02.07.2007

Das magische Mammut

Vor 35 000 Jahren geriet der Mensch in einen Schöpfungsrausch: Er schnitzte Tierfiguren, formte Statuen und bemalte Höhlenwände. Eine bei Ulm entdeckte Elefantenfigur, das erste Kunstwerk der Welt, gibt jetzt neue Einblicke in die Wiege der Bildhauerei. Waren die ersten Künstler Zauberer?
Es gehört zu den großen Rätseln der Evolution, warum ausgerechnet der Planet Erde einen aufrecht gehenden Verwandten des Schimpansen hervorbrachte, der recht bald Feuer und Flintstein nutzte und am Ende sogar die Schöpfung selbst nachäffte.
Nur der Mensch kann Bildnisse schaffen. Warum nur er?
Immerhin: Der Ort ist inzwischen bekannt, wo die ersten Steinzeit-Picassos tätig wurden. Die Geburt der Kunst vollzog sich vor rund 35 000 Jahren an den Ufern der Donau. Es waren die Höhlen der Schwäbischen Alb, in denen der Mensch sich das Handwerk der Bildhauerei aneignete. Gehüllt in Felle, in der Hand einen Schaber und einen langen messerartigen Feuersteinkratzer, schälte er aus den bleichen Stoßzähnen von Mammuts (damals der wertvollste Werkstoff) die ersten figürlichen Darstellungen überhaupt.
Vier Kavernen nutzte er dabei gleichsam als Ateliers: die Höhlen Vogelherd und Hohlenstein im Lonetal sowie (nur 35 Kilometer entfernt) das Geißenklösterle und den "Hohlen Fels" bei Blaubeuren. 18 kleine Plastiken kamen bereits bei früheren Grabungen im Schutt dieser Grotten zutage. Sie lagen neben Schmuckperlen,
Holzkohle und Essensresten. Ziemlich unordentlich, das erste Kunstzentrum der Menschheit.
Vorvergangene Woche dann die Sensation: Beim Durchwühlen einer Abraumhalde, die der Archäologe Gustav Riek bei seiner Arbeit 1931 hastig vor den Eingang der Vogelherd-Grotte gekippt hatte, siebte das Team um den Tübinger Ur- und Frühgeschichtler Nicholas Conard zwei bis zur Unkenntlichkeit zersplitterte Skulpturen heraus. Eine weitere zeigt eine Raubkatze beim Anschleichen.
Am erstaunlichsten aber ist eine kleine Mammutplastik: 3,7 Zentimeter lang und vollständig erhalten. Als hätte ein guter Geist sie beschützt, tritt dieser Botschafter des Schönen aus der Ferne des Paläolithikums heran.
"Gewaltige Vorderfüße und einen dynamisch gebogenen Rüssel" weise die winzige Figur auf, erklärt Conard. Die Augen sind mit Kerben angedeutet. Selbst der Stummelschwanz ist noch dran. Behutsam hebt der Forscher die Pretiose mit weißen Handschuhen aus einer Pappschachtel. Das Abbild wiegt nur 7,5 Gramm.
Mit roher Gewalt, so viel ist klar, wurde das stark eingedunkelte Idol einst erschaffen. Zunächst musste der Künstler einen Stoßzahn mit einem Steinbeil quer durchschlagen. Das fertige Werk schmirgelte er mit Sand glatt.
Draußen schneite es wahrscheinlich gerade. Während der letzten Eiszeit war das Lonetal eine Steppentundra, mit Sommertemperaturen unter 15 Grad Celsius. Das Mammut war womöglich gerade frisch erlegt worden und der Stoßzahn noch mit Blut und Mark verschmiert - nur feucht lässt sich Elfenbein gut schnitzen. "Vielleicht lag das weiße Gold auch in einem Depot in der Erde vergraben", so Conard.
Ausgefeilt, fast naturalistisch mutet der kleine Jumbo an - die Figur wirkt geradezu lebendig. "Unschätzbar" sei die Kostbarkeit, sagt Conard, "auf jeden Fall aber teurer als das jüngst für 135 Millionen Dollar verkaufte Gemälde von Gustav Klimt".
Zwar hegt die mächtige Zunft der US-Archäologen noch Zweifel am Alter. Der ästhetische Erstling von der Schwäbischen Alb erscheint ihnen allzu perfekt. Doch an der Datierung kann es im Ernst keine Zweifel geben. Die Schnitzerei ist nach C-14-Analysen zwischen "30 000 und 36 000 Kohlenstoffjahre" alt - so das Ergebnis mehrerer Labors.
Umgerechnet in Echtzeit sind das 32 500 bis 38 500 Jahre. Weder in Asien noch in Afrika gibt es frühere Bildnisse. Im Klartext: Die Kunst wurde in Deutschland erfunden. Zwar hantierten schon die Neandertaler mit Pigmenten, vielleicht zur Körperbemalung. In der Blombos-Höhle in Südafrika kamen durchlochte Schmuckmollusken zutage. Sie sind 75 000 Jahre alt.
Doch erst in den Kältesteppen Europas - gleichsam in der Diaspora - beschäftigte sich der aus Afrika eingewanderte Homo sapiens wirklich mit Formen und Farben. In der Epoche des Aurignacien (vor 40 000 bis 29 000 Jahren) vollzog sich ein tiefgreifender Wandel des Lebens. Wie aus lähmendem Schlaf erwacht, geriet der Mensch in einen Schöpfungstaumel. Der englische Fachbegriff lautet "human revolution".
Mit Gravuren auf Knochen und vereinzelt hergestellten Lochperlen fing es an. Es folgten eingeritzte Vulven und Penisse, die an Felswänden in Südfrankreich prangen. Spieße und Wurfstäbe wurden nun zuweilen mit Flachreliefs geschmückt.
In der Chauvet-Höhle (Alter: 32 000 Jahre) erreichte die Malerei der Vorzeit dann bereits einen prachtvollen Höhepunkt. Rund ein halbes tausend Tierbilder bedecken die Wände dieser Sixtinischen Kapelle der Vorzeit. Ocker mit Wasser vermischten die Zeichner, sie zerstampften Hämatitbrocken zu roter und lila Tusche. Zuweilen zerkauten sie Holzkohle und sprühten die Spucke als feinen schwarzen Nebel auf den Fels.
So entstanden Schattenabdrücke von Händen. Mit dem Quast aus Pflanzenfasern warfen die Macher bei düsterem Licht Wollnashörner und Bisons auf die Steinwände,
aber auch Strichfiguren und bizarre Mischwesen, darunter eine mysteriöse Gestalt mit einem Hirschkopf und einem weiblichen Unterleib.
Wer diese Höhlenbilder sieht, ahnt etwas von der Sehnsucht ihrer Urheber. Sie hielten Wünsche fest. In Chauvet wird das Bestiarium der Natur zum Stillleben erlöst. Was sonst flieht, rast und davonstiebt, ob Pferd oder Hirsch - im Flackerlicht urzeitlicher Fettfunzeln war es harmonisch erstarrt und in die Ewigkeit entrückt.
Übertrumpft wird diese erst 1994 entdeckte Zaubergrotte der Alten Wilden von der Ardèche nur durch die noch früheren Schnitzereien aus Ur-Schwaben.
Zu den auffälligsten Funden dort gehört der rund 30 Zentimeter hohe Löwenmensch. Aufrecht, mit langgestrecktem Leib, steht der Dämon da. Seinen linken Oberarm zieren sieben Rillen - ein tätowierter Code? Rätsel gibt auch der "Adorant" auf. Er prangt auf einem kleinen Elfenbeinplättchen. Die Figur hebt die Hände empor wie ein Pfarrer beim Segen.
Sie gilt als allererstes Abbild, das der Mensch von sich schuf - der Avatar aus dem Aurignacien.
Dann, vor rund 28 000 Jahren, schlugen die Künstler aus dem Diluvium ein anderes Kapitel auf. Nun formten sie üppige Frauenfiguren mit großen Brüsten und ausladenden Gesäßbacken: die "Venus-Statuetten". Quer durch Europa schwappte das neue erotische Leitmotiv. Am Ende der Eiszeit, im Magdalénien (vor 19 000 bis 12 000 Jahren), wurde der Stil noch deftiger: Auf Felsbildern sind Geschlechtsakte dargestellt.
Ihren Ausgang aber nahm die Macht der Bilder, das Fluten der Phantasie in der Gegend von Ulm. Ob Leonardos Mona Lisa oder die Sphinx, ob Mickymaus oder die ausgestopfte Giraffe auf der aktuellen Documenta in Kassel - alle diese Gestalten stammen letztlich von jenen Prototypen ab, die vor 35 000 Jahren auf der Schwäbischen Alb geschaffen wurden.
Nur: Warum griff der Mensch überhaupt zu Pinsel und Meißel? Wie groß das Rätsel der paläolithischen Kulturrevolution ist, unterstreicht folgendes Faktum: Fast 1,5 Millionen Jahre lang streifte der Homo erectus schlicht und bescheiden über die Kontinente. Er naschte Beeren und erlegte mit schmucklosen Waffen sein Wild. Mit Kunst hatte er nichts im Sinn.
Auch der anatomisch moderne Mensch, der vor etwa 200 000 in Afrika auftauchte, verharrte lange als unkreativer Tölpel. Erst mit seinem Vorstoß nach Europa vor gut 40 000 Jahren küsste den steinzeitlichen Banausen plötzlich die Muse.
"Die Idee von der schrittweisen Entwicklung der Kunst war ein Irrtum", erklärt Jean Clottes, oberster Kustos für die Chauvet-Grotte. Das menschliche Darstellungsvermögen habe sich ruckartig entfaltet - und zwar gleich auf sehr hohem Niveau.
Wie laut dieser kreative Urknall erscholl, unterstreichen weitere Entdeckungen aus den Höhlen bei Ulm. Im Abfall lagen auch vier Flöten, zwei davon aus Schwanenknochen.
Es sind die ältesten Instrumente der Welt. Das bedeutet: Auch die Musik, die am Ende in den vollendeten Sinfonien Beethovens und Mahlers gipfelte, hat dort ihre Wurzeln.
Eben noch ein karges Schattenwesen, tritt uns jählings ein mit Zierrat behängter Bläser und Trommler entgegen. Rhythmus und Klang erhellen seine Welt. Eine der Flöten - sie wurde im Jahr 2004 entdeckt - ist aus purem Elfenbein. Der Handwerker spaltete dafür einen Stoßzahn der Länge nach durch. Dann höhlte er ihn aus, schnitzte drei Löcher hinein und verleimte die beiden Hälften luftdicht mit Birkenpech.
Schon das gilt als "einmalige Leistung" (Conard). Doch dem Handwerker gelang weit mehr. Er verwandelte den Schrecken in Töne: Aus dem Wehrzahn eines wutschnaubenden Elefanten ertönte eine Melodie.
Was für ein Zauber!
Viele Antworten wurden erprobt, um die kulturelle Explosion im Jungpaläolithikum zu erklären (die auch eine Vielzahl neuer Waffen wie den Bumerang hervorbrachte). Einige Experten deuten die Tierfiguren aus der Gegend von Ulm schlicht als "Spielzeug". Andere vermuten darin Zierrat. Fred Feuerstein habe sein Heim verschönert.
Oder sind die Minis aus Elfenbein einfach nur l'art pour l'art, entstanden in Phasen des Müßiggangs und der Langeweile, als Ausdruck eines genetisch angeborenen Spieltriebs des Menschen?
Die Tübinger Grabungstechnikerin Maria Malina hat noch eine andere Idee. Vielleicht sei der kleine Elefant in der Tasche
getragen worden, um eine "Familienzugehörigkeit" auszudrücken. Alle Verwandten eines Clans, so die Vermutung, gruppierten sich einst um ein bestimmtes Totemtier. So gesehen hätte das Stück als Kennmarke gedient: als uriger Personalausweis.
Unstrittig ist, dass es sich bei der Schnitzerei um Kunst handelt - zumindest im Sinne des deutschen Worts. Der Begriff leitet sich von "können" ab - wie Brunst von brennen. Und Könner waren die Urheber allemal: feinmotorisch geübt, mit geschickten Händen und einer präzisen Vorstellungskraft.
Gleichwohl gilt es aufzupassen. Kaum ein anderes Phänomen wurde in der Moderne so sehr mit Bedeutung aufgeladen, geisteswissenschaftlich erhöht, zerschwafelt und mit üppigen Reflexionen umwuchert wie die Kunst.
"Interesseloses Wohlgefallen", meinte Kant im 18. Jahrhundert, solle sie ausüben. Hegel reichte das nicht; er verlangte von der wahren Kunst das "sinnliche Scheinen der Idee" und meinte damit etwas hoch Moralisches. Es folgte Nietzsches Kunstphilosophie, eine Art ästhetische Ersatzreligion.
Vornehmlich im 20. Jahrhundert, ausgelöst durch das Grauen der beiden Weltkriege und eine zunehmend zerfasernde Gesellschaft, ging vielen Dichtern und Steinmetzen die Lust am schönen Schein verloren. Sie wurden zu Propheten des Hässlichen.
1917 schickte der Bildhauer Marcel Duchamp ein Urinbecken aus Porzellan auf eine Ausstellung - sein Protest gegen die zunehmende Kommerzialisierung der modernen Kunst.
Auch in der Theorie ging es immer verstiegener zu. Nach Auschwitz sei Lyrik nicht mehr möglich, dekretierte der Philosoph Theodor Adorno und untermauerte sein Bekenntnis mit einer 500 Seiten langen "Ästhetischen Theorie". Viele Studenten verehrten das Buch wie eine Bibel - verstanden hat es kaum einer.
Heute laufen die Debatten weniger erregt, dafür umso beliebiger. Erlaubt ist, was gefällt. Einzig die Finanzwelt setzt noch auf den wa(h)ren Charakter der Kunst und zahlt Millionensummen für Gemälde. Den Rekord hält derzeit ein Bild von Jackson Pollock: Es erzielte einen Preis von 140 Millionen Dollar.
Vergessen wird bei all den postmodernen Wirrnissen, dass selbst noch die Künstler der Antike gar keine waren: Sie betrieben vielmehr Gottesdienst. Das griechische Theater war keine Unterhaltungsmaschine, sondern umkreiste in der Tragödie das Leiden und Sterben des Dionysos. Ihm zu Ehren traten die Schauspieler an.
Erst die Neuzeit gebar den "Geniekult". Einsam und aller Bindungen ledig, ganz auf sich gestellt, umgeben von einem eingestürzten Himmel und "transzendentaler Obdachlosigkeit", zugleich aber mit einem schonungslos scharfen Blick - so trat der Künstler nun an. Entwickelt hat diese Idee vom einsamen ästhetischen Streiter das Italien der Renaissance (siehe Kasten Seite 142).
Derart mental abgekapselt waren die Steinzeitmenschen sicher noch nicht. Auch an ihrem Geschmackssinn lässt sich zweifeln. Erst die Griechen entwickelten um 450 vor Christus die Idee der Schönheit.
Die Eiszeitjäger hatten ganz andere Sorge. Inmitten von abgepulten Knochen, die sie achtlos in die Ecke warfen (am Aasgeruch nahm keiner Anstoß), hausten die Clans beengt in Zelten aus Häuten. Die Notdurft war kaum tabuisiert, auch nicht die Nacktheit. Nach im Schnitt 25 Jahren war das Leben vorbei. So sehr plagte der Daseinskampf.
Statt zu schmökern, las der Fred Feuerstein im brutalen Buch der Natur. Seine Oper war der Gesang der Vögel, sein Drama der Familienstreit im Fellzelt.
Dennoch besteht Hoffnung, den rätselhaften Aufstieg der Kunst vor 35 000 Jahren doch noch aufzuklären. Strichfiguren aus der Fumane-Höhle in Norditalien, aber auch das jüngst entdeckte Doppelgrab von Krems in Österreich, in dem zwei reichgeschmückte Säuglinge lagen, zeigen, dass die Archäologen immer wieder spannende Zeugnisse aus dem Boden klauben.
Die Vielzahl an Zeremonialstäben und seltsamen Tier-Mensch-Wesen
mit Hirschgeweih und Glupschaugen hat die Forscher jetzt auf eine neue Spur gebracht. Jüngst trafen sich über 30 Experten aus ganz Europa in Aurignac, darunter Zoologen und Gehirnforscher, um die Ursprünge menschlichen Kunstwollens zu ergründen. Der Katalog zur Tagung erscheint im kommenden Monat*.
Die Befunde weisen klar in eine Richtung: Die Geburt der Kunst vollzog sich offenbar aus dem Geist der Magie.
"Die kleine Elefantenfigur hat mit Schamanismus zu tun", urteilt etwa der Tübinger Prähistoriker Michael Bolus. Sein Kol-
lege Harald Floss pflichtet bei: Er stuft sie als "Talisman oder Amulett" ein. "Vielleicht war es ein Zauberschutz, genäht auf die Fellkleidung eines Jägers."
Was die Experten so sicher macht, sind die Erkenntnisse aus einer ganz anderen Fachdisziplin. Die "Alten Meister" des Paläolithikums sind zwar bald 1300 Generationen von uns Heutigen entfernt. Aber es gibt einen roten Faden, der eine Verbindung zu ihnen herstellt: Es sind die "Wilden" und Naturvölker, erforscht von der Ethnologie.
Rückschau: Um 1483 erreichten die Portugiesen in Gestalt des Seefahrers Diogo Cão die Mündung des Kongo und stießen dabei in eine archaische Welt vor. Die Ureinwohner des Schwarzen Kontinents beteten Fetische an. Kurz danach erreichte Christoph Columbus die Neue Welt - Auftakt für Gruselberichte über Menschenopfer der Maya und Azteken. Dann kamen die Europäer mit den Indianern Nordamerikas in Kontakt.
Dabei schälten sich zwei grundsätzliche Erkenntnisse heraus:
* Die Primitiven dachten nicht rational. Ihre Welt steckte voller Geister; jeder Baum und jedes Tier besaß eine Seele.
* Diese Geister der Außenwelt versuchten sie durch die Technik der Magie zu beeinflussen.
An Voodoo-Puppen lässt sich diese Form der Geisterbeschwörung gut erklären. Statt des realen Gegenstands wird ein Ersatz geschaffen. "Eine der verbreitetsten magischen Prozeduren, um einem Feind zu schaden, besteht darin, sich ein Ebenbild von ihm zu machen", notierte bereits der Seelenforscher Sigmund Freud, der mit großer Aufmerksamkeit die frühen Arbeiten der Völkerkundler verfolgte.
Das ist die Geburt der Kunst.
Dass schamanische Kulte bereits in der Eiswelt vor 35 000 Jahren weit verbreitet waren - diesen Verdacht hegen immer mehr Archäologen. Mit Masken verhüllt, ahmten die Hexer gefährliche Tiere nach und riefen deren Seele. Zum Klang von Trommeln fielen sie in Trance. Ziel war es, die bedrohlichen Mächte zu beschwichtigen und zu bannen.
Gründe für derlei metaphysische Kontaktaufnahmen gab es genug: Überall drohten den Urahnen Drangsal und Not. Eine rohe Welt voller Schmerz und Scheußlichkeiten umgab den Eiszeitjäger. Nahezu ohnmächtig stand er einer gnadenlosen Natur gegenüber.
Also suchte er mit den Mitteln der Zauberei nach Wegen, um Einfluss zu nehmen und sich eine tröstende Welt nach eigenen Regeln zu erschaffen. Die prähistorische Kunst sei ein Versuch gewesen, "die Menschen von Angst zu befreien und ihnen Hoffnung und Zuversicht zu geben", heißt es beim britischen Ethnologen Edward Evans-Pritchard.
Die Analyse der prähistorischen Zeugnisse zeigt, dass die Eiszeitler zwei Themen besonders schwer bedrückten. Diese machten sie zu Leitmotiven ihrer Kunst:
* Zum einen war die Jagd mit Todesfurcht und einem unerträglich hohen Blutzoll verbunden. Also schnitzten die Waidmänner wehrhafte und gefährliche Tiere, um diese durch Jagdzauber zu bannen.
* Zum anderen warf die Sexualität Probleme auf. Schon in archaischen Gesellschaften gab es Tabus; der Rausch der Liebe, die Leidenschaft durften nicht frei ausgelebt werden. Folge des Triebstaus: Die Künstler bastelten "Venus-Statuetten", Vulven und Phallusstäbe.
Liebe und Tod - die Angst der Jäger und das verdrängte sexuelle Begehr: Das waren die Themen, die das Gemüt der Geröllheimer nicht losließen. Alle Kunst, heißt es bei Nietzsche, quelle aus einem "verhüllten Untergrund des Leidens" hervor.
Das gilt auch für die Prähistorie. Nur wo eine Wunde ist, blüht die Schönheit.
Mit diesen Generalthesen liegt ein Wegweiser vor, ein Kompass, um vielleicht eine
Bresche in den verwirrenden Kunstdschungel der Altsteinzeit zu schlagen. Endlich fällt etwas mehr Licht auf unseren Vorfahren, der vor ziemlich genau 46 000 Jahren die Bühne Europas betrat.
Kleine Horden, bewaffnet mit Holzspeeren und Flintmessern, auf dem Kopf Fellkappen, wagten damals von der Levante aus den Sprung nach Norden. Zuerst sickerten sie durch die Ägäis aufs griechische Festland ein. Eine Gruppe zog südlich der Alpen Richtung Italien (siehe Karte Seite 137).
Die anderen Kolonisten bewegten sich
weiter nördlich entlang der Donau vorwärts. Im Morgennebel, die Frauen mit geschulterten Kindern, stapften die Scharen im Uferkies des Stroms voran - Nomaden auf dem Weg in eine unbekannte kalte Welt.
Dabei surften die Trupps auf einer ökologisch günstigen Welle. Der Durchbruch erfolgte in einer etwas wärmeren Periode. Etwa vor 41 000 Jahren erreichte der Homo sapiens schließlich die Höhlen bei Blaubeuren. Es war der Brückenkopf der Invasoren.
Der Vormarsch in den Norden bedeutete Stress. Die Abbruchkanten der Gletscher reichten bis nach Brandenburg. Im Winter wurde es kaum hell. Zudem geisterte in dem Gebiet auch der Neandertaler herum. Der aber starb bald aus. Wurde er von den zierlichen Neusiedlern ausgetrickst?
Die jedenfalls liefen bald zu Hochform auf. Sie erfanden Speerspitzen, die ein Verschließen von Wundkanälen in den Beutetieren verhinderte. In Fellhäuten, eingetieft in Erdlöcher, gossen sie Wasser und legten heiße Steine hinein. So ließ sich Kräutersuppe kochen.
Die Höhlen wurden nur im Winter genutzt. Das lässt sich aus den Fötenknochen von Pferden schließen, die im Kulturschutt der Kalksteingrotten lagen. Stuten werfen ihre Fohlen im Frühjahr. Ansonsten lebten die Clans dicht bei dicht in den Tälern, bedeckt mit Wiesengrün. Womöglich gab es dort schon "dorfähnliche Strukturen", wie einige Forscher vermuten.
"Wir finden immer mehr Anzeichen dafür, dass im Aurignacien die Bevölkerung stark anwuchs", erklärt der Prähistoriker Floss. Diese Ballung und Stauung von Menschen, glaubt er, sei der entscheidende Anlass gewesen, warum der Zweibeiner zum Schöngeist mutierte. "Er grenzte sich von der Natur ab und lebte nach eigenen Regeln."
Als Beleg für ein zunehmend komplexeres Sozialsystem gilt das Auftauchen von Schmuck. Ketten mit Zähnen vom Eisfuchs baumelten am Hals der Urjäger, sie schmückten sich mit fossilen Kohleklumpen und weißen Armreifen aus Elfenbein. Im jungpaläolithischen Zeltlager von Sprendlingen in Rheinland-Pfalz lagen durchbohrte Schmuckschnecken, importiert vom Mittelmeer.
All dies diente zur Kennzeichnung. Die Gesellschaft im Aurignacien bildete Ränge und Stufen aus, sie teilte sich in Arm und Reich. "Die Oberfläche des Körpers wird die symbolische Bühne, auf der das Drama der Sozialisation abläuft", erläutert Terence Turner, ein Anthropologe von der Universität Chicago.
Aus Darstellungen der Naturvölker ist bekannt, wie farbenprächtig dieser Zierrat sein kann. Indianer aus Papua schmieren sich gelbe Paste ins Gesicht und tragen Halsreife aus Perlmutt, andere schmücken sich mit Stachelrochen und treiben sich zwecks Tätowierung in schmerzhaften Prozeduren Holzkohle unter die Haut.
Die Eiszeitler aus Ur-Europa trieben es fast ebenso schillernd. Im Grab von Sungir in der russischen Tundra (Alter: 24 000 Jahre) lag ein Mann in einem ledernen Prachtgewand, besetzt mit 2936 Lochperlen aus Elfenbein. Es ist ein funkelnder Kristall von Anbeginn der menschlichen Totenkultur. Das Schneiden, Schleifen und Durchbohren der Klunker war enorm aufwendig. Prüfungen ergaben, dass ein geschickter Arbeiter höchstens fünf Perlen pro Tag herstellen konnte.
Das aber bedeutet: Allein für dieses eine Grabkleid musste ein Helfer bald zwei Jahre lang von morgens bis abends Stoßzähne ausschaben.
Zur selben Zeit warf der Mensch das schillernde Netz seiner Einbildungskraft aus. Der Tübinger Altgeschichtler Hansjürgen Müller-Beck geht davon aus, dass die Leute damals begannen, sich Geschichten zu erzählen, untermalt durch "flüchtige Zeichnungen im Sand und Schnee". Die ersten Skulpturen seien wahrscheinlich in Holz ausgeführt worden und allesamt verrottet.
Dann aber, vor 35 000 Jahren, gingen die Bildhauer zum weit härteren Werkstoff Elfenbein über - deshalb blieben die Meisterwerke auf der Schwäbischen Alb erhalten. Vor vier Jahren fanden die Archäologen dort auch einen kleinen Wasservogel. Derlei Federvieh diente sibirischen Schamanen noch vor wenigen Jahrzehnten als Hilfsgeister bei der Beschwörung. Wieder eine Spur, die zum Schamanismus führt.
Verstärkt wird der Verdacht durch die aktuellen Funde aus der Vogelherd-Höhle. Von insgesamt 23 identifizierbaren Tierplastiken, die in den Grotten gefunden wurden, sind allein fünf Mammuts. Der Dickhäuter erregte besonderes Interesse.
Auch in der Frühphase von Chauvet malten die Künstler wie manisch die riesigen Urzeit-Elefanten auf die Steinwände. Auf dem Lagerplatz von Dolní Vestonice (Mähren) bauten die Leute sogar Brennöfen, in denen sie kleine Ton-Jumbos in Serie fertigten.
Verwundern kann das nicht. Das Mammut war das imposanteste Wesen der Eiszeittundra. Mit einer Schulterhöhe von gut drei Metern und dem typischen Höcker auf dem Schädel, trottete der zottelige Gigant meist im Pulk durchs frostige Biotop. Bis zu sechs Tonnen wog der ausgewachsene Bulle. Allein seine Leber, gern roh verschlungen, wog 40 Pfund.
Nahrung im Überfluss versprach das Tier. Also stellten die frisch angereisten Neu-Europäer ihm nach. Doch die Jagd barg entsetzliche Gefahren.
Filmaufnahmen von Pygmäen, die noch in den dreißiger Jahren Elefanten im Nahkampf jagten, geben einen Eindruck, was sich in der steinzeitlichen Steppe abgespielt haben muss. Zuerst beschmierte sich der Clan mit Mammutkot
und verschwand so unter einer Duft-Tarnkappe. Ein Mutiger schlich ans Opfer heran, um ihm den Spieß von unten in den Leib zu drücken. Die anderen zielten derweil auf die Augen. Elefantenhaut ist zwei Zentimeter dick; normale Speerwürfe können dem Tier wenig anhaben.
Wild trampelnd ging der Rüssler zum Gegenangriff über. Die Matadore mussten sich mit Hechtrollen ins Gebüsch retten. Aus heutiger Sicht völlig unakzeptable Bedingungen des Nahrungserwerbs.
Kaum gesitteter ging es weiter. Meist waren die Kolosse nur verletzt und traten alles nieder. Geschwächt und mit lautem Trompeten nahmen sie schließlich Reißaus und wurden erst nach tagelanger blutiger Hetzjagd endlich erlegt.
Wie friedlich, ja geradezu niedlich wirkt dagegen das winzige Mammut aus Elfenbein; es ist ein harmloser Knirps. Durch Schöpferkraft hatte der Mensch den wehrhaften Giganten zu einem Kunstwerk in Taschenformat verwandelt, um so listig Gewalt über dessen Seele zu erlangen. Die Bestie war geschrumpft - zum Talisman.
Vieles spricht dafür, dass die in Adrenalin getauchte Elefantenjagd tiefe Spuren in der Phantasie und der Einbildungskraft der frühen Menschen hinterließ. Das Halali ging mit einem hohen Verletzungsrisiko einher, es gab viele Todesopfer. Also suchte der prähistorische Waidmann nach Lösungen, um den Schrecken erträglicher zu machen - mit Hilfe der Magie.
Dass die Künstler der Eiszeit vor allem "aggressive und starke" Tiere abbildeten, war bereits in den neunziger Jahren dem Tübinger Vorgeschichtler Joachim Hahn
aufgefallen. Nur zwei Pferde kamen bislang auf der Schwäbischen Alb zutage. "Schneckendarstellungen suchen wir bislang vergebens", erklärt Conard. Auch Blumen und Pflanzen fehlen völlig.
Noch häufiger als die Mammuts wurden Großkatzen geschnitzt. Die jetzt in der Vogelherd-Höhle entdeckte Löwenplastik ist bereits die sechste ihrer Art aus der Gegend. Die Figur zeigt das Tier in geduckter Haltung mit langgestrecktem Körper - beim Anschleichen also. Das Fell ist durch Kreuzstriche angedeutet. Die Ohren weisen lauschend nach vorn.
In solchen Situationen war der Urmensch höchster Gefahr ausgesetzt. Seitdem er sich vor über zwei Millionen Jahren in die offene Graslandschaft gewagt hatte, geriet er immer wieder unter die Pranken des Löwen - der war sein ärgster Feind. Rund 300 Kilo sehnige Kraft bündelte die Katze im Sprung. Ihr Zorn war groß, größer noch ihr Maul.
Man kann nur ahnen, wie viele unserer Vorfahren in die nach Aas stinkenden und mit gewaltigen Zahnreihen ausgestatteten Schlünde von Löwen gerieten oder ihr Leben unter den Tretern übellauniger Mammuts verwirkten. Jede Pirsch bedeutete für den Eiszeitjäger ein Kampf auf Leben und Tod. Rauschhaft gespannt, näherte er sich dem Wild. Jeder Fehlwurf mit der Waffe konnte das Ende bedeuten.
Die Knochenbrüche der Neandertaler zeugen davon. Ihre Frakturen, schreibt der US-Anthropologe Erik Trinkaus, seien "typisch für Rodeoreiter".
Herrschen wollte die Krone der Schöpfung - und litt doch so viel. Viele Frauen starben zermartert im Kindbett. Geschwülste und entzündete Wunden ließen die Ureinwohner siech ins Grab fallen. Zahnschmerzen plagten sie. Das Bett war im Winter feucht.
Ein einziges Jammertal.
Wohl auch deshalb schuf sich der Mensch eine barmherzige Gegenwelt, die Trost versprach. Dort zog er die Fäden und verwandelte die Ungeheuer der Wirklichkeit in Marionetten.
Psychoanalytisch gesprochen, verhielten sich die ersten Schöpfer wie Traumatisierte, die das nachahmten, was ihnen am meisten Angst machte. Der Dichter Rainer Maria Rilke drückte es so aus: "Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang, den wir noch gerade ertragen."
Bis in die moderne Zeit hinein blieb der Löwe das Symbol der Könige. Vom Pharao, dessen Grab von der löwenleibigen Sphinx bewacht wird, bis hin zu den Staatswappen von Dänemark oder Belgien fungiert die Raubkatze als Zeichen für Stärke und Herrschaft. Schon in der Steinzeit hatte das Tier diesen Ruf. In den Höhlen der Dordogne blecken über 80 Löwen.
Sogar eine Art Religion rankte sich im Paläolithikum bereits um die Raubkatze. Das jedenfalls deutet der Löwenmensch an, der als ein "Schlüsselfund" der paläolithischen Kunst gilt. Die Mehrheit der Forscher geht davon aus, dass die knapp 30 Zentimeter hohe Figur einen Schamanen zeigt, verkleidet im Fell des Königs der Tiere.
Mischwesen dieser Art finden sich viele im Aurignacien. Ob sie alle Schamanen darstellen, lässt sich nicht sagen. Sicher aber scheint: Bereits in den primitiven Fellzelten und Höhlengewölben des Jungpaläolithikums traten Zauberer an, die mit Masken und Puppen die Geister der Natur nachahmten, um sie zu beschwichtigen.
Die Bilderhöhle Chauvet deuten immer mehr Forscher als "überregionales Stammesheiligtum", das die männlichen Jägergruppen für Initiationsriten nutzten. Besondere Ehrfurcht brachten sie dem Meister Petz entgegen. Eine Felshalle ist dort mit Bärenknochen übersät. In der Mitte auf einem Stein fand man einen Schädel des gefährlichen Allesfressers, genannt der "Altar".
All dieses infernalische Getier, das die frühen Meister auf Knochen und Stein gravierten, in dunkle Felshallen bannten oder in weißes Gold schnitzten, ist gleichsam das Präludium der prähistorischen Kunst. Beherrschend sind Motive aus dem Alltag der Männer.
Dann aber, vor rund 28 000 Jahren, wendeten sich die Michelangelos der Vorzeit
einem neuen Thema zu. Die Nacktheit und die frivole Zurschaustellung der Geschlechtlichkeit kamen in Mode. Es begann die Zeit der seltsamen "Venus-Statuetten".
Schon einige tausend Jahre zuvor bahnte sich das Ganze mit geritzten Vulva-Zeichen an. Schamdreiecke prangen in der Höhle von La Ferrassie, aber auch in Oelknitz bei Jena. In der Kaverne von Chauvet hübschte ein Schelm eine natürliche Felsausstülpung erotisch auf. Die Steinbeule erinnert an einen Frauenoberschenkel. Mit wenigen Hieben verstärkte der Ur-Künstler diesen Eindruck und betonte die Schambehaarung mit schwarzer Farbe.
In Stratzing (Österreich) nimmt die Frau erstmals Gestalt an: Entdeckt wurde dort eine 32 000 Jahre alte Statue aus blaugrünem Kiesel. Ihr linker Arm weist nach oben, die Brust quillt hervor. Die britische Prähistorikerin Jill Cook glaubt: "Hier ist eine Tänzerin dargestellt."
Kurz danach tauchen dann weit deftigere Aktfiguren in ganz Europa auf. Von den Pyrenäen bis nach Südrussland waren die vollschlanken Eros-Statuen verbreitet, die einen Hinweis geben auf die Kommuni- kationsstrukturen und gemeinsamen Glaubensvorstellungen im frühen Europa. Insgesamt haben die Archäologen über 150 steinzeitliche Venus-Figuren zutage gefördert.
Nur was bedeuten sie? Als die ersten Figuren Ende des 19. Jahrhunderts ans Licht kamen, war von "eiszeitlicher plastischer Pornografie" die Rede. "Animalische Wollust" hätten die dickleibigen Figuren erzeugen wollen, vergleichbar den heutigen Pin-ups in Männermagazinen. Richtig ist: Die Plastiken legen den Schwerpunkt auf die Geschlechtszonen, auf Brust, Po und Scham.
Der Rest spielte keine Rolle. Die Frauen haben keine Gesichter. Haare oder Masken verhüllen ihr Antlitz. Die Füße fehlen ganz.
Erst in letzter Zeit bemühte sich eine feministisch orientierte Archäologie verstärkt um eine Umdeutung. Die Forscherinnen behaupten, dass die Figuren nicht weibliche Verführerinnen darstellen, sondern schlicht Schwangere. Bei einigen sei "die Vagina vergrößert und mit geöffnetem Muttermund im Moment der Geburt dargestellt", glaubt die britische Anthropologin Cook.
Die berühmteste Ur-Mama, die Venus von Willendorf, so geht die Theorie weiter, sei eine "Muttergöttin" gewesen, die im Zentrum eines frühen Fruchtbarkeitskults stand. Die babylonische Ischtar, die schöne Aphrodite, ja selbst Maria mit dem Jesuskind im Arm wären demnach Nachfolger der "Lebensspenderin" aus der Eiszeit.
Doch in Wahrheit ist die Sache verzwickter. Die meisten der Venusse wirken einfach nur dick - von Schwangerschaft keine Spur.
Die Deutung des Sachverhalts ist so schwer, weil die Sozialstrukturen der Steinzeitler unbekannt sind. Dunkel liegt über der Bettstatt von Adam und Eva. Immer wieder stoßen die Ausgräber auch auf Phallusstäbe. Im "Hohlen Fels" kam jüngst ein 28 000 Jahre alter Dildo zum Vorschein. Der Verdacht: Die Geräte dienten zur Zwangsentjungferung junger Mädchen. Aber auch das ist Spekulation.
All das klingt dann doch wieder mehr nach Macho-Herrschaft im Flintsteinland.
Nur eins scheint klar: Ein Sexualparadies ist die Vorwelt nie gewesen. Der Naturforscher Charles Darwin vermutete, dass die Menschen einst in "kleinen Horden" lebten, geleitet von Anführern, die alle Frauen bewachten. "Nach allem, was wir von der Eifersucht wissen", schreibt er, sei "eine allgemeine Vermischung der Geschlechter im Naturzustand äußerst unwahrscheinlich".
Schon aus Gründen der Lebensökonomie war die Beschränkung des Eros ein zwingendes Gebot. "Hohe Geburtenraten waren unter wildbeuterischen Lebensbedingungen nicht willkommen", erklärt der Berliner Ur- und Frühgeschichtler Svend Hansen. Der Grund: Jedes Baby lag als Ballast auf dem Rücken der Mutter. Neben "pflanzlichen Verhütungsmitteln", sei der Geschlechtsverkehr "durch Tabus" beschränkt worden.
Alles konnten die Steinzeitbewohner brauchen - nur keine Fruchtbarkeitsgöttin.
Denkbar wäre vielmehr, dass die drallen Venus-Skulpturen im Zentrum eines streng geregelten und selten stattfindenden Sex-Kults standen. Nahezu alle Völker des Altertums kannten den kontrollierten Triebdurchbruch in der sakralen Orgie. Der Karneval zu Ehren der Ischtar dauerte tagelang - alle Schranken fielen.
Den Rest des Jahres musste das Volk wieder sittsam sein.
So etwas könnte es auch in der Steinzeit gegeben haben. Bereits damals waren, als Folge eines immer komplizierteren Soziallebens, die Fesseln des Eros offenbar ins schwer Erträgliche angewachsen. Deshalb knetete der Homo sapiens seine Leidenschaften und hormonellen Wallungen zu kleinen Sex-Puppen um.
Vieles an den Phantasiegestalten der Urzeit ist gleichwohl schwer zu verstehen. Die frühe Kunst gemahnt an einen farbenfrohen Irrgarten. Strichmännchen mit langen Penissen krakelten die Altvorderen auf die Felswände, Menschen mit Giraffenhälsen, rote Kullern und Tiere, denen Blut aus dem Maul schießt. Die meisten dieser Malereien sind längst verblasst, vom Regen abgewaschen.
Vieles aber harrt noch der Entdeckung. Die neuen verblüffenden Elfenbeinfunde aus der Gegend von Ulm haben das Fenster in die Vergangenheit einen Spalt weiter geöffnet.
Neuerliche Funde werden nötig sein, um den artistischen Rausch der ersten prähistorischen Pinsler, Kneter und Steinmetze zu verstehen.
Knifflige Deutungsarbeit steht den Wissenschaftlern noch bevor. Ohne Mut zur Spekulation wird das Ziel wohl nie erreicht. Der französische Gelehrte Michel Jouvet formuliert es so: "Dem Wissen sind Grenzen gesetzt; aber das sollte uns nicht von dem Versuch abhalten, sie zu überschreiten." MATTHIAS SCHULZ
* Oben: Pferdeskulptur aus der Vogelherd-Höhle; unten: Wasservogel aus Elfenbein aus dem "Hohlen Fels"; rechts: Löwenmensch-Statuette aus der Hohlenstein-Höhle.
* Nathalie Rouquerol und Harald Floss (Hg.): "Das Aurignacien und die Anfänge der Kunst in Europa". Editions Musée-forum Aurignac; 480 Seiten.
* Aus einer Höhle bei Rusape in Simbabwe.
* Oben: Venus von Lespugue (Südfrankreich); unten: Venus von Willendorf (Österreich).
Von Matthias Schulz

DER SPIEGEL 27/2007
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