18.06.2007

KIRCHEHeuschrecken unterm Kreuz

Kirchliche Krankenhäuser, Alters- und Pflegeheime werden radikal auf Wirtschaftlichkeit getrimmt - allen frommen Sozialworten der Kirchenoberen zum Trotz.
Wenn er von der Caritas spricht und davon, wie er nach 43 Jahren im kirchlichen Dienst abserviert wurde, ist Theologe Franz-Josef Backhaus, 62, noch immer fassungslos: "Zwischen den Verlautbarungen der Caritas - den Aufrufen zu Mitmenschlichkeit, sozialer Gerechtigkeit - und dem realen Umgang mit Menschen klafft eine große Lücke." Er, seine Frau und andere Mitarbeiter eines Caritas-Heims in Bad Salzungen hätten "den Widerspruch zwischen frommen Reden und unchristlichem Handeln" am eigenen Leib erfahren.
Jahrelang hatte das Ehepaar, er als Leiter, sie als Krankenschwester, ein thüringisches Mutter-Kind-Heim im Geiste der "alten Caritas" geführt - bis eine Münchner Unternehmensberaterin an der Seite des neuen Bistums-Caritas-Chefs auftauchte.
Die Caritas-Reformer, bewaffnet mit Laptop, Stift und Rechenblock, hatten für sein attraktives Haus mit Blick auf den Bad Salzunger Burgsee anderes im Sinn. Sie schlossen das altehrwürdige Haus und eröffneten es neu - mit billigen Arbeitskräften und neuer Leitung, alles natürlich, um "zukunftsfähig an den Start" zu gehen. Zur neuen Wirtschaftlichkeit gehören seitdem das Outsourcing der Mittagsküche, geringfügig Beschäftigte sowie Ein-Euro-Jobber. Es vollziehe sich auch in der "Kirche ein Gedanken- und Handlungswandel, wie wir ihn uns bisher nicht haben vorstellen können", resümiert Ex-Caritas-Mann Backhaus.
Heuschrecken unterm Kreuz? Das klingt eigentlich unvorstellbar - doch die Angst vor dieser Plage geht unter vielen Angestellten um. Denn die beiden großen Sozialwerke der Kirchen - Diakonie und Caritas - mit insgesamt rund 900 000 Beschäftigten in 52 000 Einrichtungen können sich den wirtschaftlichen Zwängen der Gesundheits- und Pflegebranche nicht mehr entziehen, wie Diakonie-Präsident Klaus-Dieter Kottnik einräumt. "Unter Druck" seien viele traditionelle Häuser, sagt er und fürchtet "die Schwächung des christlichen Profils".
Tatsächlich steht die Glaubwürdigkeit der Kirchen auf dem Spiel: Gottes Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen sind besonderen sozialen Leitlinien verpflichtet. Das Agieren vieler dieser Betriebe aber ist inzwischen kaum mehr von weltlichen zu unterscheiden, zudem steht es im harten Kontrast zur Kirchenkritik am Turbokapitalismus. Selbst Bischöfe warnen intern, eine "Aldisierung" kirchlicher Häuser könne das Image der Gesamtkirche gefährden.
Solche Befürchtungen sehen viele Mitarbeiter und Gewerkschafter längst bestätigt. "Immer häufiger wird nach kapitalistischem Muster gewirtschaftet", kritisiert Judith Rösch vom nordrhein-westfälischen Ver.di-Fachbereich Kirche, Caritas und Diakonie die Entwicklung. Dazu gehörten "eigene Tarifsysteme, GmbH-Ausgründungen, Servicegesellschaften, Lohndumping und Kürzungen aller Art".
Stapelweise kommen ihr die Beschwerden kirchlicher Angestellter auf den Tisch. "Wo Kirche draufsteht, ist nicht mehr viel Kirche drin", klagt etwa eine Krankenhausköchin, die bei der südwestfälischen Diakonie für 6,54 Euro Stundenlohn arbeitet. Möglich wurde dies nach einer Methode, die man in einem Kirchenhaus nicht erwartet: Sie wird über eine 100-prozentige Diakonie-Tochterservicegesellschaft weit unter dem - auch in den Kirchen wie von Ver.di geforderten - Mindestlohn als Outgesourcte beschäftigt.
Die Klagen der Sparopfer haben die Leitungen der Sozialwerke erreicht. Doch etwas hilflos verweisen die Diakonie- und Caritas-Oberen auf die Entwicklung der Branche. "Die Leistungen der Pflegeversicherungen sind seit 1995 nicht angehoben worden", erklärt Präsident Kottnik. Wie solle denn da die geforderte Qualität eingehalten werden? Man leide eben unter "der Ökonomisierung der Arbeit". Caritas-Präsident Peter Neher wiederum fordert ein "faires Verhalten im Wettbewerb" und hat die eigenen Leute gebeten, auch zukünftig "nicht in Gutsherrenmanier miteinander umzugehen".
Der Rationalisierungsprozess begann Mitte der neunziger Jahre mit der Zulassung privater Anbieter, welche die Kircheneinrichtungen vor vollkommen neue Herausforderungen stellte. In vielen frommen Häusern wurden seitdem langjährige Geschäftsführer mit kirchlicher Laufbahn durch junge, dynamische Betriebswirte ersetzt. Die setzten den Rotstift an, was durch das spezielle kirchliche Arbeitsrecht besonders einfach ist. Denn als Tendenzbetrieben ist ihnen ein sogenannter Dritter Weg erlaubt, bei dem sie ohne Gewerkschaften die Interna selbst regeln dürfen: Es gibt kein Streikrecht, deutlich weniger Rechte für die Mitarbeitervertretung und kein Betriebsverfassungsgesetz.
Geduldig nahmen Diakoniemitarbeiter Streichungen beim Urlaubs- und Weihnachtsgeld hin, genauso wie weitere Lohnkürzungen. Seit der Abkopplung von der Gehaltsentwicklung im Öffentlichen Dienst 2005 sinken vielerorts die Bezüge rapide. Diakoniemitarbeiter in Hessen büßten bis zu 20 Prozent Lohn ein.
Der beinharte Umbau fordert die Kritiker aber geradezu heraus, die genüsslich auf Kirchenerklärungen zur Arbeitswelt verweisen: "Die Kirchen handeln heute gegen ihr eigenes Sozialwort von 1997", schimpft Gewerkschaftsfrau Rösch. Beide Kirchen waren sich damals noch einig, dass Probleme nicht durch "Anpassung an internationale Wettbewerbsbedingungen und allein schon durch eine Senkung der Lohnkosten" (O-Ton Sozialwort) gelöst werden dürften. Sogar mit Bibelzitaten ziehen die Betroffenen in die Auseinandersetzung mit ihren Vorgesetzten. Ein Wort des Apostels Lukas ("Der Arbeiter ist seines Lohnes wert") ziert die neuesten Flugblätter von Diakoniemitarbeitern, die nach Jahren des Lohnverzichts nicht weitere Verschlechterungen hinnehmen wollen.
Nachgeben mussten sie fast überall: In den Hamburger evangelischen Krankenhäusern Elim, Alten Eichen und Bethanien etwa klagen die Pfleger, Ärzte und Krankenschwestern über Personalabbau und "eine ungeheure Arbeitsverdichtung", die wenig Zeit für die Patienten übriglasse. In Hessen und Nordrhein-Westfalen wurden aus kirchlichen Häusern heraus private Unternehmungen gegründet, um dann deren Arbeitskräfte kostengünstig nutzen zu können.
"Mit solchen und ähnlichen Tricks wird schlicht Personal ausgegliedert, das dann für weniger Geld arbeitet", so der evangelische Sozialethiker Jürgen Klute, ein durch mehrere Publikationen ausgewiesener Fachmann in Sachen Kirche als Arbeitgeber. Der Bochumer Pfarrer wirft seiner Kirche unreflektierte Anpassung an den Markt vor. "Sie wird einfach Teil der europäischen Profit-Dienstleistungsgesellschaft, ohne darüber zu diskutieren, ob die Kirche das überhaupt will."
Mitunter verschärfen die Bedingungen in den frommen Häusern sogar den Wettbewerb, wie ein Beispiel aus Nordrhein-Westfalen zeigt. Das Alfried Krupp Krankenhaus in Essen verwandelte sich im vergangenen Jahr zur Überraschung seiner 1250 Angestellten quasi über Nacht in ein kirchliches Krankenhaus. Kaum dem Diakonie-Dachverband beigetreten, wurde der bis dato unbequeme Betriebsrat für abserviert erklärt, in seinem Büro wurden die Schlösser ausgetauscht. "Das gehörte zum Wechsel in die Welt der günstigeren kirchlichen Tarife einfach mit dazu", so der lapidare Kommentar aus der Klinikleitung.
Das neue Diakonie-Krankenhaus ist weiterhin im alleinigen Besitz der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, in die Unternehmensführung musste nicht einmal ein Vertreter der Kirche. Eine Satzungsänderung und die Anerkennung der diakonischen Leitlinien reichten aus, für die Mitgliedschaft im Diakonie-Verband zahlt die Klinik einfach jährlich 20 000 Euro.
"Offensichtlich versuchen clevere Klinikmanager unter den billigen Deckmantel der Kirche zu schlüpfen", kommentiert der Krankenpfleger und Ex-Betriebsrat Tobias Michel den Deal. "Dieser Handstreich wirkt wie ein Modell für aggressive Angriffe auf die Arbeitsbedingungen in Gesundheitsunternehmen." Die Krankenhausgeschäftsführer begründen den Trägerwechsel tatsächlich damit, dass "wir in Essen fast ausschließlich mit kirchlichen Krankenhäusern im Wettbewerb stehen" und es daher sinnvoll gewesen sei, "uns einem kirchlichen Verband anzuschließen, weil wir dann auch die dort geltenden kirchlichen Tarifverträge für uns haben".
Peinlich für das frischgebackene kirchliche Krankenhaus ist allerdings, dass ihm nun ausgerechnet eine Zwei-Klassen-Medizin vorgeworfen wird: schlichte Zimmer für die Kassenpatienten des Ruhrgebiets, für Reiche, ob aus Russland oder den Ölstaaten, jedoch eine "Komfortstation" mit Minibars und Flat-TV - aber ohne Kreuze am Krankenbett. Das neuerdings fromme Haus umwirbt betuchte Patienten auch mit einem "Pick-up service at the airport".
Andernorts machen kirchliche Einrichtungen munter mit bei einer Globalisierung, die von den Kirchenoberen oft heftig kritisiert wird: Die Henriettenstiftung in Niedersachsen etwa prahlt damit, sich auf englische Patienten spezialisiert zu haben, in Hannover werden britische Soldaten behandelt. Das diakonische Johanneswerk in Bielefeld wirtschaftet gleich direkt im Ausland: in Seniorenzentren in Spanien und Griechenland. In einer "Residencia Costa Tropical" nahe Málaga erleben nun Engländer, Belgier, Deutsche und einige Spanier ein "selbstbestimmtes Leben in südlicher Atmosphäre und professionelle Pflege".
Der Geschäftsführer des Verbandes diakonischer Dienstgeber VdDD, Ingo Dreyer, spricht angesichts der rasanten Entwicklung kirchlicher Einrichtungen etwas vage von einer "Spannung zwischen Theologie und Ökonomie". Ganz untheologisch fügt er hinzu: "Wir kirchlichen Träger müssen im Wettbewerb immer noch etwas günstiger sein." PETER WENSIERSKI
* In Kassel am 14. Mai 2003.
Von Peter Wensierski

DER SPIEGEL 25/2007
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