26.05.2007

GIPFEL-TVLiebe am Zaun

Eine Hebamme liest den G-8-Gewaltigen die Leviten. „Frühstück mit einer Unbekannten“ ist hinreißende Love-Story und Attacke auf Polit-Blindheit zugleich.
Sie will nicht gewaltsam über die Absperrgitter von Heiligendamm klettern. Von ihr gibt es keine eingeweckten Hundeschnüffelspuren. Sie ist perfekt getarnt. Und doch könnte sie die routiniert gespielte Selbstzufriedenheit der G-8-Politiker irritieren.
Die Störenfriedin ist ein Film - maskiert als romantische Liebeskomödie auf Sat.1, einem Sender, der nicht gerade für politischen Ungehorsam berühmt ist. An diesem Dienstag wird das TV-Movie unter dem harmlosen Decknamen "Frühstück mit einer Unbekannten" ausgestrahlt - auf den ersten Blick ein Spiel mit lauter so schönen und prominenten Darstellern wie Julia Jentsch, Jan Josef Liefers, Iris Berben, Andrea Sawatzki und sogar Catherine Deneuve: bestes Unterhaltungsfernsehen, so will es scheinen.
Kein Uniformierter käme bei den ersten Szenen auf die Idee, dass hier ein trojanisches Pferd beladen wird, um an allen Absperrungen vorbei ins abgeschirmte Allerheiligste des G-8-Gipfels von Heiligendamm vorzudringen.
Der Anfang der Liebesgeschichte ist bezwingendes Fernsehkino, die perfekte Verführung. Liefers, der sonst den Münsteraner "Tatort"-Pathologen als hyperaktiven Leichenschneider zwischen Genie und Wahnsinn zelebriert, spielt überraschend zurückgenommen. Laurens M. Wagner, Referent des Finanzministers, heißt seine Rolle. Als eine Art melancholisch erstarrte männliche Jungfrau betritt er ein Berliner Café, ein freundlich hilfloser Autist wie der Biologieprofessor aus "Leoparden küsst man nicht", nur dass keine Katharine Hepburn dem deutschen Cary Grant begegnet, sondern Julia Jentsch ("Sophie Scholl").
Jentsch spielt eine lebenskluge Hebamme - und welche Lust ist das, ihr und dem bürokratischen Umstandskrämer bei der Liebesannäherung zuzusehen. Die Realität scheint weit weg, als ferne Welt der Zahlen, über die der schüchterne Laurens nur gelegentlich redet. Das Fernsehboot lädt so das erotikinteressierte - breite - Publikum ein, doch dann sticht das vollbesetzte Traumschiff in See, mit überraschendem Kurs: mitten hinein in die hohe Politik.
Die Hebamme Gina darf ihren Zahlenfreund Laurens nach Heiligendamm zum G-8-Gipfel begleiten. Kein Zaun kann es verhindern, kein Sicherheitscheck abwenden. Mit Gina dringt das Herz in die Sphäre politischer Berechnung, der gesunde Menschenverstand in die kranke Welt der Macht, das Triviale in die Tempel des Überkomplexen.
Klug und behutsam lassen Buch (Martin Rauhaus) und Regie (Maria von Heland) die eingeschleppte Gina zur Heldin werden, zum Aschenputtel, das die Mächtigen zum Tanzen bringt.
Und es zeigt sich ein hochaktueller Befund: Gegen die Moral der Gefühle ist die Macht der Politik wirkungslos. Gegen die
Schlichtheit des Gemüts kann politische
Taktik nichts ausrichten. Gravitätische Wichtigtuerei verfliegt, wenn das Herz zum Herzen spricht. Und die sterile Aufgeregtheit der wuseligen Polit-Strategen weicht schnell der Depression, wenn plötzlich echte Menschen über echte Dinge sprechen.
Die schüchterne Hebamme Gina hat ihren großen Auftritt, als sie auf einem Festessen unbotmäßig die Kanzlerin (Berben) unterbricht und zur Gegenrede anhebt, die vom Skandal der weltweiten Kindersterblichkeit und der Bildungsvernachlässigung handelt und die nichts wissen will von Geduld, Aufschub und Verzögerung. Alle drei Sekunden stirbt weltweit ein Kind an den Folgen von Armut.
Mitten auf Sat.1 - da warnt eine moderne, ganz und gar ungeduldige Marquise von Posa wie weiland Schiller vor politischer Mutlosigkeit und dem "tötenden Insekte gerühmter besserer Vernunft".
Vielleicht ist das naiv, aber es imponiert. Der perfekte Protestcoup: anschleichen im Leopardengewand, Publikum anlocken, über den Zaun der Genregrenzen springen und moralisch attackieren. Dabei selbst sauber bleiben.
Sat.1 verzichtet zugunsten von Unicef und der Initiative "Deine Stimme gegen Armut" auf Einnahmen aus DVD-, Video- und Weltvertrieb. Das Stück beruht auf einem Plot von Drehbuchautor Richard Curtis, der sein Honorar ebenfalls stiftete. Deneuve, die - ganz goldene Filmgöttin - Aschenputtel in Heiligendamm segnet, wirkt als Abgesandte aus dem Geist von Bob Geldof.
Doch bei aller Unterstützung, die Heiligendamm-Attacke wäre nichts ohne Jentsch und Liefers. Die spielen das für einen Darsteller Schwerste: das Wissen von eigenen Grenzen. Nur so kommt man über hohe Zäune. NIKOLAUS VON FESTENBERG
* Links: mit Stefan Kurt, Simone Thomalla; rechts: mit Andrea Sawatzki.
Von Nikolaus von Festenberg

DER SPIEGEL 22/2007
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