02.07.2007

KRIMINALITÄTKoks für Kalaschnikows

Einst diente Bernd Schlegel der Stasi. Nach der Wende zog es ihn in die USA, wo das FBI den Deutschen in eine kolumbianische Terrorgruppe einschleuste. Der Ex-Agent wurde zur zentralen Figur in einem der spektakulärsten Fälle von Waffenhandel: „Operation White Terror“. Von Holger Stark
Im Men's Club in Houston, Texas, schwarze Markise, breitbeiniger Türsteher, geht es um Sex, ein gutes Mittagsmenü und manchmal auch um Geschäfte wie das von Carlos Alí Romero.
Romero, 42, hat an der Theke mit Blick zur Tür Platz genommen, von hier aus kann er sehen, ob einer das Lokal betritt, der zum Problem werden könnte. Die Blondine an der Stange ist kein Problem. Sie trägt eine Weihnachtsmannmütze und ansonsten nicht viel.
Carlos Alí Romero, Poloshirt, randlose Brille, lässiger Gestus, ist in Texas so etwas wie der informelle Repräsentant der rechtsradikalen kolumbianischen Terrororganisation AUC. Misstrauen kann in diesem Gewerbe eine Lebensversicherung sein.
Der Kolumbianer ist gekommen, weil er Waffen braucht, schweres Kriegsgerät für den Dschungel, für den Guerillakampf. Er sucht Kontakte nach Osteuropa, zu einstigen Generälen der Sowjetarmee, die ihr Arsenal nun auf dem Schwarzmarkt des Terrors anbieten. Neben ihm sitzt ein Mann, den Romero vor ein paar Wochen kennengelernt hat, ein Mann aus Deutschland.
"Haben Sie solche Kontakte?", fragt der Kolumbianer.
"Alles ist möglich", antwortet sein Gegenüber und macht eine Kunstpause. "Ist eine Frage der Zeit. Und des Preises."
Der Mann heißt Bernd Schlegel*, er trägt eine schwarze Wildlederjacke, schwarze Cowboystiefel und eine verspiegelte Sonnenbrille von Armani, die langen Haare sind blondiert. Er sieht aus wie die texanische Version von Karl Lagerfeld.
Der Deutsche senkt die Stimme, als die Kellnerin vorbeitänzelt und mehrdeutig fragt, womit sie die Herren glücklich machen kann. Die beiden Männer bestellen Cola-Rum und Negro Modelo, ein bittersüßes mexikanisches Bier, das Romero empfohlen hat.
Schlegel ist ehemaliger Offizier der Nationalen Volksarmee, seinen Schliff hat er in Leningrad bekommen, er weiß, wie dieses Spiel funktioniert. Im Schaft seines linken Stiefels steckt eine Browning mit Holzgriff, Kaliber .22, fünf Schuss, handlich, leise, effizient. Auch eine Pistole kann in diesem Gewerbe eine Lebensversicherung sein.
Romero zögert kurz, er muss etwas wagen, aber er muss auch vorsichtig sein. "Geld spielt keine Rolle", sagt er. Er kann mit einer Währung zahlen, die überall gilt auf dieser Welt: mit Kokain. Er spricht mit dem Akzent eines kolumbianischen Einwanderers, der in die Oberschicht aufgestiegen ist. Er ahnt nicht, dass vorn an der Tanzfläche ein FBI-Agent kauert, der den Auftrag hat, Schlegel abzusichern.
Es ist 12 Uhr mittags im Men's Club, und einer der spektakulärsten Fälle der jüngeren Geschichte des FBI nimmt an diesem Herbsttag 2001 seinen Lauf. Es geht um Kalaschnikows, Flugabwehrraketen und andere Waffen, die den Bürgerkrieg in Kolumbien neu entflammen sollen. Und es geht um Kokain im Wert von einer halben Milliarde Dollar, das die amerikanischen Städte überziehen würde wie eine Heuschreckenplage die Getreidefelder im Sommer.
Mittendrin in diesem Plot, den Hollywood vergangenes Jahr sogar als "Miami Vice"-Remake verfilmte: Bernd Schlegel.
Als Sohn einer SED-Funktionärsfamilie hatte er die gängige Karriere gemacht: Nationale Volksarmee, Unteroffiziersschule, irgendwann rekrutierte ein Hauptmann ihn für die Stasi. Er unterschrieb eine Verpflichtungserklärung, Mielkes Schergen suchten Details gegen Mitsoldaten, die "operativ in Richtung Hetze und ungesetzliches Verlassen der DDR aufgefallen" waren, so hieß es in dem Einsatzbefehl. Die Tschekisten waren angetan von Schlegel. "Ehrlich", "zuverlässig", "konspirativ", so lauteten die Attribute in seiner Beurteilung. Was ihnen vor allem gefiel: Schlegel berichte "eigenständig", er müsse nicht mühsam angeleitet werden. Das wird später auch das FBI loben.
"Operation White Terror" hat das FBI die Ermittlungen gegen die kolumbianischen Paramilitärs getauft, sie ziehen sich über mehrere Jahre hin, sie spielen in einem halben Dutzend Länder. Die US-Regierung führt das Verfahren auf einer Liste der zehn wichtigsten Fälle seit den Anschlägen
vom 11. September 2001. Es ist ein Lehrstück über das Verhältnis von Kriminalität und Politik, über Verbrechensbekämpfung made in America. "Sting Operation" heißt die Strategie, die das FBI anwendet, es ist ein Wort aus der Welt der Geheimdienste, bei denen das Böse mit V-Leuten provoziert wird, bis die Grenze des Rechtsstaats überschritten ist. Von Kriminellen und zuweilen auch von Ermittlern.
Dass am Ende John Ashcroft, Justizminister und oberster Dienstherr des FBI, vor die Kameras tritt und lobt, die Polizisten hätten "die Nation und das Leben unserer Bürger sicherer gemacht", ist der einstudierte, sichtbare Teil dieses Schauspiels. Amerika fühlt sich seit dem 11. September im Krieg, Amerika hat Feinde und braucht Helden, die das Land retten. Eine Bedrohung von außen kann eine Nation auch nach innen einen, das ist die Dialektik dieser Art der Verbrechensbekämpfung.
Als das FBI am 5. November 2002 auf drei Kontinenten zuschlägt, spricht Ashcroft in den Abendnachrichten von einem "Zusammentreffen des Krieges gegen den Terrorismus mit dem Krieg gegen die Drogen". Was Ashcroft nicht erwähnt, ist die entscheidende Rolle, die Bernd Schlegel als Undercover-Mitarbeiter gespielt hat - und dessen Geschichte sich aus Akten der Stasi und des FBI, aus Gesprächen mit amerikanischen Beamten, Anwälten der Beschuldigten und ihm selbst weitgehend rekonstruieren lässt.
Als Schlegel 1999 nach Amerika geht, mit Mitte 40, wirkt es wie eine Flucht. Er lässt in Berlin eine Existenz in Trümmern zurück, ohne Arbeit, ohne Geld, die Ehe kaputt, es gibt nicht viel, was er hier noch aufgeben könnte.
Mit dem Ende des Sozialismus ist auch Schlegels Minikosmos zusammengebrochen. Als Stasi-Zuträger war der Soldat schnell aufgestiegen, erst in der Hierarchie der NVA, dann im Regierungsapparat von Erich Honecker. Man hatte ihn nach Leningrad und Moskau geschickt, ein Dienstausweis der russischen Armee aus jenen Jahren zeigt einen jungen Offizier in Uniform, der offen und unverbraucht in die Zukunft schaut. Schlegel paukte spezielle Militärtaktiken im Gelände und lernte die sowjetische Nomenklatura. Als Michail Gorbatschow 1986 von Perestroika sprach, lobte er dessen Mut und erhielt dafür eine Rüge von der Partei. Als die Mauer fiel, war er in der "Verwaltung 2000" aktiv, dem militärischen Arm der Stasi.
Er wollte auf eigenen Füßen stehen, etwas aufbauen, mit Immobilien zum Beispiel. Oben an der Ostseeküste in der Nähe von Rostock plante er ein Immobilienprojekt, übernahm die Rolle des Generalmanagers. Er dachte, so funktioniere der Kapitalismus. Man muss nur wollen. Sagen sie das nicht so, die Politiker in Berlin?
Aber Schlegel merkte schnell, dass er zu alt war für einen Neuanfang in dieser Gesellschaft. Seine Geschäftspartner setzten sich ab, als die Firma ins Schlingern geriet. Schlegel hatte die Verträge unterzeichnet und konnte die Rechnungen nicht bezahlen. Die Investoren verklagten ihn, zweieinhalb Jahre auf Bewährung wegen Betrugs, so lautete das Urteil des Landgerichts, hinzu kamen Steuerschulden. "Ich habe zu DDR-Zeiten ein offizielles und ein inoffizielles Leben geführt", sagt er. "Aber den Kapitalismus habe ich nie gelernt."
Schlegel sucht eine neue Chance in Amerika, ein Bekannter nimmt ihn auf eine Party in Houston mit, zu einem polyglotten Dänen namens Uwe Jensen. Der scheint zu wissen, wie die Welt funktioniert.
Jensen wohnt, den Highway 6 stadtauswärts, im Südwesten von Houston, Chinesen leben hier und Puertoricaner, es ist eine Ecke für ärmere Leute. Die Häuser im Scenic Haven Drive sind aus Holz und in Pastelltönen angestrichen - Jensen lebt in Nummer 15 527, er hat einen kleinen Pool und eine Holzveranda, und er mixt gute Margaritas.
Uwe Jensen saß Ende der siebziger Jahre eine Zeitlang im dänischen Parlament für die Fortschrittspartei, eine kleine rechtsradikale Gruppe, die für Protektionismus und gegen Ausländer eintrat. Ein paar Monate lang war er Teil der dänischen Delegation bei den Vereinten Nationen, ehe er als Geschäftsmann nach Kolumbien ging und dort Kontakte zur Autodefensas Unidas de Colombia (AUC), der "Vereinigung für die Selbstverteidigung Kolumbiens", knüpfte. In Houston ist er für die Kolumbianer ein Zwischenhändler, der "die Gespräche zwischen Romero und dem Deutschen vermittelt hat", wie sein Anwalt Erik Sunde sagt, "und der gehofft hat, dass für ihn etwas Geld abfällt".
An diesem Abend, vier Tage nach dem Einsturz der Türme des World Trade Center in New York, hat Jensen Freunde und Bekannte auf ein paar Cocktails eingeladen und macht Schlegel und Romero miteinander
bekannt. Romero bittet den Deutschen auf die Terrasse, sie zünden sich kubanische Zigarren an und blasen Rauchringe in den sternenklaren Himmel über Houston. Schlegel berichtet von seiner Vergangenheit bei der Stasi und seinen russischen Freunden. Romero erzählt von Kolumbien, von den verhassten Rebellen der linken Farc und dem Kampf der AUC.
Hört man Romero reden, dann könnte man annehmen, die AUC sei so etwas wie ein weißer Ritter, der das kolumbianische Volk vor der Guerilla schützt, weil der Staat versagt. Die Berichte von Amnesty International und ein Report für den US-Kongress zeichnen ein anderes Bild. Danach ist die als Dachverband rechter Splittergruppen gegründete AUC für zwei Drittel aller Menschenrechtsverletzungen in Kolumbien verantwortlich, darunter 804 Hinrichtungen allein im Jahr 2000. Die kolumbianische Regierung rechnet 8000 Männer zur AUC.
Zur Wahrheit gehört auch, dass die US-Regierung, in erster Linie die CIA, Gruppen wie die AUC lange Zeit geschätzt und geschützt hat, als nützliche Hilfstruppen gegen linke Revolutionäre in Lateinamerika. Eine wichtige Rolle bei der Finanzierung dieses schmutzigen Krieges haben amerikanische Konzerne gespielt. Im März 2007 räumte die Firmenzentrale von Chiquita in Cincinnati ein, die AUC zwischen 1997 und 2004 unter der Hand mit 1,7 Millionen Dollar gesponsert zu haben.
Romero darf sich deshalb in Texas sicher fühlen. Er tritt auf als eine Art Honorarkonsul, als Teil des Establishments und Präsident einer Transportfirma namens Poseidón Inc., in Houston lebt er in einem weißen Haus im Kolonialstil mit Auffahrt, Doppelgarage und Schieferdach. Erst auf internationalen Druck lässt das Außenministerium die AUC im September 2001 auf die internationale Liste terroristischer Vereinigungen setzen. Seitdem
braucht die Truppe Leute wie Romero, um
überleben zu können, und Romero braucht Leute wie Schlegel, der nun, nachdem ihn der Kolumbianer besser kennengelernt hat, seine russischen Geschäftspartner für eine Zusammenarbeit begeistern soll. Sie verabreden das nächste Treffen in zwei Wochen in Romeros Golfclub.
Der Woodlands Country Club liegt im Norden Houstons, in einem weitläufigen Forst, der idyllisch wirkt wie eine englische Grafschaft und in dem die texanische Oberschicht gern ausreitet. Das Clubhaus ist eine Mischung aus Lions Club und Konferenzzentrum mit parfümierten Waschräumen, von der Holzterrasse blickt man auf einen künstlich angelegten See mit Apartmenthäusern.
Romero und Jensen wissen nicht, dass sich in einem dieser Apartments ein FBI-Team eingenistet hat, die Agenten haben Richtmikrofone und Kameras installiert.
Das FBI ist eingeweiht, seit Schlegel direkt nach jenem Septemberabend in Uwe Jensens Haus bei der Polizei angerufen hatte; die Nummer gab ihm ein Bekannter. Die Ermittler waren skeptisch, sie luden den Deutschen nicht ins Hauptquartier, sondern zu Starbucks, Downtown Houston. Schlegel erzählte von seiner Biografie und offenbarte seinen Decknamen bei der Stasi. Die FBI-Beamten ließen die Angaben durch die "Rosenholz"-Dateien laufen, jenes Stasi-Archiv, das die CIA während der Wende-Wirren aus Ost-Berlin entwendet hatte. Ein paar Tage dauerte es, dann war das FBI überzeugt, dass Schlegels Biografie authentisch ist. Seitdem sprach er Verabredungen wie die im Country Club mit den Fahndern ab.
Romero und Jensen treffen kurz vor 20 Uhr in den Woodlands ein, es ist ein milder Herbstabend. Auf Fotos wird später zu sehen sein, dass der Kolumbianer einen Platz mit dem Rücken zu einer Steinsäule wählt. Auf diese Weise hat er die Terrasse im Blick, aber der FBI-Fotograf, der versteckt im Schilf liegt, fixiert ihn ebenfalls. Schlegel legt seinen Autoschlüssel auf den Tisch, sein Handy und einen als Aufnahmegerät präparierten Pager, den das FBI "Eagle" nennt. Er hat das schon früher so gemacht, es ist ein alter Stasi-Trick: Was offen auf dem Tisch liegt, erregt kaum Misstrauen.
Romero bestellt Rinderfilet mit gebackenen Kartoffeln und einen New York Cheesecake. Im Fernsehen läuft eine Rede von George W. Bush. "Der kleine Scheißer", zischt der Kolumbianer. Als sie beim Dessert angekommen sind, so erinnert sich Schlegel, kommt Romero zur Sache. Jede Gruppe brauche ein leichtes Maschinengewehr, "und jede Kompanie ein schweres", Granatwerfer außerdem, für den Sturm auf befestigte Dörfer.
"Wir bezahlen mit Kokain, der Preis richtet sich danach, wo ihr es übernehmt", sagt Jensen zum Abschied. Wenn Schlegel und die Russen in Kolumbien abholen, kostet pures Koks im Marktwert von einer halben Milliarde nur 25 Millionen Dollar, so hoch sind die Gewinnspannen.
Am Morgen nach dem Treffen in den Woodlands gleitet kurz nach neun Uhr ein schwarzer Van mit abgedunkelten Scheiben auf den Parkplatz von Café Antone's, einem unscheinbaren Coffeeshop schräg gegenüber vom Houstoner Hauptquartier des FBI. Schlegel steigt zu, der Van fädelt sich wieder in den Verkehr ein. Niemand soll sehen, wie der Deutsche das Gebäude betritt. Über die Tiefgarage und einen Tunnel schleusen ihn die Agenten in das Bürohaus und bringen ihn in den vierten Stock, in ein Konferenzzimmer. An der Wand steht eine Tafel, davor sitzen fünf Ermittler.
"Was machen wir nun?", fragt Mark Kirby, ein Absolvent der Eliteakademie West
Point, der leidlich Russisch spricht und den Fall für das FBI übernommen hat. "Sollen wir Romero und Jensen hochnehmen, oder sollen wir warten?"
Schlegel nimmt einen Stift, malt Romeros Namen in die Mitte und zeichnet zwei Pfeile auf die Tafel. Der eine zeigt nach unten. Unten ist das Fußvolk, sind die kleinen Fische, Romeros Leute in Houston.
Der andere zeigt nach oben. Oben sind Kolumbien, der Dschungel, die AUC-Spitze.
"Wen wollen wir erreichen?", fragt Schlegel in die Runde. Er hat einen Instinkt für Momente, er könnte auch Heizdecken verkaufen oder Handstaubsauger. In diesem Moment verkauft er einen Plan, indem er sich auf Einstein beruft: "Der Mensch kann alles erreichen, es kommt nur darauf an, wie oft er es versucht", sagt er und deutet auf den Namen auf der Tafel. "Wir können Romero kriegen, wir können aber auch an seine Chefs herankommen. Ihr müsst nur sagen, wen ihr wollt."
Mit Einstein können die FBI-Agenten wenig anfangen. Aber sie verstehen, dass dies eine Chance ist, eine Chance auf Beförderung und Ruhm. Das Material reicht, um Romero und Jensen für eine Weile aus dem Verkehr zu ziehen, aber es reicht nicht für die große Show, nicht für einen Auftritt des Justizministers vor den Fernsehkameras. Nach einem Moment des Schweigens räuspert sich einer der Agenten. "So hoch wie möglich. Wir wollen so hoch wie möglich."
Dafür müssen die Kolumbianer geködert werden, je mehr Waffen sie bestellen, desto spektakulärer die Verurteilungen. Und die Führungsspitze der AUC muss aus Kolumbien rausgelockt werden, im Guerillagebiet hat selbst das FBI keine Chance.
Es ist ein verwegener Plan, den Schlegel mit dem FBI entwickelt. Die US-Regierung soll russische und deutsche Waffen aus der DDR einfliegen, ausrangiertes Gerät der Nationalen Volksarmee, und sie der AUC vorführen, als gäbe es eine Waffenmesse für Paramilitärs. Schlegel will nicht abwarten, was die AUC ordert, er kreiert eine Art Versandhauskatalog, eine Powerpoint-Präsentation mit Bildern aus der NVA-Asservatenkammer, die ein FBI-Fotograf geschossen hat. Die vermeintliche Übergabe soll mit Containern in Landungsbooten in Costa Rica inszeniert werden, einem Land, das gute Beziehungen zu den USA unterhält und in dem kolumbianische Commandantes leicht festgenommen werden können. Das ist der Plan.
"Das war das Verrückteste, was wir je gehört haben", erinnert sich einer der beteiligten Beamten, der über 25 Jahre für das FBI gearbeitet hat. "Schlegel hat Sachen vorgeschlagen, die niemand anderes gewagt hätte. Wir haben die AUC regelrecht provoziert und aus der Höhle gelockt. Es war für uns alle ein extrem hohes Risiko." Zehnmal muss sich das Hauptquartier in Houston während der Operation an das Justizministerium in Washington wenden, weil das Szenario immer komplexer wird; mehrere Millionen Dollar wird das FBI am Ende in den Fall investieren.
Von nun an ist es eine weltweite Operation. Die Treffen finden in Houston statt, in Panama und in London, auch Scotland Yard ist eingeweiht. Die Hotelzimmer sind verwanzt und mit Kameras ausgestattet, jedes Wort zeichnen die Ermittler auf.
Für das FBI führt die Verhandlungen ein Undercover-Ermittler mit dem Decknamen "Alexander", den die Drogenpolizei aus Miami abgestellt hat. "Alexander" ist gebürtiger Ukrainer mit Goldkettchen und Chopard-Uhr, den Schlegel als einen reichen Russen vorstellt, der die Generäle in Moskau vertrete. Schlegel rückt jetzt in die zweite Reihe. Es ist zu seinem eigenen Schutz, aber das FBI will sich auch vor zu viel Abhängigkeit von einem einzigen inoffiziellen Mitarbeiter schützen. Einem, der aus einem fremden Land stammt und bei dem aus Sicht des FBI schwer zu sagen ist, auf welcher Seite er steht, auf Seiten der USA, der Russen oder einfach nur auf seiner eigenen Seite.
Schlegel kann sehr amerikanisch wirken, er fährt eine Harley-Davidson und hat sechs Paar Cowboystiefel im Schrank stehen. Mit seinem FBI-Führungsoffizier vermag er zu scherzen, als wäre er in den Südstaaten aufgewachsen.
Wenn das Handy klingelt und Moskau am anderen Ende ist, dann kann er aber auch sehr russisch wirken, Priwjet, kak dela, grüße dich, wie geht es? Er klingt dann, als würde er auf dem Arbat stehen und wie selbstverständlich in fließendem Russisch Geschäfte besprechen.
Er hat etwas Chamäleonhaftes, er passt sich an bis zur Unkenntlichkeit, wenn es sein muss. Das ist seine Stärke, aber für das FBI ist es auch eine Schwäche, weil ein Restrisiko bleibt. Wenn Schlegel von seinen Reisen nach Moskau zurückkommt, schließt ihn das FBI deswegen an einen Lügendetektor an. Sie fixieren seine Arme auf Sessellehnen und spannen ein Band über die Brust, Elektroklemmen an den Fingern messen Puls und Schweiß, eine Kamera registriert Veränderun-
gen der Pupillen. Die Fragen sind inquisitorisch und wiederholen sich. "Sind Sie von einer fremden Macht beauftragt worden? Bekommen Sie Geld von einer fremden Macht?" Als Antworten sind nur Ja oder Nein erlaubt, eineinhalb Stunden geht das so. Viermal haben sie Schlegel angeschlossen. Viermal hat er bestanden.
"Wir konnten einfach nicht glauben, dass er nicht für die Russen oder andere Nachrichtendienste arbeitet", sagt einer seiner früheren Führungsoffiziere beim FBI. Die Beamten können schwer verstehen, dass Schlegel erst den Genossen gedient hat und nun dem Klassenfeind. Aber sie sehen, wie das kolumbianische Drogenkartell allmählich in die Falle tappt.
Auf den Jungferninseln hat das US-Verteidigungsministerium ein Lagerhaus hergerichtet, in dem die Waffen ausgestellt sind. Die AUC hat aus Kolumbien ihre Militärexpertin geschickt, eine Frau mit dem Decknamen "Raquel", die das olivgrün schimmernde tödliche Arsenal examiniert. Kurz darauf tauchen zum ersten Mal zwei hochrangige Kolumbianer bei einem weiteren Treffen in Panama auf: Commandante "Napo" und Commandante "Emilio", zwei Regionalchefs der Paramilitärs. Es ist die Ebene unter Carlos Castaño, dem damals allmächtigen Chef der AUC.
Die Commandantes sind zufrieden, sie ordern: 9000 Sturmgewehre, Granatwerfer mit 300 000 Geschossen, 54 Millionen Schuss Munition, 2 schultergestützte SA-7-Flugabwehrraketen, 300 Pistolen, lieferbar nach Costa Rica. Dafür versprechen sie, fünf Tonnen reines Kokain mit einer russischen "Iljuschin 76" nach Europa zu fliegen. Eine Ladung, wie Uwe Jensens Anwalt Erik Sunde sagt, "mit der man eine weiße Linie von hier bis zum Mond legen könnte". Das ist der Deal.
Er platzt am Tag der vereinbarten Übergabe. Am 5. November 2002 nehmen die Ermittler Carlos Alí Romero und die Commandantes "Emilio" und "Napo" im Marriott Hotel in San Antonio de Belén, Costa Rica, fest. Nahezu zeitgleich klopft ein Beamter bei Uwe Jensen im Scenic Haven Drive und holt den Dänen ab.
Das FBI hat Schlegel versprochen, Jensen gut zu behandeln, von einer Absprache ist die Rede und Kontakten zur CIA aus dessen Zeit in Kolumbien. Der Däne geht darauf ein, er beginnt zu sprechen und belastet sich, Romero und die AUC schwer, er darf dafür auf ein mildes Urteil hoffen. Doch die Hoffnung trügt: 14 Jahre verhängt ein Richter des Bundesbezirksgerichts für Südtexas im Mai 2006, ohne Möglichkeit der Berufung.
Der Däne ist jetzt 72, er wäre 85 bei der Entlassung. "Für Uwe Jensen", sagt sein Anwalt Sunde, "ist das wie die Todesstrafe." Commandante "Napo" wird zu 15 Jahren, "Emilio" zu lebenslanger Haft verurteilt, die Waffeninspektorin "Raquel" zu fünf Jahren und einem Monat. Carlos Alí Romero wartet noch auf sein Verfahren, sein Anwalt lässt Anfragen unbeantwortet.
Schlegel fühlt sich wie ein Spielball der Amerikaner, nicht nur weil aus den verabredeten Hafterleichterungen für Jensen nichts wurde. Der Deutsche hat geholfen, die USA vor einer Drogenflut zu bewahren, aber auch Agent provocateur gespielt und Leute zu Verbrechen animiert, die ohne sein Zutun womöglich nur viel geredet hätten. Als Schlegel am Abend der Festnahme die Bilder vom Auftritt des Justizministers sieht, erkennt er, dass er damit eine Politik der Bush-Regierung legitimiert hat, die auf Härte und Provokation basiert.
Das FBI hat sich bei Schlegel mit einer Urkunde bedankt, das Dokument ist in blaues Kunstleder geschlagen und zeugt davon, dass durch seine Hilfe "die Fähigkeit des FBI, seiner Verantwortung gegenüber dem amerikanischen Volk nachzukommen, erheblich gestärkt wurde". Schlegel könne "sehr stolz auf diese Arbeit" sein. Robert S. Mueller, der mächtige FBI-Chef, hat das rare Dokument persönlich unterzeichnet. Vom ausgemachten Honorar, mit dem Schlegel für viele Jahre ausgesorgt hätte, haben ihm Muellers Agenten die Hälfte überwiesen.
Als die "Operation White Terror" abgeschlossen ist, laden ihn die Beamten zu Hummer und Calamares ins Cima ein, eines der besten Restaurants im Süden von Houston mit Blick auf den Golf von Mexiko. Die andere Hälfte des Geldes, versprechen sie mit einem Lächeln, bekomme er später, nach dem nächsten Job. Es gebe da schon eine Idee.
* Name von der Redaktion geändert.
* Im Woodlands Country Club in Houston, 2001.
* Ausgestellt während seiner Ausbildung im damaligen Leningrad.
Von Holger Stark

DER SPIEGEL 27/2007
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