26.05.2007

LITERATURMütterchen Israel

Mitten in Jerusalem ist ein Linienbus in die Luft geflogen, nicht der erste und nicht der letzte. Zu den zerfetzten Opfern zählen, neben dem Attentäter, eine Großmutter mit ihrem Enkel, ein philippinisches Dienstmädchen, eine Touristin aus Frankreich, ein reicher arabischer Bauunternehmer mit israelischem Pass, eine Mutter mit ihren beiden jüngsten Kindern sowie ein Soldat namens Eli, der, seine MP auf den Knien, unterwegs zum Sabbat bei seiner Mutter war. Wer führt hier Krieg gegen wen und im Namen welchen Gottes? Von Verlustschmerz und Trauerarbeit dieser Mutter erzählt Gilles Roziers Roman "Abrahams Sohn", von der demütigen, gottesfürchtigen Sharon, die von ihrem Mann verstoßen wurde, weil sie nach dem Erstgeborenen keine weiteren Kinder in die Welt gesetzt hat, und nun als Köchin in einem Altersheim arbeitet. Elis Vater, unbeugsam in der Ablehnung des "gottlosen" Staates Israel, missbilligte, dass der Junge diesem Staat als Soldat diente, und erscheint nun auch nicht zu dessen Begräbnis und Totenwache. Roziers Roman, der gewissermaßen im dunklen Herzen Israels spielt, im Milieu der chassidisch geprägten Orthodoxen, stammt nicht aus Israel. Wer streng orthodox ist, schreibt keine Romane und liest keine; das macht dieses Buch zu einem sonderbaren und besonderen Zeugnis zuneigungsvoller Einfühlung. Der französische Autor Gilles Rozier, 44, ist ein herausragender Kenner der jiddischen Literatur und Kultur; sein Interesse als Erzähler zielt nicht auf das Alltägliche, sondern auf das Exemplarische, auf den Versuch seiner Heldin Sharon, im Widerspruch zwischen religiöser Utopie und politischer Realität (der ihrem Sohn das Leben gekostet hat) ihrem Gott, wie sie ihn versteht, treu zu bleiben. Sharon will nach Ablauf des Trauerjahrs noch einmal ein Kind bekommen, doch ohne sich wieder einem Mann zu unterwerfen - und es gelingt ihr, in aller Gottgefälligkeit, aber dazu braucht es ein wenig Wunschdenken und ein bisschen Schönrednerei des Autors.
Gilles Rozier: "Abrahams Sohn". Aus dem Französischen von Claudia Steinitz. DuMont Literatur und Kunst Verlag, Köln; 160 Seiten; 19,90 Euro.

DER SPIEGEL 22/2007
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