26.05.2007

Dicke Luft

Ortstermin: In einer Kölner Turnhalle stellt Fußballfunktionär Reiner Calmund ein neues Fitnessprojekt für Schulen vor.
Reiner Calmund kommt als Letzter. Sein schwerer A8 schiebt sich durch die schmale Straße, Calmund winkt, fährt auf den Parkplatz. Vom Parkplatz geht er zur Turnhalle, die Turnhalle liegt im ersten Stock, Calmund stemmt sich die Stufen hoch. Dann schwitzt er. Zum Glück.
In der Turnhalle sind zwei Stehtische aufgebaut und eine Leinwand, Kinder sitzen auf hölzernen Turnhallenbänken und warten darauf, dass etwas passiert. Calmund geht zu den Stehtischen und stellt sich neben Toni Schumacher, den Torwart, Heiner Brand, den Handballtrainer und Ulrike Nasse-Meyfarth, die Hochspringerin. Die drei sind dünn und schwitzen nicht. Calmund ist dick. Wahrscheinlich haben sie ihn deshalb eingeladen. Calmund ist das Antibeispiel. Der Kalorien-Teufel. Das 145-Kilo-Argument.
In Deutschland, so sagt es eine Studie, leben die dicksten Menschen Europas. 59 Prozent der Frauen und 75 Prozent der Männer sind übergewichtig bis krankhaft fett. Gesundheitsministerin Ulla Schmidt und Landwirtschaftsminister Horst Seehofer haben deshalb den nationalen Aktionsplan "Fit statt fett" beschlossen. Die Regierung teilte mit, dass jeder Bürger 3000 Schritte am Tag zusätzlich gehen soll. Womöglich wird die Mehrwertsteuer auf Chips erhöht. Es ist so eine Art nationale Mobilmachung. Es geht um die große Volksverschlankung.
Die deutschen Kinder und Jugendlichen sind leider auch zu dick. In der Turnhalle der Astrid-Lindgren-Grundschule läuft deshalb ein kurzer Film. Das Projekt "Klasse in Sport - Initiative für täglichen Schulsport e. V." wird vorgestellt, deshalb sind sie alle hier. Schumacher, Brand, Meyfarth, Calmund. Es geht um ein neues Fitnessprojekt für die Schulen, unterstützt von der Sporthochschule Köln. Rund 20 Prozent der Kinder sind übergewichtig, 5 Prozent fettsüchtig, sagt der Verein. Der gute, alte Schulsport soll jetzt verbessert werden, die Kinder sollen sich mehr bewegen. Wer sich bewegt, wird nicht dick. Das ist, kurz gesagt, die Idee. Sie passt in die Zeiten.
Und dann fällt das Licht aus. Alle sitzen, stehen im Halbdunkel. Irgendjemand geht zum Sicherungskasten. Das Licht geht wieder an und fällt auf den zerschrammelten Hallenboden, den abgewetzten Sprungbock, in der Turnhallenluft schwebt der Staub. Eine Frau von der Schule sagt, dass das Licht immer ausfällt. Die Klos sind auch kaputt. Man braucht in dieser Halle gute Argumente für den Schulsport.
Calmund also.
Reiner Calmund war Manager der Fußballmannschaft von Bayer Leverkusen. Anders als Joschka Fischer war er in den vergangenen Jahren nie dünn, und es gab Tage, da saß ein Arzt neben dem graugesichtigen Calmund auf der Tribüne, weil nicht sicher war, ob er sein Gewicht und den Stress überleben würde.
Calmunds Rolle war ansonsten die des lustigen Dicken unter den Fußballmanagern. Eine Art Hoss Cartwright der Bundesliga. Die lustigen Dicken sind Trost für die traurigen Dicken und wirken entschleunigend auf die hektischen Dünnen. Überhaupt war das Dicken-Image lange Zeit nicht so schlecht. Man verband Lebensfreude mit ihnen. Und die Bodenständigkeit. Und den Genuss. Ohne die Dicken war das schöne deutsche Wort Gemütlichkeit undenkbar.
Womöglich sterben sie jetzt bald aus in Deutschland. Zusammen mit dem Raucherabteil.
Calmund nimmt das Mikrofon, schaut die Kinder an. Keines ist dick. Sie scheinen aus der Statistik zu fallen, aus den Studien.
"Also, ich habe gehört, die Kalorienzufuhr hat in den vergangenen Jahren gar nicht zugenommen. Aber die Bewegung hat abgenommen. Das bedeutet: Ihr müsst euch bewegen. Sonst seht ihr irgendwann so aus wie ich. Wollt ihr datt? Nee."
Die Kinder gucken Calmund auf den riesigen Bauch wie auf ein Beweismittel.
Erst gab es die Pisa-Studie. Danach waren die deutschen Schüler zu doof. Dann kam das Koma-Saufen. Danach waren die deutschen Kids zu besoffen. Jetzt gibt es die Dicken-Studie. Danach sind sie zu fett. Wahrscheinlich hat man es zurzeit nicht leicht als Kind in Deutschland.
Calmund redet weiter. Die weite Welt schwappt in die Turnhalle. Zu den dünnen deutschen Kindern. "Selbst in Amerika hat der Herr Bush das Thema zum Staatsthema Nummer eins gemacht. Terrorismus ist erst Nummer zwei. Nummer drei ist das Klima. Bewegung heißt nicht: weg vom Computer. Ist ja auch wichtig. Also nicht weg vom Computer! Aber mal Kiste aus, raus vor die Tür, Kopf in den Wind."
Die Dicken, der Terrorismus, das Klima. Die Achse des Bösen.
Der Schulsport soll jetzt das Ruder rumreißen. Wahrscheinlich wird das schwierig. Kein Fach fällt so oft aus wie Schulsport. Keine Note ist so unbedeutend wie die Sport-Note. Beim Schulsport wird an Geräten gearbeitet wie dem Sprungbock, dem Stufenbarren und der Kletterstange. Schulsport ist so sexy wie Turnhallenluft.
Dann fällt wieder das Licht aus. Alle stehen, sitzen im Halbdunkel.
Draußen vor der Turnhalle, im Licht, auf den Steinplatten des Hofes, machen die Kinder ein paar Übungen. Calmund setzt sich in den Schatten, auf eine kleine Mauer. Ein Fernsehteam will, dass Calmund mitmacht. Dass er über Hürden hüpft. Der einzige Dicke hier.
"Nee", sagt Calmund.
JOCHEN-MARTIN GUTSCH
Von Jochen-Martin Gutsch

DER SPIEGEL 22/2007
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