11.06.2007

SCHAUSPIELERINNENFür mich soll es Neurosen regnen

Die Darstellerin Katja Riemann, deren Privatleben derzeit bizarr in der Klatschpresse ausgebreitet wird, spielt in Berlin das lustig-wirre Stück „Sex Stadt Beziehungen“.
Oft wird ja gesagt, dass man in Deutschland den paar Stars, die wir haben, zu wenig Zuwendung schenke. Auf Katja Riemann trifft das nicht zu, sie bekommt derzeit sehr viel Aufmerksamkeit.
Für Freitag voriger Woche etwa war beim Festival des deutschen Films in Ludwigshafen die feierliche Übergabe des Preises für Schauspielkunst an Katja Riemann angesetzt. Die "Bunte" hat ihr erst kürzlich eine Titelstory gewidmet. Und die Boulevardblätter "Bild" und "B.Z." beschäftigen sich so genüsslich und drastisch bebildert mit der Mitwirkung von Riemanns aktuellem Lebensgefährten in drei Pornofilmen, dass man echt ins Grübeln geraten kann, ob Pornodarsteller nicht ein seriöser Job ist im Vergleich zur Arbeit derart superemsiger Journalisten.
Aber egal, vergangenen Mittwochabend krümmt Katja Riemann im Berliner Maxim Gorki Theater ihren langen bleichen Rücken zu einem Hohlkreuz, zieht ihre Stirn kraus und sagt: "Zu viele Wunden. Zu viel Vergangenheit. Ich bin kein weißes Papier mehr. Es war ein harter Tag. Wiedersehen. Geht, geht, geht. Lasst mich mit euren Männerblicken in Ruhe."
Einen 80-Minuten-Theaterabend lang lungern zwei Männer und eine Frau auf einer neonblau beleuchteten Bar-Bühne. Amina Gusner führt Regie und hat mit Johannes Zacher auch die aufgesagten Texte verfasst. Titel: "Sex Stadt Beziehungen".
Das ist so allgemein, dass es auf fast alles passt, also auch auf die schon ziemlich lange Karriere von Katja Riemann, 43. Sie ist berühmt geworden als Kinoheldin der in den Neunzigern enorm erfolgreichen deutschen Beziehungskomödien, die zum Beispiel "Der bewegte Mann" hießen und in denen es stets um turbulente Verwicklungen zwecks Herbeiführung von Sex ging.
Sie ist ein bisschen berüchtigt geworden wegen wehleidiger Beschwerden über die gestörte Beziehung der Kritiker zu ihrer Arbeit und wegen öffentlich zelebrierter künstlerischer Händel am Drehort. Sie gilt als Zicke. "So ein Image zu haben ist schmerzhaft", hat sie gerade der "B.Z." gesagt.
Da ist es erfreulich, dass Riemann zuletzt viel Lob bekommen hat für zwei Auftritte als tragische Theaterheldin. In Potsdam spielte sie Ibsens Hedda Gabler, auf einer Boulevardbühne am Ku'damm in Ingmar Bergmans "Szenen einer Ehe". In beiden Fällen führte Amina Gusner Regie.
Nun haben Frau Gusner und ihr Co-Autor selbst Dialogszenen zwischen drei nicht
mehr ganz frischen Stadthysterikern geschrieben. Sagt ein Mann zum anderen: "Lass dich mal so richtig durchficken." Oder sinniert die Frau: "Man muss eben mit Problemen umgehen. Sie unter den Teppich kehren. Diese ganze abstrakte Vorstellung von Liebe." Das Stück "Sex Stadt Beziehungen" ist leider kein durchkomponiertes Drama, sondern mehr eine klapprige Szenenfolge aus Comedy-Gags und Tragedy-Gaga. Die aber handelt nicht von männlicher oder weiblicher Wut oder gar dem Willen zur Selbstbefreiung. Nur vom allgemeinen, alltäglichen Elend.
Das fängt ja schon mal furchtbar an, denkt man, als zunächst eine Soulstimme aufjault und die Herren an der blauen Bar wirre Dinge daherplaudern von einer dem Suizid zuneigenden Frau. Dann plötzlich, viel zu heftig, aber natürlich sehr mutig, poltert die Riemann dazwischen: "Ich habe die große Liebe meines Lebens gefunden."
Dann wird's überraschend lustig. Die drei Figuren verhöhnen sich selber, der eine Kerl als böser Langweiler, der andere als öliger Aufreißer, und selbst die Riemann, sie trägt den schönen Rollennamen Josefine, darf ihre komische Begabung demonstrieren: Am Tresen geht sie sehr ulkig dem einen ihrer Mitspieler an die Wäsche, während sie den anderen wild knutscht.
Mangel an Mut war und ist nicht Riemanns und nicht Gusners Problem, eher Mangel an Dezenz. Man kann auch sagen: eine Neigung zur Aufdringlichkeit. In "Sex Stadt Beziehungen" passieren nun nämlich genau die Dinge, die als Teufelszeug des deutschen Regietheaters gelten. Es wird auf der Bühne Pop-Musik gespielt (der Darsteller Werner Eng klimpert auf seiner Gitarre), es wird onaniert (Eng bewegt die Hand unter einer zum Glück korrekt festgezurrt bleibenden Unterhose), es wird Bananenbrei erbrochen (Frau Riemann, in einem eigentümlichen Rock mit Falten und aufgenähten Taschen, der so aussieht, als wollte er eigentlich lieber eine Armeehose sein, spotzt diskret in eine Plasiktüte). Aber es bleibt alles auch sehr nett und gelackt, wie es sich für eine halb private, halb öffentlich gesponserte Prosecco-Theater-Produktion wie diese gehört. Damit's ein bisschen Fallhöhe gibt, telefoniert die Heldin immerhin noch mit dem Krankenhaus, wo angeblich ihre erwachsene bulimiekranke Tochter liegt. Dazu guckt sie schmerzensselig, fast wie einst die Knef: Für mich soll's 1000 Neurosen regnen.
Am Ende verneigt sich Katja Riemann huldvoll und richtet ihre blauen Augen blitzend ins Nirgendwo über den Köpfen der Zuschauer. Der Applaus ist herzlich und dauert zwei Minuten; die Diva lächelt. Dann hebt sie kurz die keineswegs zur Faust geballte linke Hand: Hat sie's mal wieder allen gezeigt! Nur was jetzt eigentlich genau? WOLFGANG HÖBEL
* Bei Proben zu "Sex Stadt Beziehungen" im Maxim Gorki Theater in Berlin.
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 24/2007
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