18.06.2007

TODESSTRAFEDas Schweigen des Hundes

In einem zweifelhaften Indizienprozess hat die thailändische Justiz den Deutschen Gordon Koschwitz, 36, wegen Mordes zum Tode verurteilt. Er hat Berufung eingelegt - und fürchtet im Todestrakt des Hochsicherheitsgefängnisses von Bangkok um sein Leben.
Als die Beamten der Kriminalpolizei von Chiang Mai, einer 700 000 Einwohner zählenden Metropole im thailändischen Norden, ins nahe Örtchen San Kamphaeng ausrücken, ist die Lage für sie bald klar. Im Nebengebäude eines Hauses, das der Deutsche Gordon Koschwitz, heute 36, gemietet hat, liegt der übel zugerichtete Leichnam des Schweizers Raphael Baumann, 32. Ein Dorfbewohner, der für Koschwitz ein paar Malerarbeiten erledigen sollte, hat den Toten gegen 8 Uhr entdeckt. Der Deutsche kam hinzu. Er hat überrascht gewirkt.
Koschwitz, der seit 1999 in Thailand lebt, bestreitet am Morgen jenes 11. Oktober 2004 nicht, den mittellosen Schweizer tags zuvor auf Bitten eines Bekannten für ein paar Tage bei sich aufgenommen zu haben. Und er sagt aus, sein Wohnhaus während der Nacht nicht verlassen zu haben - in den Stunden also, in denen sein Gast zu Tode gekommen ist.
Was liegt da näher für die Kripo-Männer aus Chiang Mai, als den "Farang", den Fremden aus Deutschland, für den Mörder zu halten und nach Beweisen für ihren Verdacht zu suchen?
Von diesem Augenblick an, so scheint es heute, hat Koschwitz bereits verloren. Er beteuert beharrlich, nichts mit dem Tod seines Gastes zu tun zu haben. Und es gibt weder Tatzeugen noch ein erkennbares Motiv. Die Polizei kann keine Spuren von Koschwitz am Körper des Toten nachweisen, sie hat gar nicht danach gesucht. Nicht einmal die Todesursache wird eindeutig festgestellt - und doch verurteilt ihn das Provinzgericht in Chiang Mai im August 2005 in einem zweifelhaften Indizienprozess wegen Mordes zum Tode.
Koschwitz, urteilt das Gericht, habe Baumann nach ei-
nem Streit zunächst mit einem Krückstock traktiert und dann erwürgt.
Viel spricht dafür, dass das Gericht ein Fehlurteil zu verantworten hat. In wesentlichen Teilen fußt der Urteilsspruch auf einer Fülle von Mutmaßungen und Spekulationen - und lässt wichtige Tatsachen außer Acht, die den in Berlin geborenen Koschwitz entlasten können.
Koschwitz hat Berufung eingelegt. Wie alle verurteilten Straftäter, denen in Thailand die Hinrichtung durch eine Giftspritze droht, wurde er von Chiang Mai in die Hauptstadt verlegt. Im Todestrakt des berüchtigten Bang-Kwang-Gefängnisses, das die Insassen zynisch "Bangkok Hilton" nennen, wartet er auf die jetzt anstehende Entscheidung des Gerichts. Er ist an beiden Füßen mit Eisenketten gefesselt - ein klarer Verstoß gegen die von den Vereinten Nationen festgelegten Mindeststandards zur Behandlung von Gefangenen.
Anders als im deutschen Strafrecht findet im thailändischen Berufungsverfahren so gut wie nie eine neue Beweisaufnahme statt. Es gilt als wahr, was Staatsanwaltschaft und Polizei ermittelt haben. Allein die Beweiswürdigung wird überprüft. "Wir hoffen trotzdem, dass Gordon freikommt", sagt Angsana Koschwitz, 40. Die intelligente, impulsive Übersetzerin, die fließend Englisch und auch recht gut Deutsch spricht und ehrenamtlich Gefangene betreut, hat sich nach ein paar Dutzend Besuchen in den Häftling verliebt. Am 8. Dezember hat das Paar, getrennt durch Panzerglas und Gitterstäbe, im Hochsicherheitstrakt geheiratet. Das Eheleben begann mit einem fünfminütigen Telefongespräch. Einen würdigen Rahmen lehnte die Gefängnisleitung trotz vorheriger Zusage kurzfristig ab.
Für den Fahnder, dessen Ermittlungen den Deutschen in den Todestrakt brachten, war die Causa Koschwitz ein großer Fall. Nopphakhun Kiratikankul, 50, ein besonnener, sympathischer Mann, ist Chef der sogenannten Forensic Crime Scene Investigation von Chiang Mai, einer Art Mordkommission.
Die Metropole ist eine der größten Städte des Landes, Nopphakhun hat es im Jahr mit rund zwei Dutzend Tötungsdelikten zu tun. Den Tod des Schweizers Baumann aufzuklären, ohne Geständnis des mutmaßlichen Täters und nur aufgrund von Indizien, das war für ihn und seine Beamten "eine Herausforderung".
In seinem kleinen, klimatisierten Büro wirbt Nopphakhun für die Qualität seiner Ermittlungen. Er holt eine riesige Tafel mit Farbfotos
vom Tatort hervor, er hat sie vor Gericht präsentiert. Das schlimm zugerichtete Gesicht des Toten ist darauf unter anderem zu sehen, die schweren Verletzungen am rechten Auge, der Krückstock, mit dem Koschwitz den Schweizer in der Nacht traktiert haben soll. Und die Delle am unteren Ende der Krücke, die beweisen soll, das dies die Tatwaffe war, mit der Koschwitz angeblich so stark zustieß, dass sie sich verbog.
Das Haus, in dem der Mord geschah, sei von einer zwei Meter hohen Mauer umgeben, sagt Nopphakhun eindringlich, als hielte er ein Plädoyer. Das Tor sei verschlossen gewesen. Der Hund des Deutschen hätte angeschlagen, wenn jemand in der Nacht auf das Grundstück gelangt wäre, sagt der Polizist. Aber die Nachbarn hätten kein Bellen gehört. Also habe niemand versucht, auf das Gelände zu gelangen.
"In der Nacht, in der Baumann starb, waren nur Koschwitz und sein Opfer da", glaubt Nopphakhun. Er habe "bis heute keinen Zweifel daran, dass Koschwitz der Mörder ist". Die Staatsanwaltschaft übernahm, wie in Thailand üblich, seine Ermittlungsergebnisse für die Anklageschrift in allen wesentlichen Details, das Gericht wiederum folgte dem Antrag der Staatsanwälte auf Verhängung der Todesstrafe wegen geplanten Mordes.
Wie seltsam es in der thailändischen Strafverfolgung zugeht, wird deutlich, als der Kripo-Chef von einem schweren Fehler spricht, den Koschwitz begangen habe: "Bei einem Geständnis hätte er zehn Jahre bekommen und wäre bei guter Führung im Gefängnis nach fünf Jahren frei gewesen. Stattdessen droht ihm nun der Tod."
Kann das Recht sein: Wer gesteht, kriegt zehn Jahre, wer nicht gesteht, muss sterben?
Wohl niemand außer dem Täter selbst kann wissen, was sich wirklich zugetragen hat in jener Nacht zum 11. Oktober 2004 im
Haus Nummer 106 Mu 8 in San Kamphaeng. Unstrittig ist, dass Baumann am Morgen des 10. Oktober zu Koschwitz kam und ein paar Tage, bis zu seiner Rückreise in die Schweiz, bleiben wollte. Beide hatten eine Leidensgeschichte hinter sich, beide waren heroinabhängig und schafften es mit der Ersatzdroge Methadon, ihre Sucht in den Griff zu bekommen. Baumann war, das ergaben Obduktionen des Leichnams in Chiang Mai und später im rechtsmedizinischen Institut der Universität Basel, kurz vor seinem Tod rückfällig geworden.
Vielleicht reagierte Koschwitz deswegen verärgert, als er ein paar Stunden nach der Ankunft Baumanns bemerkte, dass sein Gast Valiumtabletten bei sich hatte. Koschwitz nahm sie ihm weg. Nachbarn gaben an, einen Streit gehört zu haben, obwohl keiner von ihnen Deutsch versteht. Aber nichts spricht dafür, dass die Auseinandersetzung anhielt und fortgeführt wurde, nachdem der Deutsche sein Haus, in dem er einen Ziegeleibetrieb unterhielt, am Nachmittag für ein paar Stunden verlassen hatte und dann zurückgekehrt war.
Auch das thailändische Strafrecht unterscheidet bei Tötungsdelikten zwischen Mord, Totschlag und schwerer Körperverletzung mit Todesfolge. Sollte es, wie das Gericht unterstellt, zur mutmaßlichen Tatzeit in den Abendstunden tatsächlich zu einer Neuauflage des Streits gekommen sein, spräche viel für eine Affekthandlung.
Aber die Strafverfolger, empört sich Gordons Vater Siegfried Koschwitz, 66, hätten wie auch das Gericht "im Zweifel gegen den Angeklagten entschieden", wann immer sie auf Widersprüche stießen.
Geradezu kurios ist die Rolle, welche die Ermittler dem Haushund des Deutschen zumessen. Hätte ein Fremder in der Tatnacht versucht, auf das Grundstück zu gelangen, um Baumann zu ermorden, hätte der Hund nach ihrer Theorie angeschlagen. Nachbarn hätten das Bellen gehört.
Der Hund aber bellte nicht - und belastete sein Herrchen mit seinem Schweigen sehr. Nicht widerlegen konnte das Gericht aber die Einlassung von Koschwitz, er habe den Hund abends ins Haus geholt und ihn erst am nächsten Morgen nach draußen gelassen. Der Hund habe einen Fremden daher nicht unbedingt wahrnehmen müssen - es komme also durchaus jemand anderes als Täter in Betracht.
Völlig unklar blieb zudem, ob Nachbarn das Gebell des Hundes hätten hören können. Die nächsten Wohngebäude sind mehr als 100 Meter vom Tatort entfernt, dazwischen stehen Bäume und dichtes Gebüsch. Als Koschwitz ein paar Tage zuvor bei einem nicht aufgeklärten Brand in seinem Haus erheblich verletzt wurde und in den Nachtstunden laut um Hilfe schrie, hörte ihn niemand.
Zudem ist die Mauer, die das Grundstück teilweise umgibt, leicht zu überwinden. Sie ist nicht, wie die Polizei behauptet, 2 Meter, sondern weniger als 1,70 Meter hoch.
Erheblicher Mangel herrscht an objektiven Spuren, die auf den Täter hindeuten. Zwar könnte die Spitze des Krückstocks, mit dem Koschwitz sein Opfer malträtiert haben soll, nach Feststellung des Gerichts von ihrer Größe und Form her tatsächlich die schwere Verletzung am rechten Auge verursacht haben - Blut- oder Gewebespuren des Opfers aber wiesen die Ermittler daran nicht nach.
Koschwitz darf hoffen, dass eine der größten Schwächen des erstinstanzlichen Urteils im Berufungsverfahren aufgedeckt und zu seinen Gunsten bewertet wird. Obwohl er sein Opfer laut Gericht mit seinen Händen erwürgt haben soll, haben die Ermittler am Körper Baumanns keine DNA-Spuren von
ihm festgestellt. Ebenso wenig fanden Forensiker an Koschwitz' Händen Spuren von Baumanns Haut oder Blut.
Vater Siegfried Koschwitz ist fassungslos: "Offensichtlich ist das Gericht in Chiang Mai davon ausgegangen, dass Gordon das Opfer erwürgt hat, ohne es zu berühren."
Deutsche Politiker und Diplomaten halten sich, wenn Landsleute im Ausland vor Gericht gestellt werden, mit der Bewertung fast ausnahmslos zurück. Der schleswig-holsteinische FDP-Bundestagsabgeordnete Jürgen Koppelin aber, der sich seit zwei Jahren mit dem Fall beschäftigt und den Verurteilten viermal im Gefängnis besucht hat, hat keinen Zweifel: "Ich bin von Gordon Koschwitz' Unschuld überzeugt."
Es gibt ein paar Indizien, die Koschwitz belasten. Auf einer Wäscheleine stellte die Polizei ein T-Shirt sicher, das gewaschen worden war und noch Blutspuren aufwies - von wem aber das Blut stammt, blieb ungeklärt. Wie das Gericht feststellte, versuchte jemand, Blutspuren auf dem Boden des Gebäudes zu beseitigen - aber wer dies tat, ist nicht zweifelsfrei geklärt. Das Gericht legt dies Koschwitz zur Last.
Die Eltern des Deutschen, Siegfried Koschwitz und seine seit langem von ihm geschiedene Frau Sigrid, 66, haben ein Vermögen ausgegeben, um ihrem Sohn zu helfen. Über einen Bekannten heuerten sie einen Münchner Privatdetektiv zu einem Tagessatz von 1500 Euro plus Spesen an. Er sollte die Ermittlungen der thailändischen Polizei überprüfen und versuchen, eine Ausreisemöglichkeit für Gordon Koschwitz zu finden.
Bewegt hat der Detektiv in Thailand offenbar nicht viel. Manches soll er versucht haben. Polizeichef Nopphakhun berichtet, dass der deutsche Privatermittler dem Dorfpolizisten von San Kamphaeng eine Million Baht dafür geboten habe, Beweismittel verschwinden zu lassen. Der Polizist sei standhaft geblieben, obwohl das Angebot, umgerechnet gut 23 000 Euro, etwa dem Dreißigfachen seines Monatseinkommens entsprach.
Der Detektiv bestreitet diese Offerte. Ihm sei "eine solche Person" nicht bekannt.
Polizeichef Nopphakhun wiegt die Visitenkarte, die der Detektiv angeblich bei ihm hinterlassen hat, in der Hand und lächelt mitleidig: "Das hätte in Thailand vor 20 Jahren funktioniert. Aber diese Art von Korruption gibt es nicht mehr, weil wir weit besser ausgebildet sind."
Die langwierigen Bemühungen des Privatermittlers in Thailand haben ein gerichtliches Nachspiel in Deutschland. Die Eltern von Gordon Koschwitz behaupten, dem Detektiv insgesamt 73 600 Euro überlassen zu haben, was der bestreitet. "Wir haben auf den Mann gesetzt. Er hat unsere Not ausgenutzt", sagt Siegfried Koschwitz. Seine frühere Ehefrau hat einen Kredit aufgenommen, um ihren Anteil begleichen zu können.
Der Detektiv, der in München von nicht einmal 900 Euro Pension lebt, fordert nun weitere 46 000 Euro. Aber die Eltern Koschwitz wollen seine Rechnung nicht begleichen. Der Ermittler, ein früherer Mitarbeiter der bayerischen Polizei, versucht nun vor einer Zivilkammer des Münchner Landgerichts seine Forderungen einzutreiben.
Der Mann stellt den Fall ganz anders dar - so, als sei er auf dem besten Weg gewesen, Gordon Koschwitz' Unschuld nachweisen zu können. Denn im Fall des Schweizers Baumann handele es sich um einen "Auftragsmord" der Mafia, behauptet der Detektiv in einem Schriftsatz für den Zivilprozess. Die Belege dafür behält er für sich.
Der Ex-Polizist ermittelte hier und ermittelte dort - und brach nach eigenen Angaben die zweite Thailand-Reise "vorzeitig nach 36 Tagen" ab, weil er "durchaus ernst zu nehmende Morddrohungen aus dem Umfeld der chinesisch-burmesischen Mafia erhalten" habe. Das klingt, als habe er nahe am Herzen des Verbrechersyndikats ermittelt, das im Goldenen Dreieck zwischen Thailand, Laos und Burma tatsächlich Drogen in Massen umgeschlägt.
Für Kripochef Nopphakhun gibt es allerdings "keinen Anhaltspunkt" dafür, dass der Mordfall Baumann etwas mit dem Drogenhandel zu tun habe.
Tatsächlich, so Nopphakhun, sei Gordon Koschwitz vor ein paar Jahren von der thailändischen Polizei als Agent provocateur in der Drogenszene eingesetzt worden. Er habe zweimal im Auftrag der Polizei knapp fünf Gramm Heroin gekauft und dafür jeweils 5000 Baht, umgerechnet fast 120 Euro, erhalten. Dann hätten die Fahnder die Zusammenarbeit beendet, weil Koschwitz "nicht führbar" gewesen sei.
"Das alles hat mit dem, was wir Koschwitz wegen des Mordes an Baumann zur Last legen, nichts zu tun", sagt Nopphakhun. Der Detektiv aus Deutschland "ist wohl so lange in Thailand gewesen, um viel Honorar zu kassieren". CARSTEN HOLM
* Auf dem Weg zum Prozess in Chiang Mai im August 2005.
* Mit einer Zusammenstellung von Tatortfotos in seinem Büro in Chiang Mai.
Von Carsten Holm

DER SPIEGEL 25/2007
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