26.05.2007

Rodin auf Weltreise

Nahaufnahme: Berlin wartet auf die weltberühmten Kunstschätze aus dem New Yorker Metropolitan Museum.
Ewald Schneider hat schon die Büste der Nofretete im Arm gehalten, den Schrein des verstorbenen Kölner Erzbischofs Anno II. kutschiert (in einem Leichenwagen, "aus Gründen der Pietät") und die berühmte chinesische Tonkrieger-Schau um die halbe Welt geschickt. Oft hat er auch mit Kunst zu tun, die jünger ist als er selbst.
Schneider ist 86 Jahre alt und Seniorchef der Kölner Speditionsfirma Hasenkamp, spezialisiert auf Kunsttransporte, 530 Mitarbeiter, Filialen in Peking und Moskau. "Der sanfte Packer", schmeichelte ihm die Fachzeitschrift "Art".
Diesen Sommer ist Schneiders Erfahrung wieder sehr gefragt. Großausstellungen wie die Documenta in Kassel oder die Biennale in Venedig garantieren volle Auftragsbücher. Doch die prestigeträchtigsten Transporte gehen zurzeit nach Berlin, zur wohl populärsten Ausstellung des Jahres: der Schau des New Yorker Metropolitan Museum (Met)*. Und deshalb steht Schneider an einem verregneten Vormittag im Mai auf der Terrasse der Neuen Nationalgalerie in der Nähe des Potsdamer Platzes und überwacht die Ankunft eines besonders sperrigen Stücks.
4,3 Tonnen wiegt die Holzkiste mit der Aufschrift "Keep dry", eingeflogen aus New York mit Cargolux, die per Kran von einem Lkw auf die Terrasse gewuchtet wird. Inhalt: "Die Bürger von Calais", jene berühmte Bronzeskulptur von Auguste Rodin, die an die Helden einer Belagerung durch die Engländer im Jahr 1347 erinnert. Eine schöne Plastik? Schneider winkt ab. "Kunst muss vor allem transportabel sein."
Die Skulptur kommt direkt aus dem Met, dem imposantesten Irrgarten von New York. Ständig verlaufen sich Besucher in dem unübersichtlichen Prachtbau im Central Park in Manhattan, irgendwo zwischen altägyptischen Mumien, mittelalterlichen Gemälden und hochmodernen Souvenirshops. Rund fünf Millionen Objekte umfasst die Kollektion, und deshalb können Touristen mehrere Kilo-
meter durchs Museum laufen, ohne zum Beispiel die Sammlung mit erlesener französischer Kunst des 19. Jahrhunderts zu entdecken.
Doch zurzeit würden sie dort ohnehin nichts finden: wegen Bauarbeiten geschlossen. Die Bilder sind verreist, nach Berlin. Unschätzbar wertvolle Meisterwerke der französischen Klassizisten, Realisten und Impressionisten, Ingres' laszive "Odaliske in Grisaille" oder Degas' "Tänzerinnen" - die größte Kollektion ihrer Art außerhalb Frankreichs -, wurden ausgelagert.
157 Werke können vom 1. Juni an in der Neuen Nationalgalerie bestaunt werden. "Die schönsten Franzosen kommen aus New York", werben die Veranstalter für ihre Monumentalschau. "Ein Blockbuster", jubelt die "Kunstzeitung".
Das Superlativgedröhne muss wohl sein. Man rechnet mit mindestens einer halben Million Besuchern. Wenn weniger Menschen kommen, wird das acht Millionen Euro teure Spektakel, davon eine Million für Marketing, zum Verlustgeschäft.
Doch das erwartet niemand. Verkauft wird schließlich keine kunsthistorische Lehrstunde, sondern ein Event. Die Begegnung von Kunst und Besucher soll für beide Seiten so schonend wie möglich ablaufen: deshalb nur bekannte, garantiert niemanden irritierende Klassiker an den Wänden und, aus Sicherheitsgründen, maximal 1000 Leute gleichzeitig davor. Schon jetzt sind die meisten Führungen (Ticketpreise: 10 bis 30 Euro) ausverkauft.
Vorbild ist die Mega-Schau des New Yorker Museum of Modern Art (MoMA), das 2004 einen Teil seiner Sammlung nach Berlin verlieh, gegen eine üppige Lizenzgebühr von fünf Millionen Dollar plus Spesen. 1,2 Millionen Menschen wollten damals die Prunkstücke von Picasso oder Matisse sehen; sogar die Besucherschlange selbst wurde zu einer Art Kunstobjekt. Bis heute profitiert das MoMA vom Popularitätsschub durch das Gastspiel in der deutschen Hauptstadt. Diesen Erfolg will nun das Met wiederholen, zu ähnlichen Konditionen wie das MoMA: New York liefert, Berlin zahlt.
Nur: Die Kiste mit dem Rodin passt nicht durch die Tür der Nationalgalerie. Also wird draußen ausgepackt. Auftritt Aileen Chuk, Registratorin des Met und zur Begleitung der Skulptur aus New York eingeflogen. Zu grauen Haaren trägt sie grau-schwarze Gewänder; das einzig Farbige an ihr ist ein türkisgrüner Kaugummi. Frau Chuk wirkt gestresst. Spediteur Schneider hält Sicherheitsabstand.
Als Helfer endlich die Seitenteile der Kiste abschrauben und Rodins "Bürger" zwischen Holzlatten und Schaumstoff sichtbar werden, vertreibt die Met-Frau die Kamerateams und Fotografen, die seit Stunden auf diesen Moment warten.
Falls jetzt doch noch etwas schiefgeht, die Skulptur zum Beispiel vom Türrahmen verschrammt wird - auch ohne Kiste bleiben auf beiden Seiten nur zwei Zentimeter Luft -, soll davon zumindest kein Foto um die Welt gehen. Offizielle Begründung: Die Innereien der Verpackung seien Betriebsgeheimnis.
Doch alles geht glatt, am Ende stehen "Die Bürger von Calais" im Foyer der Nationalgalerie. Alle sind erleichtert, Schneider macht ein Erinnerungsfoto, Frau Chuk raucht eine Zigarette.
Strenggenommen wäre die weite Anreise aus New York allerdings nicht nötig gewesen. Von Rodins Renommierobjekt existieren insgesamt zwölf identische Abgüsse, zu besichtigen unter anderem in Basel, Kopenhagen, London, Paris und Calais.
Aber der Rodin des Met ist natürlich der schönste. MARTIN WOLF
* "Französische Meisterwerke des 19. Jahrhunderts aus dem Metropolitan Museum of Art, New York". Neue Nationalgalerie, 1. Juni bis 7. Oktober.
Von Martin Wolf

DER SPIEGEL 22/2007
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