18.06.2007

PRESSEFREIHEITAuf der Flucht

Die russische Journalistin Jelena Tregubowa kämpfte für Demokratie und Meinungsfreiheit in ihrem Land. Nun versteckt sie sich in London - eine Existenz in ständiger Angst.
Dafür, dass Jelena Tregubowa so große Angst um ihr Leben hat, dafür, dass sie sich versteckt, ist sie eine schillernde Erscheinung. Sie trägt hohe schwarze Lacksandaletten, eine schmale schwarze Satinhose, und die langen blonden Haare wehen um ihre Schultern, als sie die Lobby eines Londoner Hotels betritt.
Es ist eines jener Hotels, das tausend anderen zum Verwechseln ähnelt: braune Auslegeware, dezent gemusterte Sitzbezüge, viel Messing. Deshalb hat Jelena Tregubowa es als Treffpunkt ausgesucht.
Sie hat alle Mails, in denen wir diese Begegnung verabredeten, verschlüsselt geschickt; erst ein Passwort, das nur der Absender und der Empfänger kennen, öffnete das Dokument. Und nun steht sie in der Lobby, feine Gesichtszüge, unruhige Augen, über 1,80 Meter groß, und fragt, ob wir dieses Interview zur Vorsicht bei einem Spaziergang im Park führen könnten. Sie sei vor ein paar Tagen auf dem Nachhauseweg zu ihrer Londoner Wohnung von einer Frau verfolgt worden. Als sie schneller ging, ging auch die Frau schneller, als sie ihren Schritt verlangsamte, begann die Frau ebenfalls zu schlendern.
Tregubowa erzählt atemlos, der Dolmetscher kommt kaum mit dem Übersetzen nach. Schließlich sei sie in eine Gasse eingebogen, habe sich abrupt umgedreht und versucht, die Frau mit ihrem Handy zu fotografieren. Zu dem Trick habe ihr der in London lebende Oligarch und Putin-Gegner Boris Beresowski geraten.
Jelena Tregubowa ist 34 Jahre alt. Sie war 24, als sie Kreml-Berichterstatterin der Tageszeitung "Kommersant" wurde. Sie durfte Boris Jelzin auf Auslandsreisen begleiten und konnte weitgehend ungehindert darüber berichten.
In diese Zeit fällt auch ein Mittagessen mit Wladimir Putin, der damals noch Direktor des Geheimdienstes FSB war. Putin lud sie in ein teures Sushi-Restaurant ein. Auf dem Weg dorthin brach ihr der Absatz ihres Schuhs weg, nach dem Essen fuhr Putin sie in seinem Dienstwagen zum Schuster. Tregubowa ist berühmt geworden für die Erzählung dieser Episode.
Sie erschien in dem Buch "Die Mutanten des Kreml", das nun in einer ergänzten deutschen Taschenbuchausgabe vorliegt*. Sehr lebendig und unterhaltsam und nicht ohne Eitelkeit schildert sie im ersten Teil des Buchs die letzten Jahre der Jelzin-Zeit, die Machtübernahme Putins und wie sie bald darauf ihren Job beim "Kommersant" verlor, weil sie den neuen Chefs zu unangepasst war.
Das Buch, in dem sie Putin als machtgierig und skrupellos porträtiert, verkaufte sich in Russland 300 000-mal. Wenige Monate nach dem Erscheinen explodierte im Februar 2004 eine Bombe in jenem Mietshaus, in dem Tregubowa damals wohnte. Sie war gerade dabei,
sich die Haare zu kämmen, da hörte sie den Knall. Vor dem Haus wartete ein Taxi auf sie; wenige Momente vor der Explosion hatte die Taxizentrale bei ihr nachgefragt, wann sie denn endlich herunterkomme. Der Sprengsatz war am Türgriff der leerstehenden Wohnung gegenüber befestigt, und die Polizei betrachtete den abwesenden Eigentümer dieses Apartments als Ziel. Tregubowa wiederum zweifelte keine Sekunde, dass die Bombe nur ihr gegolten haben konnte. Diese Überzeugung brachte etwas in ihr Leben, das sie seither umtreibt: der Glaube, ein prominentes Ziel zu sein, und die Angst.
Sie will dann doch nicht mehr spazierengehen. Wir nehmen in der Lobby des Hotels Platz, sie bestellt ein ungeöffnetes Mineralwasser und einen Strohhalm, weil sie nicht aus dem Glas trinken will, das die Kellnerin ihr bringt.
Seit fast einem halben Jahr lebt Tregubowa nun in London, irgendwo in irgendeiner kleinen Wohnung. Allein. Mehr möchte sie darüber nicht sagen. Sie möchte auch nicht darüber sprechen, wie sie ihre Tage verbringt. Lesen, schreiben, spazierengehen, so viel verrät sie schon, aber nichts, woran man eine tägliche Routine erkennen könnte.
Sie kam auf Besuch hierher, um Moskau für einige Zeit zu verlassen. Das war nach dem Mord an ihrer Kollegin Anna Politkowskaja im Oktober 2006, nach einem offenen Brief von Tregubowa an Angela Merkel, der im selben Monat in der "Zeit" erschien. Es war, als sie sich in Moskau immer häufiger von fremden Männern oder Frauen beobachtet fühlte. Erst in London entschied sie sich zu bleiben und stellte einen Asylantrag. Es ist mühsam, mit ihr über die Gründe dafür zu sprechen; mit jeder Antwort fürchtet sie eine Fährte zu legen für ihre vermeintlichen Verfolger.
Sie sagt nur, dass ihr Anwalt in Russland Informationen hatte, die sie davon abhielten zurückzukehren. "Es ist sehr, sehr gefährlich für mich, nach Russland zurückzugehen. Nicht nur gefährlich, es bedeutet Lebensgefahr."
Zu Ostern wollte sie einen Gottesdienst in ihrer neuen Heimat besuchen. In London gibt es zwei russisch-orthodoxe Kirchen. Tregubowa war ratlos, sie war überzeugt: Ob sie nun in die eine oder in die andere Kirche ginge, jemand würde ihre Spur aufnehmen und sie enttarnen. Aber Ostern nicht in die Kirche zu gehen schien ihr unmöglich.
Sie rief ein Taxi, fragte den Fahrer um Rat. Der Fahrer war Grieche. Er fuhr sie zur Cathedral of Saint Sophia, einer bunt leuchtenden griechisch-orthodoxen Kirche, einem Bau wie eine Feier des Lebens. Es war einer ihrer glücklichsten Momente in London, ein Augenblick, in dem ihre Angst sie zu etwas Schönem geführt hatte.
Sie erzählt davon erst ganz am Ende des Gesprächs, als der Übersetzer schon weg ist und sie englisch spricht. "Glauben Sie, dass der Dolmetscher vertrauenswürdig war?", fragt sie. Sie sitzt auf der Kante ihres Sessels, die Handtasche hält sie auf den Knien, seit drei Stunden sitzt sie inzwischen so da, wie auf dem Sprung.
Wann brach das Gefühl, niemandem mehr Vertrauen schenken zu können, in ihr Leben ein? "Das Gefühl kam mit Putins Regime und natürlich mit dem Mordanschlag auf mich."
Hat sie jemals darüber nachgedacht, dass die Bombe nicht ihr gegolten haben könnte, wie es die Moskauer Polizei behauptet?
"Wie können Sie mich so etwas fragen, Sie mit Ihrem gemütlichen Leben. Sie können genauso gut behaupten, dass Anna Politkowskaja sich selbst erschossen hat, um Putin das Leben schwerzumachen. Wissen Sie, was das für ein Gefühl ist, wenn man sich von niemandem geschützt fühlt?"
Es gibt Momente in diesem Gespräch, in denen Verständigung nur mehr schwer möglich ist. Diese Skepsis westlicher Journalisten, die angeblich nicht sehen wollen, dass Putin Russland in einen totalitären Staat zurückverwandelt, die sich von dem bisschen "demokratischer Dekoration" täuschen lassen, kann Tregubowa kaum noch ertragen.
Noch schlechter denkt sie von den internationalen Politikern. Von denen verlangt sie einen Ausschluss Russlands aus dem G-8-Kreis, um Putin zu mehr Demokratie und Meinungsfreiheit zu zwingen.
Vielleicht liegt das Tückische an Tregubowas Biografie ja darin, dass die Bombe im Treppenhaus ihr einerseits zu großer Popularität als Regimekritikerin verholfen hat, ihr zugleich aber auch die Aufmerksamkeit der mächtigen Männer ihrer Heimat bescherte.
Als ihr Buch in Russland erschien, erhielt sie zu ihrer Überraschung einen Anruf des Oligarchen Boris Beresowski, den sie als "bösen Geist der russischen Politik" bezeichnet hatte. Trotz all ihrer Kritik an seiner Person lobte er sie sehr. "Vielleicht weil Putin in dem Buch noch schlechter wegkam als er", vermutet Tregubowa.
Nach dem Mord an Anna Politkowskaja bot Beresowski ihr an, Personenschutz für sie zu organisieren. Bald darauf meldete sich bei Tregubowa ein Mann namens Andrej Lugowoi und sagte, er werde sich um ihre Sicherheit kümmern und ihr zwei Mitarbeiter seiner Firma schicken. Es war jener Lugowoi, der nur kurz darauf in der Bar des Hotels "Millennium" mit Alexander Litwinenko zusammensaß, bevor der an einer Poloniumvergiftung starb.
Dennoch traf sich Tregubowa nach ihrer Ankunft in London mit Beresowski. Er lud
sie zu einer Suppe ein, blitzschnell musste sie entscheiden, ob sie ihm trauen sollte oder ob Löffel oder Suppe vergiftet sein könnte. Sie probierte, sie überlebte. "Ich habe den Eindruck, dass ich in der Nähe von Putin gefährlicher gelebt habe", sagt sie.
Als Jelena Tregubowa an diesem Tag in der Lobby des Londoner Hotels sitzt, weiß sie noch nicht, dass die britische Staatsanwaltschaft Lugowoi zum Hauptverdächtigen im Mordfall Litwinenko erklären und einen Auslieferungsantrag stellen wird. Danach befragt, antwortet sie per Mail mit den Worten: "Ich hoffe, dass keine politischen Gründe die Regierung Großbritanniens davon abhalten werden, diesen Mordfall weiterzuverfolgen."
Es ist schwer zu verstehen, warum Tregubowa gerade Beresowski vertraut. Den Gedanken, dass ihre Bekanntschaft mit ihm für sie riskant sein könnte, will sie jedenfalls nicht zulassen. Sie ist besetzt von ihrer alten Angst und hängt an der Rolle der bedrohten Regimekritikerin.
Immer wieder kehrt das Gespräch zur russischen Innenpolitik zurück. Jelena Tregubowa liebt ihr Land, sie leidet, weil sie seine demokratische Zukunft durch Putins Politik zerstört sieht. "Mein Land" ist eine Formulierung, die sie sehr häufig benutzt an diesem Nachmittag.
Ihr Land aber ist aus ihrer Perspektive unerreichbar geworden. Sie hat ihre Wohnung damals verlassen, wie man eben eine Wohnung verlässt, wenn man für ein, zwei Wochen verreist. Erst von London aus rief sie die Hausmeisterin an und fragte, ob sie nicht ein paar Leute kenne, die sich aus ihren Sachen etwas aussuchen möchten. Die übrigen Dinge sollte die Hausmeisterin an die Wohlfahrt geben. Auf gar keinen Fall wollte Tregubowa ihre Eltern bitten, die Wohnung auszuräumen: "Das macht man doch nur, wenn jemand gestorben ist."
Spürt sie nicht manchmal Sehnsucht, zur Ruhe zu kommen, vielleicht eine Familie zu gründen? "Ich bin oft erleichtert, dass ich noch keine Kinder habe. Kinder sind immer mögliche Geiseln." Dann aber erzählt sie die Geschichte einer über 40-jährigen englischen Journalistin, die früher Kriegsberichterstatterin war, die jetzt den richtigen Mann getroffen und ein Baby bekommen hat. "Alles ist möglich im Leben", sagt Tregubowa. "Im Moment will ich einfach überleben." CLAUDIA VOIGT
* Elena Tregubova: "Die Mutanten des Kreml. Mein Leben in Putins Reich". Tropen Verlag; 384 Seiten; 14,80 Euro.
* Oben: bei einer Militärparade in Moskau, 2006; unten: für die Opfer politischer Verfolgung vor dem früheren KGB-Hauptquartier, 2006.
Von Claudia Voigt

DER SPIEGEL 25/2007
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