Sifani oder Chestnut Street, wie die Amerikaner sie umgetauft haben.
Hier und da Häuser, oft unverputzt, das Mauerwerk aus gelbem Haklania-Stein, der hier in der Nähe gebrochen wird. Für irakische Verhältnisse ist dies eine akzeptable Wohngegend. Mit amerikanischen Augen gesehen ist dies ein atavistischer Alptraum. Keine Kinos, keine Supermärkte, nichts Buntes, Fröhliches, Konsumierbares. "Injun Country" heißt im Soldatenjargon die Welt außerhalb der befestigten Camps und der "Green Zone". Indianergebiet. Wie die ganze Stadt, wie das ganze verfluchte Land. Injun Country.
Haditha liegt in der Provinz Anbar, etwa 200 Kilometer westlich von Bagdad. Die Stadt erstreckt sich entlang dem Euphrat, etwa sieben bis acht Kilometer. Zwei Widerstandsgruppen, eine ehemals baathistische und eine, die al-Qaida nahestehen soll, kontrollieren Haditha, dazu diverse Splittergruppen.
Ende 2003, ein halbes Jahr nach dem Einmarsch der Amerikaner, als im Land noch ein verhaltener Optimismus spürbar war, wurden sogar Internet-Cafés gegründet. Sie sind längst geschlossen, die Betreiber wurden von den Aufständischen eingeschüchtert - die fürchteten, jemand könnte den Amerikanern via E-Mail Tipps geben. Handys funktionieren nicht, die Telefonfestnetzverbindung ist ebenfalls kaputt. Im Herbst 2005 herrscht abends Ausgangssperre.
Haditha ist, wie der Rest des Irak, eine Welt unter Verschluss.
Ramadi, Falludscha, Hit, Haditha, Kerbela, diese Orte westlich von Bagdad und im Tal des Euphrat bildeten in den Jahren 2003, 2004, als die Aufständischen sich zu formieren begannen, das Zentrum des Terrors. Hier war die sogenannte Rat-Line: Frisch geworbene Terroristen aus Jordanien und Syrien, die "Ratten", konnten hier versorgt werden, mit Autos, gefälschten Papieren, Geld, Waffen.
Der Konvoi hat es fast geschafft, noch zehn Minuten bis zum Camp. Die Marines haben das Gebäude der ehemaligen Schulverwaltung beschlagnahmt, zweigeschossig, außen mit Sandsäcken, MG-Nestern und Nato-Draht bewehrt. Die Offiziere haben Zweibettzimmer, Mannschaftsdienstgrade teilen sich einen Raum zu zehnt, zu zwölft. Wenn sie nicht Dienst schieben, waschen die Männer ihre Socken, stöpseln ihre iPods ein, schreiben Briefe. Seit einiger Zeit funktioniert die Toilettenspülung nicht, die Fäkalien werden in Ölfässern gesammelt. Wenn der Kompaniechef einen Mann bestrafen will, kommandiert er ihn
zum "shit-burning" ab, den Inhalt der Fässer zu verbrennen.
Sie nennen es "Camp Sparta".
Miguel stößt im Herbst 2003 zu den Marines. Diese etwa 175 000 Mann bilden heute eine eigene Teilstreitkraft. Marines kämpfen eher "low-tech", schnell, tapfer, zäh. Ein Marine ist ein Spartaner, nach eigenem Verständnis. Er durchläuft die härteste Ausbildung, er rasiert sich auch im Kampfgebiet täglich, und nie lässt ein Marine seinen Kameraden im Stich, "Semper Fi", das ist der Wahlspruch.
Marines sind Brüder, wenn auch von unterschiedlichen Müttern, Mikey Terrazas glaubte daran.
Miguels Großvater Jorge kam in den Fünfzigern aus Mexiko nach El Paso, er kaufte einen Imbiss, "Ben's Tacos", kreierte eine scharfe Chillito-Sauce, die den Laden berühmt machte. Sein Sohn Martin, Miguels Vater, übernahm den Laden, schuftete auf Baustellen, fuhr Trucks. Die Terrazas fanden stets, sie lebten auf der richtigen Seite. In Mexiko, sagt Martin Terrazas, bleibst du ewig ein armes Schwein, hier kannst du deinen Kindern eine Zukunft geben.
Mikey, sagt er, ging aus Überzeugung zu den Marines, für Amerika.
In der Provinz Anbar sind die Marines seit März 2004, mit neun Bataillonen, rund 9000 Mann, unter Generalleutnant James Conway. Die Lage ist schwierig.
Etwas nördlich von Haditha, am Kadissija-See, steht der gleichnamige Staudamm, außerdem ein Kraftwerk. Das 3. Bataillon, zu dem Miguel Terrazas "Kilo-Kompanie" gehört, ist zur Bewachung eingeteilt, etwa 800 Mann. Sicherung und Bewachung der Stadt Haditha obliegt der Kilo-Kompanie, 200 Mann. Miguel Terrazas ist einer von ihnen. Im Herbst 2005 ist es bereits sein dritter Einsatz im Irak. Damit ist er schon eine Art Veteran.
Sie zeigen Präsenz. Sie halten die Ordnung aufrecht, so lautet ihr Auftrag. Sie fahren Patrouillen. Sie haben Checkpoints errichtet. Ab und zu Razzien, sie finden Flugblätter, Waffen. Sie verhaften Leute, verhören sie, lassen sie laufen. Was bringt das? Wenig. Nichts. Die Briefe, die Mikey nach Hause schreibt, geben Aufschluss darüber: immer wieder Anschläge, ein zähes, tödliches Katz-und-Maus-Spiel, wobei die Marines immer öfter die Gejagten sind. Die Aufständischen aller Couleur schlagen zu, tauchen ab, sind von Zivilisten nicht zu unterscheiden. Sehen ohnehin alle gleich aus, diese Iraker.
Miguel, gutmütig, wie er war, hätte das gegenseitige Misstrauen gern aufgebrochen. Wenn man nur mit ihnen reden könnte. Aber sie können ja kein Englisch.
Die Iraker, du kapierst sie nicht, erzählte er zu Hause.
Die meisten seiner Kameraden urteilen härter. "Shit", was wollen denn diese verrückten Araber? Warum wollen sie nicht befreit werden? Warum sind sie so verstockt? Und dann diese schwachsinnigen Traditionen, klar, seid nett, seid freundlich, im Camp Sparta gibt's ein Schwarzes Brett, dort hängt diese Regel. Aber mal im Ernst: Seid freundlich? Respektiert ihre Tradition, ihre Kultur? Dieses Theater um ihre Frauen, dieses ewige Hantieren mit Ehrbegriffen, diese knöchellangen Nachthemden, die die Männer tragen, im Grunde Frauenkleider, es wäre zum Lachen, wenn es nicht so gefährlich wäre.
Miguel Terrazas wollte ein guter Marine sein. Wenn die Stimmung absackte, munterte er die anderen auf.
Die Bombe explodiert unter dem vierten "Humvee". Neben Terrazas sitzt Obergefreiter James Crossan, 20, aus North Bend im Bundesstaat Washington. Im Rückraum des nach hinten offenen Fahrzeugs sitzt Salvador Guzman, 19 Jahre jung. Guzman gehört zu den Sensiblen, Nervösen in der Kompanie, er ist das erste Mal im Kriegsgebiet. Ursprünglich war er an diesem Morgen als Fahrer eingeteilt; doch er bat Terrazas, an seiner Stelle zu fahren. Miguel sagte: Kein Problem, Sal.
Als Zünder verwenden die Bombenbauer Handys oder Steuerungen ferngelenkter Spielzeugautos oder Garagentoröffner. Wenn das Ding nicht losgeht, ist es nicht schlimm; dann lötet man den Draht, der sich gelockert hat, eben wieder an. Die Improvised Explosive Device, die IED, ist die emblematische Waffe dieses Krieges.
Am Morgen des 19. November besteht die IED aus einer leeren Propangasflasche, deren Kopf man abgeschraubt und deren Bauch man mit TNT gefüllt hat, versteckt unter Sand oder Staub. Die Männer, die sie zünden, dürften sich in der Nähe aufhalten. Möglicherweise haben die Aufständischen den Konvoi auf dem Hinweg beobachtet und sich ausgerechnet, dass die Amerikaner wieder vorbeikommen werden. So werden die meisten Hinterhalte gelegt, der Rückweg ist das Gefährlichste.
In der Nachbarschaft zerplatzen Fensterscheiben. Geschirr springt aus dem Schrank, Glühbirnen platzen. Am Explosionsort richtet sich die Entladung gegen die Bodenplatte des "Humvee", den vorderen Teil.
Der Verbrennungsvorgang dauert nur Bruchteile von Sekunden. Eine Stichflamme, weißlich, riesig. Der Wagen wird hochgeschleudert, seine obere Hälfte abgesprengt. Steine krachen, Schotter prasselt, eine Wolke von Staub.
Geruch von Verbranntem. Stöhnen.
Es ist etwa 7.15 Uhr.
Nach Berechnungen der britischen medizinischen Fachzeitschrift "The Lancet" starben zwischen dem 20. März 2003 und Juni 2006 mehr als 600 000 Iraker eines gewaltsamen Todes. Im Verlauf des 19. November 2005 werden, je nach Quelle, zwischen 64 und 96 irakische Zivilisten getötet, außerdem 9 US-Soldaten.
Durch die Explosion werden die Insassen aus dem Fahrzeug katapultiert. Guzman, der hinten sitzt, wird regelrecht über die Straße gefegt, er bricht sich den Fuß, holt sich Schürfwunden. Crossan, rechts von Terrazas, wird durch die Beifahrertür gepresst, Trümmerteile regnen auf ihn nieder; Knochenbrüche, innere Verletzungen.
Miguel Terrazas wird in zwei Teile gerissen. Die Beine bleiben im Wagen, unter dem Lenkrad. Der Oberkörper wird mit dem "Humvee"-Dach emporgeschleudert und landet am Straßenrand. Unwahrscheinlich, dass er gelitten hat, ein Blitz, ein reißender Schmerz, das Ende.
Das Verhalten in Situationen wie dieser wird standardmäßig trainiert. Die drei übrigen "Humvees" setzen zurück. Gruppenführer Feldwebel Frank Wuterich gibt die Kommandos, brüllt an gegen die Taubheit nach dem Knall. Absitzen, Angriffsstelle sichern. Wo sind Guz, Cross, T. C.? Zieht Crossan unter den Wrackteilen hervor! Sanitäter Whitt: Erstversorgung, über Funk Verstärkung anfordern: Viper Chestnut - Viper, so das Codewort für einen Anschlag.
Vielleicht war Viper Chestnut nur der Auftakt. Vielleicht werden sie alle sterben, an diesem Morgen?
Irgendwann entdecken sie, was von Miguel Terrazas übrig ist.
Er war ihr Bruder, wenn auch von einer anderen Mutter.
"Liebe Tante!" So begann der letzte Brief, den Miguel Terrazas nach Hause schrieb, am 29. September 2005, auf dünnem Papier, winzige Buchstaben, schräg, als würden sie gleich umkippen. "Ich muss sagen, besonders gefällt's mir hier nicht.
Aber manchmal denke ich, wenn wir hier nicht kämpfen würden, dann kämen diese ganzen Terroristen zu uns in die Staaten. Dann wieder habe ich das Gefühl, es gibt andere Gründe für diesen Krieg. Vielleicht sind wir hier, weil Bush das Öl will. Oder seinen Daddy beeindrucken."
Was in den folgenden Stunden in Haditha geschehen wird, dafür gibt es eine Fülle von Indizien, Aussagen; doch auf Schritt und Tritt stößt man auf Widersprüche. Die Beteiligten, Zeugen, Opfer, Täter, standen zum Teil unter Todesangst. Erinnerungen verzerren sich, werden gefiltert, verdreht zu Schutzbehauptungen. Die Zeugen in Camp Pendleton stehen unter Eid; trotzdem können sie lügen.
Die Marines werden später aussagen, unmittelbar nach der Explosion sei auf sie geschossen worden. Das ist denkbar, aber unwahrscheinlich. Sich zu verstecken und auf einzelne Soldaten zu schießen entspricht nicht dem Angriffsmuster in einer Gegend wie dieser, am hellen Tag. Selbst wenn - irgendwann hätten die Marines den oder die Heckenschützen entdecken müssen, sie hätten ihn gestellt, getötet. Vor allem aber wird keiner der elf Marines von einer Kugel getroffen, den ganzen Vormittag nicht. Wahrscheinlicher ist, dass die Attentäter das Durcheinander nutzten, um sich davonzumachen.
Die Marines haben sich rund um die drei "Humvees" verteilt. Manche kauern, andere stehen. Kein Feind zeigt sich. Stille.
Da nähert sich, aus der entgegengesetzten Richtung, ein Wagen, ein Opel, viertürig, weiß.
Es ist ein privates Taxi. Fünf Männer sitzen darin. Drei sind sehr jung: Es sind die Studenten Mohammed Bital Ahmed, 21, Waidi Ajada Abd, 20, Akram Hamid Falia, 19. Ein vierter Insasse ist Chalid Ajada Abd, Angestellter einer Raffinerie im Südirak, auf Urlaub in seiner Heimatstadt Haditha, Bruder eines der Studenten.
Der Fahrer heißt Ahmed Muslah, 30 Jahre alt, er will demnächst heiraten. Die Männer wollen nach Bagdad, wo die Studenten sich an der Technischen Hochschule in Adamija fürs nächste Semester anmelden wollen. Chalid begleitet seinen jüngeren Bruder.
Sie fahren Richtung Osten, genau in die niedrigstehende Morgensonne, wahrscheinlich wird der Fahrer geblendet. Als sie die Szene vor sich registrieren, ist es zu spät. Das Bild, das sich ihnen bietet, signalisiert höchste Gefahr: ein zertrümmerter "Humvee", Rauch, Soldaten mit der Waffe im Anschlag. Normalerweise würde man umdrehen, sofort. Aber die Soldaten winken: Anhalten. Wer jetzt wegzufahren versucht, auf den wird geschossen, so sind die Regeln im Injun Country.
Die Iraker stoppen. Die Marines kommen näher, Handzeichen, Motor ausstellen. Die Iraker steigen aus. Bis hierhin decken sich die verschiedenen Aussagen.
Männer und Fahrzeug müssen nach Waffen, Sprengstoff durchsucht werden. Als keine Waffen gefunden werden, ist klar, dass diese fünf Männer keine unmittelbare Gefahr bilden. Sie müssen sich hinsetzen, Hände hinterm Kopf verschränkt.
Irgendwann werden sie erschossen.
Die "Rules of Engagement" erlauben jedem Marine, im Falle der Gefahr ohne Warnung zu töten. Das gilt besonders für MAMs, Military Age Males, Männer im kampffähigen Alter. Wer sind diese fünf Männer? Sind sie Späher, gesandt, den Erfolg des Anschlags zu erkunden?
Die Marines müssten indes wissen, dass dies sehr unwahrscheinlich ist. Um zu kundschaften, brauchte es nicht fünf Mann, sondern einen. Der würde sich vorher verstecken oder von der River Road kommen, mit einem Motorrad.
War es so, dass die fünf Männer weglaufen wollten? So haben es die beschuldigten Marines geschildert. Möglich - aber sehr unwahrscheinlich. Vor allem ist unwahrscheinlich, dass alle fünf Iraker demselben selbstmörderischen Impuls gehorchten. Und um eine Flucht zu verhindern, hätten die Marines auch auf die Beine schießen können. Wie man es auch durchdenkt: Entscheidend ist, dass die Männer unbewaffnet waren.
Anschließend, so ein Augenzeuge, der Nachbar Aus Fahmi, habe einer der Marines auf die Toten uriniert. Diese Aussage wird später im Prozess in Camp Pendleton bestätigt werden, es ist nur ein Detail am Rande.
Auf einen Toten pissen, den man eben umgebracht hat? War, als Mikey starb, schlagartig alles sinnlos, war alles egal? Musste es ein Massaker werden für Mikey?
Die Verstärkung trifft etwa zehn Minuten später ein, Leutnant William Kallop befehligt sie. Kallop stammt aus New York, Sohn reicher Eltern, zum ersten Mal im Einsatz, es heißt, er sei unsicher, überfordert. Wenn er aufgeregt ist, stottert er ein wenig. Als Ranghöchster am Ort hat er jetzt die Befehlsgewalt.
Wuterich berichtet Kallop von der Explosion, den angeblichen Schüssen. Man sollte sich die Häuser links der Straße ansehen, Sir. Kallop nickt. Ein Stoßtrupp wird gebildet: Wuterich führt ihn an, drei weitere Männer, alle Anfang bis Mitte zwanzig, naiv, angsterfüllt, zornig.
Das erste Haus, das sie stürmen, gehört einem 78-jährigen Mann namens Abd al-Hamid Hassan Ali. Abd al-Hamid fehlt das linke Bein, er sitzt im Rollstuhl und trägt eine Brille mit Gläsern wie Flaschenböden. An jenem Morgen ist er noch im Pyjama, als er zur Tür rollt und öffnet. Er wird erschossen. Seine Frau Chamissa Thama Ali, 66, eilt wahrscheinlich hinzu, jedenfalls wird sie später neben ihrem Mann gefunden, ebenfalls erschossen.
Abd al-Hamids drei Söhne, Dschahid, Raschid und Walid, zwischen 28 und 43 Jahre alt, werden erschossen. Walids Ehefrau Asma wird erschossen, ihrem 4-jährigen Sohn Abdullah wird in die Brust geschossen, noch in seinem Kinderbettchen. Mindestens eine Handgranate wird geworfen. Die 25-jährige Haba Abdullah, ebenfalls eine Schwiegertochter, kann ein Kind greifen, einen Säugling, die fünf Monate alte Asia, und an die Brust drücken und durch die Hintertür fliehen. Zwei Kinder, Iman, 10, und Abd al-Rahman, 8, werden später entdeckt; verletzt, traumatisiert, aber am Leben.
Keine Waffe in diesem Haus. Kein Anzeichen von Gegenwehr. Sieben Tote.
Das zweite Haus, links daneben, gehört einem Mann namens Junis Salim Rasif, 43, einem Zollbeamten, der an der jordanischirakischen Grenze Dienst schiebt, im Zwei-Wochen-Rhythmus. Jetzt ist er gerade zu Hause. Aber er öffnet die Tür nicht, die Marines brechen sie auf.
In diesem Haus befinden sich neben Junis Salim Rasif: seine Frau Aida, die nach einer Blinddarmoperation noch geschwächt im Bett liegt, deren Schwester Huda, die deshalb für ein paar Tage hier ist, um zu helfen, sowie sechs Kinder. Von diesen Bewohnern überlebt nur ein Mädchen namens Safa, zu jenem Zeitpunkt etwa 12 Jahre alt. Safa wurde bald danach zu Verwandten nach Bagdad gebracht. Man konnte mit ihr telefonieren.
Sie töteten meinen Vater, meine Mutter, meine Tante Huda. Sie töteten meine Schwester Nuur, sie war 14, wollte Zahnärztin werden. Sie töteten meine Schwester Saba, sie war 10. Sie töteten meinen Bruder Mohammed, er war 8 Jahre alt, hätte im Januar Geburtstag gehabt. Er war ein guter Fußballspieler. Er war ganz begeistert von den Helikoptern der Amerikaner. Sie erschossen meine Schwester Seina, ich machte ihr manchmal Zöpfe, sie war erst 5. Sie erschossen meine Schwester Aischa, sie war 3.
Das dritte Haus liegt auf der anderen Straßenseite. Es gehört dem Autohändler Dschamal Aid Ahmed, 37, verheiratet, drei Söhne, zwei Töchter. Sein Vater wohnt nebenan. Die Marines, laut Aussage des Nachbarn Aus Fahmi Hussein, bringen die Frauen und Kinder ins Nebenhaus, schließen sie dort ein. Dann kehren sie zu den Ehemännern und Vätern zurück, um sie hinzurichten. Als er einzuschreiten versucht, bekommt Aus Fahmi Hussein einen Schuss in den Bauch, den er überleben wird. Vier Tote im dritten Haus.
Miguel Terrazas und die Taxi-Insassen mitgezählt, sterben zwischen sieben und zehn Uhr an der Sifani-Straße 25 Menschen.
Die Ereignisse werden routinemäßig behandelt. Der Truppführer berichtet an den Kompanieführer, der an den Bataillonskommandeur. Weitergabe an Pressestelle. Hier kommt es zu einem Fehler.
In der Pressemitteilung wird der Vorfall falsch und verharmlosend dargestellt. Diese Mitteilung landet auf dem Schreibtisch des "Time"-Korrespondenten in Bagdad, Tim McGirk.
Zufällig ist ihm jedoch auch eine Videoaufzeichnung zugespielt worden, die ein Iraker aus Haditha am selben und am folgenden Tag gemacht hat: Aufnahmen von den Tatorten, von den Toten, Interviews, Szenen aus der Leichenhalle. McGirk recherchiert, von Bagdad aus, nach Haditha kann auch er nicht fahren, weitere Journalisten greifen das Thema auf,
irgendwann ist die Sache nicht mehr zu stoppen.
In den USA wird Haditha zum Symbol. Die für Bush sind, halten alle Vorwürfe für unwahr. Die gegen Bush sind, gegen den Krieg, sehen in Haditha die irakische Wiederkehr des Massakers im vietnamesischen My Lai. Eine Untersuchung durch den "Naval Criminal Investigative Service", (NCIS), der Kripo der Navy, wird angesetzt. Am 16. März 2006 reisen drei NCIS-Agenten unter schwerer Bewachung nach Haditha. Am 21. Dezember 2006 wird Anklage erhoben.
Camp Pendleton liegt am Highway 5, ein Stück nördlich von San Diego. Das Camp ist eine Soldatenstadt, umzäunt, die Zufahrten bewacht. In dem hügeligen Gelände werden die Rekruten geschliffen, es gibt Supermärkte, einen Mountain-Bike-Trail, ein Gerichtsgebäude, Building 22161. Die Journalisten sitzen nebenan, die Verhandlung gegen die Marines, unter anderem wegen mutmaßlichen Mordes, wird über Monitore übertragen. Laptops ja, Aufnahmegeräte nein.
An einem Dienstagnachmittag im Mai 2007 wird Leutnant Kallop als Zeuge vereidigt. Man hätte Kallop wohl auch unter Anklage stellen können; doch als Zeuge war er vermutlich wichtiger. Er hat braunes Haar, ein weiches Gesicht.
Der Ankläger ist ein Major.
Leutnant Kallop, als Sie eintrafen, wurde ein Stoßtrupp entsandt - warum?
Wir wollten nach Verdächtigen suchen, Sir, die sich möglicherweise versteckt hielten, hinter den Häusern, in den Häusern.
Wurden irgendwelche Verdächtigen festgenommen? Nein, Sir. Waffen? Nein, Sir.
Als Sie später, nach dem Stoßtrupp, die Häuser betraten, was sahen Sie dort?
Ich sah Tote in den Häusern, Sir. Wie viele? Viele, Sir. Wie viele? Ich wei-weiß es nicht, Sir. Auch Frauen, Kinder? Jawohl, Sir. Waren Sie schockiert? Es war ein überraschender Anblick, Sir.
Sie waren nicht allein, Hauptgefreiter Salinas begleitete Sie. Was sagten Sie zu ihm?
Ich glaube, ich sagte: Was, verflixt, ist denn hier passiert?
Wörtlich?
Nein, Sir, ich glaube, ich sagte wörtlich: Was, verfickte Scheiße, ist hier passiert?
Lebte noch jemand?
Wir fanden einen Jungen, Sir, etwa zehn Jahre alt, der noch lebte. Wo? Er lag unter oder neben seiner Mutter, Sir. Er war verletzt, am Rücken, glaube ich. Das ist schwer zu sagen, überall war Rauch, alles war voller Blut, Sir.
Wollten Sie den Jungen aus dem Haus bringen, damit er ärztlich versorgt werden kann?
Er wollte nicht, Sir. Er sprang auf und schrie. Er flüchtete vor uns. Vo-von einer Ecke des Zimmers in die nächste. Also ließen wir ihn an Ort und Stelle. Es war seine Entscheidung.
Befragten Sie, als Offizier, den Unteroffizier Wuterich nach dem, was im Haus geschehen war? Nein, Sir. Fragten Sie ihn nicht: Sergeant, wenn hier so viele Tote liegen, wo sind die Waffen, wo sind die Festgenommenen? Nein, Sir. Fragten Sie ihn, warum Kinder getötet wurden? Nein, Sir.
Eine Menge Fragen, die nicht gestellt wurden, finden Sie nicht? Ich war an den Details nicht interessiert, Sir.
Am nächsten Tag wird Sergeant Sanick Dela Cruz in den Zeugenstand gerufen. Ursprünglich war Dela Cruz angeklagt wegen Mordes in fünf Fällen sowie Falschaussage. Die Anklage wurde am 2. April 2007 fallengelassen, die Staatsanwälte des Militärgerichts schlossen mit ihm einen Deal: seine volle Aussage für das Fallenlassen der Anklage.
Dela Cruz ist ein kleiner Mann mit O-Beinen, abstehenden Ohren.
Sergeant, wie kam es zu den Schüssen auf die Insassen des Taxis?
Die fünf Männer saßen am Boden, Sir. Hände hinterm Kopf verschränkt. Wurden Waffen gefunden? Nein, Sir. Und dann? Irgendwie war ich durcheinander. Plötzlich schossen Sharrat und Wuterich auf die Männer. Und ich sah den ersten Mann am Boden liegen, da schoss ich auch. Ich gab ihm etwa fünf bis sechs Feuerstöße. Dem einen. Und dann auf die anderen.
Warum taten Sie das? Ich, äh, ich wusste, sie sind schon tot, aber ich wollte sichergehen. Sprach Sergeant Wuterich mit Ihnen über diesen Vorfall? Ja, Sir. Was sagte er? Er sagte, falls mich jemand fragt, soll ich sagen, die Männer hätten weglaufen wollen. Und wir hätten sie beim Weglaufen erschossen. Kam Ihnen das merkwürdig vor? Nein, Sir.
Martin Terrazas erfuhr am 20. November 2005, gegen Mittag, vom Tod seines Sohnes, zwei Special Agents, beide jung, ernstes Gesicht, standen vor der Tür. Einer war hellblond, hatte einen Bürstenschnitt. Er war es, der redete. Der andere holte ein Glas Wasser aus der Küche, an viel mehr erinnert sich Terrazas nicht. Ihr Sohn war ein Held, sagte der mit dem Bürstenschnitt.
Jeden Morgen besucht Martin Terrazas Grab J 2145. Demnächst eröffnet er einen neuen Taco-Shop, er kümmert sich um seine Kinder, er hat zwei Papageien gekauft, Paul und Paula.
Warum bekämpfen diese Iraker die Demokratie? Er versteht diese Leute nicht. Okay, es ist ihr Land, aber man wollte sie doch befreien! Es ist alles so verworren. Welchen Sinn hat es, dass Mikey starb - wenn jetzt dieser Prozess stattfindet?
Und wenn es ein Massaker war?
Nein, sagt er, das glaubt er nicht. Seine Traurigkeit ist wie ein ausströmendes Gas.
Die Angehörigen der Erschossenen haben 2500 Dollar Entschädigung für jeden Toten erhalten. Auf dem Videoband, das den Tatort kurz nach der Tat zeigt, sieht man am Ende einen Jungen. Er gehört zur Familie von Aid Ahmed, man hat ihn in seinem Elternhaus gefilmt, sein Gesicht in Großaufnahme, tränenverschmiert, er deutet auf einen der Toten, der am Boden liegt, eingewickelt in eine bunte Decke. Der Junge schreit, heiser, krächzend: "Das war mein Vater, den ihr getötet habt! Das ist mein Vater! Er wollte Autos verkaufen! Das ist mein Vater da am Boden! Gott wird euch strafen! Mein Vater!"
Von Ralf Hoppe

DER SPIEGEL 22/2007
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